Blick in den Abgrund

Der Roman „Tick Tack“ von Julia von Lucadou schildert die düsteren Seiten unserer Gegenwart

Von Steffen KrautzigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Steffen Krautzig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der global-vernetzten Online-Welt gibt es nichts, was es nicht gibt. Vom heimischen Küchentisch kann man kontrollieren, welche Eismaschine einer großen Fastfoodkette irgendwo auf dem Globus gerade nicht funktioniert. Man schaltet sich in einen von hunderten Live-Streams, die gerade ohne einen einzigen Zuschauer eine Konferenz, ein Computer- oder ein Baseballspiel übertragen – oder man sieht sich Selbstmordvideos an. Julia von Lucadou gelingt in ihrem Roman Tick Tack das Kunststück, Banalitäten und Abgründe miteinander zu verknüpfen und mit einer rasanten Handlung eine Vielzahl aktueller Gegenwartsphänomene kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Der Aufbau des Romans orientiert sich raffiniert an im Internet und in den Sozialen Netzwerken üblichen Textformen und -strukturen. Er besteht aus zwei als Threads bezeichneten Teilen, in denen jeweils abwechselnd und in chronologischer Reihenfolge kurze Kapitel aus Perspektive der beiden Hauptfiguren Mette und Jo die spannende Erzählung vorantreiben. Die Beiträge aus Sicht der 15-jährigen Schülerin und TikTok-Influencerin Mette beginnen stets mit einem kleinen Profilbild und drei Zahlen. Die Ziffern hinter „Folge ich, „Follower und „Likes“ verändern sich. Genau wie bei der Video-Plattform TikTok geben sie Auskunft über User-Verhalten, Resonanz, Reichweite und somit den Marktwert des Profils.

Im Roman stehen die Zahlen in direktem Verhältnis zur jeweils geschilderten Handlung, die Reaktion eines imaginären Publikums darauf wird also gleich mitgeliefert. Interessant ist auch, dass die Leser*innen des gedruckten Romans den Button „Folgen“ auf Mettes Profil sehen anstatt eines kleinen Häkchens, wie man es bei TikTok selbst sehen würde, wenn man Mette dort folgte. Die Romanleser*innen beobachten das Geschehen also von außen und anhand der in Ich-Perspektive verfassten Texte gleichzeitig von innen.

Mit mehreren Ebenen spielen auch die vielen Zitate von aktuellen Popsongs, die Mettes Abschnitten vorangestellt sind. Im Laufe des jeweiligen Kapitels gibt es konkrete Bezüge zwischen Song und Handlung. Mithilfe einer Playlist aller Songs ließe sich die Romanhandlung sicher gut nachhören. Doch um der Story folgen zu können, muss man diese vielen Anspielungen nicht verstehen oder deuten. Wer sich noch nie mit TikTok beschäftigt hat oder die Interpret*innen der Songs nicht kennt, kommt auch auf seine Kosten.

Ein Beispiel vom Romananfang lässt sich auf die perfide Aufmerksamkeitsspirale der Sozialen Netzwerke insgesamt anwenden: Erst sind es süße Katzen, die die meisten Likes einsammeln. Später ist es dann ein Hund mit nur zwei Läufen, der aus Mitleid noch mehr Klicks bekommt. Der Roman verfolgt diese Spur bis zum bösen Ende, denn die meisten Reaktionen gibt es bei Videos von Gewalt, Mord oder Selbstmord. Nach gut 250 Seiten hat man einen guten Eindruck, wie Social Media funktionieren kann, sogar einige Strategie-Tipps zum Erfolg werden aufgezählt, zum Beispiel täglich neuen Content posten, auf alle Kommentare antworten und Beiträge anderer liken.

Die Kapitel des 26-jährigen Ex-Studenten Jo unterscheiden sich stark von denen Mettes. Er schildert in aggressiven, misogynen Forumsbeiträgen seine Sicht auf die Welt. Die Texte sind durchzogen mit sprechenden Hashtags, Dateinamen und fiktiven Links – auch hier öffnen sich zahlreiche Metaebenen. Mögliche Gründe für seine Radikalisierung werden angedeutet: die Exmatrikulation, ein gewalttätiger Vater, Minderwertigkeitskomplexe. Jo, zurückgezogen im Haus seiner Mutter am Computer sitzend, hackt sich in fremde Accounts, veröffentlicht Videos mit von Überwachungskameras aufgezeichneten Unfällen und manipuliert seine Opfer. Er wird auf Mette aufmerksam, als sie ein Video ihres eigenen Selbstmordversuchs bei TikTok hochlädt. (Mit Mettes anschließendem Besuch bei einer Therapeutin beginnt der Roman, dessen Handlung an dieser Stelle nicht nacherzählt wird.)

Jo sieht sich als „Krieger im Kampf für die Wahrheit. Er setzt auf Mette und die Macht ihrer tausenden Follower. Auch wenn sie sich mit vielen Online-Abgründen auskennt (sie bekommt regelmäßig Dickpics von älteren Männern geschickt) und ahnt, dass es sich bei Jo um einen frauenhassenden, sogenannten Incel handelt, verstrickt sie sich immer mehr in seinen Fängen. Seit dem Streit mit ihrer besten Freundin Yağmur hat sie niemanden mehr, mit dem sie über ihre Online-Aktivitäten offen sprechen könnte. 

Doch Tick Tack ist zum Glück kein Medienratgeber für ahnungslose Eltern, dafür sind die Charaktere zu vielschichtig, bleiben zu viele Punkte im vagen und der Interpretation der Leser*innen überlassen. Wie beim ernsten Thema Selbstmord die Romanhandlung beiläufig mit literatur- und kulturhistorischen Anspielungen verknüpft wird, von Goethes Werther über Yukio Mishima hin zur Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht, ist sehr beeindruckend. Da mehrmals auch die frühen Performances von Marina Abramović erwähnt werden, bei denen sich die Künstlerin selbst verletzte, kann der Roman insgesamt auch als Reflexion auf das Verhältnis von Realität, Kunst und Gewalt gelesen werden.

Besonders unterhaltsam, weil bitterböse, sind die Kapitel, in denen die Protagonist*innen mit der Elterngeneration abrechnen. Nicht nur der engagierte Lehrer mit dem selbstkomponierten Klimamusical „We will recycle you bekommt sein Fett weg, auch die Helikopter-Eltern, die ihre eigenen Wünsche rücksichtslos auf den Nachwuchs projizieren. Die Kinder durchschauen ihre sich selbst optimierenden, sich selbst belügenden Eltern. So schreibt Mette über ihren Vater: 

Du bist wie diese Thermomix-Hipster, die, seit Greta ihnen schlechtes Gewissen macht, jeden Tag stolz mit ihrem holländischen Lastenrad in den Unverpacktladen radeln und ihren drei Kindern auf dem Weg die Augen zuhalten, wenn ihnen jemand mit Alditüte entgegenkommt. Das ist die schlimmste Sorte, weil sie tief im Innersten davon überzeugt sind, dass sie gute Menschen sind. Dass sie wirklich etwas ausrichten in der Welt der brennenden Kängurus.

Jos Mutter wandelt sich hingegen von einer Momfluencerin auf Instagram zur esoterischen Impfgegnerin und mobilisiert ihre Community später sogar für Jo – über aktuelle Verschwörungsideologien nähern sich die beiden also wieder an. (An die Wirksamkeit ihrer selbst hergestellten Immun-Booster, die sie an ihre leichtgläubigen Follower verkauft, glaubt sie selbst natürlich nicht.) Über Räume als Gestaltungselement – virtuelle, soziale oder reale – lässt sich die Geschichte ebenfalls gut erläutern: Immer wieder sind die Kinder- oder Jugendzimmer für die Eltern abgeschlossen, blättert Mettes Mutter in einem extra für sie geschriebenen Teenie-Tagebuch oder schirmt sich Mette gegen die Umwelt mit Noise-Cancelling-Kopfhörern ab. Auch die echten Social Media-Accounts ihrer Kinder kennen die Eltern lange nicht. Doch kommt es im Laufe des Romans zu Überschneidungen und Verschiebungen zwischen privat und öffentlich, drinnen und draußen, zu einer Gleichzeitigkeit von größtmöglicher Online-Öffentlichkeit und völliger Kontaktlosigkeit in der Realität.

Ob Lip-Sync, Rant-Video, Thirst-Trap, Sponcon oder Sad Selfie – man muss die erwähnten Gattungen unterschiedlichster Online-Medien nicht kennen, um der Geschichte von Mette und Jo gut folgen zu können. Der Roman vermittelt das Lebensgefühl der Generation TikTok, die immer schon die Dramaturgie des nächsten Postings im Kopf hat. Mette: „TikTok ist ein organisches Add-on meines natürlichen Existenzmodus, evolutionär gesprochen.“ Oberflächlichkeiten und Gefahren werden genauso thematisiert wie die positiven Möglichkeiten des Mediums, etwa bei Fragen zur Aufklärung. Genauso vielschichtig ist das Spiel mit den Ebenen, zwischen High und Low, E und U. Nietzsche, Baudrillard und Foucault kommen genauso vor wie das Computerspiel „Call of Duty“, die Internetkatze Curious Zelda und das „Success Kid“-Meme – im Netz kann alles eine Bedeutung haben. 

Fazit: Immer wartet jemand auf den Roman der Gegenwart. Das hier ist er.

Titelbild

Julia von Lucadou: Tick Tack.
Hanser Berlin, Berlin 2022.
256 Seiten, 23 EUR.
ISBN-13: 9783446272347

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