Abgeklärtheit und Tristesse

Amy Hempel spinnt in ihrem Erzählungsband „Die Ernte“ dichte motivische Netze, lässt aber mitunter zu wenige Zwischentöne zu

Von Christof RudekRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christof Rudek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Amy Hempel ist in ihrer Heimat, den USA, eine vielgelesene und von der Kritik geachtete Autorin. Ihre seit 1985 in vier schmalen Bänden publizierten Erzählungen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland sind die Autorin und ihre Texte noch nahezu unbekannt – lediglich eine von ihr mitherausgegebene Anthologie mit Gedichten über Hunde war bisher übersetzt. Jetzt nimmt sich der kleine Wiesbadener Luxbooks-Verlag ihrer Texte an, beginnend mit „At the Gates of the Animal Kingdom“, Hempels zweitem, 1990 erschienenem Buch, das im Deutschen nun den Titel „Die Ernte“ trägt. Die übrigen Bände sollen im Zweijahresabstand folgen. Laut Klappentext darf sich das deutsche Publikum auf Geschichten freuen, die in den USA und einigen europäischen Ländern bereits als „moderne Klassiker“ gelten und von einer der „großen unentdeckten Stimmen der amerikanischen Literatur“ stammen. Lohnt sich diese Entdeckung?

Auf jeden Fall lohnt es sich, den Band bis zum Ende zu lesen, denn die letzte Geschichte ist die beste. „Die Ruhe Gottes“ handelt von einer Gruppe von Freunden und Nachbarn, die an einem Sommerabend ein Grillfest veranstalten. Die Ich-Erzählerin, die Teil dieser Gruppe ist, zeichnet in knappen Umrissen das Bild einer Art Idylle, die jedoch stets durchsichtig bleibt für die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens und die Fragilität des Glücks, die in wenigen erinnerten Ereignissplittern angedeutet werden.

Das Positive dieser Geschichte fehlt den meisten anderen völlig. Sie handeln von Unfällen, vom Tod, unguten oder nicht zustande kommenden Beziehungen, fehlender Empathie mit Mitmenschen und Mitgeschöpfen – Tiere, vor allem Hunde und Fische, begegnen in den Geschichten häufiger, wie zum Beispiel in „Vor den Toren des Tierreichs“, wo eine Frau von Visionen des Leids heimgesucht wird, das die Tiere von den Menschen erfahren.

Hempel webt ein dichtes Netz von Motiven, deutet vieles nur an, sagt eher zu wenig als zu viel – an einigen Stellen bis zur Grenze des Unverständlichen. Erzählt wird fast immer aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin, die direkt oder indirekt vom Geschehen betroffen ist, jedoch in einer lakonischen, lässigen, hin und wieder mit sarkastischem Witz durchsetzten Sprache, die stets auf Distanz zum Berichteten bleibt.

Bisweilen hat man allerdings den Eindruck, dass manche dieser Geschichten bei aller Kunstfertigkeit letztlich nicht viel mehr zu bieten haben, als die Schlechtigkeit des Lebens zu konstatieren. Der lässig-unterkühlte Ton klingt hohl angesichts der beinahe stereotypen Wiederkehr des Leids und der Tristesse, die in diesen Texten herrschen. „Tiefenrausch“ zum Beispiel handelt von einer jüngeren Frau, die nach einem Unfall gelähmt und bettlägerig ist. Für Halloween hat sie eine andere Frau – die Erzählerin der Geschichte – engagiert, die Süßigkeiten an die klingelnden Kinder verteilen soll. Die bettlägerige Frau trägt an beiden Händen Ringe, die vor allen möglichen Krankheiten und Unfällen schützen sollen – ein Sportunfall ist jedoch der Grund ihrer Lähmung. Die Erzählerin trägt einen Verlobungsring – ihr Verlobter ist jedoch bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen. Am Ende lässt sie versehentlich die Fernbedienung außer Reichweite der gelähmten Frau liegen. Spätestens der Fernseh-Fitnesskurs um fünf Uhr früh wird sie wecken. „Du Jour“, eine Geschichte, die von einer Frau handelt, die sich das Rauchen abgewöhnen möchte, endet mit den bezeichnenden Worten: „Aber was ist mit diesen ersten drei Tagen, die die Schlimmsten sein sollen? Da irren sie sich. Es ist dein Leben – es ist der Rest deines Lebens, der am Schlimmsten ist.“

Mit dem Band „Die Ernte“ lernt der Leser eine zweifellos bemerkenswerte Erzählerin kennen, die sich allerdings nicht immer auf der Höhe ihrer Fähigkeiten bewegt.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Amy Hempel: Die Ernte. Stories. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jakob Jung .
luxbooks, Wiesbaden 2013.
115 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783939557722

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