Wissensvermittler in einer populären Form

Peter Voswinckel würdigt den Brunnenarzt und Feuilletonisten Josef Löbel

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor wenigen Jahren entschlüsselte der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Gerhard Köpf, wer sich hinter Joseph Roths Romanfigur Dr. Skowronnek (in „Der Radetzkymarsch“, 1932) verbirgt: ein gewisser Dr. Josef Löbel, „ein bekannter Frauenarzt, Freund vieler Dichter und Künstler.“ Roth-Leser konnten das bereits von Hermann Kesten erfahren haben, der 1973 einen Band mit „Erzählungen“ des Autors herausgegeben hatte: „Auch der Dr. Skowronnek in ,Triumpf der Schönheit‘ hat gelebt, war ein reeller Freund von Joseph Roth, war nämlich der Dr. Josef Löbel, der in Franzensbad […] viele Jahre Badearzt war.“

Ein reeller oder ein realer Freund? Beides. Josef Löbel existierte wirklich und hat ein eindrucksvolles Werk hinterlassen, darunter diverse medizinische Ratgeber und eine Biographie Robert Kochs („Geschichte eines Glücklichen“, 1935). Und Josef Löbel war ein reeller Mann im Sinne eines aufrichtigen Freundes. Zudem ein fürsorglicher Arzt, ein glänzender Feuilletonist und ein eleganter Vermittler medizinischen Wissens für jedermann: „Knaurs Gesundheits-Lexikon“, von Löbel 1930 unter Beteiligung von Fachgelehrten begründet, erreichte ein Millionenpublikum.

Sein Leben hat einen heiteren und einen tragischen Aspekt. Denn der Badearzt, dessen Aufgabe im Wesentlichen im Zuhören bestand – seine Patientinnen erzählten ihm von ihren Ehemännern und aus ihrem Leben –, „erlangte […] mit der Zeit eine ausgezeichnete Kenntnis der Welt, die wertvoller war als seine medizinische.“ (Joseph Roth) Und er gab diese Erfahrung, die er seinen Patientinnen verdankte, in der beschwingten Form des von ihm (mit-)erfundenen Medizin-Feuilletons weiter. Doch war er auch Jude und lernte die ganze Tragik seiner Zeit am eigenen Leibe kennen. Im Mai 1942 schrieb Leontine Löbel ihrem Mann ein letztes Lebensdokument, eine Postkarte aus dem KZ Theresienstadt: „Ob die Karte ihren Adressaten jemals erreicht hat, ist ungewiss. Eine Woche nach dem letzten Poststempel nahm sich Josef Löbel in Prag das Leben. Seine Frau wurde 1943 nach Auschwitz überführt und vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.“

Tragisch ist auch, dass Josef Löbel in Vergessenheit geriet. Durch glückliche Umstände aber ist er nun mit einem staunenswerten Band gewürdigt worden. Peter Voswinckel, Medizinhistoriker im Bereich Ärztliche Biographik und Emigrationsforschung, hat den Band zusammengestellt. Ein Initialereignis war wohl der Besuch einer Gedenkstätte 2002. Und erst kürzlich, am 1. März 2018, gelangte jene Postkarte in die Hände von Peter Voswinckel, die Leontine Löbel aus dem KZ an ihren Mann in Prag gerichtet hatte.

Viele greifbare Dokumente aus Löbels Leben sind nunmehr in diesem opulenten Band faksimiliert wiedergegeben: Der Matrikel-Auszug mit Geburtseintrag vom 22. April 1882 (Löbel wurde, wie übrigens auch Peter Maffay, in Kronstadt geboren); eine Kopie der Promotionsurkunde (Wien, 8. April 1905); der Heiratseintrag in der Ehematrikel der Gemeinde Pozsony (15. April 1909); allerlei Fotos und Akzidenzdrucke aus dem Nachlass sowie faksimilierte Feuilletons. Das erste Feuilleton aus dem Prager Tagblatt Nr. 78 vom 1. April 1931 erzählt von der Tätigkeit respektive Untätigkeit der Schiffsärzte an Bord – sie haben glücklicherweise oft nicht mehr zu tun, als sich selbst „Gesundheit auf See zu erfahren“. Denn häufig ist keinerlei ärztliche Intervention erforderlich, die Mannschaft trotzt – im Gegensatz zum Arzte – der Seekrankheit, und der Erste Offizier benötigt Heftpflaster bloß, um „Photographien seiner Angehörigen“ an die Kabinenwand zu pinnen. Dieser unbeschwerte Ton grundiert die meisten Feuilletons von Dr. Josef Löbel, der sich gelegentlich auch mit „Joseph Löbel“ unterschrieb.

In den jährlich aufgelegten „Kurlisten“ von Franzensbad ist der „Brunnenarzt“ seit 1911 verzeichnet. Joseph Roth charakterisierte das Kurleben in seiner Erzählung „Triumph der Schönheit“, und auch Thomas Mann würdigte Löbel als „heitere[n] Menschenfreund“, der „verängstigten Leuten gelehrt und tröstlich zuredet und manche Grille verscheuchen wird“ (1929).

Als praktischer Badearzt feierte Löbel ebenso Erfolge wie als dilettierender Schriftsteller, der sich immer größere Professionalität und Popularität erschrieb. Anders, als vielen Ärzten nachgesagt wird, hatte er eine schöne Handschrift (hier zu sehen im eigenhändig verfassten Brief an Elsbeth Roda Roda vom 28.12.1938). Damals hatte der jüdische Arzt seine Praxis in Franzensbad aufgeben müssen, war erst nach Wien und dann nach Prag geflüchtet und bemühte sich um ein Exil in Frankreich oder England – vergeblich, nur die beiden Söhne erreichten England. Die wenigen weiteren Lebensstationen von Josef und Leontine Löbel können nur als schrecklich bezeichnet werden. Alles Heitere verliert sich.

Im zweiten Teil seines Buches rekonstruiert Peter Voswinckel das „Beziehungsumfeld“ des Arztes und Schriftstellers, der mit Egon Erwin Kisch und Soma Morgenstern, mit Anton Kuh und Martin Bloch befreundet gewesen war. Balder Olden sprach von Löbel als „meinem Gewissenrat“ und „großen Gönner“; Arthur Schnitzler schrieb über ihn: „klug, aber ohne Rang“; Thomas Mann erhielt aus Löbels „packenden medizinischen Erzählungen“ Anregungen für seinen „Doktor Faustus“.

In einem dritten Teil wird Löbels Werk, insbesondere sein „Medizinfeuilleton“, als eigenständige Kulturleistung gewürdigt; Leseproben unterstreichen diese Einschätzung. Die Patenschaft für diese opulente Biographie übernahm die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO) in Berlin, was unter anderem auch bedeutet, dass der Band dort an jeden Interessierten kostenlos abgegeben wird. Vier weitere Bücher sind hier bereits erschienen, darunter eines, das für Benn-Forscher interessant sein dürfte: es widmet sich den „Krebsbaracken“ als der ersten Institution für Krebsforschung mit klinischer Abteilung.

Kein Bild

Peter Voswinckel: Dr. Josef Löbel, Franzensbad/Berlin (1882-1942). Botschafter eines heiteren deutschen Medizin-Feuilletons in Wien – Berlin – Prag.
Herausgegeben vom Vorstand der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V.
DGHO, Berlin 2018.
XXII, 178 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783981807943

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