Echo und Schatten

Zu Sabine Kolochs Studie „Kommunikation, Macht, Bildung. Frauen im Kulturprozess der Frühen Neuzeit“

Von Barbara SichtermannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Barbara Sichtermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man hatte sich ja damit abgefunden, dass von Frauen auf dem Felde geistiger Arbeit vor der Aufklärung so gut wie gar nichts und im Verlauf des 18. Jahrhunderts nur hier und da mal was zu hören war; das schöne Geschlecht musste halt warten, bis die Idee der Gleichheit geboren war und einen gendermäßigen Index annehmen konnte. Jetzt zeigt uns Sabine Koloch mit ihrer umfangreichen Studie „Kommunikation, Macht, Bildung“, dass Frauen bereits im „Kulturprozess der Frühen Neuzeit“ eindringlich mitgeredet haben und wir uns somit den Weg des weiblichen Selbstdenkens und der Emanzipation sehr viel länger, sehr viel weiter zurückreichend vorzustellen haben als bislang.

Im 17. Jahrhundert, auch schon im 16., ging es los, dass Frauen nicht nur als Ausnahmen mitsprachen, sondern bei den allerersten Buch- und Zeitschriftenverlagen als Anregerinnen, Herausgeberinnen, Autorinnen und Übersetzerinnen dabei waren. Ihre Beiträge sind vornehmlich in der „verhaltensmodellierenden Gebrauchsliteratur“ zu finden, also in Ratgebern, Lehrschriften zur Verbesserung kommunikativen Verhaltens, vor allem der Konversation, zur Hebung der Moral und zur Erziehung der Kinder. Wer glaubt, dergleichen Literatur als Trivialität beiseite schieben zu können, ist auf dem Holzweg. Denn sie verrät uns viel darüber, wie die Menschen seinerzeit lebten, arbeiteten, fühlten, sich austauschten und wie das Geschlechterverhältnis beschaffen war.

Die mitdenkenden und schreibenden Frauen, so etwa Christiana Mariana von Ziegler, Johanne Charlotte Unzer oder Sophia Frömmichen in der Frühen Neuzeit – es waren nicht viele, aber genug, dass, wer hören will, einen Chor vernimmt – waren durchaus kühn, denn sie übertraten ein Verbot. Der Apostel Paulus höchstselbst hatte der Frau untersagt, „dass sie lehre“ und von ihr verlangt, „in der Gemeinde zu schweigen“. Die männlich dominierte Welt des Geistes hatte diese Vorgaben stets beachtet, und den Frauen war wenig anderes übrig geblieben, als Gehorsam zu üben und den Mund zu halten. Man wollte ja Gott nicht erzürnen. Der Buchdruck, die Reformation, die in die Landessprache übersetzte Bibel änderten Vieles: Jetzt sollten auch Frauen „lesefähig“ werden, um selber die Heilige Schrift zu studieren. Damit begann es, damit hörte es nicht auf. Frauen lasen andere Werke, sie schrieben selbst, und die sprachkundigen unter ihnen machten sich mit Eifer daran, die Moralschriften der so viel feinsinnigeren französischen Nachbarn zu übersetzen, etwa die der berühmten Madeleine de Scudéry. Männliche Verleger sahen das alles nicht ungern. Denn sie ahnten voraus, dass da ein literarischer Markt mit Büchern und Zeitschriften speziell für Frauen entstehen würde, am Leben erhalten von immer mehr lesehungrigen Kundinnen, wie er dann ja auch im 18. und 19. Jahrhundert zur Blüte kam.

Im Zentrum von Kolochs Werk steht die Kategorie „Kommunikation“, die als soziale Praxis ja nicht nur schriftlich erfolgt, sondern vor allem mündlich und mimisch und die immer ein Feld war, in dem Frauen viel leisteten. Wie aber den längst verhallten Gesprächen und Auftritten von einst auf die Spur kommen? Sind sie nicht für immer verklungen und vergessen und so für die Forschung verloren? Nein, denn sie haben ein Echo und einen Schatten hinterlassen, die gerade in der als trivial verkannten Gebrauchsliteratur aufbewahrt sind. Das 18. Jahrhundert hat ein literarisches Genre namens Gespräch oder Dialog hervorgebracht (beziehungsweise neu belebt, denn die Antike kannte es schon), das nicht zufällig damals ,in‘ war und das die kommunikative Kraft des Gesprächs erkannt hatte und festhalten wollte – eine Kraft, die auch im Besitz von Frauen war und von ihnen eingesetzt wurde. Zu den Werken, in denen wir sie spüren, gehören „die Briefausgabe, das Erbauungsbuch, die Erziehungslehre, der Konversationenband, die Maximensammlung, die Sittenlehre, die Tugend- und Klugheitslehre, die Verhaltenslehre sowie die Zitatensammlung“.

Die zweite Kategorie, die im Titel von Kolochs Werk auftaucht, heißt „Macht“. Mit kommunikativen Strategien ist immer auch Macht verbunden – aber wie kann man diese diffuse Macht aus verflossenen Jahrhunderten verorten, zuordnen und beschreiben? Koloch lehnt sich an den Machtbegriff von Michel Foucault an, der diesen in seinem Werk induktiv entfaltete und aus der festen Bindung an Institutionen herauslöste. So erscheint bei Koloch eine über Verhaltensnormierung und -steuerung vermittelte Macht auf der historischen Bühne, die auch und gerade Frauen einsetzten und die dem falsch tradierten Bild der rundum geknechteten und zum Schweigen verdammten Weiblichkeit widerspricht.

Also alles paletti – Frauen hatten immer schon ihren Anteil an der Macht, wir können, unter Gender- und Gerechtigkeitsgesichtspunkten, mit unserer Geschichte zufrieden sein? Das wäre ein Missverständnis. Die ungeheuer reiche Quellensammlung, die Koloch vor uns ausbreitet, zeigt nicht nur, wie und wo Frauen in Bildungsprozessen seit der Erfindung des Buchdrucks aktiv waren. Sie verfolgt auch die Auseinandersetzungen etwa über die Studierfähigkeit von Frauen, die immer angezweifelt wurde, um die Furcht der Männer, Domänen abtreten oder teilen zu müssen und um die prekären Lagen, in die Frauen gerieten, wenn sie öffentlich auftraten, also publizierten, sie präsentiert uns den „Kulturprozess“ durchaus auch als Kampfzone. Die Lektüre ist spannend – weil sie versunkene Geschichte ausgräbt und aus der Erfahrung von heute heraus befragt, belebt und zum Sprechen bringt.

Titelbild

Sabine Koloch: Kommunikation, Macht, Bildung. Frauen im Kulturprozess der Frühen Neuzeit .
Akademie Verlag, Berlin 2012.
490 Seiten, 99,80 EUR.
ISBN-13: 9783050051833

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