Die gescheiterte Revolution

Alfred Döblins Roman-Trilogie „November 1918“

Von Helmuth KieselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helmuth Kiesel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als am 28. Februar 1933, am Tag nach dem Reichstagsbrand, durch eine „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft gesetzt und mithin willkürliche Verhaftungen ermöglicht wurden, erhielt Alfred Döblin mehrere Anrufe von Bekannten, die ihn unter Verweis auf vorliegende Verhaftungslisten drängten, außer Landes zu gehen, um sich in Sicherheit zu bringen. Der vierundfünfzigjährige Vater von vier noch schulpflichtigen Knaben zögerte. Aber am Abend packte er einen kleinen Reisekoffer, begab sich, von einem NS-Spitzel verfolgt, zum Anhalter Bahnhof, konnte den Spitzel im Gedränge abschütteln, und nahm den Nachtzug nach Überlingen am Bodensee, um der deutsch-schweizerischen Grenze nahe zu sein. Am 2. März überquerte er die Grenze und quartierte sich im Kreuzlinger Sanatorium des mit ihm und anderen Künstlern befreundeten Psychiaters Ludwig Binswanger ein, hoffend, dass eine Rückkehr nach Berlin bald möglich sein werde. Doch es kam anders; der Schritt über die Grenze markiert den Beginn eines zwölf Jahre dauernden – und eigentlich nie mehr richtig zu Ende gehenden – Exils, das Döblin immer wieder auch mit der Frage konfrontierte, „wodurch alles gekommen war“ (so Döblin 1948).

Am 3. März trafen Döblins Frau Erna und drei der Söhne in Kreuzlingen ein. Bald darauf ging es weiter nach Zürich, wo die Familie den Sommer über blieb und Döblin an seinem Roman Babylonische Wandrung weiterarbeitete, an diesem ahnungsvollen Buch über die Exilierung eines Gottes, der aus einem luxuriösen Himmel in die Welt der Gewalt geschleudert wird und nun eine Geschichte voller Kriege und Greueltaten durchwandern muss. In der ersten Septemberhälfte übersiedelte die Familie nach Paris, wo Döblin die Babylonische Wandrung abschloss und bald danach, im Juli 1934, mit der Niederschrift eines neuen Romans begann, Pardon wird nicht gegeben, der im Frühjahr 1935 erschien: ein Familien- und Wirtschaftsroman, dessen Handlung um 1895 einsetzt und bis in die Jahre der Weltwirtschaftskrise führt, in denen der Nationalsozialismus seine fatale politische Potenz erringen konnte. Erstaunlicherweise spielen der Ausgang des Ersten Weltkriegs und die Ereignisse der folgenden Monate, die Döblin später zum Gegenstand des „Erzählwerks“ November 1918 machte, in diesem Roman keine Rolle, obwohl Döblin schon 1934 der Meinung war, dass die Ermöglichungsbedingungen für Hitlers ,Machtergreifung‘ und die Liquidierung der Weimarer Republik im Krieg und in den folgenden Monaten der Revolution und der Friedensverhandlungen geschaffen worden seien. Als Gottfried Bermann-Fischer, der damalige Geschäftsführer des S. Fischer-Verlags, Döblin um den Jahreswechsel 1933/34 davon unterrichtete, dass in Deutschland nunmehr drei seiner Bücher verboten worden seien, schrieb dieser am 12. Januar 1934 in dem sarkastischen Ton, zu dem er häufig seine Zuflucht nahm, zurück:

Schimpfe niemand auf Hitler, er ist der Mann, einschließlich Göring etc, der für Deutschland paßt, er ist die glatte Fortsetzung von Noske, mit Hitler kehrt die 1918 geschlagene Armee nach Deutschland zurück, was Wilhelm ja nicht wollte, und schlägt die Männer vom Dolchstoß von hinten nieder, ohne Antisemitismus geht das nicht, der Imperialismus ist nach außen durch die Niederlage verhindert, jetzt schlägt er nach innen, das ,Stahlbad‘ des Krieges wird fortgesetzt, gewissermaßen ,innere Stahlspülung‘, natürlich muß es bald wieder zu einer äußeren Aktion kommen, sobald die ,Stählung‘ mit Aufrüstung und Propaganda erreicht ist, und der 1918 nur abgebrochene Krieg wird fortgesetzt, Sie müssen den Versailler Frieden nur als einen erheuchelten Waffenstillstand betrachten, den die Generale für taktisch nötig hielten, die Ententeseite fiel auf den Leim hinein, sie hatten die Wilsonidioten mit dem ,Selbstbestimmungsrecht‘ der Völker bei sich, welches Recht die Deutschen als einen vorzüglichen Posten für sich akzeptierten, – freilich in Deutschland selbst gilt das Selbstbestimmungsrecht nur für die Agrarier, Industriellen und ihre Generäle, deren Handlanger jetzt le bel Adolf ist […].

In nuce enthält dieser Brief vom Januar 1934 das Arbeits- und Darstellungsprogramm für den Zusammenbruchs- und Revolutionsroman November 1918, der freilich noch warten musste.

Arbeitsbeginn, Erinnerungen und Konzeption

Doch schon am 1. September 1937 bemerkte Döblin in einem Brief an den exilierten Schriftsteller und Journalisten Hans Siemsen, dass er mit seiner Geschichte des Zusammenbruchs und der Revolution bereits bis zum 21. November vorangeschritten sei und „schon ein kleines Buch“ zuwege gebracht habe. Begleitet wurde die Arbeit von intensiven Quellenstudien, durch die sich Döblin der geschichtlichen Vorgänge versicherte, und unterbrochen wurde sie im März oder Mai 1938 durch eine Reise ins Elsass, die durch Vortragseinladungen der Universitäten Nancy und Strasbourg veranlasst worden war, aber auch nach Haguenau führte und der Vergewisserung über die Orte diente, an denen Döblin das Ende des Krieges und den Beginn der Revolution erlebt hatte – und an denen er deswegen auch seinen November-Roman einsetzen ließ.

Döblin hatte sich ja Ende 1914 zum militärärztlichen Einsatz in Belgien oder Frankreich gemeldet, um einer Einberufung als „Ungedienter“ – und damit als gewöhnlicher oder „gemeiner“ Soldat – womöglich an die Ostfront zuvorzukommen; auch erhielt er aufgrund der freiwilligen Meldung einen höheren Sold, den er durchaus brauchen konnte, und entging ehelichen Auseinandersetzungen, die es zuvor gegeben hatte (und die sich in einigen Episoden des November-Romans spiegeln). Am 26. Dezember 1914 wurde Döblin einberufen, und am 1. Januar trat er im lothringischen Saargemünd seinen militärärztlichen Dienst an. Im Juni 1915 übersiedelte auch Döblins Frau mit den beiden ersten Söhnen, Peter und Wolfgang, nach Saargemünd, wo im Mai 1917 als dritter Klaus geboren wurde. Am 2. August 1917 wurde Döblin ans Seuchenlazarett nach Hagenau (die Namensschreibung jetzt, entsprechend der damaligen Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, in der traditionellen deutschen Schreibweise) versetzt, wo er bis zum Kriegsende blieb. Zusammen mit dem Lazarettpersonal trat die Familie Döblin am Abend des 14. November 1918 die Fahrt nach Deutschland an, die einige Tage später in Berlin endete. Am 20. November nahm Döblin an einer Gedächtnis- und Beisetzungsfeier für die ersten Opfer der Berliner Revolution teil. Die Tage vom 9. bis 20. November schilderte er bald danach in einem längeren Artikel, der im Februar 1919 unter dem Titel Revolutionstage im Elsaß in der Neuen Rundschau des S.Fischer-Verlags erschien; die folgenden Berliner Wochen reflektierte er in weiteren Artikeln wie Die Vertreibung der Gespenster, die ebenfalls Anfang 1919 in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Schon in diesen Artikeln zeichnet sich jenes Revolutionsbild ab, das im November-Roman breit entfaltet und zugleich verdichtet wird. Am Ende von Revolutionstage im Elsaß heißt es über die Atmosphäre bei der Gefallenenehrung vom 20. November:

Auf dem Wege [zum Potsdamer Platz] begegnet mir ein sozialdemokratischer Wahlverein, die rote Fahne voran, anständig gekleidete ruhige Männer und Frauen, sie singen die Melodie der Marseillaise. Ich habe den Eindruck einer kleinen Vereinsangelegenheit. Das Menschenspalier am Potsdamer Platz ist nicht so dicht wie sonst bei dergleichen, es zieht sich über die ganze Stadt bis zum Friedrichshain. In dem endlos langen Zug Kränze mit roten Schleifen, rote Fahnen, proletarische Aufrufe, sonst nichts, was mich an Revolution erinnern könnte, eine gut geordnete kleinbürgerliche Veranstaltung in riesigem Ausmaß.

Nach der Elsass-Reise, die der Schilderung der Örtlichkeiten zugute kam, ging die Arbeit zügig weiter. Am 14. Oktober las Döblin im Rahmen einer Feier, die der ,Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil‘ aus Anlass seines 60. Geburtstags im Pariser ,Institut d’Encouragement‘ veranstaltete, aus dem Manuskript des ersten Teils, der vor dem Abschluss stand. In einem nicht datierten Brief, der im Dezember 1938 geschrieben worden sein dürfte, ließ Döblin den ebenfalls exilierten Schriftsteller und Lektor Ferdinand Lion wissen, dass der erste Band mit „über 500 Druckseiten“ fertig sei. Zugleich charakterisierte er das Werk ein erstes Mal, indem er schrieb:

Es behandelt die deutsche Zeit vom 10.XI.18 – 15.I.19 (Tod von Liebknecht und Luxemburg) als ersten Teil […]. Geschichtliches und Privates ineinander, eigentlich alles privat, auch das ,Geschichtliche‘; eine Chronik mit vielen Fäden, ein ,Gewebe‘ à la Lion.

Ein paar Wochen später, am 3. Februar 1939, meldete Döblin dem Musikwissenschaftler Viktor Zuckerkandl, der damals in Stockholm als Lektor des emigrierten Bermann-Fischer-Verlags tätig war, dass der erste Band für den Versand an den Verlag bereitliege, und charakterisierte ihn nun genauer als in dem Schreiben an Lion, wobei er erstmals auch die späteren Titel verwendete und das ganze Vorhaben umriss. Diese Charakterisierung ist schon deswegen lesenswert, weil sie einen prägnanten Überblick über den Gang des Geschehens und thematische Schwerpunkte gibt, zugleich aber auch, weil sie zeigt, worin Döblin selbst die Eigenart seines neuen Werks sah und worauf es ihm beim Schreiben besonders angekommen war:

Es handelt sich also um eine Trilogie: „Eine deutsche Revolution“, 1. Band der vorliegende „November 18“, 2. „Ebert“, 3. „Karl und Rosa“. Sie gehen, wie die Zeit (vom 10.XI.18 bis 15.I.19) direkt ineinander über, mit durchlaufenden Personen, historischen und nicht-historischen. Ich spreche vom 1. Band. Er spielt vom 10. November 18 bis zum 24. November und zwar wird der Ausgang genommen vom Leben in einem kleinen Elsässer Lazarett, wo man um diese Zeit ruhig weiter lebt und stirbt; die Revolte draußen wirft ihre Reflexe hinein; die kleine Stadt wird von der Revolution der deutschen Soldaten erfaßt, aber es ist mehr die deutsche Niederlage und das baldige Eintreffen der Franzosen, was sie erregt, – die Plünderung der Kaserne, Liebesgeschichten. Wir werden durch mehrere flüchtige Soldaten (Offiziere) nach Straßburg geführt, nehmen an dem Tumult größeren Stils hier teil, an Soldatenratsitzungen (lauter historischen, zum Teil mir direkt bekannten Dingen), viel privates Glück und Unglück. Inzwischen bereitet sich das Lazarett im Städtchen zum Abmarsch vor, die verschiedene Entwicklung ihrer Figuren, der Aufbruch der Regimenter, des Lazaretts, – die lange Eisenbahnfahrt durch Deutschland, wobei vieles im Zug sich ereignet zwischen den Personen. Dies wird alles breit und sehr ruhig erzählt und gemalt. Sie werden nicht und niemals den Eindruck verlieren, daß Sie mit allem, auch dem Tod des Chefarztes unterwegs, wirklichen Dingen, Ereignissen beiwohnen. – Ich greife dann unter Veränderung des Tones zurück. Es kommt eine breite detaillierte Darstellung des deutschen militärischen Zusammenbruchs, Ludendorffs aventure, sein Glück und Ende. Die Vorgänge hinter der Front: das Leben der Versprengten und Deserteure in den Ardennen. Der furchtbare Rückzug, der Waffenstillstand. – Wir sind dann mit mehreren aus unserem Zug, mit zwei Hauptfiguren, in Berlin. Ihre persönliche Rückkehr. Die Frage nach dem Fazit des Krieges. Die Beisetzung der Revolutionsopfer im Friedrichshain und Liebknechts Rede da, die Anwesenheit von Schiebern und Schleichhändlern. Die Dekomposition in Berlin, Spieler und ,Exproprie<!>teure‘. Noch treten also die politischen Hauptakteure, Ebert und die Oberste Heeresleitung, nicht hervor; hier werden nur einige Linien gezogen. Wir nehmen vielmehr an der weiteren Demonstration der militärischen Niederlage teil, der Vormarsch der Alliierten, ihr Einzug in Metz, Luxemburg. Hier tritt Maurice Barrès auf, persönlich. Der Zerfall der deutschen Soldatenrevolution in Straßburg, das tragische Schicksal der Wilhelmshavener Matrosen in Straßburg, – zuletzt, zwischen vielerlei privatem Schicksal, der große Einzug Pétains in Straßburg und die beginnende Ausbreitung der Altdeutschen (Vieles, von dem Erzählten, wird nicht direkt, sondern durch Personen, die uns bekannt sind, gegeben).

An diesem Punkt – es wurde alles mit verschiedenen Farben gezeichnet, bald typisch, bald humoristisch, – macht das Buch, also Band I, halt. Die Frage des Buches insgesamt – nach dem Fazit, den notwendigen Folgerungen des Krieges, – wird schon von den Hauptfiguren gestellt. Band 2 entwickelt die Situation weiter, die Hauptakteure werden sichtbar, in Spaa, in Kassel und Berlin. Band 3 mit der tragischen Entknotung: Karl und Rosa.

C’est tout, mon cher ami. Es ist eine kleine Welt, und das läßt sich schwer berichten. – […].

Quellenarbeit

Da Döblin in seinem langen Schreiben an Viktor Zuckerkandl ausdrücklich darauf hinwies, dass ihm viele der historischen Vorgänge „direkt“ – also durch eigenes Miterleben – bekannt gewesen seien, soll hier daran erinnert werden, dass das November-Werk auch auf ausgedehnten Quellenstudien beruht. Döblin besaß eine Sammlung von Zeitungsausschnitten und anderen Dokumenten aus der Revolutionszeit sowie eine große Bibliothek mit einschlägigen Titeln; beides hatte er sich aus Berlin nach Paris nachkommen lassen können. Zudem standen ihm in Paris große öffentliche Bibliotheken zur Verfügung, die er tatsächlich auch häufig aufsuchte, so vor allem die Bibliothèque Nationale, die Bibliothèque Sainte-Geneviève und die Bibliothek der Universität Sorbonne. In der Bibliothèque Nationale konnte er neben den französischen Zeitungen, die er benutzte und gelegentlich zitierte, eine Reihe deutscher Tageszeitungen aus den Jahren 1918/19 einsehen, so die in Straßburg erscheinende ,Freie Presse‘ und die ,Straßburger Neue Zeitung‘, die ,Münchener Neuesten Nachrichten‘, die ,Frankfurter Zeitung‘ und die ,Kölnische Zeitung‘ sowie drei Berliner Blätter, nämlich den ,Berliner Lokalanzeiger‘, die ,Berliner Morgenzeitung‘ und das ,Berliner Tageblatt‘. Die im Roman zitierten Zeitungstexte sind also – von Kürzungen und kleineren Modifikationen abgesehen – authentisch.

Die Verwendung dokumentarischen Materials lag nahe, war aber nicht unbedingt – und schon gar nicht in dem zu beobachtenden Umfang – nötig; es gibt andere Romane über die November-Revolution, die fast ohne Rückgriffe auf Dokumente auskommen, weil sie sich auf eine individuelle Erfahrung der Revolutionstage konzentrieren und die politischen Vorgänge als Rahmenbedingungen im Bewusstsein des Lesers zwar voraussetzen, in der Darstellung aber außer Acht lassen. Anders bei Döblin, der ja nicht erst, aber erst recht seit seiner Exilierung mit dem Verlauf der Revolution haderte und sich gedrängt fühlte, die seiner Meinung nach fatalen politischen Weichenstellungen zu verdeutlichen – : ihm war daran gelegen, seine Kritik am Verlauf der Revolution und an den dafür Verantwortlichen zu objektivieren und dokumentarisch zu stützen. Hinzu kommt als weiteres Motiv Döblins Wirklichkeitsfixierung, die zweifach begründet ist: Zum einen resultiert sie aus seiner medizinisch-psychiatrischen Ausbildung, in der die genaue Beobachtung der zu untersuchenden Menschen in ihrer gesamten Lebenswirklichkeit eine große Rolle spielte. Zum andern aber ist sie eine Erbschaft des Naturalismus, durch dessen literarische Schule Döblin gegangen war und zu dem er sich als unverzichtbare Basis seines literarischen Schaffens immer wieder bekannt hat, ja den er als eine Basis der modernen Literatur überhaupt proklamierte. „Wir sind noch lange nicht genug Naturalisten“, rief er 1913 in einem Offenen Brief an F. T. Marinetti dem Begründer des Futurismus zu, und 1928 verlangte er in seinem Essay Der Bau des epischen Werks, der die poetologischen Prinzipien seines Schaffens darstellt, der epische Dichter müsse „ganz nahe an die Realität heran, an ihre Sachlichkeit, ihr Blut, ihren Geruch“, bevor er die Wirklichkeitsebene dann zugunsten anderer Betrachtungsweisen „durchstoßen“ oder – anders gesagt – transzendieren und transformieren dürfe.

Allerdings ist es keineswegs so, dass Döblin sich streng an die historiographischen Darstellungen gehalten oder auch nur die Dokumente in jedem Fall authentisch wiedergegeben hätte. Vielmehr hat Döblin seine Vorlagen im Sinne erkennbarer literarischer und historiographischer Absichten bearbeitet und mehr oder minder stark modifiziert. Insgesamt kann man sagen, dass Döblins Umgang mit Quellen selektiv und assimilierend ist: Er verwendete jene Dokumente und historiographischen Darstellungen, die seinem bei Beginn der Niederschrift schon festen Urteil über die Revolution entsprachen, und er unterstellte sie durch mehr oder minder starke Modifikationen sowohl seiner generellen Erzählabsicht, eine kritische Geschichte der deutschen Revolution zu geben, als auch den fortlaufend sich wandelnden Erfordernissen der eigenen Darstellung am jeweiligen Punkt des Geschehens. Im übrigen ist es in Einzelfällen nicht sicher, ob eine in Anführungszeichen gesetzte Äußerung tatsächlich dokumentiert oder nicht einfach erfunden ist.

Ein historischer Roman?

Geschichtsschreibung war für Döblin immer auch Geschichtsdichtung, und diese hatte für ihn sogar den Vorteil, dass sie näher an die „wirkliche, gelebte“ Geschichte heranreichte, weil sie nicht an überlieferte Daten und dokumentarisch präsente Fakten gebunden war, sondern „sehr viele physische und metaphysische Faktoren in starker Konkretheit heranziehen“ konnte. Man tut freilich gut daran, Döblins wissenschaftskritische Betonung der Konstruiertheit von Geschichte und die daraus abgeleitete Leugnung der Differenz zwischen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und literarischer Geschichtsdarstellung ihrerseits kritisch zu betrachten. Denn wenn, wie der große Historiker Reinhart Koselleck dargelegt hat, die Quellen der wissenschaftlichen Historiographie nicht bündig vorschreiben, „was gesagt werden kann“, so schließt die „Quellenkontrolle“ doch aus, „was nicht gesagt werden darf“.

Gemessen an diesem Prinzip erweist sich Döblins Revolutionsdarstellung bei aller Quellennähe als historischer Roman, in dem nicht nur vieles in konkretisierender Absicht erfunden wird, was die Quellen nicht hergeben, sondern – unter tendenziöser Verwendung von Dokumenten – auch manches gesagt wird, was streng genommen nicht gesagt oder suggeriert werden darf: so etwa, dass Ebert Noske von vornherein als „Bluthund“ nach Berlin gerufen habe. Das Wort „Bluthund“ wurde von revolutionären Regierungsgegnern aufgebracht und auf verschiedene Regierungsmitglieder (Volksbeauftragte) angewendet; Noske zitierte es gleichsam, als er sich dazu bereit erklärte, den „Bluthund“ zu machen. Wenn diese Vokabel nun, wie es bei Döblin geschieht, lange davor in Eberts Überlegungen auftaucht und die Rückholung Noskes aus Kiel nach Berlin motiviert, erhält Eberts Kalkül eine Eindeutigkeit, die es nach allem, was man sonst über Ebert weiß, nicht hatte und die jedenfalls nicht durch Quellen gedeckt ist, wohl aber Döblins Meinung entspricht, dass Ebert kaltblütig und zielstrebig darauf hinarbeitete, die Revolution niederschlagen zu lassen. Freilich werden damit Streitfragen und Deutungsprobleme berührt, über die schwerlich Konsens herzustellen sein wird.

Parteilichkeit und Totalitätsstreben

Nur ein Jahr vor Beginn der Arbeit am November-Werk hat Döblin die Auffassung von Geschichtsschreibung, die sich während der 1920er Jahre bei ihm herausgebildet hatte, noch einmal profiliert: in seiner Abhandlung Der historische Roman und wir, die Döblin im Juni 1936 bei einer Veranstaltung des ,Schutzverbands deutscher Schriftsteller‘ in Paris vortrug und die einige Monate später im Oktober-Heft der in Moskau von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger und Willi Bredel herausgegebenen Zeitschrift Das Wort erschien. Darin lehnte Döblin das „Wahrheits-“ oder „Objektivitätsideal“ der wissenschaftlich sich nennenden Historiographie geradezu als „wahnhaft“ ab und bekannte sich zu dem Grundsatz: „Mit Historie will man was“. Historisch schreiben bedeutete für Döblin demnach zwar auch: eine vergangene Epoche auf der Basis des überlieferten Quellenmaterials in ihrer Eigenart möglichst lebendig und profiliert erscheinen zu lassen; vor allem aber hieß es für ihn: aus einem gegenwärtigen Bewusstsein und sowohl reflektierten als auch eingestandenen Interesse heraus entschieden und erkennbar parteilich zu schreiben. Wörtlich sagte er:

Gebot für den [wissenschaftlichen] Historiker war: alle Fakten stehen lassen. Der [dichterische] Autor erhält andere Befehle: er durchlenkt und durchtastet Zug um Zug seinen Stoff, und wenn er zugreifen will und zugreift, so wird er nicht getrieben von einem wahnhaften Objektivitätsdrang, sondern von der alleinigen Echtheit, die es für Individuen auf dieser Erde gibt: von der Parteilichkeit des Tätigen.

Die mehrfach verwendete Formel von der „Parteilichkeit des Tätigen“ hat wohl dazu geführt, dass November 1918 von marxistisch eingestellten Bekannten Döblins, die den Roman freilich nur auszugsweise kannten, als ein Werk im Sinne des marxistisch-kommunistischen Literaturprogramms verstanden wurde. So hat Brecht das Werk anlässlich der Feier von Döblins 65. Geburtstag als „triumph des neuen typus eingreifender dichtung“ bezeichnet. Indessen ist zu vermuten, dass Döblin seine Vorstellung einer parteilichen Historiographie weniger der marxistischen Schule als einem der „Götter seiner Jugend“, nämlich Friedrich Nietzsche, verdankt, näherhin dessen berühmter Abhandlung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874). Wie Nietzsche postulierte, nur „aus der höchsten Kraft der Gegenwart“ dürfe man „das Vergangene deuten“, so schrieb Döblin dem Autor eines historischen Roman noch bildkräftiger vor, er habe „das Feuer einer heutigen Situation in die verschollene Zeit“ hineinzutragen; und ähnlich wie Nietzsche feststellte, die Geschichte gehöre zunächst dem „Tätigen und Strebenden“, sodann dem „Bewahrenden und Verehrenden“, schließlich dem „Leidenden und der Befreiung Bedürftigen“, sprach Döblin vom „Stab des Lebenden, des Tätigen, der die blind übereinander gestürzten historischen Monumente berühren und ordnen“ müsse.

Den drei Eignern oder Herren der Geschichte entsprechen bei Nietzsche drei Arten der Historiographie: die „monumentalische“, die dem „Tätigen und Strebenden“ die großen Taten und Gestalten der Vergangenheit zur Ermunterung und Nachahmung vorstellt; die „antiquarische“, die dem „Bewahrenden und Verehrenden“ ein „Lust- und Zufriedenheitsgefühl“ gibt; die „kritische“, die dem „Leidenden und der Befreiung Bedürftigen“ dazu dient, eine ihn beengende „Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen“, indem er sie „vor Gericht zieht, peinlich inquiriert, und endlich verurteilt“. Dabei wird der Ton nicht eben schonungsvoll sein; denn wenn man etwas Vergangenes einer kritischen Betrachtung unterzieht, „dann greift man mit dem Messer an seine Wurzeln, dann schreitet man grausam über alle Pietäten hinweg“.

Die Geschichte der ,verspielten‘ und ,verratenen‘ deutschen Revolution wird von Döblin als Vorgeschichte der nationalsozialistischen Machtergreifung und Diktatur im radikalen Sinne Nietzsches „kritisch“ gemustert. Die Geschichten einiger herausragender und nach Döblins Meinung den richtigen Weg einschlagender Akteure (wie Rosa Luxemburg und Woodrow Wilson) werden von ihm in tendenziell monumentalischer Weise dargestellt.

Parteilichkeit ist das eine Prinzip, dem Döblin beim Schreiben der November-Trilogie folgte. Das andere heißt Totalität, ein Prinzip, das seit Hegels Vorlesungen über die Ästhetik als Wesensmerkmal der Epik gilt und den Romanciers des 20.Jahrhundert durch Georg Lukács’ Theorie des Romans (1916/20) wieder in Erinnerung gerufen wurde: die breite, in individuellen Schicksalen sich konkretisierende Darstellung einer Epoche oder eines epochalen Ereignisses in allen Dimensionen des Lebens, von der täglichen materiellen Lebensfürsorge über die politischen Gegebenheiten oder Weichenstellungen bis zu den weltanschaulichen und religiösen Horizonten. In diesem Sinn wollte Döblin die deutsche Revolution nicht nur in ihrer ganzen gesellschaftlichen Breite, politischen Verworrenheit und ethischen Komplexität zeigen, sondern auch in dem religiösen Horizont, der ihm wichtig geworden war und in dem er auch die deutsche Revolution als eine Episode und Widerspiegelung des großen heilsgeschichtlichen Dramas sah. Dem einen Ziel diente die Auffächerung der „verratenen“ und „verspielten“ deutschen Revolution in eine möglichst viele Tatsächlichkeiten und Möglichkeiten spiegelnde Pluralität von – nahezu fünfzig – einander ergänzenden, affirmierenden oder kritisierenden Geschichten. Dem andern Ziel dienten die Aufrufung jüdisch-christlicher Geschichtsvorstellungen, wie sie insbesondere gegen Ende des dritten Teils in Liebknechts Auseinandersetzung mit John Miltons Verlorenem Paradies, aber auch in Rosa Luxemburgs halluzinatorischen Satansbegegnungen zu finden sind, und die Einbeziehung grundlegender existentieller und politischer Orientierungstexte, wie sie vor allem in der Geschichte des Offiziers und Studienrats Becker aufgegriffen und erörtert werden, also Richard Wagners Tristan und Isolde, Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg und die Antigone des Sophokles.

Die Wertung der geschichtlichen Ereignisse geschieht jedoch nicht nur mittels der unterschiedlich akzentuierten Darstellungsweisen, sondern auch durch unmittelbare Urteile des Erzählers. Denn obwohl das Geschehen ja in der dritten Person oder Er/Sie-Form erzählt wird („Sie blickte mit einer kleinen Kopfbewegung in die Stube zurück …“), meldet sich etwa hundert Seiten nach Beginn unvermittelt und an einer beliebig wirkenden Stelle eine gleichsam von außen kommende Stimme zu Wort, die sich zunächst als Stimme des „Dichters“, dann des „Erzählers“ oder eben der Kombination von beiden, des ,Dichter-Erzähler‘, zu erkennen gibt, von da an immer wieder zu vernehmen ist und sich im zweiten Band sogar als Stimme des „Verfassers“ bzw. „Autors“ hören lässt.

Dass Döblin seine Geschichte der deutschen Revolution einen Tag nach dem entscheidenden Tag, dem 9. November, am 10. November im Elsass einsetzen ließ, war zweifellos durch sein eigenes Erleben motiviert, vielleicht aber auch dadurch, dass er in Paris schrieb und auch ein französisches Publikum im Auge hatte. Im übrigen war es im Sinne von Döblins revolutionskritischer Erzählabsicht, die auf eine Dekonstruktion der Revolutionslegenden aus war, eine geradezu genial zu nennende Eröffnung: In Berlin ist die Republik ausgerufen, und die Revolution hat scheinbar gesiegt; im Elsass kommt sie in den nächsten Tagen als Gerücht und Mythos an, verunsichert das Alltagsleben und stiftet zu rebellischen Handlungen an, löst bei den einen Festjubel und bei den anderen apokalyptische Ängste aus, gewinnt dann aber nicht die Qualität einer wirklichen Revolution, sondern offenbart sich als bloßer Zusammenbruch, der nur zu einem Wechsel der politischen Herrschaft führt: Die Deutschen müssen sang- und klanglos abziehen; die Franzosen rücken mit Pauken und Trompeten ein. Lange unterdrückte Ressentiments gegen die „Reichsdeutschen“ werden laut; das „Reichsland“ Elsass-Lothringen war ja unter besonderer preußischer Kuratel gestanden, und viele Bewohner hatten sich nach der französischen Herrschaft zurückgesehnt. In Straßburg muss der deutsche Bürgermeister einem französischen weichen, der die revolutionären Matrosen im Handumdrehen kaltstellt und die Revolution für beendet erklärt. Zwar werden alle Motive aufgerufen, die zur Hagiographie der Revolution gehören: der Einsturz des Himmels und das Eintreten des Urzustandes, die Geburt der neuen Zeit und des neuen Menschen, die orgiastische Stimmung und die auf alle Lebensbereiche übergreifende Insurrektion. Aber schon früh wird durch eine komisierende und karnevalisierende Darstellungsweise angedeutet, dass aus all dem nicht viel wird. In den karnevalistischen Zügen der Geschehnisse liegt zwar revolutionäres Potential, aber es kann sich nicht entfalten. Es gibt keine Direktiven, die die persönlichen Aufbrüche in Richtung einer allgemeinen Revolution lenken und so eine wirkliche Verkehrung der Verhältnisse herbeiführen würden. Es kommt zu keiner „elsaß-lothringischen Republik“ mit antikapitalistischer und antiimperialistischer Ausrichtung. Es bleibt bei einem karnevalistischen Zwischenspiel.

Immerhin werden einige Menschen in Bewegung gesetzt. Dies gilt vor allem für den schwer verwundeten Oberleutnant Becker, den ebenfalls verwundeten Leutnant Maus und die Operationsschwester Hilde, die – wie Döblin – am 14. November das Lazarett verlassen und „umziehen“ müssen: „Also umziehen“, bemerkt Becker, „zur großen Reise ins Unbekannte“. Dann folgt die lange Eisenbahnfahrt nach Berlin, eine Schwellen- oder Übergangssituation, die für Becker den Beginn einer langen „Entdeckungsarbeit“ und tiefgreifenden Wandlung bedeutet, den bewussten Abschluss seiner „zweiten Geburt“ und den Eintritt in eine neue, reflektiertere Phase der Existenz. Im Zug erscheint dem Zerknirschten und vom Frieden Träumenden nächtens der aus Straßburg stammende Mystiker Johannes Tauler (ca. 1300–1361), fordert ihn zur Ein- und Umkehr auf und prophezeit ihm einen Weg, der durch „bitterste Bitterkeit“ und „Drangsal“ führt. Man weiß, dass Döblin während der Abschlussarbeiten an Bürger und Soldaten Taulers Predigten las, und offensichtlich beeindruckten diese ihn so stark, dass er sich im letzten Augenblick vor der Drucklegung entschloss, dem verstört über seine zerschossene Existenz nachdenkenden Kriegsheimkehrer Becker den Prediger des Leidens und der Lebenswende als Wegbegleiter mitzugeben. Die Vorstellungen, die Döblins Tauler seinem Zögling Becker vermittelt, verweisen indessen aber auch auf einen anderen christlichen Lehrer der Existenz, den Döblin in den Jahren zuvor studiert hatte: auf den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard (1813–1855). Schon bevor Tauler in Döblins Bewusstsein auftauchte und in die Druckvorlage für Bürger und Soldaten eingefügt wurde, war dem traumatisierten Becker ein Lebensweg zugedacht und ansatzweise zugeschrieben, der im Sinne Kierkegaards von einer ästhetischen über eine ethische zu einer religiösen Existenz führen sollte. Döblin setzte den Namen Tauler gleichsam (auch) als Pseudonym für Kierkegaard, was um so leichter möglich war, als beider Lebenslehren in wichtigen Punkten übereinstimmen. Mit der Erscheinung Taulers beginnt für Becker im übrigen die Kette der teils traumhaften, teils halluzinatorischen Visionen, in denen sich ihm der Blick auf die dämonischen Mächte des Lebens öffnet. Der schwerverletzte Becker ist ein Kriegsneurotiker, der zum religiösen Seher wird.

Während für Becker die Revolutionierung des eigenen Lebens beginnt, wird die deutsche Revolution in Berlin durch den Volksbeauftragten Ebert für „vollendet“ erklärt. Die weitere Entwicklung bekommt man im ersten Teil des November-Werks nur aus der Ferne mit, gleichsam aus elsässischer oder französischer Sicht, die keinen klaren Befund erlaubt. Im vorletzten Kapitel von Bürger und Soldaten, das unter dem ominösen Titel „Vom tiefen und gefährlichen Deutschland“ steht, erörtern in Straßburg Barrès und einige Bekannte die Situation. Während Barrès die deutsche Revolution für ein „Betrugsmanöver“ hält, mit dem die deutschen Generäle die Verantwortung für den Zusammenbruch und alle Folgen anderen zuschieben wollen, meint ein Straßburger Advokat, dass die deutsche Revolution doch auch „elementar[e]“ Momente gehabt habe und dass es sehr wohl ernsthafte „Revolutionäre bei den Deutschen“ gebe: „Sie wollen den Militarismus und Kapitalismus ausrotten“. Mit dieser widersprüchlichen Einschätzung schließt der erste Teil der November-Trilogie in den Tagen um den 22. November, an dem französische Truppen in Straßburg einzogen.

Der zweite Teil: von der Peripherie ins Zentrum der Revolution

Mit dem zweiten Teil wandeln sich Struktur und Ton des „Erzählwerks“ bis zu einem gewissen Grad. Den größeren Kapiteln werden kleine Zusammenfassungen vorangestellt, die stichwortartig über den Inhalt informieren oder auf einzelne Momente des Geschehens hindeuten, zugleich aber ironische Erzählerkommentare darstellen, die das Geschehen von vornherein in einem zwiespältigen Licht erscheinen lassen, so beispielsweise im Vorspruch zum Kapitel „Die Stimme Liebknechts über Berlin“, wo es heißt: „Karl Liebknecht warnt die Matrosen vor Generalen und ihren Helfershelfern. Er will auch keinen Wilsonfrieden, weil er keiner wäre. Einigen Offizieren klingt das nicht schlecht.“ Fast durchweg enthalten die Zusammenfassungen solche Hinweise darauf, dass in dieser Revolution alles, was geschieht, durch konterrevolutionäre Kräfte konterkariert und pervertiert wird. In den ironisch, mitunter sarkastisch formulierten Vorsprüchen klingt das „schmerzliche Lachen des Historikers“ an, von dem Döblin schon 1920 in einem Essay über Krieg und Frieden einmal sprach. Die Polyperspektivik der Darstellung wird beibehalten, aber etwas reduziert; weniger Personen und Vorgänge als im ersten Teil werden ausführlicher dargestellt. Schauplatz ist nicht mehr die Peripherie, das Elsass, sondern das Zentrum der deutschen Revolution, Berlin, auch wenn der Blick noch einige Male nach Straßburg wandert. Wie im ersten Teil hat sich Döblin stark auf Dokumente aus der Revolutionszeit und auf spätere Darstellungen gestützt; auch manches, was wie gut erfunden wirkt, hat eine Vorlage in Döblins Quellen.

Gegenstand des Bandes II/1 sind die sechzehn Tage vom 22. November, an dem sich – nach dem Sturm auf das Polizeipräsidium – der Berliner „Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte“ mit dem „Rat der Volksbeauftragten“ um Friedrich Ebert über eine kooperative Machtausübung einigte, bis zum 7. Dezember, an dem deutlich wird, dass es zu einer Konfrontation zwischen dem Rat der Volksbeauftragten und den revolutionären Kräften um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg kommen wird. Die drei Kraftzentren – der Rat der Volksbeauftragten, der Generalstab in Kassel und der revolutionäre Spartakusbund um Liebknecht und Luxemburg – werden vor Augen geführt, und ausführlich wird Eberts „Verrat“ (wie Döblin es sah) an der Revolution gezeigt: seine abendlich über die „Geheimlinie 998“ geführten Gespräche mit dem Generalstab in Kassel. Die Entwicklung tritt mehr oder minder auf der Stelle, aber überall werden neue Schritte erwogen, Strategiedebatten geführt und Vorbereitungen getroffen. Während die von Ebert geführten Sozialdemokraten der Meinung sind, dass die Revolution mit der Schaffung neuer staatlicher Verhältnisse ihre Aufgabe erfüllt habe und nun durch eine Verfassungsstiftung aufgehoben werden müsse, sind radikalere Sozialisten, die sich im „Spartakusbund“ zusammenfinden und Ende 1918 die KPD gründen, der Meinung, dass die Verfassungsrevolution durch eine eingreifende gesellschaftliche Umwälzung ergänzt, die Revolution also fortgeführt werden müsse. Immer wieder wird Lenin als Beispiel für einen erfolgreichen Revolutionär erwähnt; an einer Stelle wird aber auch bereits die Perspektive auf Hitler geöffnet: wenn der Major von Schleicher über die mögliche Rolle Hindenburgs nachdenkt und in ihm den berufenen „Paladin“, den „Platzhalter für einen andern“ erkennt. Auch die privaten Geschichten der Heimkehrer Becker und Maus sowie der Operationsschwester Hilde laufen in eher undramatischen Suchbewegungen weiter, doch wird deutlich, dass Beckers Leben einer „Umwälzung“ unterworfen ist, von deren Radikalität und Tragweite er vorerst noch nichts ahnt. Intensiviert wird die Geschichte des Dichters Stauffer, den Döblin im letzten Moment unter dem Namen „Stauffen“ in den ersten Band eingeführt hat; er wird nun gleichsam reaktiviert und – zögerlich, wie aus dem Manuskript zu ersehen ist – zum Exempel einer unpolitisch-eskapistischen Dichterexistenz aufgebaut, zum Repräsentanten des „deutschen Bildungsbürgers, der eine Verantwortung für die Mitgestaltung der Demokratie nicht nur nicht erkennt, sondern sie sogar zurückweist“ (so Christina Althen 1993).

Der Teil II/1 erschien 1948 im Verlag Karl Alber, der in München und Freiburg ansässig war, unter dem Titel Verratenes Volk als erster Band der dreibändigen Ausgabe von November 1918. Der ursprüngliche erste Band Bürger und Soldaten durfte wegen der in ihm berührten Frage nach dem Status des Elsass zwischen Frankreich und Deutschland nicht gedruckt werden. Da ein Teil seines Inhalts die unabdingbare Voraussetzung für die weiteren Teile ist, schrieb Döblin für die Ausgabe von 1948 ein 40 Seiten umfassendes „Vorspiel“, das die wichtigsten Informationen bietet. Streichen musste er an verschiedenen Stellen insgesamt fast 20 Seiten, die bestimmte Vorgänge in Straßburg oder die elsässische Geschichte in Erinnerung riefen. Ein Teil davon betrifft den General Pétain, den „Helden von Verdun“, der nach dem deutschen Sieg über Frankreich im Sommer 1940 (und mithin auch nach der Niederschrift der entsprechenden Kapitel von Teil II/1) die mit Hitler kollaborierende Vichy-Regierung bildete und dafür nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom französischen Obersten Gerichtshof zum Tod verurteilt und von General de Gaulle als dem Chef der Provisorischen Regierung auf die Île d’Yeu verbannt wurde.

Der Band II/2 der November-Trilogie gehört zu jenem zweiten Teil, den Döblin im Sommer 1940 bei seiner Flucht vor den deutschen Truppen in einer schwarzen Aktentasche von Paris durch Frankreich, Spanien und Portugal schleppte und mit nach Amerika brachte. Wie der vorausgehende wurde auch dieser Teil in Kalifornien stark überarbeitet.

Gegenstand des Bandes II/2 sind die Tage vom 8. bis 14. Dezember. Von den Kraftzentren, die im vorausgehenden Teil II/1 in Augenschein genommen wurden, gehen weiterhin widersprüchliche Bestrebungen aus. Der Generalstab in Kassel und die Berliner Regierung versuchen die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte einzuschränken und die Gefahr weiterer revolutionärer Schritte in Richtung Sozialisierung und Demilitarisierung zu unterbinden. Liebknecht denkt weiterhin über die Möglichkeiten eines unblutigen Wegs zum Sozialismus nach und wird – wie schon am Ende des vorausgehenden Teils – von Karl Radek, dem „Emissär der [russischen] Bolschewiken“, beobachtet und zu radikaleren Schritten gedrängt. Der Titel des Bandes II/2, Heimkehr der Fronttruppen, macht jedoch darauf aufmerksam, dass sich nebenbei etwas Entscheidendes vollzieht: Die Fronttruppen kehren zurück; die Soldaten werden ausgemustert und stehen eine Weile orientierungslos herum, verrohte „Wolfsmenschen“, wie Liebknecht ahnungsvoll sagt, die dann in die Freikorps eintreten und die Revolution liquidieren werden. Zu gleicher Zeit treten die Alliierten zusammen, um den Waffenstillstand in einen Frieden zu überführen und für Europa eine neue, den Frieden garantierende Ordnung zu schaffen. Dieser Handlungsstrang, in dessen Zentrum der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit seiner Selbstbestimmungs-, Friedens- und Völkerbundsidee steht, führt weg von der Revolution und scheint sich über Gebühr zu verselbständigen; doch komplettiert er als gescheiterter Versuch, Deutschland zu domestizieren und eine dauerhafte Friedensordnung herzustellen, die Geschichte der gescheiterten deutschen Revolution. Die alliierten Kriegsgegner Deutschlands bilden ein „externes Machtzentrum“ (Althen 1993), dessen in sich zerstrittene Haltung gegenüber Deutschland sich auf die deutsche Entwicklung weit über die Revolutionszeit hinaus negativ auswirkt und deswegen von Döblin sehr kritisch dargestellt wird. Im privaten Bereich gibt es bei Becker eine dramatische Entwicklung, die vollends einen pathologischen Charakter annimmt und im dritten und vierten Buch in den Auseinandersetzungen mit den halluzinatorischen Figuren des anzüglichen Brasilianers, des mächtig wirkenden Löwen und der psychoanalytisch geschulten Ratte ihren Höhepunkt findet; alle drei wollen sie Becker vom Übertritt aus der ästhetischen in die ethische und zumal religiöse Existenz im Sinne Kierkegaards abhalten. Mit dieser Erfahrung, die einen Selbstmordversuch einschließt, passiert Becker jenes „Tor des Grauens und der Verzweiflung“, das sein Seelenführer Tauler ihm zuvor prophezeit hat, und wird frei für den Eintritt in ein religiös bestimmtes Leben. Der Dichter Stauffer führt indessen seine ästhetisch-eskapistische Existenz weiter. Dass dies alles nebeneinander geschieht und aufeinander zu beziehen ist, macht das Unterkapitel „Plakate“ deutlich, das die Namen Becker, Wilson, Ebert, Liebknecht und Stauffer auf einer Seite nennt. Wenn der Band II/2 endet, ist deutlich, dass einige Handlungsstränge auf entscheidende Momente zulaufen. Abgeschlossen ist nur die Wilson-Handlung, doch ist das Kapitel über das „Ende von Thomas Woodrow Wilson“ durch Abschnitte umrahmt, die auf den Beginn der deutschen „Gegenrevolution“ mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 und auf die massiven Rüstungen der mittleren und späteren zwanziger Jahre verweisen.

Der Teil II/2 erschien 1949 im Verlag Karl Alber, der in München und Freiburg ansässig war, unter dem Titel Verratenes Volk als zweiter Band der dreibändigen Ausgabe von November 1918. Wie im vorausgehenden Band musste Döblin mit Rücksicht auf die französische Militärzensur, für die er selber nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil in Baden-Baden arbeitete, an etwa 80 Stellen kleinere Änderungen vornehmen, etwa Verweise auf Straßburg und das Elsass tilgen oder kleinere Passagen streichen, in denen Dinge gesagt wurden, die bei französischen Zensoren hätten Anstoß erregen können, etwa dass bei der Durchfahrt Wilsons durch Soissons die zahlreichen Soldaten von den Durchfahrtstraßen verwiesen wurden, um die Stadt und Frankreich friedfertiger erscheinen zu lassen.

Das katastrophale Ende der Revolution im dritten Teil

Zusammenbruch und Beginn der Revolution bilden den ersten Teil (Band I), das Stagnieren der Revolution und die Rückkehr der Fronttruppen den zweiten Teil, in dem Revolutionäre und Revolutionsgegner sich in Stellung bringen (Band II/1 und 2), der Januar- oder Spartakus-Aufstand und seine blutige Unterdrückung den dritten und katastrophalen Teil (Band III).

Dieser dritte Teil schildert die Zeit von Mitte Dezember 1918 bis zum 15. Januar 1919, an dem Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet wurden. Waren im zweiten Teil Ebert und Liebknecht als gegnerische Hauptakteure kenntlich geworden, so tritt nun neben ihnen Rosa Luxemburg hervor, steigt neben Liebknecht zur Führungsfigur der Revolution auf und wird neben dem fiktiven Romanhelden Becker zur zweiten Hauptfigur des dritten Teils. Da sie bisher nur beiläufig erwähnt wurde, erhält sie ein langes, über fast hundert Seiten sich erstreckendes Einführungskapitel, das sie als große – oder ,pathologisch‘ – Trauernde charakterisiert, die – wie Becker – die Toten des Weltkriegs, darunter ihren Freund Hans Diefenbach, und überhaupt die Opfer der Geschichte und der schlechten Einrichtung der Gesellschaft nicht vergessen kann. Das mag befremdlich wirken, doch ist es nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf der Lektüre von Rosa Luxemburgs Briefen, die Döblin aus der Sorbonne entliehen hatte und während seiner Flucht durch Frankreich mit sich führte. Als sie 1950 wieder erschienen, rezensierte Döblin sie für seine Zeitschrift ,Das Goldene Tor‘, zitierte Sätze, aus denen zu ersehen ist, in welchem Maß der gefallene Freund für die Schreibende noch psychisch präsent war, und bemerkte bei dieser Gelegenheit:

Ich selbst, der Referent, darf nach meinem Buch „Karl und Rosa“, dem Schlussband von „November 1918“, mich erinnern, dass ich, damals in Kalifornien, gerade an diesen Sätzen hängen blieb. Es war Rosa, die Gefangene in ihrer Zelle, die Einsame, die das schrieb. Ich folgte ihren Gedanken, und über seinen Tod hinaus habe ich sie ihn suchen lassen, und sie fand und hatte ihn bald (im Traum), aber das wurde keine Liebesgeschichte, sondern eine schreckliche, grausige Begegnung, im Geisterreich.

Im zweiten Buch des dritten Bandes werden die drei politischen Hauptakteure und, in Döblins Sicht, Hauptverantwortlichen für das Schicksal der deutschen Revolution – Ebert, Liebknecht und Luxemburg – noch einmal knapp porträtiert. Zugleich schildert dieses Kapitel hochironisch und mit einer kühnen parodistischen Passage, in der die Verhältnisse buchstäblich einmal in einen revolutionären Taumel geraten, die Weihnachtskrise, die wegen der Löhnung der revolutionären Volksmarinedivision ausbricht, am ersten Weihnachtstag zu blutigen Kämpfen führt und in einer Pattsituation endet. Wie in den früheren Bänden wechselt auch in diesem Teil immer wieder der Blick, so dass die geschichtlichen Vorgänge und die fiktiven Geschichten intermittierend zur Darstellung kommen, doch ist die Fluktuation gemindert; die Textblöcke sind länger und wirken gewichtiger, der Inhalt wird zunehmend tragischer, in vielen Kapiteln gewinnt ein pathetischer Ton die Oberhand. Auf der geschichtlichen Ebene gibt es drei einander ablösende Hauptereignisse: die „Affäre Eichhorn“, also die Entlassung des unabhängig-sozialdemokratischen Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn durch den sozialdemokratischen preußischen Innenminister, die zum Anlass für den Januar- oder Spartakus-Aufstand wird; dann die große Massendemonstration vom 6. Januar, die aber weder einen Führer noch eine Parole bekommt und deswegen ineffektiv bleibt; und schließlich die Kämpfe im Zeitungsviertel und die Offensive der Regierungstruppen unter der Leitung des sozialdemokratischen Volksbeauftragten für Heer und Marine Gustav Noske, die zur blutigen Niederwerfung des Aufstands im Zeitungsviertel, zur ebenfalls blutigen ,Säuberung‘ der Arbeiterquartiere, zur Verfolgung speziell der Spartakus-Führer und zur Ermordung von Liebknecht und Luxemburg führte.

Am Ende ist die soziale Revolution geschlagen, ihre Führer sind tot, die Massen enttäuscht, entmutigt und zerstreut. Auf der fiktiven Ebene werden die Geschichten Stauffers und Beckers durch mehr oder minder dramatische Stufen weitergeführt und zu unterschiedlichen Enden gebracht: Stauffer kommt zu so viel Selbsterkenntnis, dass ihm seine ästhetische Existenz (in Kierkegaards Sinn) bewusst wird und er sie in einer Art von innerlichem Anachoretentum transzendiert. Er ist durch seine Jugendliebe und Seelenführerin Lucie „aus seiner deutschen, ans Verbrecherische grenzenden Vertrottelung geholt“ worden, aber nicht in der Lage, sich zu einem „politischen“, „geistigen“ oder „religiösen Bekenntnis“ durchringen zu können, wobei unklar bleibt, ob „nicht“ als „nicht mehr“ oder „noch nicht“ zu verstehen ist. Becker muss einen leidvollen Weg durch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen (einschließlich der blutigen Januarkämpfe) gehen, bevor er in einem letzten, religiös gestalteten Drama sein Leben noch einmal reflektieren kann und dann unter Verwahrlosten und Kriminellen ein märtyrerhaftes Ende findet. Wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den „Golgathaweg“ der Revolution gehen müssen, so muss Becker den Golgathaweg der christlichen Existenz gehen.

In beiden Fällen wird dies als „Psychomachie“ im traditionellen religions- und literaturgeschichtlichen Sinn gestaltet, das heißt als Kampf in einer Seele und um eine Seele, in den sich überpersönliche, transzendente Mächte einmischen, die man damals vorzugsweise auch „dämonisch“ nannte. In Momenten der fundamentalen Verstörung oder des Wahns, so glaubte, wie man der Schicksalsreise entnehmen kann, Döblin, würde die Welt für diese Mächte transparent. Um dies zu gestalten, griff er zum einen – wie schon in den Wahnkapiteln von Berlin Alexanderplatz – auf seine psychiatrischen Erfahrungen zurück, zum andern auf die traditionsreiche Welttheatervorstellung, die das menschliche Leben als eine Existenz zwischen Himmel und Hölle, zwischen Gott und Teufel und – nach Epheser 6,12 und Hebräer 1,14 – zwischen den Fronten guter und böser Geister zeigt. Vom menschlichen Leben als einem „Zwischenzustand zwischen Himmel und Hölle“ ist im dritten Band ausdrücklich die Rede, und als Untertitel hatte Döblin eben „Eine Geschichte zwischen Himmel und Hölle“ vorgesehen, um der Leserschaft von vornherein einen Hinweis sowohl auf den religiösen Horizont als auch auf den „metarealistischen“ (Wilfried F. Schoeller) oder „supra-naturalistischen“ (Elisabeth Langgässer) Charakter der Darstellung zu geben. Da, wo es um das Schicksal und Leid historischer Figuren geht, bei Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vor allem, vergisst Döblin, der Verfechter naturalistischer Wirklichkeitsnähe auch das konkret Historische, das brutal Mörderische und das armselig Kreatürliche nicht. Die Schilderung der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg liest man mit Erschütterung.

Drucke und ihre Resonanz

Bereits in Amerika versuchte Döblin, das November-Werk zum Druck zu bringen. Dies blieb erfolglos. Erst im Herbst 1948 konnte der erster Band der nunmehr um einen Band verringerten Tetralogie Verratenes Volk erscheinen. Im Frühjahr 1949 folgte als zweiter Band Heimkehr der Fronttruppen, ein Jahr später, im Frühjahr 1950, als dritter Band Karl und Rosa, der Schlussband, der seit Herbst 1949 bereits in einer italienischen Ausgabe vorlag.

Große und positive Resonanz fanden die Bände zunächst nicht. Das änderte sich erst, als der Deutsche Taschenbuch Verlag 1978 zum 100. Geburtstags Alfred Döblins seine vierbändige Ausgabe vorlegte. Die ausführlichste und gewichtigste Besprechung erschien im Nachrichtenmagazin ,Der Spiegel‘ (33/1978) und stammte von dem 1907 geborenen Literaturwissenschaftler Hans Mayer, der 1933 ins Exil gehen musste, von 1948 bis 1963 in Leipzig einen germanistischen Lehrstuhl innehatte, 1963 aber die DDR verließ und von 1965 bis 1973 in Hannover lehrte. Der mehrseitige Artikel würdigte Döblins Werk unter historisch-politischen wie literarischen Gesichtspunkten und schloss mit den Worten: „Dies Buch erscheint heute wahrlich zur richtigen Zeit. Ein Buch für Bundeskanzler, Gewerkschaftsführer und Unternehmer, für die Hardthöhe wie für Rudi Dutschke.“ Döblins großes „Erzählwerk“ schien seine Stunde gefunden zu haben: Es war die Zeit, in der in der Bundesrepublik die Themen Revolution, Demokratie und Sozialismus, die im Zentrum der November-Trilogie stehen, neu verhandelt wurden. Auch die November-Revolution wurde Gegenstand der Debatten. 1981 erschien Sebastian Haffners Buch 1918/19. Eine deutsche Revolution, das 1969 erstmals publiziert, aber wenig wahrgenommen worden war, als rororo-Taschenbuch und lenkte das historisch-politische Interesse auf die November-Revolution. Die Übereinstimmung mit Döblins Darstellung in vielen Einzelheiten wie in der Gesamteinschätzung ist frappierend: Auch Haffner schildert die deutsche Revolution als „Tragikomödie“. Auch für Haffner haben die Sozialdemokraten die Revolution „verraten“ und dadurch dem „Hitler-Reich den Boden bereitet“. Auch bei ihm erscheint der Kapp-Lüttwitz-Putsch, auf den Döblin am Ende des Bandes II/2 verweist, als die erste Manifestation jener Gegenrevolution, die durch Ebert ermöglicht worden war und 1933 siegen sollte.

Parteilichkeit

Folgt man Döblin, so ist die deutsche Revolution an mehreren Faktoren gescheitert: zunächst einmal an der Entschlossenheit der Obersten Heeresleitung und des „kaiserlichen Sozialdemokraten“ Ebert, die Revolution nach der Ausrufung der Republik zu stoppen und notfalls niederschlagen zu lassen; an der Verspieltheit und Planlosigkeit der Arbeiter- und Soldatenräte; am Eskapismus der „Geistigen“; an der Zögerlichkeit potentiell revolutionärer Kräfte wie der Berliner Betriebsobleute; an der Unfähigkeit der Spartakus-Führer, den Massen am 6. Januar Parolen und Direktiven zu geben. Der Hauptschuldige war für Döblin allerdings Ebert, wie nicht nur aus dem November-Werk zu ersehen ist; ausdrücklich sagte er es auch in Briefen an Hermann Kesten und Theodor Heuss. Döblin hasste Ebert geradezu, weil er glaubte, Ebert habe die Revolution aus einer kleinbürgerlichen und obrigkeitshörigen sowie traditionell sozialdemokratischen Abneigung gegen alles Revolutionäre verabscheut und verraten. Im Licht der neueren Historiographie erscheint Döblins Einschätzung der deutschen Revolution als einseitig. Zu wenig anerkannte er, dass Deutschland eine durchschlagende Verfassungsrevolution erlebt hatte, deren Sicherung durch eine Nationalversammlung eine unvergleichliche politische Chance war. Zu wenig anerkannte er, dass der „Rat der Volksbeauftragten“ im Winter 1918/19 unter einem „erdrückenden Kompromißzwang“ stand und durch einige „Basiskompromisse“ (Hans-Ulrich Wehler) mit dem Heer, mit der Beamtenschaft, mit den Räten, mit Kapital und Gewerkschaften sowie den Bundesstaaten gute Voraussetzungen sowohl für eine Konsolidierung als auch für eine Weiterentwicklung der Verhältnisse geschaffen hatte.

Mit der Feststellung gewisser Einseitigkeiten ist Döblins Revolutionsdarstellung allerdings nicht entwertet. Dass „ein stärkerer Abbau der alten gesellschaftlichen Machtpositionen der Weimarer Republik zugute gekommen wäre“, ist – so Ursula Büttner in ihrem Handbuch über die Weimarer Republik – unter Historikern communis opinio. Ebendies, der Verzicht Eberts auf eine stärkere Umgestaltung der Machtverhältnisse und Herrschaftsstrukturen, ist aber der Ansatzpunkt von Döblins Kritik. Und unbestreitbar ist auch, dass die deutsche Revolution eben solch karnevaleske oder „operettenhafte“ (Arthur Rosenberg) Züge hatte, wie sie Döblin in seinem Werk auf fast erschütternde Weise hervortreibt. Mag also sein, dass Döblins Darstellung der deutschen Revolution etwas einseitig ausfiel, doch ihre Schwächen und Defizite hat er sehr genau gesehen und mit sarkastischer Schärfe benannt. Schärfer als andere hat er auch ihr größtes Verbrechen angeklagt: den – nach Heinrich August Winkler – keinesfalls mehr zwingenden Einsatz der Freikorps am 15. Januar, von denen neben vielen anderen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet wurden. Damit wurde nicht nur die radikale Linke ihrer Führer beraubt; da diese Morde nur zögerlich untersucht und kaum bestraft wurden, ermutigten sie nachgerade dazu, den Mord als legitimes Mittel der Politik zu begreifen. Die Weimarer Republik wurde, wie der renommierte englische Deutschland-Journalist G. E. R. Gedye 1930 mit einem Buchtitel sagte, zu einer „Revolver-Republik“. Der Heidelberger Statistiker, Pazifist und Justizkritiker Emil Julius Gumbel listete in seinem 1924 erschienenen Buch Vier Jahre politischer Mord insgesamt 376 Mordtaten auf; 354 waren von „Rechtsstehenden“ begangen worden, 22 von „Linksstehenden“. Die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Döblin zeigte im dritten Teil der November-Trilogie den Ausgangspunkt dieser unglückseligen Entwicklung.

Döblins „Erzählwerk“ November 1918 ist die zugegebenermaßen parteiliche, aber auch um Totalität bemühte und darin grandiose Darstellung einer aus den Fugen geratenen Welt, die in teils operettenhaften, teils mörderischen Bewegungen eine neue Ordnung suchte und dieses Ziel auf eine fatale Weise kurzfristig erreichte und langfristig verfehlte. Diese Darstellung der Revolution ist aber nicht nur parteilich, sondern – dank ihres Bemühens um Totalität – zugleich auch aporetisch. Indem sie die Vielzahl der unterschiedlich tendierenden Kräfte und bedingenden Umstände vor Augen führt, zeigt sie zugleich auch die alle Akteure überfordernde Komplexität der Lage. Wie ein revolutionärer gesellschaftlicher (nicht nur verfassungsmäßiger) Umbau Deutschlands ohne Bürgerkrieg, aber mit eingreifender und dauerhaft positiver Wirkung hätte realisiert werden können, sagt die November-Trilogie nicht. Wenn Liebknecht gegen Ende des zweiten Teils, der auf eine Entscheidung zustrebt, von dem bolschewistischen Emissär Radek dafür kritisiert wird, dass er kein anderer Lenin, sondern „der deutsche Michel in Lebensgröße“ sei, gutmütig, überreflektiert und tatgehemmt, dann wird damit nicht nur seine Schwäche bezeichnet, sondern auch sein Vorzug; denn der Anfang des dritten Teils mustert Lenin direkt und unterwirft ihn mit den Worten einer russischen Kommunistin als „Massenmörder und Menschenschlächter“ einer vernichtenden Kritik. Der bolschewistische Weg kam für Döblin nicht in Frage, und zwar nicht nur wegen seiner Gewalttätigkeit, sondern mehr noch, weil für Döblin seit dem Ende der 1920er Jahre aufgrund vieler Berichte aus der Sowjetunion deutlich war, dass Lenins Revolution nicht in den Sozialismus oder Kommunismus geführt hatte, sondern zu einem „despotische[n] Staatskapitalismus, der den Massen nach alter Methode von außen auferlegt wird, aber nicht das mindeste mit Sozialismus oder Kommunismus zu tun hat“. „Wir haben im Westen“, schrieb Döblin 1931 in Wissen und Verändern, andere Vorstellungen von Sozialismus. Dessen Leitsätze sind: Freiheit, spontaner Zusammenschluss der Menschen, Ablehnung jedes Zwanges, Empörung gegen Unrecht und Zwang, Menschlichkeit, Toleranz, friedliche Gesinnung“. Dahin, so Döblin weiter, kann man mit bolschewistischen Klassenkampfvorstellungen und -methoden nicht gelangen.

Wie aber sonst? Die November-Trilogie bleibt die Antwort auf diese Frage schuldig; sie endet – historisch korrekt – mit der Niederwerfung der Berliner und damit der deutschen Revolution, die freilich auch ohne diese Gewalttat nicht viel weitergekommen wäre, weil sie, wie Döblin in langen Kapiteln zeigt, weder eine Konzeption hatte noch eine Koordination kannte.

Döblin selbst hat sich während der Revolutionswochen nicht engagiert, sondern blieb – „unter den kleinen Leuten wandern“ – Beobachter. Danach sympathisierte er etwa zwei Jahre lang mit der USPD. Später hielt er sich von Parteien fern, beteiligte sich aber im Rahmen von Schriftstellergruppen und -verbänden an Reformvorhaben im Sinne der Republik wie etwa der Neugestaltung von Lesebüchern. Döblins Weg zu einem demokratischen Sozialismus hätte über Aufklärung, Erziehung und Reformen geführt. Der Titel des Buches Wissen und Verändern, mit dem er sich 1931 vor allem an die junge Generation wandte, impliziert, dass das Wissen dem Verändern vorauszugehen habe. „Entschlossene Lobpreisung des Denkens“, lautet eine erste Kapitelüberschrift, und „Denken geht dem Handeln voraus“. Der Revolutionswinter 1918/19 verlangte allerdings von allen, die an der Neugestaltung Deutschlands maßgeblich mitwirken wollten, entschlossenes Handeln.

Hinweis der Redaktion: Der Beitrag greift auf Teile der Nachworte zurück, die Helmuth Kiesel zu den 2013 im Fischer Taschenbuch Verlag erschienenen Bänden von Alfred Döblins „November 1918“ veröffentlicht hat.

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Dritter Teil: Karl und Rosa. Mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel.
(Fischer Klassik).
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2013.
816 Seiten, 13,99 EUR.
ISBN-13: 9783596904716

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Zweiter Teil, Zweiter Band: Heimkehr der Fronttruppen. Mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel.
(Fischer Klassik).
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2013.
584 Seiten, 10,99 EUR.
ISBN-13: 9783596904709

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Zweiter Teil, Erster Band: Verratenes Volk . Mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel.
(Fischer Klassik) .
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2013.
504 Seiten, 10,99 EUR.
ISBN-13: 9783596904693

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Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen. Erster Teil: Bürger und Soldaten 1918. Mit einem Nachwort von Helmuth Kiesel.
(Fischer Klassik).
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2013.
444 Seiten, 10,99 EUR.
ISBN-13: 9783596904686

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