Zettel sind kleine Leichentücher

Raphaela Edelbauer ist Entdeckerin. Eine Poetin, zu Gast bei den diesjährigen TddL auf Einladung von Klaus Kastberger

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„Raphaela Edelbauer ist eine 1990 geborene Schriftstellerin und Person.“ Mit diesen Worten endet das Videoportrait der österreichischen Autorin Raphaela Edelbauer. Auf Einladung des Germanisten und Literaturkritikers Klaus Kastberger nimmt sie als eine der jüngsten Autorinnen am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2018 teil. Für den Wettbewerb präsentiert sie sich in einer Höhle. Sie spricht offen und provokativ in die Kamera. Wäre sie Papst, wären die Hostien Steaks.

Edelbauer wurde in Wien geboren und hielt schon kurz nach ihrer Matura im Jahre 2008 einen Vortrag über die Grenzen der Gebärdensprache beim Ludwig-Wittgenstein-Symposium. Bei Robert Schindel studierte sie Sprachkunst und begann anschließend ein Studium der Philosophie in Wien. Journalistische Erfahrungen sammelte sie als Mitarbeiterin bei den Niederösterreichischen Nachrichten. Ihre erste eigenständige Publikation erschien 2017 im Klever-Verlag unter dem Titel Entdecker. Eine Poetik und enthält sechs von Grafiken (Simon Goritschnig) begleitete Prosatexte mit Überschriften wie Mikroorganismen, Minerale oder Aggregatzustände. In ihrem Werk stellt sie ihre sprachlichen Fähigkeiten in Opposition zu den Gesetzen der Natur. Edelbauer schreibt im Vorwort: „Die Sprache umfasst die Organismen. Alles Nichtsprachliche ist also anorganischer, fester und natürlicher Stoff, der nicht lebt“, und: „Sobald etwas auf dem Papier steht, ist es mineralisch. Zettel sind kleine Leichentücher, auf denen die Sedimente der ehemals vividen, oft jahrmillionenalten Texte stehen, die wir als Versteinerungen auffinden.“ Für Entdecker. Eine Poetik erhielt die Autorin 2018 den Rauriser Literaturpreis. Die Jury begründet ihre Entscheidung mit den Worten: „Damit überschreitet die Autorin Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor.“ Raphaela Edelbauer – eine Entdeckerin!

Edelbauers literarisches Schaffen beginnt 2011. Sie schreibt für viele Literaturmagazine, wie etwa JENNY, Mosaik und SALZ. Seit 2017 arbeitet sie an ihrem Roman Das flüssige Land, für dessen Manuskript sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds erhielt. Der Roman wird von einer Physikerin handeln, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern mit deren Beerdigung überfordert ist, denn der Heimatort der Eltern, in dem sie begraben werden wollen, scheint nicht zu existieren. „Heimat- und Identitätsbegriffe werden wieder stärker in den medialen Fokus gerückt“, schreibt Edelbauer auf ihrer Projekthomepage, „und zum ersten Mal seit ‚45 wieder in stolzer, unreflektierter Weise verwendet.“

Neben ihren Prosawerken schreibt sie auch szenische Texte. So fand im Mai 2017 die Premiere ihrer Extremperformance Literazah statt, bei der sie selbst, an der Seite von Jan Braun, mitspielte. Literazah ist eine dreistündige Aufführung, bei der die beiden Performer durchgehend Gewichte heben. Literatur ist bei Edelbauer eben nicht nur Theorie. Ihre dramatischen Werke fokussiert sie auf Textvorlagen für zeitgenössische Komponisten, so schrieb sie bereits ein Opernlibretto für die kroatische Komponistin Margareta Ferek-Petric und den Text für Robin Haighs Komposition Die Nächte in Berlin. Ein vielfältiges und vielversprechendes Werk also, das die Wiener Autorin vorlegt.

Edelbauer ist keine Autorin, die aus dem stillen Kämmerlein schreibt. Sie inszeniert sich als moderne und abenteuerlustige Schriftstellerin der Öffentlichkeit. Auf Instagram dokumentiert sie ihre Japanreise, auf Youtube stellt sie in zahlreichen Vlogs ihr Leben und Schaffen vor. 2016 twitterte sie: „Die von Schriftstellern am häufigsten verfasste Textgattung ist der Förderungsantrag.“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen