Der vergessene Impressionist
Detlev von Liliencron und die blinden Flecken des literarischen Kanons
Von Helmut Amann
„Dieser größeste unter allen deutschen Lyrikern unserer Zeit wird seinen Weg ins Volk machen […] und auch die bewundernde Schätzung der späteren wird ihm nicht fehlen.“1
Als der Schriftsteller und Journalist Otto Julius Bierbaum 1890 diese Prognose formulierte, war er sich seiner Sache sicher. Die Nachwelt hat ihn widerlegt. Der Dichter, von dem hier die Rede ist, Detlev von Liliencron (1844-1909), gehört heute zu den großen Abwesenden der deutschen Literaturgeschichte.
Zwar taucht sein Name noch in Literaturgeschichten und Anthologien auf, doch meist randständig, fast pflichtschuldig. In manchen gar nicht mehr.2 Dass Liliencron um 1900 nicht nur ein vielgelesener, vor allem aber stilbildender Autor war, ist demgegenüber in Vergessenheit geraten. Der junge Rilke bewundert ihn: „Die stärkste Hand aber, die ich festhalten durfte, hat sich mir vom Norden herübergereicht, und während ich sie nicht losließ, mag ich mich ihrer redlich gerühmt haben.“3 Gottfried Benn bekannte rückblickend gar: „Damals war Liliencron mein Gott“.4 Und Christian Morgenstern gesteht: „Ich liebe Liliencron in seinen besten Gedichten mehr als irgendeinen anderen lebenden deutschen Lyriker.“5
Zugleich scheint er Bierbaums Überzeugung zu bestätigen: „Er [Liliencron]“, so Morgenstern 1895, „ist einer der wenigen, die allgemein und neidlos anerkannt worden sind“.6
Die emphatische Wirkung auf die Zeitgenossen jedoch steht in bemerkenswertem Kontrast zur späteren Marginalisierung in der Rezeption.
Woher rührt dieses Missverhältnis? Von Liliencrons Biografie? Im schleswig-holsteinischen Adel geboren und auf den Namen Friedrich Adolf Axel getauft, führte er ein Leben, das eher nach Abenteuerroman als nach Dichterbiographie klingt: Offizier, Kriegsteilnehmer, Spieler, Schuldenmacher – und immer wieder einer, der schneller ritt, als die Gläubiger schreiben konnten. Die bürgerliche Ordnung blieb ihm Episode; das Vagabundierende war sein eigentliches Element. Den Namen Detlev verpasste sich der Dichter übrigens selbst. Pate, gesteht er, war ein „ganz verrückte[r] Kauz aus meiner Familie, der im 18. Jahrhundert gelebt hat“.7 Indes: An exzentrischen Lebensläufen mangelt es der Literaturgeschichte nicht, ohne dass diese zwangsläufig zur Kanonverdrängung führen würden. Entscheidender scheint mir vielmehr die dauerhafte Verkennung von Liliencrons poetischer Innovation.
Vereinzelt ist auf diese hingewiesen worden. Die Literaturwissenschaftlerin Petra Kipphoff identifiziert Liliencron, nahezu ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, als den „einzige[n] rein impressionistische[n] Lyriker in deutscher Sprache“.8 Der japanische Germanist Michio Ishibashi nennt ihn 1992 „Bahnbrecher des literarischen Impressionismus“.9 Doch solche Stimmen verhallten. Eine wirkliche Revision seines literarhistorischen Status ist ausgeblieben.
Früh gesetzte Abwertungen wirkten offenbar nachhaltiger: Hugo von Hofmannsthal war Liliencrons Dichtung ein „Schmutzfleck“, den er nicht in seiner „Bücherkiste“ dulden wollte.10
Stefan Georges gar demonstrative Distinktion gegenüber Liliencron findet 1901 in einer Karikatur Thomas Theodor Heines ihre bildhafte Zuspitzung11: Im Kreise der um ihn Versammelten „[m]oderne[n] Dichter“ höhnt George: „Wir können nicht mit ihm [Liliencron] verkehren, er ist nicht erblich belastet.“ Im Vordergrund – räumlich und sozial isoliert: Liliencron. Als üppig tafelnde plebejische, derb-genusssüchtige Figur. Eine Darstellung, die weniger über seine Dichtung als über die literarischen Machtverhältnisse um 1900 Auskunft gibt. Diese Machtstrukturen entfalten sich wesentlich im Spannungsfeld zweier elitärer Modelle literarischer Autorität, von denen Liliencron ausgeschlossen wird und bleibt:
Zum einen: Hofmannsthal als kanonisch integrierte, kulturprägende Größe des Bildungsbürgertums, zum anderen: George als Vertreter eines exklusiven Gegenkanons, der über seinen Kreis poetische und geistige Herrschaft sowie kulturelle Deutungshoheit beansprucht.
Später schaufelten ‚völkische‘ Literaturhistoriker Liliencron ein Grab ins Vergessen, das die Nachfolgenden offenbar fast ganz zuschütteten: Er sei ein Geist, „der keinerlei Tiefe und keine Weltanschauungsgelüste“ habe, urteilt 1938 das NSDAP-Mitglied Josef Nadler in seiner auflagenstarken Literaturgeschichte.12 Ein Verdikt, nun im Bann politischer Machtverhältnisse.
Stets missachtet blieb Liliencrons avantgardistischer Wurf – jene poetische Technik, für die erst später der Terminus ‚Sekundenstil‘ geprägt wurde.13
Was bei den führenden Naturalisten – Arno Holz, Johannes Schlaf und Gerhart Hauptmann – programmatisch erscheint, ist bei Liliencron bereits künstlerische Praxis, und zwar in eigenständiger Ausprägung. Nicht die soziale Milieustudie steht im Zentrum, sondern die – im ureigentlichen Wortsinn – ästhetische Präzision des Augenblicks.
Kleine Kostprobe dieser Innovation?
Viererzug 14
Vorne vier nickende Pferdeköpfe,
Neben mir zwei blonde Mädchenzöpfe,
Hinten der Groom mit wichtigen Mienen,
An den Rädern Gebell.
In den Dörfern windstillen Lebens Genüge,
Auf den Feldern fleißige Eggen und Pflüge,
Alles das von der Sonne beschienen
So hell, so hell.
Flüchtige visuelle Eindrücke, Bewegungen, Geräusche, Lichtverhältnisse werden simultan erfasst, ja unmittelbar erlebt und in eine rhythmisch verdichtete Sprachbewegung überführt:
Wahrnehmung wird hier nicht beschrieben, sie ereignet sich im Medium des Gedichts selbst. In dieser Konsequenz ist Liliencron mitnichten Naturalist, sondern ein, nein: der erste Impressionist der deutschen Lyrik.
Im deutlichen Gegensatz zum Naturalismus, der auf lückenlose Darstellung, Kausalität und detailgenaue Wirklichkeitsabbildung zielt, stimmt das Gedicht einen neuen Ton an, der weniger ordnet als aufblitzen lässt. Es ist gleichsam ein Wortgemälde – die sprachliche Umsetzung impressionistischer Maltechnik. Wie diese verzichtet es auf harte, klare Konturen und protokollarische Genauigkeit. Fast schnappschussartig reihen die Verse unterschiedliche, disparate Wahrnehmungen aneinander; und doch fügen sie sich in der Flüchtigkeit des Augenblicks zu einem harmonischen Ganzen. Die sichtbare Welt erscheint aufgelöst in Bewegung, Licht, Farbe und Atmosphäre – augenblickshaft wie ein eingefangener Atemzug der Wirklichkeit.
Im Gegenlicht von Arno Holz’ Gedicht „Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne“15 tritt Liliencrons impressionistische Leichtigkeit besonders klar hervor. Statt urbaner Enge: dörfliche Weite. Satt stampfender Fabriken: windstille[s] Leben. Statt schummriger Vorstadtbehausungen: sonnen-helle Natur. Natur! Kein Naturalismus.
Dass Liliencron dennoch dieser Strömung zugeschlagen wurde und – sofern er überhaupt in den spärlichen Blick gegenwärtiger Literaturgeschichtsschreibung gerät – noch immer wird, erscheint im Rückblick wie eine produktive Fehllektüre. Johannes Schlaf rühmte ihn als „einen unserer gesündesten Naturalisten“.16 Ein pro domo motiviertes Urteil? Gegen seine Vereinnahmung setzte Liliencron eine ironische Selbstcharakterisierung. Denn dem „rohe[n] Bursche[n]“, als den er sich selbst stilisierte und der er im echten Leben fraglos war – „Wo Männer sich raufen, da bin ich dabei, / Und wo sie saufen, da sauf ich für drei“17 – sagt er in seiner Dichtung ade. Hier führt er die Feder mit „feinste[r] Künstlerhand“, die viele seiner Texte im buchstäblichen Sinn eindrücklich modelliert:
Ein echter Dichter, der erkoren,
Ist immer als Naturalist geboren.
Doch wird er ein roher Bursche bleiben,
Tät ihm in die Wiege die Fee nicht verschreiben
Zwei Kräuter aus ihrem Wunderland:
Humor und die feinste Künstlerhand.18
Mehrfach distanziert sich Liliencron von jenen, die ihn als einen der Ihren beanspruchten.
Mit dem ihm eigenen Humor und mit spürbarer von den Naturalisten leider in „Pökeltonnen eingesargt[en]“19 Lebenslust ruft er seinem „verstorbenen Freund, Herrn Naturalismus“, ein joviales „Lebewohl“20 hinterher.
Liliencrons anhaltende Marginalisierung und verfehlte Zuordnung verweisen weniger auf – im modernen Sinne – ästhetische Defizite als auf die Logik literarischer Kanonbildung: Nicht allein Qualität entscheidet über Überlieferung, Zuordnung und Rezeption, sondern auch Zugehörigkeit zu Netzwerken, Schulen und Deutungstraditionen. Während Lyriker wie Rilke, George, Benn und viele andere fest in institutionelle Vermittlungszusammenhänge eingebunden wurden, blieb Liliencron – trotz seiner Wirkung – leider randständig.
Eine Neubewertung des Dichters wäre daher mehr als bloße Kanonkorrektur. Sie würde den Blick auf die literarische Moderne selbst verschieben. Ohne ihn erscheint der deutsche Impressionismus verkürzt, seine Entwicklungslinien wirken glatter, als sie waren. Liliencron wiederzulesen hieße, die Moderne an einem ihrer unübersichtlichen, produktiven Ränder neu zu vermessen.
Anmerkungen
1) Bierbaum, O[tto] J[ulius]: Liliencrons Gedichte. In: Die Gesellschaft. Monatschrift für Litteratur und Kunst. Hrsg. von M[ichael] G[eorg] Conrad und Karl Bleibtreu. Leipzig: Wilhelm Friedrich. Jg.1890. Zweites Quartal. Leipzig. S. 576-582. S. 582 https://books.google.de/books?hl=de&id=dt3NAAAAMAAJ&q=Bierbaum#v=snippet&q=Bierbaum&f=false
2) So sucht man Liliencrons Namen z. B. vergebens in der sehr erfolgreichen 302 Seiten umfassenden Anthologie „Gedichte fürs Gedächtnis. Zum Inwenig-Lernen und Auswendig-Sagen“, hrsg. von Ulla Hahn. 23. Aufl. München: Deutsche Verlags-Anstalt 2016“
3) Rilke, Rainer Maria: Briefe. Hrsg. vom Rilke-Archiv in Weimar. In Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke besorgt von Karl Altheim. Wiesbaden 1950. S. 877
4) Benn, Gottfried: Sämtliche Werke. Stuttgarter Ausgabe. In Verbindung mit Ilse Benn. Hrsg. von Gerhard Schuster. Stuttgart: Klett-Cotta. Bd. I. Gedichte I.1986. S. 290
5) Böckel, Fritz (Hrsg.): Detlev von Liliencron. Erinnerungen und Urteile. Leipzig 1912. S. 78
6) ibid.
7) Liliencron, Detlev von: Briefe in neuer Auswahl. Hrsg. von Heinrich Spiero. Stuttgart, Berlin, Leipzig 1927. S. 390
8) Kipphoff, Petra: [Detlev von Liliencron] Ein unzeitgemäßer deutscher Dichter. In: DIE ZEIT, Nr. 17/1965
9) Ishibashi, Michio: Liliencrons ‚In memoriam‘. Zur Genese eines impressionistischen Gedichts [1992] S. 100-109
https://www.jstage.jst.go.jp/article/dokubun1947/89/0/89_0_100/_pdf
10) Kessler, Harry Graf: Das Tagebuch. Bd. 3, 1897-1905. Hrsg. von Carina Schäfer und Gabriele Biedermann unter Mitarb. von Elea Rüstig und Tina Schumacher. Stuttgart 2004. S. 592 f.
11) s. Simplicissimus. Illustrierte Wochenschrift. München: Albert Langen. Jg. VI (1901/02), Nr. 7.
12) Nadler, Josef: Literaturgeschichte des Deutschen Volkes. Bd. 3. Berlin: Propyläen 1938. S. 209
13) Der Begriff findet sich erstmals bei dem Literaturhistoriker Adalbert von Hanstein: Das junge Deutschland. Zwei Jahrzehnte miterlebte Literaturgeschichte. Leipzig. 1900
14) Ursprünglicher Titel „Four in hand.“ In: Liliencron, Detlev von: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig: Wilhelm Friedrich o.J. [1883]. S. 46 https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/liliencron_adjutantenritte_1883?p=54
Vgl.: Amann, Helmut: Detlev von Liliencron: Viererzug. In: Deutsche Literaturgeschichte vom Barock bis zum
Expressionismus. Haan-Gruiten: Europa- Lehrmittel 2020. S.241-244
15) Holz, Arno: Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen. Zürich 1885 [vordatiert 1886]. S. 394 f.
https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/holz_buch_1886?p=416
Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne
Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
Vom Hof her stampfte die Fabrik,
Es war die richtge Miethskaserne
Mit Flur- und Leiermannsmusik!
Im Keller nistete die Ratte,
Parterre gab’s Branntwein, Grogk und Bier,
Und bis ins fünfte Stockwerk hatte
Das Vorstadtelend sein Quartier.
[…]
16) Schlaf, Johannes: Detlev von Liliencron. Ein litterarisches Bild. In: Die Gesellschaft. Monatschrift für Litteratur und Kunst. Hrsg. von M[ichael] G[eorg] Conrad und Karl Bleibtreu. Leipzig: Wilhelm Friedrich. Jg.1887. Erstes Semester. S.227-230
Möglicherweise ließ sich Schlaf blenden von Liliencrons geradezu überschwänglichen Äußerungen zu Arno Holz‘ „Das Buch der Zeit“:
„Donnerwetter, das Papiermesser her … und ich habe das ganze Buch gelesen“. [Papiermesser dienten einst zum Aufschneiden unbeschnittener Bücher, d. h. von solchen, deren Druckbögen zwar gefalzt und geheftet waren, deren Seiten aber noch aufgeschnitten werden mussten. H.A.] Liliencron preist das Werk und die „neue Dichtergeneration“, die „mit fliegenden Fahnen vorwärts (stürmt)“ und konstatiert: „[K]eine Epigonen sind’s.“ Liliencron 1885, S. 483, 484
17) Liliencron, Detlev von: Bruder Liederlich. In: Adjutantenritte und andere Gedichte. Leipzig: Wilhelm Friedrich. o.J. [1883] S. 93 https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/liliencron_adjutantenritte_1883?p=101
18) Liliencron, Detlev von: Gesammelte Werke. Gedichte. Zweiter Bd. Nachdruck des Originals von 1911. S. 240
19) Liliencron, Detlev von: Gute Nacht. Berlin 1909. S. 134 f. http://www.zeno.org/Literatur/M/Liliencron,+Detlev+von/Gedichte/Gute+Nacht/Lebewohl+an+meinen+verstorbenen+Freund
20) ibid.













