Asche im Koffer, Fragen im Herzen
Welche Geschichten verschwinden, wenn niemand sie erzählt? In Usama Al Shahmanis „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ entdeckt ein Sohn im Nachlass seines Vaters nicht nur Familiengeheimnisse, sondern auch die verdrängte jüdische Geschichte Bagdads
Von Oliver Pfohlmann
Januar 1991: Die USA lassen Bomben auf Bagdad regnen. Und während im Fernsehen die Explosionen zu sehen sind, denkt in Israel ein alter Mann namens Zakai an die Jahre seiner Kindheit in dieser Stadt. Etwa an den Geschmack des morgendlichen Tees in seinem Elternhaus im einst jüdischen Bagdader Stadtteil Betawin: „Er ist irgendwohin entschwunden und doch immer noch da, wie Wasser, das im Sand versickert.“
Jahrzehnte später liest sein Sohn Gadi die Aufzeichnungen seines Vaters, voller Verstörung. Der in Zürich lebende Dozent für hebräische Sprache – die Hauptfigur von Usama Al Shamanis neuem Roman – hatte von der irakischen Herkunft seines Vaters bis zuletzt keine Ahnung. Jetzt, nach Zakais Tod, wird der Mittfünfziger auf eine Weise mit ihr konfrontiert, die seine bisherige Identität infrage stellt. Und ebenso die Beziehung zu seinem Erzeuger. Die war von Ablehnung und Schweigen geprägt, seit Gadis Vater seine aus Wien stammende Frau, eine Holocaust-Überlebende, scheinbar grundlos verlassen hatte.
Jetzt wird der Sohn mit einer letzten Bitte des Vaters konfrontiert: Die eine Hälfte seiner Asche soll in Jerusalem verstreut werden, die andere von einer Brücke in Bagdad in den Tigris. „Ich glaube, dies wird meinen Tod leichter machen und meine Schritte auf dem Weg zur Ewigkeit der Seele beschleunigen. […] Ich bin das letzte Mitglied der Familie Mieche, das in Bagdad zur Welt kam. Und nach meiner Mutter werde ich das zweite sein, das nicht im Irak stirbt.“
In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied hat Usama Al Shahmani seinen neuen Roman betitelt. Mit Gadis Vater als fiktivem Überlebenden erzählt er vom Schicksal der einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 leben allein in Bagdad etwa 90.000 Jüdinnen und Juden friedlich neben ihren muslimischen Nachbarn. Bis sich der damalige Großmufti Jerusalems mit Nazi-Deutschland verbündet und der irakischen Gesellschaft das Gift eines neuen muslimischen Antisemitismus verabreicht. 1941 kommt es zum „Farhud“, einem Pogrom mit zahllosen ermordeten Juden, geplünderten Geschäften und zerstörten Synagogen. Danach leben Iraks Juden in Angst und Schrecken, bis sie Anfang der fünfziger Jahre in den neuen Staat Israel emigrieren können. 2008 berichtet die New York Times von der letzten Handvoll Juden, die noch in Bagdad lebt, heimlich und so unauffällig wie möglich.
In Al Shahmanis Roman reist der Protagonist mit der Asche seines Vaters tatsächlich nach Bagdad und lernt eine dieser Zurückgebliebenen kennen. Die Erinnerungen der 90-jährigen Myra scheinen die Aufzeichnungen von Gadis Vater gleichsam fortzusetzen. „Ich frage mich: Wer schreibt unsere Geschichte? […] Was machen wir mit der Geschichte, die wir in unseren Herzen tragen? Wem erzählen wir sie? Wer will sie hören? Die Stadt, die dein Vater in sich trug und über die er schrieb, ist eine vollkommen andere geworden.“
Usama Al Shahmani hat diesen genau recherchierten Roman, seinen bislang vierten, in einem präzisen Deutsch geschrieben. Denn der im Zürcher Exil lebende Schriftsteller und Übersetzer – 1971 in Bagdad geboren – gehört zu jenen Autoren, die nach ihrer Auswanderung die Sprache gewechselt haben, so wie einst ein Joseph Conrad oder Vladimir Nabokov. Aufgewachsen unter der Diktatur Saddam Husseins, sei für ihn heute seine Muttersprache Arabisch mit Angst und Tabus verbunden, bekannte der Schriftsteller. Deutsch stehe für ihn dagegen für Freiheit und Trost.
Auch wenn manche Dialoge ein wenig künstlich anmuten, bietet In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied dennoch eine beeindruckende Lektüre. Überzeugend rekonstruiert es eine tragische jüdische Familiengeschichte im Wechselspiel zwischen den Aufzeichnungen von Gadis Vater und der Gegenwart des Nachgeborenen. Der Sohn, der nur dank seines österreichischen Passes einreisen darf, erlebt ein Bagdad voller Misstrauen gegenüber Fremden; über die gemeinsame Vergangenheit mit den Juden darf nicht gesprochen werden. Wenn Gadi den verfallenden Stadtteil Betawin erkundet mit all seinen Spuren der früheren Bewohner, ist das Gefühl einer latenten Bedrohung ständig präsent.
Doch Usama Al Shahmani ist viel zu sehr Humanist, als dass er seinem trauernden, um Verstehen ringenden Protagonisten nicht am Ende doch eine Art Erlösung erleben lässt. Heute, nach dem 7. Oktober und während des Kriegs in Gaza, erscheint dieser Roman zum richtigen Zeitpunkt, um an die deutschen, allzu deutschen Ursprünge des muslimischen Antisemitismus zu erinnern.
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