Porträt einer Frau in mittleren Jahren
Elizabeth Jenkins Roman „Die Nachbarin“ seziert unnachahmlich einen sachlichen Ehebruch und englische Nachkriegsverhältnisse
Von Bernhard Walcher
Elizabeth Jenkins ist eine Jahrhundertfrau, und das im wörtlichen Sinne: Geboren wurde sie 1905 im englischen Hertfortshire und ist 2010 in London gestorben. Bekannt wurde und istgeworden sie vor allem wegen ihrer Porträts und Studien bedeutender Frauen der britischen Geschichte. Von ihren zahlreichen? Romanen und Erzählungen ist der im Original bereits 1954 erschienene Roman „Die Nachbarin“ nun der erste Text, der ins Deutsche übersetzt wurde. Man kann ihm nur eine ebenso große Leserschaft wie den historischen Biographien wünschen kann. Nicht nur, weil Eike Schönfeld die gleichzeitige Bissigkeit und kunstvolle Verstellung der Erzählerstimme, sondern auch die ungemein differenzierte, ebenso sensibel wie phlegmatisch gezeichneten Figuren des Romans feinsinnig und mit einer beeindruckend sicheren Hand ins Deutsche übertragen hat. In der Ehe- und Familiengeschichte des Ehepaars Imogen und Evelyn Gresham bilden sich auch die Verfasstheit und die Triebfedern der englischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Gewiss ist es nicht zu hoch gegriffen, wenn man Jenkins fiktionale Romane und Novellen neben Anthony Powells großen, zwölf Bände umfassenden Romanzyklus Ein Tanz zur Musik der Zeit (A Dance to the Music of Time, 1951–1975) und Simon Ravens monumentales, zehnbändiges Erzählwerk Almosen fürs Vergessen (1967–1976) stellt, in denen englische Mentalitäts- und Gesellschaftsgeschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die 1970er Jahre literarisch verarbeitet worden ist. Und es ist zu hoffen, dass noch weitere Werke von Jenkins in deutscher Übersetzung erscheinen werden.
Denn dass Elizabeth Jenkins auch weibliche Mentalität und Weltsicht ihrer eigenen Gegenwart und nicht nur die längst verstorbener Persönlichkeiten literarisieren konnte, zeigt der vorliegende Roman in ebenso eindrücklicher wie unterhaltsamer Weise. Die Nachbarin des Ehepaars Imogen und Evelyn Gresham, das ist Blanche Silcox. Sie ist älter als Imogen, nicht mehr ganz so schön und auch sonst unscheinbar – aber sie gewinnt und erobert das Herz von Evelyn Gresham. Es ist eine alltägliche Geschichte – und doch auch wieder nicht. Alltäglich ist, dass eine Frau von ihrem Mann betrogen und dann verlassen wird. Dass es sich dabei um einen schleichenden Prozess handelt, ist ebenfalls nichts Neues. Etwas verschoben ist allerdings die Konstellation: Nicht wie in den klassischen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts ist es die jüngere Frau, die den pflichtgemäß geheirateten älteren Ehemann verlässt und meint, ihr Glück bei einem jungen gefühlvollen Liebhaber finden zu können, sondern hier ist es der Ehemann, Evelyn Gresham, der seine gut 15 Jahre jüngere, hübsche Frau für eine viel ältere verlässt. Das alles wird fast schon sachlich, lakonisch erzählt, was gleichzeitig den Reiz der Geschichte ausmacht. Dieser Ehebruch ist sowohl Symptom als auch Indiz für den Zustand einer Gesellschaft, die ihre maßgeblichen Wertehorizonte und Zukunftsvorstellungen erst noch finden muss und bis dahin – wie die Greshams – ihre Leben irgendwie regelt, ausbessert und verwaltet.
Während sich der Titel der deutschen Übersetzung (zu) sehr auf die die Antagonisten der Hauptfigur Imogen Gresham, Blanche Silcox, konzentriert, ist der Originaltitel des Romans, The Tortoise and the hare, anspielungsreicher und ambivalenter. Er klingt zunächst wie der Name eines Pubs, was kein Zufall sein dürfte. Denn wie im Pub bekommt man auch mit Jenkins Roman einen Blick ins Alltagsleben der britischen Nachkriegsgesellschaft. Der Originaltitel spielt aber auch auf Äsops Fabel von der Schildkröte und dem Hasen an, in der es ja darum geht, ob am Ende der Unscheinbare oder das Prahlerischer den Sieg davonträgt. Dass eine eindeutige Zuordnung dieser Fabelvorlage zu den beiden Frauen Imogen und Blanche nicht ganz leicht fallenleichtfallen dürfte, macht nicht zu einem geringen Teil die literarische Qualität des Romans aus.
Evelyn Gresham ist ein hochangesehener und erfolgreicher Anwalt in London und das Leben des Ehepaares spielt sich zwischen der Hauptstadt und ihrem Landhaus in Berkshire ab, wo auch die Nachbarin Blanche wohnt. Daneben gibt es zahlreiche Freunde und Bekannte der Greshams, die – wie im Drama – den Spannungsbogen der im Kern ja eigentlich alltäglichen Schilderungen aufrecht erhält. Gerade die Genauigkeit im Erzählen historischer Verhältnisse, städtischer und ländlicher Topographien und sozialer Abhängigkeiten und Hierarchien macht den Roman zu einem großartigen Dokument sozialen Erzählens in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Einerseits liest sich der Text wie eine entspannte Plauderei beim Tee am Nachmittag, andererseits ist die Erzählinstanz so kunstvoll konstruiert, dass die messerscharfen Bilder, Vergleiche und Figurencharakterisierungen eine unvergleichlich scharfe Milieudarstellung bieten.
Das entscheidende erzählerischer Mittel dieses Romans ist allerdings, dass weitgehend alles Erzählte aus der Sicht von Imogen geschildert und dadurch ihre ‚„Seelenlandschaft‘“ gleichsam nachgezeichnet wird. Man hat als Leser also ein präzises Bild äußerer gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse der Nachkriegszeit in London und im ländlichen Raum, aber auch eines von den psychopathologischen Vorgängen einer Frau, deren Leben nach und nach aus den Fugen gerät, wovon ihre äußere Umwelt aber lange keine Kenntnis nimmt. Es sind die kleinen, unscheinbaren Dinge, denen sich Imogen verbunden fühlt, wie etwa ihren weißen Geranien. Als ihr Sohn Gavin – absichtlich oder auch nicht – mit einem Fußball einige dieser Geranien umknickt, ist es für Imogen ein weiterer Schritt der Auflösung ihrer familiären Verhältnisse, von denen sie glaubte, dass sie länger andauerten. Solche immer wiederkehrenden Ereignisse und die häufiger werdenden Besuche ihres Mannes bei der Nachbarin sind die Bruchstellen, an denen sich Imogens Vertrautheit mit dem eigenen Leben aufzulösen beginnt. Durch die Erzählperspektive erfährt davon freilich (zunächst) nur der Leser. Ihr Mann Evelyn hätte es merken können, wenn er nur auf die leisen, aber Verzweiflung ausdrückenden Verhaltensweisen seiner Frau geachtet hätte.
Sukzessive schreitet die Handlung voran und wird immer öfter angereichert mit düsteren Ahnungen und fast schon esoterischen Glaubens- und Sichtweisen Imogens, die sie nach und nach von ihrer Familie entfernen und absondern. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Figur und auch die literarische Qualität eines im Kern nicht nicht besonders originellen Plots ist, dass die Autorin die Erzählinstanz plastische Bilder und Formulierungen finden lässt, wenn etwa die Freundin Zenobia nach einem „Augenblick lodernden Schweigens“ den Raum verlässt oder Imogen nach einem ersten zarten Streit mit ihrem Mann „ein schreckliches Gefühl unvertrauten Unglücks in die Adern fuhr“. (S. 163). Der schleichende Prozess der Annährung zwischen Evelyn und Blanche wird zwar von einer Erzählinstanz berichtet, die grundsätzlich alle Wissens- und Sagensmöglichkeiten hat, sich aber darauf beschränkt, weitgehend aus der Perspektive und dem Wissens- bzw. Einschätzungsstand von Imogens zu erzählen. So entsteht für den Leser, der längst ahnt, was im Gange ist, ein merkwürdiges Spannungsmoment, das sich mit Eigentümlichkeit und Eigenartigkeit am besten umschreiben lässt, weil das Wissen oder die Ahnung des Lesers konträr zu Imogens Sicht steht, die das alles nicht zu verstehen scheint oder es nicht erkennen will. Im Ergebnis ermöglicht diese Vorgehens- und Erzählweise, dass man Einblick erhält in die kleinsten Prozesse mentaler und psychischer Veränderungen bei Imogen, die erst zu spät realisiert, dass ihr Lebensmodell und ihre Vorstellungen von der Zukunft in die Brüche gegangen sind.
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