Beobachtungen am Wegrand

In Henning Ahrens neuem Gedichtband „Inventur eines Dinosauriers“ wird in kargen und zugleich seelenwunden Worten zusammengetragen, was gerade ist, was war, was bleibt und was verschwunden ist

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Ann Cottens poetischer Welt in Poller. Idyllen kommend, wechselte meine Lektüre in die poetische Welt, wie sie Henning Ahrens in seinem Gedichtband Inventur eines Dinosauriers entwirft – um festzustellen, dass solche poetischen Welten wie Planeten im Kosmos der Lyrik kreisen; unverbunden, solitär, fremd. Das ist freilich keine überraschende Erkenntnis. Doch faszinierend ist allemal, was mit dieser aus dem immergleichen ABC gebildeten Sprache alles form- und darstellbar ist. In Dichtungen herrschen die unterschiedlichsten Beschaffenheiten, sprich Ästhetiken, deren Kompatibilität eher selten der Fall zu sein scheint. Für uns Lesende prallen da buchstäblich Extreme der Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aufeinander.

Schauen wir uns also Ahrens‘ Dichtkunst genauer an. In einer Rezension seiner Gedichte war die Rede von einer skelettierten Sprache. Skelettiert trifft es nicht, denn einem Skelett fehlt ja ausgerechnet das, was es zusammenhält. Sprache jedoch verlangt den semantischen Zusammenhalt und die Anbindung und ist nicht bloß ein Haufen Knochen. Auch wenn die Syntax auf einzelne Worte zusammengeschrumpft ist und diese wie ein Gerüst sich auf dem Papier verteilen, kommt es immer noch auf einen sinntragenden Zusammenhang an. Gleichwohl versteht sich Ahrens auf das Ausdünnen. Er fegt alles Überflüssige aus den Zeilen und läuft dabei gelegentlich Gefahr, dass ein Gedicht sich am Ende dann doch als zu dünn und dürftig auf dem Blatt präsentiert.

Ahrens Bestandsaufnahme beginnt mit vier Zeilen aus einer scheinbar anderen Inventur, die von dem Dichterkollegen Günter Eich stammt. Der schrieb 1948: „Dies ist mein Notizbuch, / dies ist meine Zeltbahn, / dies ist mein Handtuch, / dies ist mein Zwirn.“ Was danach bei Ahrens folgt, ist in vier Abteilungen sortiert mit den Überschriften „Dieser Tage“, „Schuss ins Licht“, „Nebelgestalten“ und „Im Lichten“. Das Versammelte ist unschwer als Inventar der Wahrnehmungen, Erfahrungen, Reflexionen und Erinnerungen aus dem Leben des Dichters zu identifizieren. Ist er also jener Dinosaurier? Von jenen Ungetümen aus grauer Vorzeit, die irgendwann nicht mehr in die Zeit und in die Landschaft passten, hieß es in einem Lied einst, sie würden immer trauriger werden. Die Wehmut scheint Ahrens wohl von ihnen geerbt zu haben.

Und so fragt er gleich mit dem ersten Gedicht, wo man sich in der Gegenwart verorten könne: „wie / schreibt man seine Wege / ein mit Stift und Tastatur“. Auf den folgenden achtzig Seiten lesen wir seine Antworten. Beim ersten Umschauen vernimmt der Autor fernes Donnern und stellt fest, „wir haben so viel / was uns durch die finger rinnen kann“, während die Hitze kein Hinderungsgrund sei, dennoch kalte Füße zu bekommen. Die Befunde spiegeln eher Oberflächen – wie etwa: „die straßenbahnen / randvoll mit alltag“. Sie bleiben vorzugsweise nüchterne Notate, die unterwegs und stichwortartig aufgenommen werden.

Es genügt oft schon etwas zu konstatieren, und ob es ein Dahinter oder ein Darunter gibt, bleibt unbenannt. Das klingt dann nicht selten wie aus einer Nachrichtensendung: „keine deckung mehr / nirgendwo / es herrscht krieg / in den köpfen / und furcht“. Oder an anderer Stelle: „nun ist der pegel gesunken / schmutziger schaum / flockt durch die luft / überall schwelbrände / und in den wüstungen / früherer fülle / irrlichtern menschen“.

Zuweilen drängt sich ein zeitkritischer Impuls nach vorne. Dann wird wie in dem Gedicht Comeback des S/W Fernsehens Medienkritik laut: „dieser daschein / im standby“ als Veto gegen unseren volldigitalisierten und polarisierenden Blick auf die Welt „samt differenziertheitsdämpfer / und denkbremse“. Von hier ist es nicht weit zu dem Gedicht Der Hassjäger, welcher dafür sorgt, „dass jeder in den Dreck / geredet wird“. Am Schluss des Gedichtes bedankt sich Ahrens bei Jakob van Hoddis und seinem berühmten Gedicht Weltende von 1911. Denn er hatte sich die Zeile „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“, leicht abgewandelt, entliehen, was jetzt so klingt: „vom spitzen Schädel fliegt der Baseballhut“. Klar, man geht mit der Zeit und mit der Mode – auch apokalyptisch.

Es liegt wohl in der Natur des Älterwerdens, dass Rückblicke wie Abschiede immer häufiger werden. Und mit ihnen die Frage, was sich im Leben erfüllt hat – verbunden mit der Erkenntnis, Halt habe einst „[d]ie Angst vor dem Stillstand / und manchmal vor dem eigenen Mut“ gegeben. Ahrens plädiert für das Alter als eine Zeit für Zweifler: „noch pocht das herz“. Doch Falten und Dellen gehörten jetzt dazu und auch das „rattern und rumpeln der organe“ –

allein die seele
diese mimose
hat schaden genommen
am menschen
schreckhaft
streckt sie die fühler
aus
horcht
und horcht
ob da nicht doch etwas
wie vernunft sei

Früher gab es nicht mehr Anstand und Umsicht unter den Menschen, auch wenn der Dichter zunächst auf die Standardklage der Alten abzuheben scheint, dass früher doch alles besser gewesen sei. Um im letzten Moment die skeptische Kurve zu kriegen, und ans Gedichtende ein „oder auch nie“ anhängt.

In Ahrens Inventur ist die dritte Abteilung mit „Nebelgestalten“ betitelt – und das sind beispielsweise die Geister, die in alten Häusern weiterleben. Auch wenn nur ein Grundriss zurückbleibt „und ein garten / ertrinkend in blüten“. Darauf folgen fünf mit „Vermächtnisse“ überschriebene Gedichte, die wohl an Ahrens Kindheit und Jugend auf dem Bauernhof seiner Eltern erinnern. Nur, dass es darin nie Platz gab für Sentimentalitäten. Und in den Dickichten, die hie und da den Hof umgaben, habe sich lediglich Trübsinn, Trotz und Schweigen verdichtet. Haus und Hof sind in der Erinnerung zu „brutstätten der wut“ geworden. Dazu passt die „Bauernregel“: „was da gedieh / an begabung / das wurde untergepflügt / auf dem acker / mit dem kuhdung / auf den misthaufen geworfen“.

Die Gedichtsammlung beschließen Reiseerinnerungen. Doch stünde unter den einzelnen Stücken nicht klein und in Klammern ihr Entstehungsort, die Gedichtzeilen hätten es uns kaum verraten, dass diese die Insel Kreta, jene die Normandie und wieder andere das Périgord als Kulisse hatten. Aber vielleicht spielt es auch keine Rolle, wo wir denken. Weil das Denken ohnehin nie einen anderen Ort hat als in uns selbst: Und so lese ich das „Licht“ in der folgenden Gedichtzeile als das erkenntnisfördernde Denken und haben damit allen Grund die Lachende zu sein: „licht / nistet sich ein / in den schatten // und wir lachen dem wind ins gesicht“.

Titelbild

Henning Ahrens: Inventur eines Dinosauriers. Gedichte.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
93 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783690970273

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