Menschen degenerieren zu Bestien

In „Im Namen der Barmherzigkeit“ gibt Hera Lind unerträglichen Grausamkeiten eine authentische Stimme

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die Germanistin und Opernsängerin Hera Lind ihr erstes Kind erwartete, schrieb sie parallel dazu ihren ersten Roman: Ein Mann für jede Tonart, 1989, den drei Jahre später Frau zu sein bedarf es wenig ergänzte. Die Protagonistin Pauline Frohmuth mit ihren Dilemmata und ihrem Humor, sprachlich hervorragend umgesetzt, bot sich perfekt zu entspannendem Lesen und Prokrastinieren an – damals gab es ja weder TikTok noch Instagram. Weitere Romane folgten, konnten aber trotz ihres Erfolgs nicht an den beherzten Schwung des Debuts anknüpfen.

Da Frau Lind nicht hauptberuflich zum Singen zurückkehren wollte und haarscharf eruierte, dass die Zeit pseudo-emanzipatorischer Frauenromane längst vorbei war, wechselte sie ihren Fokus und verlegte sich nach Ausflügen in die audiovisuelle Welt des Fernsehens auf die romaneske Umgestaltung und Fiktionalisierung von Tatsachenberichten. Seit 2010 veröffentlicht sie mindestens einmal jährlich einen Roman, der, wenn man die Diktion von Georg Lukács bemüht, auf Begebenheiten der extensiven Totalität beruht.

Die Autorin optiert also ausnahmslos für das traditionelle Procedere der Fiktionalisierung, Intensivierung und Typisierung empirischer Realitäten. So auch Im Namen der Barmherzigkeit, einer der „Romane nach einer wahren Geschichte“.

Steffi kommt 1972 in Wien auf die Welt, als siebtes Kind einer Frau Krippentrog, die ihre Tochter nach der Geburt noch nicht einmal sehen will. Sie sei das Ergebnis eines Seitensprungs mit einem Gastarbeiter, erklärt die Mutter, das „Türkenkind“ wolle sie nicht haben. Nach den ersten zweieinhalb Lebensjahren im Waisenhaus gelangt Steffi auf einen abgelegenen Bergbauernhof in der Steiermark. Bei der Familie Kellerknecht, die jedes Jahr „im Namen der Barmherzigkeit“ ein Pflegekind aufnimmt, wird genau zwischen den „echten“, leiblichen, und den anderen Kindern unterschieden. „Vati“ und „Mutti“ führen ein strenges Regiment in einem Alltag, der trotz einigermaßen moderner Technik irgendwann im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein scheint und in dem die Pflegekinder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Es mangelt ihnen an den nötigsten Dingen. Sie tragen nicht nur die abgelegte Kleidung der „echten“ Kinder, sondern benutzen deren teilweise vollgeschriebenen Hefte und alten Stifte. Mobbing in der Schule, an dem sogar die Lehrkräfte partizipieren, ist vorprogrammiert.

Die Pflegekinder laufen barfuß in der Gülle und auf dem stachligen, frisch geernteten Mais, den sie mit bloßen Händen anfassen müssen. Sie verbringen ganze Nächte im Schweinestall, zum „Ferkelschauen“, und müssen beim Melken die Schwänze der Kühe festhalten, damit sich die melkende Person nicht verletzt. Dass bei Steffi ein Asthma bronchiale diagnostiziert wurde, mit dem sie sich nicht in einem Silo aufhalten dürfte, spielt keine Rolle.

Schlimmer als alles andere, im wahrsten Sinne des Wortes unsagbar und unerträglich grausam, sind die Vergewaltigungen des Pflegevaters. Was früh mit eher zufällig erscheinenden Berührungen beginnt, degeneriert zur heftigsten Vergewaltigung – zum ersten Mal, als Steffi gerade zwölf Jahre alt ist. Selbst nachdem sie beim Entgegennehmen von Mais im Silo ohnmächtig wird und nur knapp dem Tod entrinnt, verzichtet er nicht auf den sexuellen Abusus. Sie dürfe nichts sagen, schärft er Steffi ein, denn wenn sie nicht schweige, bringe er sie um.

Steffi fasst den Plan, verschwinden zu wollen. Sie hört auf zu essen. Nachdem sie in der Schule bewusstlos geworden ist, wird sie im Krankenhaus behandelt, kommt aber im Anschluss daran in die Pflegefamilie zurück. Sie dissoziiert, als „Vati“, den sie in Zukunft nicht mehr so nennt, sie erneut brutal vergewaltigt. Auf Anraten ihrer Ärzt:innen soll sie in einer psychiatrischen Klinik weiterbehandelt werden. Dort vertraut sie sich Dr. Karin Winkler an, die den Pflegevater anzeigt. Bei der Gerichtsverhandlung jedoch gibt Steffi vor, dass sie sich alles ausgedacht habe.

Mit ihren knapp 15 Jahren kommt sie in einer Wohngruppe unter und erhält eine Lehrstelle als Friseurin. Sie verliebt sich in den Bankangestellten Gernot, von dem sie schwanger wird. Die folgende Zeit verbringt sie in einem Kloster, wo Ordensschwestern minderjährige schwangere Frauen vor und nach der Geburt ihrer Kinder betreuen. Steffi möchte ihre Tochter nicht zur Adoption freigeben. Mit ihr wohnt sie zunächst in einer zugigen, heruntergekommenen Wohnung, arbeitet als Animierdame in einem Bordell, bis die kleine Sarah eine beidseitige Pneumonie entwickelt. Von nur kurzer Dauer ist die Wohngemeinschaft mit einem homosexuellen Paar, denn dies sei – so das Jugendamt – sittenwidrig. Steffi trifft ihren Lieblings-Pflegebruder Manfred wieder, als Sarah viereinhalb Jahre alt ist. Die drei beziehen eine gemeinsame Wohnung. Mit Manfred arbeitet Steffi sehr erfolgreich in einem Restaurant. Sobald sie zur Ruhe kommt, suchen sie Flashbacks heim, die sie nur mit Überdosen von Benzodiazepinen in den Griff bekommt. Zu Steffis Tablettenabhängigkeit tritt extremes Untergewicht. Im Rahmen einer Psychotherapie, bei der sie ihre ehemalige Psychiaterin Karin Winkler begleitet, tritt nach vielen Sitzungen mit kontrollierten Rückführungen in die Kindheit und davon ausgehender Retraumatisierung eine Besserung ihrer multiplen Symptomatik ein.

Der streckenweise kaum zu ertragende Inhalt gliedert sich in kurze, chronologisch geordnete Kapitel, die ihre Lebendigkeit aus ausgeprägter Dialogizität beziehen. Austriazismen wie „Stiege“, „passt schon“, „schleich dich“ oder „Kukuruz“ verleihen dem Text eine gute Portion Lokalkolorit.

In den ersten Kapiteln entscheidet sich Hera Lind für eine auktoriale Narration. Diese beginnt recht schleppend und wirkt in den Dialogen abgehackt. Aus der hypertrophen Verwendung von Adjektiven resultiert eine leicht anbiedernde Diktion mit ausgeprägtem sentimentalem Schmelz. Zwei Familiennamen, „Krippentrog“ und „Kellerknecht“, kommen sehr artifiziell daher. Sie sind geradezu lächerlich assoziationsstark.

Bei aller implizierten Tragik – eine Mutter, die ihr Kind verstößt – wirkt die Sequenz rund um Steffis Geburt wie ein Kalauer, der falsche Vorzeichen setzt.

Glücklicherweise wechselt die Perspektive. In Episoden höchster Intensität und Authentizität, bei deutlicher Abkehr von triefender Emotionalität, schafft Hera Lind die Illusion, dass Steffi ab dem Alter von sechs Jahren ihre Geschichte selbst rekapituliere. Unweigerlich fragt man sich, ob es nicht von Anfang an besser gewesen wäre, Steffi selbst erzählen zu lassen und Rückgriffe auf eigene und/oder Erinnerungen von anderen in die jeweils passenden fiktionalen Momente einzuflechten.

Der Fokus des Romans liegt auf Steffis mittlerer Kindheit. Während Steffis frühe Kindheit einerseits und die Zeit nach der Geburt ihrer Tochter andererseits eine recht hohe Raffungsintensität aufweisen, tendieren die Abschnitte, in denen es um den Abusus geht, zu zeitdeckendem Erzählen.

Der Autorin stand ein Manuskript der behandelnden Psychiaterin, als Romanfigur Karin Winkler, zur Verfügung. Diese habe eigentlich ihren Text selbst veröffentlichen lassen wollen, aber keinen Verlag dafür gefunden. So habe sie sich an „Hera Linds Roman- und Schreibwerkstatt“ gewandt, um den Stoff ausarbeiten zu lassen und den Kontakt zu Steffi herzustellen.

Vor allem dieser Austausch im Zuge der Genese des Romans erklärt das Produkt: die Darstellung einer Kindheit in den 1970er und 1980er Jahre wirkt als gänzlich aus der Zeit gefallen. Sie widerspricht dem realistischen Prinzip der Wahrscheinlichkeit derart, dass sie – paradoxerweise – eng an der Realität angelehnt sein muss. Lässt man die anachronistisch wirkenden Arbeiten auf dem Hof außer Acht, dann fällt die Gestaltung des für Steffi ausschlaggebenden mesosystematischen Bezugs auf, die Art und Weise, wie Pflegeeltern und Angestellte des Jugendamts miteinander im Kontakt stehen. Es bleibt mehr oder minder offen, ob die Sozialarbeiterinnen bei den regelmäßigen Kontrollbesuchen die Missstände nicht sehen oder nur die Augen davor verschließen, um mit gutem Gewissen Kaffee und Kuchen zu genießen und einen Korb voller Köstlichkeiten vom Lande mit in die Stadt zu nehmen.

Die Unwahrscheinlichkeiten erreichen ihren Paroxysmus in den Szenen sexueller Grausamkeit, bei den unsäglichen Demütigungen und Erniedrigungen, bei denen keine Details ausgespart werden. Ein junges Mädchen wird in den Händen eines Monsters zum Gebrauchsgegenstand reifiziert. Es verwundert nicht, dass sie lebenslang darunter zu leiden hat.

Dann, wenn Steffi von den Nachwirkungen ihrer Peinigungen berichtet, wenn sich Panik in ihr ausbreitet und sie wegen ihres „Marionettendings“, wie sie selbst ihre Synkopen nennt, die Kontrolle über ihren Bewegungsapparat verliert, hätte man sich mehr Details rund um diese persönliche Etikettierung und das hier involvierte Konversionssyndrom gewünscht. Eine prononciertere Verortung in medizinisch-psychiatrischen Diskursen wäre für den Roman sehr vorteilhaft gewesen.

Die beiden großen Zufälle, die Lind nach eigener Aussage in Steffis Geschichte hineinkonstruiert, wirken sympathisch, obgleich sie a priori als solche zu entlarven sind. Da ist zum einen die Wiederbegegnung mit Karin Winkler, die als bereits ausgebildete Medizinerin ein Praktikum auf der Geburtsstation absolvierte und bei Steffis Geburt zugegen war. Zum anderen trifft Steffi ihren Pflegebruder Manfred, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt haben konnte, zufälligerweise bei einer Wohnungsbesichtigung. Nur bei Winkler hätte vielleicht ein bisschen Rechnen geholfen: An dem Tag, als die 1988 geborene Sarah ihre Abiturprüfung absolviert, was spätestens 2008 der Fall gewesen sein dürfte, geht Dr. Winkler mit Steffi in die Clearingstelle für Missbrauchsopfer. Wenn die Ärztin 1972, so wie zu Beginn gesagt wird, 24 Jahre alt war, ist sie zu diesem Zeitpunkt maximal 60 Jahre alt. Es ist erstaunlich, dass sie schon im Ruhestand sein soll, und es ist in den 2020er Jahren unangemessen, sie als „alte Dame“ zu titulieren.

Die fundamentale Frage, ob man einem solchen Stoff überhaupt gerecht werden kann, wirft Hera Lind selbst im Nachwort auf. Obwohl ihr das Thema „erschreckend häufig“ angeboten werde, sei sie immer der Meinung gewesen, dass man ihm in einem Roman nicht gerecht werden könne, sondern dass es „in die geschützten vier Wände einer guten Therapeutin oder eines Therapeuten gehöre“. Wegen Karin Winkler, die Steffi versprochen hätte, aus „ihrer Lebensgeschichte ein Buch zu machen“, habe sie, Hera Lind, eine Ausnahme gemacht.

Dennoch bleibt dem Stoff ein unauflösbares ethisches Dilemma immanent: die ehrenvolle Intention, auf das Unsagbare aufmerksam zu machen, ein Schicksal psychischer Destruktion einem breiten Publikum zur Verfügung zu stellen, kann andere Missbrauchsopfer beim Lesen retraumatisieren. Daneben besteht das Risiko, bei manchen einen gewissen Voyeurismus zu bedienen. Deshalb wäre eine sogenannte ‚Triggerwarnung‘ nur bedingt zielführend.

Ob Romane, die auf den Bestsellerlisten stehen, zu einer adäquaten Aufbereitung des Themas Sexueller Missbrauch beitragen, darüber wäre zu diskutieren. Sicher jedoch ist, dass das in jeder Hinsicht Verabscheuungswürdige und Ekelhafte nicht totgeschwiegen werden darf. Um es mit den Worten des Missbrauchsopfers Gisèle Pelicot zu sagen, „La honte doit changer de camp“ („Die Scham muss die Seiten wechseln.“).

Titelbild

Hera Lind: Im Namen der Barmherzigkeit. Roman nach einer wahren Geschichte.
Knaur Taschenbuch Verlag, München 2024.
460 Seiten, 12,99 EUR.
ISBN-13: 9783426528372

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