Anhaltende Mittsommerstimmung

Christine Pitzkes Roman „Im Hotel der kleinen Bilder“

Von Ulrike MatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrike Matzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

So, wie das titelgebende Hotel sich einer Zuordnung zu einer der Sterne-Kategorien entzieht, so wenig entsprechen jene, die in ihm Unterschlupf gefunden haben, klassischen juillettistes oder aoûtiens, wie man in Frankreich habituell im Juli respektive August Urlaubende zu nennen pflegt. Das kleine Haus in der überschaubaren provençalischen Hafenstadt La Ciotat ist einigen Verlorenen Anlegestelle und schützende Ädikula: Reymont, der nach dem Karrieresprung seiner Frau auf das Reihenhausdasein in Deutschland verzichtet hat und nun scheu-verträumt an der Rezeption das stille Zentrum bildet, oder Ines Hoegner, die sich nach einem Vergiftungsversuch hier neu justiert. Desgleichen meint der Statistikprofessor Paul dort die ihm entsprechenden Koordinaten vorzufinden. Von ihm erwartet die ortsansässige Silvie ein Kind – und auch Reymont und Madame Hoegner, die sich in Jugendzeiten bereits eimal begegnet waren, fangen wie nebener irgendwann (wieder) an, „kleine Dinge“ zu machen.

In Form von Bagatellen entwirft die Autorin das Panorama eines Sommers, in dem die Seele sich weiten darf. Etwas abseits und gleichzeitig inmitten der Geselligkeit im Gästehaus, am Strand feiern die dort Weilenden das pure Dasein als eigentliches Fest des Lebens. Ohne hochgestimmt zu sein, sondern schön und selbstverständlich sorgt der Text dafür, dass seine Protagonisten (und wir Lesende mit ihnen) aufs Angenehmste die Bodenhaftung verlieren: Nach und nach, kleinweis also, wie wir in Österreich es umgangssprachlich formulieren, verwickeln sich Vorkommnisse und Wahrnehmungen in Wiederholungen und Variationen, „Wiederholungen, die keine Wiederholungen waren, sondern eine Sammelstelle für Fragen“. Darüber entgeht die Erzählung nicht nur dem Ennui einer eindimensionalen Schilderung des Findens seiner selbst, der Stasis von bloßer Harmonie. Auf aparte Weise vermag das Buch gleich den Figuren in ihm seine Rätselhaftigkeit zu wahren, ja, ein gewisses surreales Potenzial: Hat man nach einem Moment des Aufmerkens den „Triangel“, mit dem Reymont weiterspaziert, als er sein Hemd ausgezogen hat, als seinen gebräunten Halsausschnitt identifiziert, findet sich einige Kapitel weiter ein merkwürdiges Karussell in Gang gesetzt, auf dem ebenso merkwürdige Tiere defilieren: „eins mit einem großen Triangel im Fell, eins, dem das Fell über die Ohren gezogen war, eins mit einem umgedrehten Kragen, eins mit einem Messer im Hals, eins mit einem zugeschnürten Hals.“

Passagen mit derart formgebender Kraft, die Christine Pitzke sich qua licentia poetica gewährt, ließen sich analog zu bewussten Webfehlern in Teppichmustern lesen – bilden doch Tapisserien an den Wänden des Hotels eines der Leitmotive. Durch immer neues Betrachten beheimaten Reymont allein die Bilder dieses Wandbehangs. – Wer sich auf tatsächlichen oder imaginären Reisen das Büchlein zum Begleiter nimmt, es aufschlägt und in der äußeren wie inneren Landschaft weiterliest, wird ohne Zweifel reich bedient.

Titelbild

Christine Pitzke: Im Hotel der kleinen Bilder. Roman.
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2013.
160 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783990270356

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