Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen

Julia Wolfs „Du, hier“ erzählt von Sinnkrisen und der heimlichen Lust, allem den Rücken zu kehren

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie heißen Wanda und Loretta, Stella und Philip, Sabrina und Ian, und sie, die Protagonistinnen und Protagonisten aus Julia Wolfs Erzählband, den die Autorin, um sich nicht festlegen zu müssen, ob es sich dabei um Erzählungen oder Kurzgeschichten handelt, im Untertitel als „Stories“ bezeichnet, leben im Hier und Heute – ob nun im Großraum Berlins, irgendwo an der Küste oder in der bundesdeutschen Provinz. Egal. Und sie sind zumeist durchaus angekommen in ihrem Leben, das sich halbzeitgemäß vor die Frage gestellt sieht, ob denn das nun tatsächlich alles gewesen sein soll, es also ewig so oder so ähnlich weitergehen mag oder ob sich nicht doch möglicherweise irgendwo Alternativen anbieten, neue An- und Aufbrüche. Mit oder ohne Risiko. Aber – und dies soll kein Vorwurf sein – es handelt sich dabei immer um eine Personnage, die man – faute de mieux – als Angehörige des Mittelstands bezeichnen darf, also Figuren, die ‚gesettled‘ sind. Ganz tief unten oder ebenso weit oben bleiben ausgespart.

Wolf, die bislang mit Romanen bekannt geworden ist, nutzt die kürzere Erzählform, um im Wechsel der Töne – mal lakonisch, dann durchaus schnodderig, mal ganz im inneren Monolog gehalten, dann auch als Chat-Verlauf – die unterschiedlichsten Aspekte und Auswirkungen der (Sinn-)Krise in der Lebensmitte (sexuelle Orientierungen, Partnerwechsel, Kinderwünsche, berufliche Perspektiven usw.) anzusprechen. Wobei Wolf, die sich auch als Übersetzerin einen Namen gemacht hat (so etwa 2025 mit ihrer Nominierung für den Leipziger Buchpreis für die Übersetzung von Samantha Harveys Umlaufbahnen), immer direkt und unvermittelt in ihre Geschichten einsteigt, was eher der Form der Kurzgeschichte entspricht, um entweder mit einer Pointe zu enden oder aber auch ihre Leserinnen und Leser ins Offen-Unabgeschlossene zu entlassen.

Vorwiegend sind Wolfs Protagonist*innen von Obsessionen, Einbildungen und Phantasien geplagt; zuweilen überkommt sie die „Lust, allem den Rücken zu kehren“, und es nagen Zweifel und Selbstzweifel an ihnen, so dass sie z. B. ihre Beziehungen eigentlich beenden wollen, ohne es tatsächlich auch zu können. In der Titelerzählung heißt es einmal über das Paar Stella und Philip, dass sie beide „nur auf andere Art“ „verloren“ waren. Das Paar veranstaltet ein Abendessen mit Freund*innen und Kolleg*innen, zu dem sich auch Stellas alte Freundin Toni gesellt, eine Tennis-Profispielerin und von Stella die längste Zeit bewunderte Frau:

Um sie herum kommen die Gespräche wieder in Gang, dröhnende Stimmen, es geht um Fußball und Urlaubsziele, man lobt den Koch. Stella schiebt ihren Teller von sich, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Der Wein ist süß und sauer und süffig, er rinnt kühl in die leere, schwere Schale, die ihr Körper ist. Wie Toni da sitzt, ein Bier in den großen Händen, Stella kann den Blick nicht von ihr abwenden, die Lachfalten um die Augen und die breiten Schultern in der Lederjacke.

Man geht dann zu Bett; Toni hat bei Stella und Philip übernachtet. Das Paar räumt am kommenden Morgen die Überreste vom Vorabend auf, bringt leere Flaschen zum Container, kehrt zurück, um feststellen zu müssen, dass die vermeintliche Freundin Toni sie schamlos bestohlen hat. Nur – mit oder ohne Wissen und Einverständnis Stellas?

Mit knirschenden Reifen hält der Wagen vorm Haus. Stella schnallt sich ab, bleibt aber sitzen, als Philip aussteigt. Sie will ihm etwas Vorsprung geben. Als er im Haus verschwunden ist, steigt auch sie aus. Langsam geht sie auf die Eingangstür zu, die offen steht. Noch ist alles ruhig. Das Haus liegt still da, Stella setzt einen Fuß vor den anderen. Gleich wird Philip feststellen, dass die Armaturen fort sind. Die teuren Armaturen, mit Toni verschwunden. Im ersten Moment wird er es nicht glauben. Er wird ins Badezimmer laufen. Philip wird in Panik geraten und durchs Haus rennen, um zu sehen, was sonst noch weg ist, die Musikbox, er wird die Schränke und Schubladen aufreißen. Seine Uhr, das japanische Messer. Gleich.

In zwei anderen der insgesamt elf wunderbar erzählten Geschichten, Ein schönes Paar und Alles öffnet sich, zeichnen sich dagegen zum Ende neue mögliche Anfänge ab, ja, ausdrücklich bemerkt Micha, die sich in ihrer asexuell verlaufenden Beziehung zu Albert vernachlässigt fühlt, in einem Sexclub nach Abwechslung sucht und – enttäuscht? befriedigt? – morgens nach Hause kommt, dass das „nicht das Ende“ ist. „Das ist der Anfang von etwas Neuem.“ Mit ihrem Mann? Einem möglichen Doppelleben? Wer weiß…

Was die Leserin und der Leser schließlich auch für Judith, die soeben von einem neuen Lover verlassen worden ist, vermuten dürfen, weil die sich wieder an die im Altenheim ihrer verstorbenen Mutter tätigen Pflegerin Nawal erinnert und erneut Kontakt aufgenommen hat. Auf die Frage Nawals, ob es sich bei ihrer angedeuteten und in scheuen Küssen und aus sanften Berührungen bestehenden Beziehung lediglich um ihre Einbildung gehandelt habe oder nicht, antwortet Judith: „‚Nein‘, sage ich. ‚Hast du nicht.‘“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Julia Wolf: Du, hier. Stories.
dtv Verlag, München 2026.
256 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783423285179

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch