Lachen als Strategie des Widerstands

In seinem ersten Roman seit anderthalb Jahrzehnten findet Milan Kundera zu einer für ihn ganz neuen Art der Leichtigkeit des Schreibens

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei große Schriftsteller leben seit Jahrzehnten in Paris. Beide sind sie keine Franzosen von Geburt. Milan Kundera kommt aus der Tschechoslowakei, die es in dieser Form heute gar nicht mehr gibt. Paul Nizon hat der Schweiz den Rücken gekehrt. Zu eng (Nizon), zu repressiv (Kundera) ging es in ihren Vaterländern zu – das hat sie ins Exil getrieben, den einen aus politischen Gründen, den anderen aus mehr privaten. In Frankreich gewannen sie weltliterarische Bedeutung, die auch auf ihre Herkunftsländer ausstrahlte. Allein an Rückkehr denken sie bis heute nicht.

In diesem Jahr werden beide 86 Jahre alt, Kundera im April, Nizon im Dezember. Anders als noch in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts müssen ihre Leser inzwischen lange auf  neue Texte beider Autoren warten. Von Nizon kennt man den Arbeitstitel des Romans, an dem er seit mehr als einem Jahrzehnt sitzt, das Buch selbst hat jedoch noch nicht das Licht der Welt erblickt. Und auch Milan Kundera hat viel Zeit verstreichen lassen seit seinem letzten Werk, „Die Unwissenheit“ (2000). Doch jetzt ist er wieder da – mit einem melancholischen Buch voller Altersweisheit und einer erstaunlichen Milde der Welt gegenüber.

Allein einen „Roman“ möchte man „Das Fest der Bedeutsamkeit“ kaum nennen. Kunderas deutscher Verlag hat sich mit einem äußerst großzügigen Satzspiegel viel Mühe gegeben, das Werk auf eine Seitenzahl jenseits der 100 zu strecken. Seine sieben sich „Teile“ nennenden Abschnitte sind eher Kapitelchen, der Plot kaum der Rede wert. Es wird viel flaniert – durch den Jardin de Luxembourg, entlang der Seinequais und über die breiten, sonnenbeschienenen Boulevards. Die Handlung – wenn man von einer solchen denn sprechen will – setzt sich aus einer eher langweiligen Festivität und der lockeren Freundschaft einer Handvoll älterer Männer zusammen.

Caliban gehört dazu, ein nicht allzu erfolgreicher Schauspieler, der für seinen Freund Charles, der sich als Organisator von Cocktailpartys für die mondäne Welt durchschlägt, auch gern einmal als Kellner einspringt. D‘Ardelo, der aus Anlass eines Geburtstages, dessen Zahl er am liebsten verschweigen würde, eben jenes Fest in die bewährten Hände von Charles gibt, hat von dessen Professsion wiederum durch Ramon gehört, einen ehemaligen Kollegen von der Universität. Alain schließlich, der Fünfte im Bunde, der sich eine 20-jährige Freundin zugelegt hat und nur zu gern über die entblößten Nabel der Mädchen auf den Pariser Straßen als neuesten Mittelpunkt weiblicher Verlockung meditiert, hat einen ehrbaren Beruf ergriffen, sieht sich selbst aber als Dichter, der freiwillig der Dichtung entsagt.

Man trifft sich und redet, philosophiert und bramarbasiert, erinnert sich der alten Zeiten und schwelgt in Anekdoten und Anspielungen. Ramon würde gern eine Chagall-Aussstellung besuchen, scheut aber davor zurück, sich in die Schlange einzureihen, die sich Tag für Tag vor dem Museum bildet. D‘Ardelo erfährt bei einem Arztbesuch, dass seine Furcht, an Krebs erkrankt zu sein, unbegründet ist, findet aber, dass er als Mensch interessanter erscheint, wenn er sich seinen Bekannten gegenüber weiterhin als dem alsbaldigen Tode verfallen ausgibt. Caliban erfindet sich eine eigene Sprache – das „Pakistanische“ –, muss aber erfahren, dass ihm dies keineswegs jene Aufmerksamkeit sichert, die er bei der Aktion im Auge hatte. Und Alain schließlich denkt an seine Mutter, den Zufall der Geburt und den ihn seit je störenden Reflex, sich ständig entschuldigen zu müssen.

Es sind keine existentiellen Probleme, die Kunderas Figuren umtreiben. Niemand wird bedroht, keiner muss Hunger oder Durst leiden, jeder hat sein Zuhause und einen Kreis von Menschen um sich herum, denen er sich mit seinen Sorgen und Nöten anvertrauen kann. Man gehört, auch wenn man sich gelegentlich ein bisschen strecken muss, zur besseren Gesellschaft, wird eingeladen in die Salons und ausgeführt an Orte, wo man seinesgleichen trifft.

Doch Kundera wäre nicht Kundera, wenn er seine Geschichte von Anfang bis Ende in dieser scheinbar so heilen Welt ansiedeln würde, einer Welt, in der das größte Problem die Frage darstellt, wie die berühmte Lebedame La Franck, Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der ganzen Stadt, mit dem Verlust ihres aktuellen Partners zurechtkommt. Stattdessen streut er gelegentlich verstörende Signale in den Text. Das Jahrhundert, in dem ein „Ismus“ nach dem anderen antrat, um die Menschen in die Hölle statt ins versprochene Paradies auf Erden zu führen, ist auch in „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ präsent. Allerdings auf andere Weise, als wir das aus den frühen Romanen dieses Autors kennen – als Satyrspiel zur Tragödie sozusagen. Ein gut gelaunter Josef Stalin, der im engsten Kreis seiner Anhänger Witze über sich selbst zum Besten gibt, wäre in Romanen wie „Das Leben ist anderswo“ (1970) oder dem berühmten „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984) nicht denkbar gewesen.

Freilich geht es Kundera, wenn er die lächerlichen Seiten totalitaristischer Systeme in den Gesprächen seines Romanpersonals anklingen lässt, keineswegs um die Revidierung seiner Ansichten über Regime, die, wenn sie denn gekonnt hätten, auch über die Verteilung der Atemluft an ihre Untertanen selbstherrlich entschieden hätten. Wenn Stalin immer wieder die Anekdote von den 24 Rebhühnern erzählt, von denen er auf einer Jagd nur ein Dutzend erschießen kann, weil ihm die Munition ausgeht, er daraufhin von seinem dreizehn Kilometer entfernten Zuhause weitere zwölf Patronen holt, um auch die restlichen, brav vor Ort gebliebenen Tiere zu töten, dann findet nicht nur seine engste Entourage das wenig witzig. In Gegenwart des Diktators allerdings wagt es keiner, das zuzugeben, stattdessen mokiert man sich über den Schlächter hinter dessen Rücken auf der Toilette – ohne sich dessen bewusst zu sein, auch dort belauscht zu werden. Ganz folgerichtig entschließt sich Charles, die von Nikita Chruschtschow übermittelte Rebhuhn-Geschichte in ein Stück für das Marionettentheater umzuwandeln: Hat der Stalinismus doch aus Menschen Marionetten gemacht, die wie jene zwölf Rebhühner angesichts ihrer getöteten Stammesbrüder nicht die Flucht ergriffen, sondern brav darauf warteten, selbst an die Reihe zu kommen.

Doch wie lange wirken die Schrecken der Vergangenheit nach? Als Caliban Alains junger Geliebter Madeleine eines Tages die Rebhuhn-Geschichte weitererzählt, ist er über die Reaktion der 20-Jährigen entsetzt: „[…] für sie war es nur eine unverständliche Anekdote über einen Jäger! Den Namen Stalin kannte sie vielleicht gerade noch, aber sie verstand nicht, warum ein Jäger diesen Namen trug …“ Die übrigen Herren wundern sich nicht und resümieren, wie unterschiedlich Angehörige ihrer Vorgängergenerationen mit Stalin und dem Stalinismus umgingen. Während Ramons Großvater noch mit anderen Intellektuellen eine Petition zur Unterstützung des Generalissimus unterschrieb, waren dessen Söhne schon von Skepsis erfüllt und deren Nachkommen wiederum sahen in Stalin den allerschlimmsten Verbrecher. Fazit: „Menschen begegnen sich im Leben, plaudern, diskutieren, streiten miteinander, ohne sich bewusst zu machen, dass sie aus großer Entfernung miteinander sprechen, jeder von einem Beobachtungsposten aus, der an einem anderen Ort in der Zeit steht.“

Was also sollte ein Leben ausmachen, damit es erträglich wird in seiner Zeit? Milan Kundera, der sich an drei, vier Stellen seines Buchs als der Fadenzieher hinter seinen Figuren zu erkennen gibt, als deren „Meister“, Erfinder und Lenker, lässt die Gespräche Alains und seiner Freunde immer wieder um dieses Thema kreisen. Wenn alle Versuche, die Welt zu verändern, als gescheitert angesehen werden müssen, bleiben letzten Endes nur noch die Resignation oder ein heiteres Sich-Erheben über die Dinge. Sie nicht ernst zu nehmen, sich von den Zufälligkeiten einer Existenz, die man nicht selbst gewählt hat, nicht determinieren zu lassen, sondern die gute Laune nicht zu verlieren angesichts des Meers von Bedeutungslosigkeit, in das man mit seiner Geburt geraten ist, scheint das Fazit zu sein, welches die Herrenrunde letztlich zieht. Das ist als Allheilmittel für jeden sicherlich nicht brauchbar. Einen der großen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts lässt es freilich unerwartet gelassen erscheinen. Hier feiert einer im Abendlicht seines Lebens das Dasein um seiner selbst Willen. Ihm diese Feier nicht zu gönnen, wäre Spielverderberei.

Titelbild

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Uli Aumüller.
Carl Hanser Verlag, München 2015.
140 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783446247635

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