Konstruktion der Kontingenz
In „Helle Sommer“ erzählt Sophie Astrabie von gelenkten Zufällen, von Trennung und Wiederbegegnung
Von Anne Amend-Söchting
Aus Billie Pretty a disparu (Originalausgabe 2023) wurde im Deutschen schlichtweg Helle Sommer. Weniger spezifisch hört sich das an und etwas gefälliger, sodass sich ein breiteres Lesepublikum angesprochen fühlen könnte. „Le roman dont vous aller tomber amoureux“ („Der Roman, in den sie sich verlieben werden“) – dieser Satz prangt in großen Lettern auf der Banderole um die französische Taschenbuchausgabe – ein übertriebenes, aber nicht ganz unpassendes Publicity-Framing.
Billie Letellier, Hauptfigur und Ich-Erzählerin, ist im Jahre 1998, als die erzählte Zeit einsetzt, sieben Jahre alt. Zum Schluss, „heute“, 2023, ist sie 32. Den Weg ihrer Protagonistin gliedert Astrabie in 20 Kapitel, die in der deutschen Ausgabe nur mit Jahreszahlen überschrieben sind. Billies Geschichte kommt nicht im epischen Präteritum daher, sondern präsentiert sich in der Unmittelbarkeit des Präsens. Daraus resultiert sowohl ein neutral-deskriptiver, eher dialogarmer als auch individueller und authentischer Einblick in die jeweilige Entwicklungsstufe. Impressionen und Reflexionen der Protagonistin alternieren mit wohldosierten, mitunter sentenzhaften Kommentaren anderer Figuren: „Tun, was uns erlaubt ist. Das ist einfach. Das machen alle. […] Etwas tun, obwohl es verboten ist, das sagt etwas über uns aus“. So leicht lässt sich Lawrence Kohlbergs höchste Stufe der Moralentwicklung, die postkonventionelle Moral, die ein individualisiertes Urteil erlaubt, auf den Punkt bringen.
Billie lebt bei ihrem Großvater Marcel in einer Kleinstadt in der Touraine. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter, da war Billie gerade einmal vier Jahre alt, haben die Großeltern sie aufgenommen; inzwischen hat der 77-jährige Großvater allein das Sorgerecht. Billie wächst in einfachen, nahezu ärmlichen Verhältnissen auf. Sie fürchtet um Marcels Leben, weil sie ihn liebt und weil sie weiß, dass ihr ohne ihn das Waisenhaus droht. Im Sommer 1999 lernt Billie einen Jungen in ihrem Alter, Maxime, kennen, der eine Ferienwoche bei seiner Tante verbringt. Ein Jahr später unternehmen die beiden einen nächtlichen Ausflug in einen Park, ohne die Erwachsenen zu informieren. Maxime, der danach sofort abgeholt wird, darf erst im Alter von 14 Jahren wiederkommen.
Es folgen kurze Treffen in Paris und in Limoges. Als Billie, sie ist 17, nach dem plötzlichen Tod ihres Großvaters alle Zelte hinter sich abbricht, um dem Jugendamt zu entgehen, flüchtet sie zu Maxime nach Paris. Er hilft ihr bei der Suche nach einer Unterkunft, dann verlieren sie sich aus den Augen. Sie sehen sich erst bei ihrer Arbeit als Platzanweiserin in der Oper wieder – er ist in Begleitung eines anderen Mädchens. Billies Leben ändert sich grundlegend, als sie mit Clément zusammenkommt, dessen Mutter ihr einen Job bei einer Zeitung vermittelt. Obwohl sie am Empfang sitzt, bietet man ihr an, kurze Artikel zu verfassen.
Auf einer Party, 2012, treffen sich Billie und Maxime ein weiteres Mal. Billies Hoffnung, mit ihm zusammenzubleiben, befeuert durch ein erstes intimes Miteinander, währt so lange, bis er mitteilt, dass er in wenigen Tagen zum Studium nach Kanada fliegen werde. Einige Monate später, nach einer Phase intensiven Feierns samt einiger One-Night-Stands – von Clément ist sie längst getrennt –, fliegt Billie nach Montréal. Dort spürt sie Maxime exakt in dem Moment auf, als er seinen Junggesellenabschied feiert.
Wieder in Paris lässt sich Billie auf eine Beziehung zu ihrem gleichaltrigen Kollegen Benjamin ein. Als sie ein Jahr in London lebt, entfremden die beiden sich voneinander. Gleichzeitig nimmt Maxime, der nur zwei Wochen verheiratet war, wieder Kontakt zu ihr auf, um ihr eine Mappe zu überreichen, in der sich Dokumente zur Geschichte ihrer Mutter befinden. Nach dem Tod des Großvaters waren diese zu Maximes Tante gelangt, die, wie sich herausstellt, engen Kontakt zu Billies Mutter hatte.
All diese Aufs und Abs fügen sich zu einer linear verlaufenden Story mit tendenziell einfacher und unaufgeregter Lexik sowie ausbalancierter, rhythmischer Syntax. Die Übersetzung ins Deutsche wird dem Original vollumfänglich gerecht.
Sich trennen und sich dann doch immer wieder über den Weg laufen, Gelegenheiten verpassen und am Ende die Hoffnung haben, dass sich alles zum Guten wenden könnte – das ist der Stoff, aus dem Liebesgeschichten mit meist tragischem Bodensatz gewebt werden. Sie können einen hohen Komplexitätsgrad aufweisen und tödlich enden – ein Paradebeispiel ist Boris Pasternaks Doktor Schiwago (1956) –, sie können sich aber genauso gut, so wie im vorliegenden Roman, in eingängiger Sequenz erschöpfen. Dabei wirken die Zufälle reichlich konstruiert. Sie avancieren zu einer montierten Serendipität, zum Motor einer Handlung, die realistisch ist und in deren typischen Hauptfiguren die Gegensätze der französischen Gesellschaft, vielleicht westlicher Gesellschaften im Allgemeinen, aufeinanderprallen. Mehr noch: Die Geschichte um Billie und Maxime kann Pierre Bourdieus Konzept der sozialen Distinktionen und des Habitus illustrieren. Billie und ihr Großvater Marcel leben in einem Zuhause, in dem nur ein Minimum an materiellen Gütern zu finden ist. Da Marcel kaum über ökonomisches Kapital verfügt, ist er auf Sonderangebote erpicht. Das kulturelle Kapital ist ebenfalls auf das Notwendigste reduziert: nur wenige Bücher, weder Radio noch Fernseher oder Computer. Der „knisternde Apparat von früher“ konnte nicht ersetzt werden. Erst Mitte der 2000er Jahre hat der Großvater genug gespart, um einen Fernseher anzuschaffen. Maxime demgegenüber ist von Rich-Kid-Vibes umgeben, zwar nicht exzessiv, doch so, dass sich die Schere zu Billie öffnet: Er kann auf das Gymnasium gehen, das den Wünschen seiner Eltern entspricht, sodass er an einer „elitären Wirtschaftsuni“ aufgenommen wird – es sei ein „klassischer Werdegang“, so sagt er, Billie wiederum konstatiert, dass eine solche Karriere für sie und die „große Mehrheit“ außergewöhnlich sei.
Nachdem Charlotte, eine gleichaltrige Bekannte, sie auf einer Party den anderen Gästen nacheinander vorgestellt hat, bilanziert Billie, dass sich in diesem Verhalten ein „Savoir-vivre“ spiegle, das ihr fremd sei und dass sie „nicht auf dieselbe Art zu leben gelernt habe“. Das tief in ihr liegende Gefühl, nirgendwo hinzugehören, begleitet sie als kulturelle und ideologische Obdachlosigkeit, denn „wenn man von nirgendwo kommt, geht man auch nie wirklich“. Zieht man James Marcias Identitätsmodell zurate, so befindet sich die Protagonistin in einem Vakuum diffuser Identität, das sich in einer postpubertären ergebnisoffenen Krise und im Erkunden vielfältiger Lebenswelten mit nur geringer Verpflichtung dynamisiert. Maxime ist indessen nicht dazu in der Lage, sich gegen die pflichtdominierte, erworbene Identität zu wehren, die kaum Raum für Erkundungen lässt. Ähnliches gilt für Benjamin. Als Billie zu ihm zieht, überkommen sie Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle beim Anblick seiner Bibliothek, in Anbetracht seines übernommenen materialisierten kulturellen Kapitals. In dieser Situation erinnert sie sich an einen Austausch mit Maxime über das Wort „Tralle“. Billie kennt es aus ihrer Kindheit. Doch zweifelt sie an ihrer eigenen Sprachkompetenz, als er behauptet, dass es ein solches Wort nicht gebe.
Bezeichnenderweise schenkt ihr Maxime Annie Ernaux‘ autofiktionalen Roman Der Platz, begleitet von der Bemerkung, dass an seiner Seite immer ein Platz für sie sei. Im Gegensatz zu Maxime, Clément, Benjamin, Charlotte oder Julie, einer Mitschülerin aus der Grundschule, muss sie sich ihren Platz in der Gesellschaft hart erkämpfen. Immerhin erweisen sich die sozialen Strukturen als permeabel und Billie selbst als resilient. Menschen, die sie unterstützen und an sie glauben, tun ihr Übriges, um Billies Karriere zu einer nachgerade idealen Aufstiegsstory zu machen. Den fast schon etwas seichten Plot mit seinen Kitsch-Anflügen konterkariert somit eine ausgeprägte existenzielle Queste. Dem wiederum ist entgegenzuhalten, dass es bei den Abstrakta, deren Provenienz aus Sartres Existenzialismus nicht zu verkennen ist, mehr Tiefenschärfe gebraucht hätte. Ihr Großvater sei gestorben, „wie er gelebt habe, ohne je richtig existiert zu haben“, und Billie fasst für sich selbst den Vorsatz, dass sie, wenn sie schon nicht „auffallen“ wolle, wenigstens „existieren“ müsse. Die Rekurrenz des Verbs „existieren“ und eine Bedeutung, die über „leben“ hinausgeht, legt nahe, dass hier eine sicherlich eher ungewollte Umkehr des Sartreschen Grundsatzes „Die Existenz geht dem Leben voraus“ vorliegt.
Erst gegen Ende des Romans offenbart sich, was es mit dem Namen Billie Pretty genau auf sich hat. Zudem erklärt sich die doppelte Bedeutung des Verbs "disparaître" aus dem Originaltitel - "verschwinden" und "dahingehen" als Euphemismus für "sterben". Es geht nicht zuletzt um den Künstlernamen von Billies Mutter, die als junge Frau von einer großen Karriere als Sängerin träumte und daran zerbrach. Billie Pretty war auch der Kosename der achtjährigen Billie Letellier, die sehr gut singen konnte und sich, wenn sie so genannt wurde, wie eine berühmte Sängerin fühlte. Diese Illusion währte so lange, bis sie feststellen musste, dass von der „echten“ Billie Pretty keine Aufnahmen existierten.
Dass Billie zu guter Letzt mit dem Podcast "Carte Blanche", der ihr, wie der Titel impliziert, völlige Organisationsfreiheit lässt, und unter ihrem Klarnamen ein breites Publikum erreicht, danach eine Live-Sendung moderiert, in deren erster Folge sie die Geschichte ihrer Mutter erzählt, veranschaulicht, dass sie zu sich selbst gefunden hat und am Anfang einer vielversprechenden und ernsthaften Karriere steht. Im Gegensatz zur Mutter ist sie, die Waise, die „Verlassene“, wie es mehrmals im Text heißt, imstande dazu, ihre Chance zu ergreifen, weil die soziale Hierarchisierung möglicherweise nicht mehr ganz so starr ist wie 30 Jahre zuvor. Genauso gut kann es sein, dass Billie, kontrastierend zur Mutter, psychisch stabil ist. Dass dieser am Ende eine bipolare Störung untergeschoben wird, bedingt einen überraschenden Plot Twist. Ebenso ist es etwas verwunderlich, dass Billie sich im Zuge weniger hypnotischer Sitzungen recht automatisch und problemlos an die ersten Jahre ihrer Kindheit und das Leben mit ihrer Mutter erinnert. Kurzum: Da ist einiges nicht auserzählt.
Dieser strukturellen Schwächen ungeachtet brilliert Astrabie nicht selten mit knappen, doch signifikanten Szenen, des Weiteren mit der antithetischen Betrachtung zweier Erziehungsstile: Der einem permissiven Erziehungsstil folgende Großvater bildet das Gegenstück zu Maximes Mutter, personifizierte Überprotektion, die jeden kleinen Schritt ihres Sohnes autoritär kontrolliert und ihn von morgens bis abends helikoptert. Ihr Selbstbild, das auf Stringenz und Makellosigkeit beruht, resümiert ein Foto, das Billie in Maximes Mini-Wohnung entdeckt: Die Mutter hält eine Sphinx-Katze auf dem Schoß, „eine Katze, nackt, damit sie bloß kein Härchen auf der Wohnzimmercouch hinterlässt“. Nicht auszuschließen ist es, dass die Katze noch andere Botschaften konnotieren soll – geknüpft an das Rätselhafte der Sphinx, an Vulnerabilität (wegen der Absenz des Fells) oder Luxus (wegen des hohen Preises des Tiers).
„Uns beide trennt alles und doch führt uns das Leben immer wieder auf denselben Pfad. Oder zumindest an eine gemeinsame Wegkreuzung“ – ob aus der gemeinsamen Wegkreuzung am Ende ein Gehen auf demselben Pfad wird, bleibt offen. Wüsste man das, würde dem Roman viel von seiner Attraktivität genommen. Lesbar ist er als wundersame Geschichte eines Aufstiegs und als soziologische Fallstudie, vor allem jedoch als zarte, mitunter anrührende Coming-of-Age-Geschichte mit Akzenten leichtfüßiger Tragik und einer guten, aber nicht allzu üppigen Portion Hoffnung am Ende.
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