Auf dem Weg zu allerhöchster Wertschätzung?

Andreas Hammer untersucht narrative Inszenierungsformen von Heiligkeit im „Passional“

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Noch vor nicht allzu langer Zeit erschien es schwer vorstellbar, in welchem Maße Religion und Religiosität wieder in den Fokus des gesellschaftlichen Diskurses treten würden. Dies war vor allem deswegen so unwahrscheinlich, weil in der postmodernen Welt- und Selbstauffassung Religion oder gar ‚das Heilige‘ nicht nur in den privaten Bereich verwiesen, sondern per se als Symbol des ‚finsteren Mittelalters‘ angesehen wurden. Unter diesem Aspekt passt vorliegendes Buch von Andreas Hammer, die überarbeitete Version seiner 2012 an der Universität zu Göttingen eingereichten Habilitationsschrift, gewissermaßen im doppelten Sinne: Zum einen ist die Diskussion über Religion wieder en vogue, zum anderen stellt der Autor einen frühmittelalterlichen Text in den Fokus, womit der ‚aufgeklärten‘ Position zumindest dem Anschein nach Genüge getan wäre

Aber zum Untersuchungsgegenstand: Wichtig am ‚Passional‘ ist zunächst, dass es sich um das – zumindest bislang – früheste bekannte volkssprachliche Legendar handelt. Andreas Hammer verzichtet bei seiner Untersuchung zwar nicht gänzlich auf motivgeschichtliche Fragestellungen, aber er stellt die spezifische Poetik legendarischen Erzählens in den Mittelpunkt. Die Definition von solcherlei Strukturen, die mittlerweile in der Forschung weitgehend unisono als ‚Patterns‘ Erwähnung finden, macht es möglich, die Untersuchungsergebnisse auf andere Texte zu übertragen und somit eine allgemeinere Zugangsmöglichkeit zu schaffen.

Dieser Ansatz und der damit verbundene Verweis auf die allgemeine Gültigkeit solcher Heiligsprechungen mag zunächst erstaunen, nimmt doch der Autor selbst Bezug auf den Umstand, dass die Modalitäten der Heiligsprechung beziehungsweise auch der entsprechende Prozess selbst noch keineswegs ‚standardisiert‘ waren. Gleichwohl verweist Andreas Hammer bereits in der Einleitung auf die beiden wesentlichen Bedingungen, die auch heute noch Gültigkeit haben: Der vorbildliche, fromme Lebenswandel des potentiellen Heiligen und der Beleg für posthume Wunderwirksamkeit.

In – einschließlich des Fazits – zehn großen Kapiteln untersucht und vermittelt Hammer die Faszination am Heiligen sowohl in der Person als auch im gesamten Rahmen des Sakralen. Dabei ist die höchst informative Einleitung bereits ein wesentlicher Aspekt, lassen sich hier doch Definitionen belegen und erschließen, so dass diejenigen, die in der Thematik nicht unbedingt sattelfest sind, methodisch-systematische Voraussetzungen der narrativen Inszenierung von Heiligkeit erhalten. Mindestens so grundlegend ist auch der zweite Hauptabschnitt, in dem der Textkorpus des ‚Passional‘ in seinen konzeptuellen Rahmenbedingungen vorgestellt wird. Da in der Gegenwartsgermanistik das Frühe Mittelalter zumindest im breiten Lehrbetrieb der meisten Universitäten erkennbar unterrepräsentiert ist, lässt sich auch dieser Abschnitt als ein Basiselement für Zugang und weitere Beschäftigung mit dem Themenkreis nutzen.

Nach diesen Grundlagen bieten die folgenden drei Kapitel exemplarische Einzeluntersuchungen, in denen geklärt wird, in welchem Maße und auf welchem Wege die Vorstellung der ‚Imitatio‘ ihren Weg in die Gestaltung von Heiligenlegenden gefunden hat. Dabei werden selbstverständlich auch über den ‚Passional‘-Text hinaus andere Quellen herangezogen; dies gilt etwa für die ‚Legenda Aurea‘. Dass der Verfasser in diesem Zusammenhang wirklich grundlegend vorgeht, erweist sich etwa in dem Unterabschnitt zum Apostel Petrus, dessen Lebensbeschreibung als paradigmatisch für die Vorstellung vom Heiligenleben und natürlich auch dessen Beschreibung angesehen werden muss. Die in diesem Zusammenhang wesentliche Unterscheidung von ‚Wunder‘ und ‚Magie‘ macht deutlich, in welchem Maße im Übernatürlichen auch immer die Gefahr einer Pervertierung des Heiligen vermutet wurde, so dass entsprechende Parameter der Einordnung anzulegen waren.

Gewissermaßen als Kontrapunkte untersucht Andreas Hammer in seinem siebten Kapitel die Lebensbeschreibungen von Judas und Pilatus, wobei es ihm wichtig erscheint, stilistische Muster auch in diesen antithetischen Texten nachzuweisen – und damit ihre übergeordnete Bedeutung, die sich hier freilich in diametralem Sinne äußert, zu belegen. Ebenfalls über das Feld der Hagiographie hinaus verweist der folgende Großblock, wobei wiederum entsprechende narrative Inszenierungselemente beobachtet und dementsprechend gewertet werden. Eine Art ‚Vorabschluss‘ bietet Kapitel neun, da einerseits über den Textrahmen des ‚Passional‘ hinausgeschaut wird, und etwa die Vita der Heiligen Elisabeth einer entsprechenden Untersuchung unterzogen wird, aber auch ein Blick auf die unterschiedlichen Versionen des ‚Passional‘ erfolgt. Der abschließende Blick auf das Ganze rundet die Untersuchungen ab und bietet eine kompakte Zusammenschau.

Eine ‚technische‘ Bemerkung sei an dieser Stelle angefügt. Die mit ungefähr 25 Seiten Umfang sehr ansprechende, weil auf die weitere Nutzung angelegte Bibliographie ist ein weiterer positive Aspekt. Ein klares Manko jedoch ist das Fehlen eines Registerapparates, der in Hinblick auf die Nutzungsfreundlichkeit dem Buch sehr gut getan hätte.

Grundsätzlich gilt: Das vorliegende Buch ist in jedem Falle, auch angesichts eines nicht eben günstigen Preises, seine Lektüre wert. Insbesondere angesichts der eingangs angesprochenen veränderten Parameter, aber auch im weitesten Sinne unter dem Aspekt der Selbstreflexivität, also des Bewusstmachens der eigenen Geistes- und Kulturgeschichte, ist ein Blick gerade in die geistige Umbruchsituation des 10. und 11. Jahrhunderts lohnenswert, aber eben auch wegen der sich herausbildenden narrativen wie auch strukturellen Konstanz der entsprechenden Vorgänge nicht von Nachteil. Der Blick wird – ausgehend vom ‚Passional‘ – auf andere Heiligenviten gelenkt, mehr noch, die Universalität entsprechender Muster etwa auch in ‚Anti-Hagiographien‘ deutlich gemacht. Damit eignet sich das ‚Erzählen vom Heiligen‘ für eine engere wie weitere Beschäftigung mit der Thematik – und das ist gewiss nicht das Schlechteste.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Andreas Hammer: Erzählen vom Heiligen. Narrative Inszenierungsformen von Heiligkeit im „Passional“.
De Gruyter, Berlin 2015.
471 Seiten, 99,00 EUR.
ISBN-13: 9783110408607

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