Dem Zorn den Rücken kehren

Martha Nussbaum liefert ein „Plädoyer für die Kultur der Gelassenheit“

Von Galina HristevaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Galina Hristeva

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für Aristoteles war er gut, sinnvoll, oft gerechtfertigt und gerecht – also durchaus zu begrüßen, wenn er sich im rechten Maß zeigte. Für Seneca war er abscheulich und eine richtige Krankheit: der Zorn. Martha Nussbaum – Altphilologin und preisgekrönte Philosophin aus Chicago – zeigt in ihrem neuen Buch Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit, dass man von Aristoteles und Seneca in puncto Zorn viel lernen kann. Beide haben Einfluss auf ihre eigene Kritik des Zorns. Mit Aristoteles nimmt sie an, dass Zorn angebracht und ein „Werkzeug der Gerechtigkeit“ sein kann. Mit Seneca teilt sie die Vorstellung, dass Sanftmut (clementia) doch besser als Zorn ist. Und mit beiden Vorläufern teilt sie den Abscheu vor der zerstörerischen Kraft und der verderblichen Wirkung des Zorns, vor seiner „sich selbst fortreißenden Aggressivität“. Den Ausweg aus den Dilemmata des Zorns findet Nussbaum allerdings bei Aischylos. Ihr Buch beginnt mit seinem programmatischen Spruch „Aus Furien werden Eumeniden.“

Nussbaums Affektlehre beziehungsweise Zornkritik ist ausschließlich am Richtmaß der Vernunft orientiert. Sie zweifelt an keiner Stelle daran, dass „die Neigung zu Zorn und Rache […] tief in der menschlichen Psyche verwurzelt“ ist, sie überprüft und hinterfragt jedoch den Sinn und Zweck des Zorns mit vernünftigen und auch psychologisch fundierten Argumenten. Da er aus Schwäche und Herabsetzung entsteht, wie schon Aristoteles wusste, von Heimzahlungsfantasien genährt wird und in der Regel auf Vergeltung zielt (was ja gerade das ,Schöne‘ für den Zornigen ist), führt uns der Zorn in den „endlosen Kreislauf der Blutrache“. Trotz der vernünftigen, ja edlen Diktion versteht es die Autorin, im Buch auch das grausame Schauspiel grassierenden Zorns zu entfesseln und den Blutgeruch der tobenden Furien zu verbreiten: In seinem Blutdurst ist der Zorn „menschenunwürdig, hundegleich.“ Als Teil, geschweige denn Grundlage einer gerechten Rechtsordnung taugt er nicht, wie schon Athene in Aischylos’ Orestie erkannte. Aus Zorn soll Güte werden.

Nussbaum stürzt sich aber nicht gleich auf ihre Lösung. Sie nimmt den Zorn trotz seiner Irrationalität (oder gerade deswegen) sehr ernst, stellt er doch „grundsätzlich immer ein Problem“ dar. Ihre Analysen des Zorns sind sorgfältig und umfassend, mit zahlreichen Beispielen illustriert. Sie erstrecken sich sowohl auf den privaten als auch auf den öffentlichen Bereich. Dabei enthüllt sie nicht zuletzt das „magische Denken“, mit dem Geschädigte über den Zorn „das kosmische Gleichgewicht“ wiederherstellen wollen. Den „begrenzten Nutzen“ des Zorns als „Signal“ für eine Ungerechtigkeit oder als „Abschreckung für andere, um sie von Aggressionen abzuhalten“, gibt Martha Nussbaum bereitwillig zu. Anders als Seneca will sie dem Zorn jedoch nicht gänzlich eine Absage erteilen. Auch die weise Athene bei Aischylos verbannte die Furien nicht, sondern integrierte sie in die neue Rechtsordnung. Daraus ergibt sich bei Nussbaum der Begriff des „Übergangs“. Der Übergang zur Gelassenheit, zur Milde und Vergebung bedeutet Mühe und Arbeit, auch im Sinne von „Trauerarbeit“. Beginnen soll er mit dem „Zorn des Übergangs“, den die Philosophin auf die folgende Formel bringt: „Wie empörend. Dagegen sollte etwas unternommen werden.“

Zorn und Vergebung sind auch deshalb ein verstörendes Paar, weil die antike Ethik zwar den Zorn, nicht aber die Vergebung kennt. Aber ist uns Vergebung nicht schon zur Genüge aus der christlichen Ethik bekannt? Erwartungsgemäß widmet sich Nussbaum auch der christlichen Vergebungsethik, weist aber deren Unzulänglichkeit nach: Der christliche Vergebungsprozess ist „gewaltsam gegen das Ich“ und immer an Konditionen gebunden. Es ist „ein harter, inquisitorischer Prozess“ und nicht mit der Würde und Achtung vor dem Menschen vereinbar. Beispiele für bedingungslose Vergebung auch ohne Reue findet Nussbaum zwar sowohl in der hebräischen Bibel als auch in den Evangelien, nur hat die Kirche die bedingungslose Vergebung immer heruntergespielt und die „transaktionale“, an Bedingungen geknüpfte Vergebung favorisiert und gefördert.

Anders als die Stoiker verkennt und leugnet Nussbaum den Wert „äußerer Güter“ nicht. Sie weiß um den Wert des individuellen Wohlergehens und des Gemeinwohls. Ihr Konzept ist „welfaristisch“, das heißt am individuellen und am sozialen Wohl ausgerichtet. Ungerechtigkeiten beeinträchtigen hingegen das menschliche und das soziale Wohlergehen. Die Affekte selbst sollen in den Dienst dieses Wohlergehens gestellt werden. Politische Institutionen erhalten in Nussbaums Konzept demnach die Aufgabe, ihre Bürger „gegen die Rückkehr der Furien“ zu schützen. Von ihnen erwartet die Autorin über die Gesetzestreue und „Liebe zur Gerechtigkeit“ hinaus auch einen Geist „einfühlender Großzügigkeit“.

Ist das philosophisch und politisch naiv? Betrachtet man diese Ideen von Nussbaums utilitaristischer Warte aus, nach der das Wohl der Bürger zu schützen ist, gerade weil es ein Gut ist, hört sich alles nicht mehr naiv und utopisch an. Ihr in der deutschen Übersetzung womöglich an Lebenshilfe-Ratgeber erinnernder Untertitel Ein Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit wirkt dann auch nicht mehr trivial, sondern als radikaler Aufruf zu einer „eumenidischen Gesellschaft“. Dass wir Zorn, Schuldzuweisungen, Bestrafung, Reue und Sühne – lauter Instrumente der Hilfs- und Machtlosigkeit – dabei nicht brauchen und diese am besten umfunktionalisieren sollten, hat sie mit vielen Fakten und einer überzeugenden, luziden Argumentation nachgewiesen. „Die Botschaft der Eumeniden“, mit der das Buch schließt und die ein neues Modell von Recht, politischem Denken und Praxis entwickelt, verspricht „ein reich Gedeihn“. Ein weises, inspirierendes, gedanklich und sprachlich brillantes Buch über die Herausforderungen menschlicher Existenz und die Möglichkeiten menschlicher Eudämonie.

Titelbild

Martha Nussbaum: Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit.
Übersetzt aus dem Englischen von Axel Walter.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017.
408 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783534268849

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