Wenn Dichtung und Fotografie sich verbünden
Dem Komponisten und Lyriker Manos Tsangaris ist zusammen mit dem Fotografen Stefan Kraus ein faszinierendes Sprach-Bild-Experiment in Buchform gelungen, das den Titel „riss“ produktiv konterkariert
Von Nora Eckert
In der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin fand im Oktober letzten Jahres eine besondere Buchpräsentation statt. Das Besondere: Die Lesung wurde performativ erweitert durch Fotoprojektionen und Live-Musik. So entstand eine Art zeitlich limitiertes Gesamtkunstwerk, in dem sich Sinn und Sinnlichkeit multimedial vermischten. Aber auch das, was die Basis des Ganzen bildete, nämlich ein Buch, in dem sich blättern und lesen lässt und dessen Bilder sich anschauen lassen, präsentiert sich bereits als ein Gesamtkunstwerk mit einer durchkomponierten Ästhetik, in der Sprache und Bild korrespondierend und assoziativ immer wieder aufeinander bezogen sind. Nur die Klangdimension fehlt jetzt.
Die Rede ist hier von einer Neuerscheinung aus dem Alexander Verlag, die unter dem Titel riss im letzten Jahr herauskam und im Untertitel auf den Dualismus von Sprache und Bild verweist: lichte schiefgedichte und lichtbilder. Die erwähnte performative Buchvorstellung war Teil des Projekts „Widerstand der Ästhetik“, bei dem es der Akademie der Künste darum geht, den Erzählweisen der Sozialen Medien, von Kurzclips, Fake News und KI und ihrem politischen Machtfaktor „eine widerständige, aufklärende Ästhetik“ entgegenzustellen. Dabei gehe es nicht darum, vordergründig politisch zu sein – obschon die Frage bleibt, wie der Widerstand auch politisch gelingen könne.
Wenn ich sage, der Titel riss werde durch den Buchinhalt produktiv konterkariert, dann meine ich, dass wir mit dem Begriff ‚Riss‘ eher Getrenntes, eben Gerissenes oder Zerrissenes assoziieren. Und sowohl die Gedichte wie auch die Fotos stehen zweifellos für eine sprachliche und optische Fragmentierung. Tatsächlich aber stellen sich – sofern wir uns auf das Spiel der Assoziationen einlassen – lesend und schauend ständig Verbindungen her.
Der Autor Manos Tsangaris ist ‚nur‘ unter anderem Lyriker, obschon inzwischen mehr als ein halbes Dutzend Gedichtbände sein Werkverzeichnis bereichern. Daneben ist er vor allem Komponist und Musiker mit einer Vorliebe für Improvisation, und er beschäftigt sich zudem mit Installationen und Performances. Im Mai 2024 wurde Tsangaris Präsident der Berliner Akademie der Künste. Die performative Buchvorstellung war also sozusagen ein Heimspiel.
Charakteristisch für die hier zu besprechenden „lichten schiefgedichte“ ist zweierlei: Einmal ihre absolute sprachliche Verknappung, wofür die Charakterisierung „licht“ stehen mag, zum anderen ihr Sinn für Witz und Komik, was wiederum in der Benennung „schiefgedichte“ angedeutet wird. Auch haben wir es eher mit einem flächig verteilten Stichwortverzeichnis zu tun als mit lyrischen Phrasierungen, und dennoch stehen diese hochkonzentrierten Gedichte gleichsam für poetische Kraftfelder. Aber eben auch Wortwitz kommt zum Zuge und durchaus mit Gewicht – selbst noch im Kalauer.
Das sind bei Tsangaris stets Witze, die gewissermaßen das Leben schrieb, verbunden mit Fotos wie bestellt, die dennoch der Zufall fand. Und wie die Fotos wird Sprache ebenfalls zur Momentaufnahme und zu einem Sinnkürzel: „schön / schon da / schon wieder weg“ oder „landschaft – da liegt sie“. Ein anderes Beispiel „ich war / eine dose / dose war ich / mütterlicherseits / väterlicherseits / rose“. Das Gedicht loch macht per Definition aus der Leerstelle etwas Materielles: „nichts / als wandung“. Eine andere Definition verfängt sich in unseren Gehirnwindungen als eine gleichermaßen banale wie tiefphilosophische Einsicht: „sinn ist / was geht“.
Nicht anders die Fotos: Auf einem sehen wir eine Hauswand, ausschnitthaft, und darauf wiederum lauter Ausschnitte – ein Fenster mit heruntergelassenem Rollladen, darunter ein vergittertes Kellerfenster, sodann eine Lüftung mit Schlitzen, eine Tür (vielleicht), noch ein Fenster. Das Ganze wirkt wie eine abstrakte Komposition aus Strukturen und Farbflächen, in der Mitte geteilt von oben nach unten durch ein Fallrohr mit drei verschiedenen Farbsegmenten. Die scheinbar nichtssagende Banalität einer x-beliebigen Hauswand wird zum ästhetischen Ereignis und – wenn man so will – eine visualisierte „rissregel“: „knick die optick, / da wa wahr da“. Anders gesagt ist das eines von vielen Beispielen im Buch für die Schönheit des Hässlichen.
Ein anderes Foto zeigt zwei Mies van der Rohe-Sessel, die selbst wie zwei Wartende wirken und Ausschau halten. Tsangaris kommentiert mit „wir / sind / zwei / dosen // unter allen / herbstzeitlosen“. Danach zwei Straßenfeger, die synchron ihre Besen vor sich herschieben – dazu das Minigedicht „wille / und weg“. Und wo wir einen einsamen Stuhl am Sandstrand sehen, aufgestellt in Richtung Meer, das wie ein blassblaues Tuch vor ihm liegt, fügt der Dichter diese zwei Zeilen hinzu „war schon immer da / schaut mich an“. Das Buch ist eine wahre Fundgrube solcher Bild-Sprach-Korrespondenzen.
Nein, Manos Tsangaris macht nicht viel Worte um die Welt, aber die, die er benutzt, und wie er sie zusammenbringt, sind Botschaften, die nichts weniger als die Welt umfassen und dabei die Semantik spielerisch öffnen. Tsangaris‘ Poesie hat unverkennbar ihre Vorbilder. Eines der Vorbilder taucht namentlich in einem Gedicht auf, als nämlich die Reise nach Österreich geht und von Ernst Jandl die Rede ist. Was Tsangaris mit ihm teilt, das ist auf jeden Fall der virtuose Umgang mit dem Wort. Und es trifft ebenso zu, was Marcel Reich-Ranicki einmal über Jandl äußerte: „Er hat die Sprache der deutschen Lyrik so konsequent vom Ballast befreit, daß sie hager scheint, wo sie in Wirklichkeit federnd und muskulös ist: Er führt sie am kurzen Zügel.“
Und um wieder in unsere Gegenwart zu kommen und zu den „schiefgedichten“: In Zeiten des Krieges, so heißt es an einer Stelle, komme die Grammatik aus dem Tritt und spiele die Orthographie verrückt und am Ende bleibe: „warten in / tsaiten des / hoffens auf / andere zeiten“.
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