Multiple Illegalität

Max Annas verflicht in seinem Roman „Illegal“ Facetten der Illegalität und weist auf die Probleme von Geflüchteten hin

Von Britta TekotteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Britta Tekotte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als der aufgrund von unglücklichen Umständen illegal in Deutschland lebende Südafrikaner Kodjo sich mit seinem Freund auf der Flucht vor der Polizei befindet, gelangt er nach einer langen Tortur ‚zuhause‘ an. Bei diesem Zuhause handelt es sich um ein leerstehendes Haus, das er illegal bezogen hat. Von dort beobachtet er durch sein Fenster den Mord an einer Nachbarin.

So sehr dieser Auftakt des neuen Romans von Max Annas, Illegal, an Hitchcocks Filmklassiker Das Fenster zum Hof erinnert, so schnell spitzt er sich auch zu: Kodjo sieht sich im Folgenden nicht nur mit dem unfreiwillig beobachteten Kapitalverbrechen konfrontiert, sondern auch mit dem Dilemma, wie er damit umzugehen hat: Zwar fühlt er sich, als einziger Zeuge, dazu angehalten, die Polizei zu rufen, würde damit aber die eigene Abschiebung riskieren. Bei seinem Versuch, das Dilemma zu lösen, trifft er die Entscheidung, den Tatort zu besuchen und den Mörder selbst zu verfolgen. Dabei erkennt der Mörder aber auch Kodjo. So beginnt eine dreifache Jagd: Kodjo gegen den Mörder, der Mörder gegen ihn, die Polizei gegen Kodjo. Denn wie es der Zufall will, haben Nachbarn ihn im Treppenhaus gesehen, vermuten in ihm den Täter und geben diese Information – die sich einzig auf seine Hautfarbe bezieht – an die Polizei weiter. Mithin werden dem Protagonisten durch seine Mordbeobachtung gleich drei Verantwortungen aufgebürdet: sich selbst, dem Opfer sowie der Gesellschaftsgruppe der schwarzafrikanischen Migranten gegenüber. Der Protagonist versucht, diesen allen gerecht zu werden, und reflektiert im Zuge dessen immer wieder die Auswirkungen seines Handelns. Seine Verwicklungen erscheinen schlechthin fatal: Er muss sich selbst vor der Polizei retten, er will dem Opfer Gerechtigkeit widerfahren lassen und er will verhindern, dass aufgrund des racial profiling ein Schwarzafrikaner unschuldig verhaftet wird. Bei alledem bleibt das Prinzip der Kontingenz als Initiationspunkt der Erzählung bestehen; Max Annas schafft damit eine literarische Textur, in der sich der Topos des Verantwortungsgefühls mit der Technik des Zufalls sowie einem klassischen Kriminal-Sujet verschränken. Er zitiert somit die zeitgenössischen Diskurse um Rassismus, Migration, unerlaubte Aufenthaltstatus und die nach ethnischen Kriterien vollzogene, systematische Verbrechensverfolgung an.

In kurzen, fast filmischen Sätzen, die wie zackige Szenenwechsel funktionieren, kreiert Max Annas eine Geschichte, die höchst spannend und politisch ist. Der erste Teil ist ausschließlich aus Kodjos Perspektive erzählt und handelt von seiner Jagd und gleichzeitigen Flucht. Im zweiten Teil unterliegt die Erzählperspektive häufigen Wechseln, namentlich von Kodjos Sicht zur Sicht von vier weiteren Figuren. Der immer wieder auftauchende subtile Witz in der gesamten Tragik der Geschichte lässt Kritik zu und dies nicht nur an Kodjos persönlicher Situation: Kodjo ist Historiker, einst war er auch als solcher angestellt; zudem war er verheiratet – zum Verlust von beidem gesellt sich auch der Verlust eines legalen Aufenthaltsstatus. Aber auf die Schilderung dieses Individualschicksals beschränkt sich der Roman keineswegs, Illegal thematisiert ebenso die Makrosituation des politischen Allgemeingeschehens. Die Beschreibung einer neureichen Gegend weist kritisch auf die immer weiter schrumpfenden Gelder der Kommunen für Kunst und Kultur hin: „Mehrstöckige Wohnhäuser, L-förmig, viel Grün dazwischen, kein Pub, kein Buchladen weit und breit. Wer wollte so leben?“ Stilistisch nutzt Annas wenige konkrete Beschreibungen, jedoch viele Metonymisierungen: Polizisten und Verfolger heißen häufig „die Uniformen“ oder werden wie folgt umschrieben: „Der kleine Anzug stand immer noch hinter dem großen Rucksack.“ Die Beschreibung eines Bahnfahrenden kritisiert wiederum die Haltung mancher, die sich selbst narzisstisch zur Schau stellen: „Neben ihm ein Anzugträger, knapp 40, der aussah, als sei es eine politische Entscheidung, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.“ Neben der Kritik an Ausländerfeindlichkeit tritt hier der teilweise Wegfall einer Kulturszene aus einer eigentlich kulturell prosperierenden Metropolregion, beziehungsweisen deren Verdrängung durch die Wirtschaft.

Alltagsästhetische Beobachtungen, die durch Perspektivwechsel in eine rasante Story eingebettet werden, spitzen sich im Laufe der Handlung immer weiter zu. Kodjo, der eigentlich ein normales -wobei natürlich ungeklärt bleibt, was genau „Normalität“ bedeutet- Leben ersehnt, der mit seinem Freund zu Beginn des Romans über die Straße läuft und sich mit ihm darüber austauscht, wer der Fußballer des Jahres wird, driftet immer mehr ab in die Unsichtbarkeit. Gänzlich unsichtbar muss Kodjo sein, dass prinzipiell alle illegal sich aufhaltenden Menschen gänzlich unsichtbar sein müssen, wird zu einem Kredo der Parallelgesellschaft ausgearbeitet. Max Annas macht ihre tragische Situation sichtbar. Er macht dementsprechend die Situation derjenigen Menschen sichtbar, die aufgrund ihrer Hautfarbe noch immer in Deutschland noch immer rassistischen Ressentiments ausgesetzt sind, wie auch eine ausländerfeindliche Figur im Roman bei der Verfolgung ausdrückt: „Sie werden in Berlin doch wohl noch einen Schwarzen erkennen.“ Oder später aus ähnlicher Sicht: „Dann wollte er nicht in der Haut von dem Typen stecken. Haha, der Witz fiel ihm gerade noch auf. In dessen Haut wollte er sowieso nicht stecken.“ Neben offenem und verdecktem Rassismus ist auch Sexismus Thema. So ist der türkisch-deutsche Busfahrer sehr darauf bedacht, eine betrunkene Frau vor gierigen männlichen Blicken zu schützen: „Es gab noch einen anderen Grund als den Zeitplan, warum er nicht warten wollte.“ Somit haben wir es mit einem doppelten detektorischen Verfahren zu tun: Sowie Kodjo den Mörder ans Tageslicht bringen will, so will der Roman Missstände der Gesellschaft aufdecken. Der ständige Perspektivwechsel der Erzählstimme im zweiten Teil des Romans trägt dazu bei, dass die Tragik von Illegal noch deutlicher wird. Durch den stilistischen Kniff, durch den der Leser zum Beobachter der zweiten Ordnung wird, wie zum Beispiel bei „Kodjo konnte Saifs Schmerz spüren“ oder durch die beschriebene Sicht von Deniz mitleidigem Blick auf die Sicht von Marie, die ihren Freund sterben sieht, wird Kitsch vermieden und dennoch Mitleid evoziert. Auch das Thema Liebe lässt Annas nicht aus. In einem erzählerischen Nebenstrang wird eine Dreiecksgeschichte entworfen, bestehend aus zwei Frauen und einem Mann. Kodjo geht mit beiden der Frauen eine emotionale Verbindung ein, von der einen ist er zusätzlich abhängig, die andere ist auch Partnerin in crime oder besser: Partnerin beim Kampf gegen Ungerechtigkeit. Die Tatsache, dass Kodjo immer und immer wieder allen entkommt und am Ende ein vermeintlich simples Unglück passiert (das hier nicht verraten werden soll), zeigt sich als ein Verstärkungselement der der Geschichte eingegebenen Grundtragik.

Nach seinen beiden vorherigen Romanen, Die Farm (2014) und Die Mauer (2016), die beide in Südafrika spielen, wo Annas sieben Jahre gelebt und gearbeitet hat, ist Illegal Annas erster Roman, der in Deutschland spielt. Stilistisch erinnert er an die vorherigen Romane, die ebenfalls sehr szenisch aufgebaut und aus wechselnden Perspektiven erzählt sind. Illegal ist nun filigraner ausgearbeitet. Max Annas ist mit Illegal insgesamt ein guter Roman gelungen, der nicht nur spannend zu lesen ist, sondern eine tagesaktuelle Brisanz und Wichtigkeit besitzt. Sich politisch zu äußern in einem Genre, das von einer breiten wie heterogenen Masse rezipiert wird, und das facettenreiche Thema der Illegalität durch mitreißende Stilmittel dem Leser so zugänglich zu machen, ist ein kluger Schachzug. Die Tragik dieses Krimis ist die Tragik des aktuellen Zustandes der Gesellschaft.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Max Annas: Illegal. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017.
240 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783498001018

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