Wunderlicher Wörtermix

Alena Graedon entgleitet in ihrem dystopischen SF-Roman „Das letzte Wort“ die virtuose Formulierungskunst

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Dinge, ganze Häuser gar, von einem Moment auf den anderen verschwinden, ohne je wieder aufzutauchen, davon berichtete der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster bereits vor einem Vierteljahrhundert in seinem Roman In The Country of Last Things. Nicht nur vom Ende der Dinge, sondern vom Ende der Wörter, ja der Sprache überhaupt, erzählt die ebenfalls US-amerikanische Nachwuchsautorin Alena Graedon in ihrem Debüt Das letzte Wort. Für ihre Protagonistin Anana Johnson allerdings, eine echte Vater-Tochter, ist das Verschwinden ihres Vaters Douglas Samuel nicht weniger dramatisch als das der Wörter. Gemeinsam arbeiteten Ana und Doug, wie sie kurz genannt werden, an der dritten Auflage des vielbändigen North American Dictionary of the English Language (NADEL), die kurz vor der Fertigstellung steht und in Kürze publiziert werden soll.

Angesiedelt ist der, wie so viele seines Genres technikkritische SF-Roman in einer Zeit, in der „das Wort ‚Buch‘ antiquiert und wunderlich klingt“, mithin also in der unmittelbaren Zukunft des Erscheinungsjahrs der amerikanischen Originalausgabe, deren Titel, abweichend von der deutschen, The Word Exchange lautet. Genau lässt sich die Handlungszeit zwar nicht datieren, doch liegt sie zweifellos zwischen den Jahren 2016 und 2020, erstreckt sich aber über nicht mehr als einige Monate. Die Kommunikationstechnologie hat sich ebenso rasant weiterentwickelt wie bisher und die derzeit noch allgegenwärtigen Smartphones wurden zu Mems, die man als sogenannte Crown auf dem Kopf trägt. Selbstverständlich kann man mit ihnen kommunizieren, die Rechnung in einem Lokal begleichen und dergleichen mehr. Außerdem ist so ein Apparat aparterweise in der Lage, Kopfschmerzen zu lindern.

Die wesentliche Innovation gegenüber Smartphones aber besteht in der „Sixth-Sense-Technologie“, die es dem Gerät ermöglicht, anhand seiner ebenso ununterbrochenen wie umfassenden Datenauswertung die Stimmung seiner TrägerInnen zu erkennen und zu „bestimmen, was man wollte“, wie es zweideutig heißt. Besonders beliebt aber ist eine andere App des Geräts: das „Wortaustausch“-Programm. Bei ihm handelt es sich offenbar um eine Weiterentwicklung der bekannten Suchfunktion für Synonyme, die Textverarbeitungsprogramme schon seit langem anbieten. Diese neuartige und zum Glück noch fiktive App des Romans stellt jedoch anders als jene Worte wieder her, die seine TrägerIn „‚vorübergehend‘ vergessen“ hat, und bietet eine knappe Definition – sei es während einer Lektüre oder eines Gesprächs. Schon bald sind die NutzerInnen so sehr an die scheinbar so hilfreiche Funktion gewöhnt, dass sie es nicht einmal mehr bemerken, wenn sie in Worttausch eingeloggt sind. Das Programm gilt allgemein als großartiger Fortschritt, weil nun „das Gehirn mehr Kapazität für wichtige Dinge“ habe. Doch stellt sich heraus, dass sein Gebrauch nach einiger Zeit nicht nur die „Fähigkeit zur Reflexion“ mindert, sondern auch das „Vermögen, frei und unbeschränkt zu denken“. Zudem können die Menschen schon bald nur noch unter Schwierigkeiten miteinander kommunizieren.

Nun aber ist bereits eine neue Produktionslinie des Mem in der Erprobungsphase, das als Statussymbol auf der Stirn zu tragende Nautilus. Neben all den Möglichkeiten, die ein Mem besitzt, kann es zudem „Wünsche und Bedürfnisse voraussehen“, sie „verstärken“ und „sofort befriedigen“. Kaum an die Stirn gedrückt, öffnen sich die „Pforten zu einem Reigen aus Empfindungen und Erinnerungen“ positiver, oft „sentimentaler“ Art, eingebettet in nicht sonderlich dezente Werbung. Erneut ist es ein Wortaustausch-Progamm, das den besonderen Reiz des Geräts ausmacht. Diesmal ist es als Neologismen-Spiel konzipiert, bei dem es darum geht, selbst neue Worte zu erfinden und ihnen eine Bedeutung zu geben, wobei man sogar kleine Preise gewinnen kann. Die bisherigen Worte werden von dem Programm durch die neuen ersetzt, an denen dann freilich die Hermes Corp., die das Gerät erfunden hat, das Copyright besitzt.

All das klingt nun zwar schon dystopisch genug, doch zu allem Überfluss hat der Konzern aus Gründen der Profitmaximierung einen Virus in die Software eingebaut, der nicht ganz wie beabsichtigt funktioniert, sondern auf Menschen überspringt und die 2016 erstmals beobachtete „Wortgrippe“ hervorruft: Eine Erkrankung, die zum völligen Sprachverlust und schließlich zum Tod der Betroffenen führen kann. Das klingt zwar völlig abstrus, doch wirkt die sich über mehrere Seiten ersteckende molekularbiologische Erklärung des Vorgangs, für den Retrotransponsons – genauer gesagt, als solche nicht benannte endogene Retroviren – eine wichtige Rolle spielen, nicht nur originell, sondern keineswegs an den Haaren herbeigezogen.

Erzählt wird all dies von Ana, der Protagonistin des Romans. Ihr Faible für erläuternde Fußnoten, eingefügt in den Erzähltext, befremdet zwar zunächst etwas, doch schon nach wenigen Seiten ist aus einer eben dieser Fußnoten zu erfahren, dass Ana sie „als Teil“ ihrer „linguistischen Rehabilitierung“ in den Text eingebaut hat. Dessen Niederschrift wiederum dient ihr dazu, die „Stunden im Konversationslabor zu kürzen“.

Wie sich herausstellt, wird die Geschichte tatsächlich nicht nur aus ihrer Sicht, sondern multiperspektivisch erzählt. Bereits im zweiten Kapitel tritt Bartleby Ana als Ich-Erzähler zur Seite. Bart, wie er genannt wird, ist ein etwas lebensuntauglich wirkender harmloser Geselle, der nicht lügen kann, schnell unsicher wird, ebenso heimlich wie unsterblich in Ana verliebt ist und bei seinem alten Freund Max als „Angsthase“ und Warmduscher“ gilt. Kein Wunder, dass er an einer „leicht selbstverachtenden Ader“ leidet. Max wiederum ist nicht nur der Inhaber von Hermes Corp., sondern hat sich erst vor wenigen Wochen von Ana getrennt, die dem Mann, der Vater ihrer Kinder hätte werden sollen, noch immer heftig nachtrauert.

Der mehrmalige Perspektivwechsel zwischen Ana und ihrem ebenfalls am Wörterbuch arbeitenden Kollegen Bart geht mit einem irritierenden stilistischen Wechsel einher. Denn Bart hat keine Vorliebe für Fußnoten, seine Erläuterungen stehen in Klammern. Zumindest ebenso irritierend ist, dass zunächst unvermerkt nicht mehr Ana, sondern ein anderes Ich erzählt. Nur langsam entwickelt man ein Gespür dafür, wer jeweils gerade ‚Ich‘ sagt beziehungsweise schreibt. Die Fußnoten und Klammern des Textes sind da fürs Erste keine schlechten Indikatoren.

Neben diesen unterschiedlichen Eigenheiten haben Ana und Bart auch einige große Gemeinsamkeiten; beide sind sehr belesen und zumindest geistesgeschichtlich nicht weniger gebildet, was für MitarbeiterInnen eines enzyklopädischen Sprachlexikons, dessen Bände in die Dutzende gehen, wohl erwartbar sein dürfte. Entsprechend tiefgründig und philosophisch fallen ihre sich keineswegs auf die bloße Widergabe des Geschehens beschränkenden Aufzeichnungen aus. Dabei jonglieren sie geradezu artistisch mit den Ideen und Philosophemen von Geistesgrößen wie Camus, Sartre, Kant oder Hegel, von dem „jeder ernsthafte Gelehrte“ wisse, dass er nur in der deutschen Sprache zu lesen und zu verstehen sei. Alles andere sei „eine Beleidigung“, weil „keine angemessene Übersetzung ins Englische von Worten wie ‚Begriff‘, ‚Urteil‘, ‚Geist‘ oder gar ‚Aufhebung‘“ möglich sei. Entsprechend schält sich Hegel bald als die philosophiegeschichtlich zentrale Bezugsreferenz sowohl für Ana als auch für Bart heraus.

Nicht so selbstverständlich wie die profunde Bildung der Ich-ErzählerInnen ist hingegen, dass Leute, die sich mit einer vermeintlich so trockenen Materie wie der linguistischen Lexikographie befassen, den Gegenstand ihrer Arbeit, die Sprache, selbst beinahe schon virtuos beherrschen. So ist es weniger das nur mäßig spannende Geschehen des in allernächster Zukunft angesiedelten SF-Thrillers, das fesselt, sondern die Art und Weise, wie davon erzählt wird. Zwar verlieren die Menschen im Roman die Wörter. Die Autorin aber ist ihrer mächtig und zeigt, dass sie geradezu artistisch mit ihnen zu jonglieren weiß. Amüsant ist zudem, wie die hochelaborierte, fremdwortgesättigte Sprache gelegentlich durch überaus banale Beispiele aus den Unbilden des Alltags unterbrochen wird, wobei die Fremdwörter, deren sich Ana und Bart wie selbstverständlich bedienen, nicht immer zu den geläufigsten zählen. Wer wüsste schon aus dem Stehgreif zu sagen, was eine Perseveration ist. Dennoch ist der aphorismengeschwängerte Stil mit seinen geistreichen Bonmots flüssig zu lesen, wobei selbstverständlich auch schon mal über das Spiel mit Aphorismen und Bonmots selbst reflektiert wird, zu deren schönsten gehört, dass es „immer die Schrammen im Marmor“ sind, „die dessen inneres Licht noch heller erscheinen lassen“.

Doch auch der vorliegende Roman holt sich im Laufe der Seiten so seine Schrammen. Die aber lassen ihn nicht aus dem Inneren leuchten, vielmehr trüben sie seinen Glanz zunehmend. In den Fußnoten wird beispielsweise gerne einmal zu viel erklärt; etwa, woher der Begriff Mem kommt, dass Hermes der „Gott der Worte, des Handels und der Diebe“ ist, weshalb die Hermes Corp. einen treffenden Namen habe, oder dass der Name von Anas Vater Douglas Samuel Johnson eine ehrende Bezugnahme auf den berühmten Lexikographen des 18. Jahrhunderts Samuel Johnson ist. Derlei Erklärungen rauben Lesenden die Freude der Spekulation und der eigenen Erkenntnis. Je weiter das Geschehen voranschreitet, desto zäher wird die zuvor so süffige Lektüre, gerade so als verwandele sich Met in Honig. Wenn es von einer der Figuren heißt, sie neige zu Weitschweifigkeit, so gilt dies für den Roman zumal. So wird manches, eine Wohnungseinrichtung etwa, allzu detailversessen beschrieben. Eine der Stellen, bei denen man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, es sollten Zeilen geschunden werden. Überhaupt scheint der Roman um ein, zwei hundert Seiten zu lang geraten.

Dazu zeigt sich, dass es trotz einiger Thrillerelemente nicht wirklich gelingt, Spannung zu erzeugen, die Versuche hierfür sind zu klischeehaft angelegt. Darüber lässt einen das Schicksal der Figuren, deren Emotionen aufgesetzt und unecht wirken, nicht zuletzt eben darum recht kalt. „Die Trauer, die mich überfiel, war so stark, dass ich verrückt zu werden schien. Ich konnte kaum atmen. Fast nichts sehen.“, meint Ana. Diese erkünstelte Dramatik lässt nicht nur unbeteiligt, sondern klingt auch so. Anas Vater wird sogar ein kitschiges Bekenntnis in den Mund gelegt, dass nicht einmal eines Groschenromans würdig wäre: „Wahre Liebe vergeht nie.“

Wie sich gegen Ende des Romans herausstellt, hat Ana die Tagebuchaufzeichnungen Barths in ihre eigene Niederschrift ebenso eingefügt wie einige andere ‚dokumentarische‘ Texte, etwa einen Zeitschriften-Artikel, der unvermittelt den Erzähltext unterbricht, sowie einen Brief ihres Vaters, der sich über 20 Druckseiten hin erstreckt und stilistisch nur zu Beginn glaubwürdig wirkt.

Die dem Plot zugrunde liegende Idee aber ist originell und literarisch zunächst nicht übel umgesetzt. Der Zukunfts-Krimi ist demnach eine Weile unterhaltsam zu lesen, auch wenn keine rechte Spannung aufzukommen vermag. Es sind andere Qualitäten die das Interesse an Roman wecken und aufrechterhalten wie etwa die aphoristischen und philosophischen Einschüsse, die sich allerdings mit zunehmender Seitenzahl ebenso verlieren wie die Bezugnahmen auf Hegel, die erst auf den letzten Seiten – wenn auch ungenannt – wieder eingesetzt werden.

Wirft man einen Blick auf das dem Klappentext des Buchs beigefügte Foto der Autorin, staunt man nicht schlecht, dass ein noch so junger Mensch bereits in der Lage ist, seine Figuren derart sicher in allen möglichen Wissensgebieten und Wissenschaften brillieren zu lassen. Schaut man sich allerdings Alena Graedons graduate-Webseite der Brown University and Columbia School of the Arts, Writing Program an, findet man einen Hinweis, der dies zu erklären vermag: „The Word Exchange, her first novel, was completed with the help of fellowships at several artist colonies including MacDowell, Ucross, and Yaddo.“ Die am Ende des Buches aufgenommene Danksagen an die „ganze Gemeinde von schlauen Geistern“, die auf die eine oder andere Weise zum Gelingen des Buches beitrugen, umfasst denn auch nicht weniger als fünf Druckseiten. So ist das Geständnis der fiktiven Tagebuchschreiberin Anana Johnson: „Natürlich habe ich das alles hier nicht allein geschrieben“ vielleicht auch eines der Autorin Alena Graedon.

Titelbild

Alena Graedon: Das letzte Wort. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Thiele.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2016.
573 Seiten, 14,99 EUR.
ISBN-13: 9783453315587

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