Schwarm im Wasserglas

Kenneth J. Harveys Meeres-Mumpitz "Die Stadt, die das Atmen vergaß"

Von Stefan MeschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Mesch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Killerquallen, Killerfische, Killerwellen, Killerkrabben: Frank Schätzings Öko-Thriller "Der Schwarm" ließ es mächtig krachen. Aus dem Nichts wurden arglose Urlauber von allerlei maritimen Getier attackiert, und viele, viele Fischerboote gingen dabei zu Bruch. Und U-Boote. Und Wasserflugzeuge. Auch Ölbohrplattformen. Sogar Dänemark und England mussten dran glauben. Und hätten sich diese Szenen auf einer Leinwand abgespielt statt auf den Seiten eines Romans, die Menschen hätten anerkennend geklatscht und sich gegenseitig in die Rippen gestoßen und gesagt: "Weißte noch, die Kuh aus 'Twister'? Oder wie der Emmerich das Weiße Haus inne Luft gesprengt hat? Hamwa damals acht Mark Eintritt für gezahlt, um uns das anzukucken. Und dabei wars nix gegen das hier!"

Das hier, das sind vor allem die Schauwerte des Romans: überlebensgroße Helden, maßlose Zerstörungsorgien, ein globales Katastrophen(film)szenario. So pompös und ausufernd, dass sich "Der Schwarm" über weite Strecken las wie die Produktionsnotizen eines neuen Sommer-Blockbusters - ein Roman also, einzig geschrieben, um verfilmt zu werden. Schätzing ist Oberfläche: er würde nicht den Fehler Michael Crichtons begehen, die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen sich seine Horrorszenarien ansiedeln, interessanter zu gestalten als das Geschrei und Gerenne, das losbricht, sobald alles außer Kontrolle gerät. Und auch Stephen Kings Methode liegt ihm fern: so nah an den Figuren zu kleben, an ihren feingliedrigen biografischen Details und Psychosen, dass bei einer Verfilmung kaum noch brauchbare Handlung übrigbleibt. Im "Schwarm" stört nichts den flow, bremst kein Detail den Spannungsbogen aus. Ein Autor wie ein Wasserläufer: ginge er tiefer, er würde sofort einbrechen. Das Gleichgewicht verlieren. Untergehen. Romane wie "Der Schwarm" müssen flach sein. Sonst würden sie nicht funktionieren.

Kenneth J. Harvey dagegen spielt in einer ganz anderen Liga. Schon das (an Gothic Novels erinnernde) Cover seines ersten in Deutschland erschienenen Romans, "Die Stadt, die das Atmen vergaß", schreit: "Ich will mehr sein als eine unterhaltsame Zerstörungsfantasie!" Harvey erzählt eine Gespenstergeschichte aus Neufundland, die vor allem durch ihren Stil überzeugt: Figuren, denen man nur langsam näher kommt. Eine klamm-feuchte Atmosphäre, bei der jede noch so perfide Wendung immer auch das Lokalkolorit unterstützt. Blanker Horror, der sich wunderbar einfügt in die Landschaft, das karge Küstendörfchen und die Mentalität seiner mürrischen Bewohner. Und im Hintergrund wogt immerzu das Meer, zärtlich und launisch und maßlos und subtil. Und tödlich. 1993 wurde dieselbe Region von der Pulitzerpreisträgerin Annie Proulx beschrieben, in ihrem übersinnlich angehauchten Familienroman "Schiffsmeldungen". "Die Stadt, die das Atmen vergaß" ist - auch und gerade nach literarischen Maßstäben - das bessere Buch.

Im Mittelpunkt steht Joseph Blackwood, ein Beamter der kanadischen Fischereibehörde. Er hat sich gerade von seiner Lebensgefährtin getrennt, und reist mit seiner achtjährigen Tochter Robin an die Küste: sein Vater stammt aus Bareneed, einem (realen) Städtchen, das durch die Kabeljaufangverbote der kanadischen Regierung wirtschaftlich am Boden liegt. Der Roman beginnt an einem Donnerstag; am folgenden Dienstag ist die Handlung bereits abgeschlossen. Entsprechend schnell also eskaliert die Lage, wandelt sich der Urlaub zum Alptraum: Eine Art Virus hat einige Menschen im Dorf befallen, lässt sie gewalttätig werden und kurz darauf ersticken - sie vergessen einfach, zu atmen. Im Hafenbecken tauchen seltsam gefärbte tote Fische auf. Robin hat Visionen von einem ertrunkenen Mädchen. Joseph fühlt sich zu deren Mutter hingezogen, einer Künstlerin, die sich langsam selbst verdursten lässt. Und auch die gesunden Einwohner Bareneeds - Josephs kauziger Onkel, eine hellsichtige alte Frau, ein behäbiger Landarzt und die örtliche Polizei - machen schreckliche Entdeckungen.

Töchterchen Robin, erinnert sich ihr Vater an einer Stelle, hat ein Problem mit Filmen: "Da ist schon zu viel da", sagt das Mädchen, "zu viel von allem. Die Geschichte und die Leute und so. Die zeigen immer alles." "Die Stadt, die das Atmen vergaß" erscheint wie der Gegenentwurf solcher Erzählverfahren: Kenneth J. Harvey gelingt es, eine absurd lange Zeit überhaupt nichts zu erklären, das ganze Szenario immer seltsamer, diffuser werden zu lassen - und dabei trotzdem im Seitentakt neue Beklemmungen zu schaffen. Der Roman legt sich nicht fest. Und das tut ihm ausgesprochen gut.

Harvey wirft einfach alles in einen Topf, ohne sich an ein Genre gebunden zu fühlen: Eine souverän gehandhabte Natur-Metaphorik, ein bisschen Sozialkritik und Neufundland-Historie und dazu die herrlich kantigen Figuren, die keinerlei Anstalten machen, zu tapferen Superhelden zu mutieren. All das liest sich, als sei es völlig erhaben über die Niederungen der Horror-Literatur. Und doch bricht gleichzeitig so viel handfestes Grauen über die verschlafene Kleinstadt herein, dass Stephen King noch etwas lernen könnte: Dieser Roman ist nicht nur viel schneller als Schätzings wässriger Mummenschanz, er ist vor allem dichter. Plastischer. Weniger Hollywood und mehr Kopfkino: "Auf einmal stürzte ein Regenguss aus dem Himmel und prasselte wie ein Schauer aus berstenden Steinen aufs Dach. Joseph stellte sich vor, wie die Tropfen auf die Wasseroberfläche des Meeres niedergingen und die Ertrunkenen, mit dem Gesicht nach oben im Wasser treibend, diese Perforierung der Grenze zwischen Luft und Wasser betrachteten, ein Sperrfeuer, das die Oberfläche durchsiebte, bis sie womöglich ganz zerbrach und ihnen, den Toten, den Weg nach oben in die Freiheit eröffnete."

So muss das sein! "Die Stadt, die das Atmen vergaß" verbeißt sich in Bilder, in Stimmungen, in die Landschaft. Und als bald auch einige der Hauptfiguren das Atmen einstellen, durchsiebt Harvey ihre Wahnehmung mit kleinen, hyperbrutalen Fantasien. Unzählige scharfkantige Fragmente, immer schneller, immer gewalttätiger aneinander gerieben: in diesem Buch könnte buchstäblich alles passieren, jederzeit.

Und dann ist da noch die subtile kulturkritische Dimension, die sich an den Rändern des Plots herumdrückt: "Die Stadt, die das Atmen vergaß" lässt immer wieder den Gedanken aufblitzen, dass der wirtschaftliche Niedergang der Region im direkten Zusammenhang mit den Ausrastern ihrer Bewohner stehen könnte. Eine der Figuren erklärt, dass Kulturen sich an Mythen klammern, um ihre Identität zu verteidigen. Dass Zivilisationen, die kurz vor ihrer Auslöschung stehen, in eine Massenhysterie verfallen können. Spätestens an diesem Punkt - weit nach der Hälfte von über 570 Seiten - will man den Roman längst im halben Freundeskreis verleihen. Einfach, weil Harvey so hervorragend beweist, dass effektive Spannungsliteratur zugleich noch so viel mehr sein kann als krasse Bilder und rasante Dramaturgie. "Die Stadt, die das Atmen vergaß", ist einer der seltenen Horror-Romane, der auch und gerade als Roman, als Literatur, funktioniert. Statt ständig in Richtung Hollywood zu schielen.

Doch all das reicht nicht. Denn je mehr Haken die Handlung schlägt, je abstruser und unvermittelter die Phänomene werden, die über Bareneed und seine Bewohner hereinbrechen, desto stärker verschiebt sich beim Lesen der Fokus: Es bleibt spannend. Doch irgendwann fragt sich der Leser nicht länger, ob sich Joseph und seine Tochter aus dem Zombie-Geister-Meeresungeheuer-Militär-Tsunami-Killerviren-Inferno retten können. Sondern, ob es ihrem Autor gelingen wird, all das zu einer schlüssigen und interessanten Auflösung zu bringen. Erst auf den letzten Seiten beantwortet sich diese Frage. Erst dort entscheidet sich die Größe dieses Buchs. Hat Harvey eine grandiose Variation auf altbekannte Genre-Mechanismen geschrieben, beinahe hysterisch rasant? Oder doch nur billigen, schlecht geplotteten Murks? Kriegt er die Kurve - oder vermasselt er es komplett?

Vielleicht ist diese Frage nicht fair: Stephen King kann schließlich auch keine vernünftigen Enden schreiben, und trotzdem kommen seine Romane an. Auch Schätzings Wasserspiele wurden nach hinten raus deutlich uninteressanter, ohne, dass sich jemand übermäßig am lahmen Ende störte. Sobald das Grauen ein Gesicht bekommt, die Mysterien allmählich Sinn ergeben, geht dem Horror die Luft aus, zwangsläufig. Und deshalb muss man sich in diesem Genre bereits vorher darüber im klaren sein, wo der Reiz liegen soll: in der Handlung oder in ihrer Auflösung. Wird stundenlange Spannung durch eine schale Auflösung unweigerlich verdorben? Andererseits: Ist eine träge und platte Geschichte legitimiert, sobald sie schließlich in einem brillanten Finale gipfelt? "Die Stadt, die das Atmen vergaß" steht und fällt mit dieser Entscheidung.

Denn das Finale von Kenneth J. Harveys Roman ist eine dramaturgische Katastrophe. "Wahnsinn! Genial! Wie soll all das nur zusammenpassen?", fragt man sich über 500 Seiten lang. Am Ende dann die Antwort: Gar nicht. Das Buch ergibt schlicht und ergreifend keinen Sinn; und seine Grundidee ist von atemberaubender Dümmlichkeit. Zum Schluss lösen sich sämtliche clever angedeuteten Konflikte in Wohlgefallen auf. Schlimmer hätte man diese Geschichte kaum zu Ende bringen können.

Beispiel? In einer Nebenhandlung verbringt jemand viel Zeit damit, Bareneed als Tonmodell aufzubauen, inklusive kleiner Figuren der Bewohner. Nur, um das Tableau dann - ohne schlüssigen Grund oder relevante Konsequenzen - in einer viel zu großen und melodramatischen Geste ins Meer zu kippen, während ein Unwetter tobt. Ähnlich verfährt Harvey: ein verhaltensauffälliger ADS-Junge, der übel mit seiner Miniaturwelt umspringt, aber keinerlei Rechtfertigung liefern kann für sein Verhalten. Abgesehen von einer - fast Schätzing'schen - Lust an naiver Zerstörung.

"Die Stadt, die das Atmen vergaß" ist ein Roman, dem man lange nicht ansieht, wie atemberaubend missglückt er eigentlich ist. Lange genug, um bei der Lektüre viel, viel Spaß zu haben. Wer danach unbedingt nachfragen muss, grübelt, was er da gerade eigentlich für einen Stuss erzählt bekommen hat, ist selbst Schuld. Kenneth J. Harvey ist zu sehr Literat, als dass es dem Text gut täte. Er geht so tief, dass seine Schauermär zwangsläufig einbrechen muss. Der Geschichte fehlt das Gleichgewicht und die Oberflächlichkeit der Wasserläufer, und deshalb geht sie unter: Sie ist einfach nicht flach genug. Und das ist unendlich schade, denn da kann dann auch Hollywood nicht mehr helfen. Das Publikum würde die Schultern zucken, den Kopf schütteln und sagen: "Kleinstadt! N paar Gespenster! Da zahl ich doch keine acht Euro Eintritt für, so lang ich weiß, dass bald der Schätzing inne Kinos kommt!"


Titelbild

Kenneth J. Harvey: Die Stadt, die das Atmen vergaß. Roman.
Übersetzt aus dem kanadischen Englisch von Marlies Ruß.
Karl Blessing Verlag, München 2006.
573 Seiten, 21,95 EUR.
ISBN-10: 3896672932

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