Unerfüllte Erwartungen

Zu viel Chablis, zu viel Selbstmitleid, zu wenig Tiefgang – das ist das Resümee zu Anne Akrichs Roman „Kylian und das Buch meines Lebens“

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hohe Erwartungen auf einen „Roman für alle, die den Härten des Lebens gerne mit Humor begegnen“, weckt der Klappentext zu Kylian und das Buch meines Lebens von Anne Akrich. Doch auch wenn die meisten Kritiken das Werk feiern, stellte sich bei meiner Lektüre eher eine gewisse Gereiztheit als der verheißene Lesegenuss ein.

Dabei liest sich besagter Klappentext durchaus spannend: Er kündigt an, dass der Hauptfigur des Buches, einer relativ unbekannten und verzweifelten Autorin namens Anne, Kylian Mbappé in deren Träumen erscheint, um sie beim Verfassen seiner Biografie auf Erfolgskurs zu bringen. Aber bevor man letztendlich diese Phase der Geschichte erreicht, in der der gefeierte französische Fußballstar imaginär zu ihr spricht, durchlebt man mit der Protagonistin zahllose Seiten, in denen es ausschließlich um die Befindlichkeiten ihrer Lebensmisere geht.

Anne lebt als geschiedene Frau mit ihrem sechsjährigen Sohn in Paris und mehr schlecht als recht von den Honoraren, die sie durch die Aufträge als Ghostwriterin erzielt. Ihre eigenen Bücher bleiben weitgehend erfolglos. Damit nicht genug: Seit der Geburt ihres Kindes bringt sie es kaum mehr fertig, ihre eigenen Gedanken zu Papier zu bringen. Was zunächst der Schlafmangel als Mutter eines Kleinkindes verursachte, setzt sich nun bei der erschöpften Alleinerziehenden fort, die alle Zeit in unerfreuliche Brot-und-Butter-Jobs investieren muss.

Ihr Ex-Mann, zu allem Überfluss ein erfolgreicher Literaturstar, dessen Bücher allesamt Bestseller werden, hat sich bei der Sorge um das Kind stets elegant im Hintergrund gehalten und ist nach der Trennung nun der gefeierte Wochenendpapa. Dieser zahlt (so zumindest die Vermutung, das Thema wird im Roman nicht erwähnt) anscheinend auch keinen ausreichenden Unterhalt.

Eigentlich liest sich das als durchaus interessanter Plot. Doch irgendwie springt der Funke nicht wirklich über – trotz intelligenter feministischer Analysen der ungerecht verteilten Care-Arbeit und der fundierten, wachen Kritik an den Mechanismen des modernen Literaturbetriebs.

Leider weckt die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Anne mit ihren Selbstzweifeln, Geldsorgen, der anhaltenden Schreibblockade und ihrem Groll auf den Ex, dem sie vorwirft, ihr Leben als Vorlage für seine Romane auszuschlachten, nur wenig Empathie beim Lesenden. Natürlich empfindet man angesichts ihrer schleichenden Depression durchaus auch Mitgefühl. Doch da sie die Klagen in gebetsmühlenartiger Dauerschleife wiederholt und über weite Strecken keinerlei Ansätze für eine lösungsorientierte Selbstreflexion zeigt, nutzt sich dieses im Laufe des Buches mehr und mehr ab.

Vor allem ihr egozentrisches Verhalten gegenüber ihrem – zugegebenermaßen etwas vorlauten – Sohn trägt nicht gerade dazu bei, Sympathiepluspunkte zu erzielen. Ihre fast immer unleidliche und ungeduldige Haltung, mit der Anne zudem versucht, den abwesenden Vater auszustechen, strengt an und ist kaum nachvollziehbar. Die Konkurrenz mit ihrem Ex-Mann lebt sie schließlich bereits im regelmäßigen rhetorischen Schlagabtausch mit ihm aus – so etwa, wenn beide provokativ Kosenamen wie „kleiner Mann“ contra „Baby“ für das Kind verwenden, die das Gegenüber garantiert auf die Palme bringen. Ein Sechsjähriger sollte jedoch keine Zielscheibe für spitzfindige Bemerkungen und Spielchen à la „Wen hast du lieber: Mama oder Papa?“ sein, zumal diese in der Regel genau das Gegenteil des erhofften Ergebnisses bringen.
 
Besonders abstrus erscheint im Roman der Briefwechsel der Protagonistin mit ihrem Bankberater, der einigen Kapiteln beim jeweiligen Wechsel der Jahreszeiten vorangestellt ist. Zwar versteht Anne es darin, sehr wortgewandt und humorvoll leere Versprechen zur Verbesserung ihrer Finanzlage abzugeben, und der Bankberater antwortet ebenfalls mit einer gewissen sprachlichen Nonchalance. Doch es ist sicherlich auch für Frankreich unvorstellbar, dass sich Banken angesichts einer finanziellen Schieflage in charmanten Wortgeplänkeln mit ihren KundInnen ergehen. – Falls doch, sollte man ernsthaft erwägen, das eigene Konto dorthin zu verlegen.

Aber zurück zum eigentlichen Plot: Während also Anne literweise Weißwein trinkt, ihren Kater bekämpft und mit ihrem Schicksal hadert, überlegt sie schier endlos, ob sie das finanziell lukrative Angebot annimmt, eine Biografie über Kylian Mbappé zu verfassen. Ihr Zögern erschließt sich nicht so recht, da sie auch vorher schon Bücher zu Themen geschrieben hat, von denen sie keine Ahnung hatte. Außerdem sollte dieses Projekt auf jeden Fall ein Verkaufsschlager werden, da Mbappé der unbestrittene Star der französischen Nationalelf ist und als charismatisches Ausnahmetalent gefeiert wird.

Was sich auch nicht so recht erschließt, ist ihr Ansatz, für die Recherche nach Bondy zu ziehen, den Pariser Vorort, in dem Mbappé aufgewachsen ist. Da man mit der Bahn im Handumdrehen dort ist, wirkt der Sommerferienaufenthalt dort reichlich überzogen – auch wenn Anne hofft, damit ihren Sohn (natürlich glühender Mbappé-Fan) mit ihrer Arbeit zu seinem Star zu beeindrucken.

Das endet erwartungsgemäß im Desaster. Die Auftragsarbeit gerät zu einer chaotischen Selbstfindungsreise, bei der die Protagonistin dann schließlich halluzinatorische Gespräche mit einem Mbappé-Wandbild im Ort beginnt. Der Überflieger Kylian erscheint ihr von da an in Visionen wie ein persönlicher Motivationscoach und hält fiktive Lektionen über Resilienz, Fokus und den Umgang mit Druck bereit: „Im Fußball ist es genauso wie im Leben: Solange du am Ball bleibst, ist alles offen“. Puh, da hätte man bei manchem Fußball-Fanclub gleich einen Straf-Obulus fürs Phrasendreschen entrichten müssen. Doch Anne helfen diese eher plakativ-markigen Sprüche. Mit der unkonventionellen Lebenshilfe gelingt es ihr tatsächlich, ihr Privatleben wie das Schreiben wieder auf die Reihe zu bekommen und sich darauf zurückzubesinnen, wer sie eigentlich ist und was sie will.

Wie Akrich das Ganze erzählt, zeigt große sprachliche Eloquenz, vielfach bissigen Humor und eine erfrischende Ehrlichkeit, was den Umgang mit den Mythen romantisierter Mutterschaft und des erfüllenden Künstlerdaseins betrifft. Doch was eine schlagfertige Kritik an den Mechanismen des Patriarchats und dem Leistungsdruck der Gesellschaft durch die Gegenüberstellung einer gescheiterten Pariser Intellektuellen mit dem Gewinner Kylian Mbappé hätte sein können, verpufft leider in seiner Schärfe und verliert sich eher in Plattitüden.

Interessant ist, dass der Roman tatsächlich von einer realen Situation ausgeht. Denn auch Anne Akrich ist als Schriftstellerin und als Ghostwriterin tätig und ihr Verleger lieferte ihr mit einem Angebot zu einer Biografie über Kylian Mbappé die Idee zu diesem Buch. Sie soll Mbappé übrigens auch ein Exemplar davon zugeschickt haben. Die Reaktion steht wohl noch aus.

Titelbild

Anne Akrich: Kylian und das Buch meines Lebens. Roman.
Aus dem Französischen von Lena Riebl.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
188 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783690970228

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