Die Wucht der Sucht
In „Vergiss mich“ erzählt Alex Schulman eindringlich und einprägsam vom Alkoholismus seiner Mutter
Von Anne Amend-Söchting
Der schwedische Schriftsteller, Journalist und Blogger Alex Schulman ist außerhalb seines Heimatlandes kein Unbekannter, denn vor Vergiss mich aus dem Jahre 2016 wurden seine danach erschienenen Romane übersetzt. Spätestens mit Die Überlebenden (Originalausgabe 2020, deutsche Übersetzung 2021), der tragischen Geschichte einer Familie, einer Anti-Idylle oder besser „Anti-Saltkrokan“, gelang ihm der Durchbruch bei einem internationalen Publikum.
Vergiss mich kommt als unverblümter autofiktionaler Text mit dem homodiegetischen Erzähler Alex daher. Die bereits verstorbenen Eltern und Großeltern, außerdem der Autor und seine zwei Brüder, werden mit Klarnamen bezeichnet. Dasselbe gilt für Schulmans Ehefrau und seine Kinder, was in Social-Media-Zeiten leicht befremdlich wirkt.
„Vergesst mich“ lautet die Aufforderung der Mutter Lisette an ihre Söhne Niklas, Calle und Alex; „vergiss mich“ an letzteren, als sie besonders tief in ihrem Alkoholkonsum versunken ist und sich keine Zukunft mehr ausmalt. Die höchste Eskalationsstufe erreicht die Sucht an jenem Tag, als Alex und Calle die mehrstündige Fahrt zum Sommerhaus in Värmland auf sich nehmen. Dort hat sich die Mutter im Schlafzimmer verschanzt und trinkt ohne Unterlass. Noch am selben Tag nehmen die beiden Brüder sie mit nach Stockholm, wo sie sich nach vielen gescheiterten Überredungsversuchen zuvor dazu bereit erklärt, sich einem Entzug in einer Klinik zu stellen. Nach ihrer Entlassung verzichtet sie zwar auf Alkohol, verliert aber innerhalb kurzer Zeit rasant an Gewicht. Sie leidet unter dauerhaften und unerträglichen Bauchschmerzen. Nach einer Behandlung im Krankenhaus geht es ihr einige Wochen besser, bevor sie an einem Krebsleiden verstirbt. Beim Ausräumen ihrer Wohnung entdecken die Söhne einen Brief, in dem die Mutter ihren letzten Wunsch niedergelegt hat: sie möchte nicht in Stockholm neben ihrem Ehemann beerdigt werden, sondern in der Gustav-Adolfs-Kirche in Värmland, in der Nähe des Sommerhauses.
Vergiss mich zerfällt in drei Teile: Der genau datierte Prolog (18. Juli 2013) und der ebensolche Epilog (15. August 2015) umfassen jeweils nur wenige Seiten und rahmen einen mittleren Teil, der mit „Acht Monate vorher“ überschrieben ist. Am Anfang des diskontinuierlichen Procedere, das Schulman für die Mitte wählt, steht der Rückblick auf einen Besuch der Mutter bei seiner Familie, drei Tage nach der Geburt seiner Tochter Frances. Die gesamte Verwandtschaft ist eingeladen – alle reden, nur Lisette schweigt. Sie tunkt einen Finger in die Sahnetorte, was Alex wütend macht, woraufhin sie beleidigt ist und er wiederum meint, empathisch sein zu müssen. Zudem überfallen ihn Schuldgefühle, weil er sie kritisiert hat. Es manifestiert sich die ganze Bandbreite der Ambivalenz von Kritik einerseits bis hin zu Verständnis andererseits, so dass sich in der eher unscheinbaren Szene die unsichere Bindung zur Mutter kondensiert. In Alex‘ privatem und beruflichem Alltag tritt seine eigene Vulnerabilität in Form heftiger Panikattacken hinzu. Immer wieder suchen sie ihn bei seiner Arbeit am Theater heim.
Im Verlauf der Erzählung begibt sich der Autor weiter in die Vergangenheit hinein. Mit locker eingestreuten Episoden – zum Teil genau datiert, zum Teil sehr vage bleibend – formieren sich dichte Tableaux, mit denen Alex seine Eltern sowie ihren Alltag mit Beruf und drei Söhnen schildert und dabei seine eigene Affektwelt spiegelt. Die assoziativ aneinandergereihten Erinnerungen konterkarieren die chronologischen Fixpunkte im Rahmen. In der Gestalt repetiert sich die Ambivalenz des Gehalts: nach außen hin besteht lange das Bild einer perfekten Familie mit erfolgreichen Eltern und Kindern, die geliebt werden. Alex blickt hinter die Fassade. Er modelliert das Bild einer dysfunktionalen Familie, in der einzelne Mitglieder, allen voran die Mutter, geniale Züge tragen. Unumstößliche Präsenz beweist dabei immer die Sucht, der Alkoholismus, der C2-Abusus, ein Dauergast, den man sich als allegorische Figur, Albrecht Dürers Melencolia nicht unähnlich, vorstellen kann. Auf die aktive Phase des Genussmittelkonsums folgt der Absturz in die Tiefen einer Traurigkeit, sich mitunter zur Depression steigernd. Dem perniziösen Suchtkreislauf kann sich die Mutter mehr als 30 Jahre lang nicht entziehen.
Vor dem Hintergrund der Alkoholerkrankung lässt Schulman eine großartige thematische Gemengelage emergieren, in der Lisettes Kindheit eine ausschlaggebende Rolle zukommt. Sie ist als Ursprung transgenerationaler Verstrickungen auszumachen. Sie sei in einem Elternhaus aufgewachsen, so erzählt die Mutter manches Mal, „das nichts mit ihr zu schaffen haben wollte“. Schier unglaublich ist es, dass ihre Eltern sie im Alter von neun Jahren auf der Insel Capri zurückließen, sie dort bei katholischen Nonnen lebte, die Sprache lernte und sich als Reiseführerin für amerikanische und deutsche Tourist:innen verdingte. Direkt danach wurde sie in ein Schweizer Klosterinternat geschickt.
Lisette selbst habe all diese Geschichten als „Kuriositäten“ erzählt, ihre Kindheit habe in ihren eigenen Worten als „einzige Lustifikation“ geklungen, ein Pippi Langstrumpf-Begriff, in dem sich Lisettes Dissoziation von möglichen Gefühlen des Ausgestoßenseins bündelt. Sie distanziert sich nicht nur von ihrer Affektwelt, sondern sie koppelt sie ab, um sie aus der Ferne zu betrachten und zu analysieren. Schulmans anrührende Hommage an seine Mutter nährt sich oft von einer dynamischen Doppelbödigkeit, in der sich Tragik mit Schönheit vereint:
Papa konnte ein Gedicht von Edith Södergran vorlesen und anschließend in Tränen ausbrechen. Mama weinte nie, wusste aber genau, warum Papa weinte. Papa erlebte das Gedicht, Mama aber konnte sich darüber erheben und von oben darauf herabsehen. Es gab so viel Schweres an ihr, aber sobald es um Kunst oder um das Wort ging, schwebte sie leicht, ganz leicht über uns anderen. Immer war sie die Klügste im Raum. Immer war sie die Humorvollste. Immer hatte sie dieses lustvolle Verhältnis zur Sprache.
Während andere ihre Gefühle spüren und miterleben, erhebt sich Lisette über sie. Letztendlich wandelt sich der Fluch des Kindheitstraumas zum Segen. Je weiter sie sich von der Emotio entfernt, desto mehr übernimmt Ratio die Macht, um Perspektiven des Humors und der Ironie zu eröffnen. Es ist nicht deplatziert, hier von Kompensation oder sogar Sublimation zu sprechen. Lisette habe den „blitzschnellen Intellekt“ geliebt, sie sei imstande gewesen, unterhaltsame Geschichten zu schreiben und habe sich an den stilistischen Feinheiten der Sprache erfreut.
Vielleicht wollte Lisette – küchenpsychologisch argumentiert – mit dem nahezu 32 Jahre älteren Allan, den sie im Alter von 23 Jahren ehelichte, das problematische Verhältnis zu ihrem Vater korrigieren. Nicht nur das Alter zeichnet für die Divergenz verantwortlich: Allan huldigt einem wohlstrukturierten Tagesplan. Der Mutter hingegen gefällt es, in den Tag hinein zu leben und die Dinge am Wegesrand zu goutieren. In der ersten Hälfte des ehelichen Zusammenlebens habe der Vater mit seiner Akribie dominiert, in der zweiten die Mutter mit ihrer „Unberechenbarkeit“.
Lisette und Allan sind emotional oftmals nicht präsent, kaum ansprechbar, was sich in den letzten Lebensjahren des Vaters exazerbiert, weil sein Medikamentenkonsum diese schwer beeinträchtigt. Zu einer Zeit, als die Söhne bereits erwachsen sind, kommt ein all die Jahre zuvor präpariertes Horrorszenario zum Ausbruch: der Vater, tagaus tagein im Bademantel, oft stürzend in seiner Verwirrung durch Schlaftabletten, die Mutter betrunken, nicht in der Lage ihm zu helfen.
Schulmans erste Erinnerung indessen betrifft „nur Mama und ich“. In den intensiven Momenten der Innigkeit, die er aufruft, tröstet sie ihn nach seinen Albträumen und verleiht ihm Geborgenheit. Obwohl diese Momente verschwinden, verbirgt sich tief in ihm die Gewissheit, von der Mutter geliebt zu werden, hofft er noch im Erwachsenenalter, seine Mutter aus der frühen Kindheit zurückzubekommen. Prononcierte Double bind-Tendenzen waren jedoch von Anfang an vorhanden.
Mit dem, was Schulman als „Verschiebung“ etikettiert, tritt die Sucht, mit Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit, allmählich in das Leben der Familie. Unter ihrer Ägide versammeln sich Stimmungsschwankungen, Schweigen, Parentifizierung und Verantwortung.
Während einer irritierenden Transitionsphase vollzieht sich allmählich die Verschiebung. Erst danach fällt Alex das geänderte Wesen seiner Mutter auf. Im Hin und Her zwischen Abwesenheit und Attacke liegt die „neue“ Lisette entweder schlafend im Bett oder ihre Geduld ist schnell am Ende angelangt. Schlimmer als die physische Präsenz mit minimaler Stresstoleranz, die Angst der Söhne vor schlechter Laune und Wutanfällen bedingend, ist die emotionale Absenz im Schweigen. Zum einen ist es das Schweigen als Resultat des Konsums bei den Abhängigen, zum anderen sind es Schweigen und Geheimnis als Begleiter der Co-Abhängigen. Seit 1983, seit seinem achten Lebensjahr, habe ein „Stillhalteabkommen“ bestanden, erwähnt Alex. Es klingt hilflos, wenn er schreibt, dass alle Versuche, mit der Mutter über das Problem zu sprechen, ihm Übelkeit verursachten. Es sei ihm schlecht geworden, als müsse er sich übergeben, es widerspreche allem, was er „in den vergangenen dreißig Jahren verinnerlicht habe: dass das Geheimnis gewahrt werden“ müsse. Im physischen Widerwillen zeigt sich das Unvermögen, die Rolleninversion aufzugeben. Als parentifizierter Sohn übernimmt Alex die Verantwortung für das Wohlergehen der Mutter: er ist „tapferer Soldat“ und „Mamas geschickter kleiner Helfer“. Als ihre Kolleg:innen anrufen und sich nach ihr erkundigen, avanciert er zu einer „Art Creative Director ihrer vorgeblichen Krankheiten“. Jahre später, als seine Frau ihn auf das Alkoholproblem ihrer Schwiegermutter anspricht, leugnet er, dass ein solches besteht. Er empfindet es als Angriff auf seine Person und bilanziert:
Dieses Geheimnis ist das Wichtigste, was ich besitze. Es ist Teil meiner Identität.
Ich BIN das Geheimnis.
Ich rede mit niemandem darüber.
Und Mama und ich reden ebenfalls nicht darüber.
Noch als Calle und Alex ihre Mutter im Sommerhaus abholen, ist sie nicht bereit, über ihre Probleme zu reden. Trotz des Klinikaufenthalts bleibt ein klärendes Gespräch mit den Söhnen aus. Als Alex sicher ist, dass es kurz bevorsteht, verstirbt sie.
Schulmans Sprache ist, diesen Eindruck vermittelt jedenfalls die Übersetzung ins Deutsche, einfach und klar. Wenige Metaphern im Umkreis des Alkoholproblems – die Sucht als Dauergast etwa – und nicht ganz so seltene Parallelismen wirken in einem eher lakonischen Umfeld umso eindringlicher. Der Imperativ des Titels, „Vergiss mich“, pluralisiert zu „Vergesst mich“, durchzieht den Text wie ein Leitmotiv, in Alex‘ Trauer zum Paradoxon mutierend, das er sich mantraartig vorsagt: „In mir gibt es eine Leerstelle, die viel Raum einnimmt“.
Alkoholismus ist ein Thema, das spätestens seit Zolas Der Totschläger (L’assommoir, 1877) in vielen literarischen Texten vorkommt. Meistens ist es ein Mann, der alkoholkrank ist. Das weibliche Pendant scheint als weniger populär und/oder ästhetisch eingestuft zu werden, ist aber in der aktuellen Literaturlandschaft in erster Linie mit Caroline Wahls 22 Bahnen (2023) sehr präsent. Wahl brilliert mit der eindringlichen fiktionalen Ausarbeitung der Themen Parentifizierung, Verantwortungsübernahme und Co-Abhängigkeit.
Wenn man der Chronologie folgt, die das Erscheinen von Schulmans Romanen in Deutschland nahelegt, kann man nicht umhin, Vergiss mich beim Lesen auf Spuren des für Die Überlebenden zentralen Traumas zu durchsuchen. Man fragt sich unweigerlich, ob die Autofiktionalität in diesem Roman über die manifesten Parallelen – drei Brüder und Eltern, die sie oft sich selbst überlassen – hinausgeht. Die Überlebenden beginnt mit der Fahrt von drei Brüdern – Benjamin, Pierre und Nils – zum Sommerhaus, Vergiss mich beginnt und endet mit der Fahrt dorthin, zum „Ground Zero“, wie Alex schreibt, dahin, wo alles begann.
Bei aller Autofiktionalität dominiert in Vergiss mich die Ästhetisierung der Suchtproblematik und damit einhergehender Themen. Schulman hütet sich davor, in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er entwirft das Porträt einer Familie, deren sicherer Hafen von der Sucht vereinnahmt wird. Doch am Ende aller Tragik, am Ende der „Verschiebung“, steht eine grandiose Verdichtung, mit der Alex Schulman symbolisch den Raum der Leerstelle füllt.
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