Ein Wörterbuch auf der Suche nach seinen Bildern
Alec Mishory und Ilil Arbel versprechen mit „Dictionary of Subjects and Symbols in Jewish Visual Culture and Art“ ein enzyklopädisches Standardwerk – liefern jedoch vor allem eine essayistische Einführung
Von Silvio Barta
Ein Wörterbuch der jüdischen Bildwelt – verfasst von zwei ausgewiesenen Kunsthistorikern, auf Englisch, enzyklopädisch angelegt und einer mehr als zweitausendjährigen religiösen und kulturellen Tradition gewidmet.
Die Erwartungen könnten kaum größer sein. Man rechnet mit einem monumentalen Nachschlagewerk voller Abbildungen, das historische Entwicklungen, regionale Unterschiede und ikonografische Feinheiten sichtbar macht. Mit einem Buch also, in dem sich über mehrere Seiten nachvollziehen lässt, warum eine Mesusa in Spanien anders gestaltet wurde als in Osteuropa, wie sich ihre Darstellung im Lauf der Jahrhunderte wandelte oder welche religiösen, kulturellen und politischen Einflüsse sich darin spiegeln. Schließlich gehört die jüdische Bild- und Symbolwelt auch zu den wichtigsten Quellen der christlichen Ikonografie und prägt damit bis heute weite Teile der europäischen Kunstgeschichte.
Große Verheißung, schmales Format
Umso größer ist die Überraschung beim ersten Aufschlagen. Dictionary of Subjects and Symbols in Jewish Visual Culture and Art ist kein monumentales Referenzwerk, sondern ein schmales Bändchen von gerade einmal zweihundert Seiten, ausgestattet mit lediglich acht Abbildungen. Statt eines opulent illustrierten Bildlexikons hält man ein kompaktes Wörterbuch in den Händen. Nicht der geringe Umfang allein ist dabei das Problem. Entscheidend ist vielmehr, ob ein schmales, weitgehend textbasiertes Kompendium die Erwartungen erfüllen kann, die ein Titel wie dieser und die Anlage als Wörterbuch zwangsläufig wecken.
Noch bevor sich die Frage nach der Qualität der einzelnen Beiträge stellt, drängt sich eine grundlegendere auf: Für wen ist dieses Buch eigentlich geschrieben?
Der Titel verspricht ein Dictionary, also ein Nachschlagewerk. Damit verbindet man eine klare Systematik, präzise Definitionen und genügend Tiefe, um einzelne Begriffe zuverlässig erschließen zu können. Doch genau hier gerät das Buch in Schwierigkeiten: Für ein vertiefendes Nachschlagewerk bleiben viele seiner Einträge zu knapp, um historische Entwicklungen, regionale Unterschiede oder ikonografische Feinheiten nachvollziehbar zu machen. Wer detaillierte Informationen sucht, wird deshalb regelmäßig enttäuscht.
Zwischen Wörterbuch und Essay
Gleichzeitig erschwert die Gliederung den Zugang. Die Einträge sind zunächst neun thematischen Großkapiteln zugeordnet – von Jewish Art über Sacred Sites bis zu Jewish Calendar, Holidays, and Rituals – und erst innerhalb dieser Kapitel alphabetisch sortiert. Wer einen bestimmten Begriff sucht, kann ihn deshalb nicht einfach an der erwarteten Stelle aufschlagen, sondern muss zunächst den Index konsultieren. Damit verliert das Buch einen zentralen Vorteil eines konventionell aufgebauten Wörterbuchs. Zugleich resultiert aus den Themenkapiteln keine systematische Einführung, da die alphabetische Reihenfolge innerhalb der einzelnen Abschnitte keinen zusammenhängenden Gedankengang zulässt. Das Buch steht somit zwischen Lexikon und essayistischem Handbuch, ohne die Vorzüge einer der beiden Formen vollständig auszuspielen.
Diese formale Unentschiedenheit setzt sich in den einzelnen Beiträgen fort. Mishory und Arbel begreifen ihr Dictionary offenbar nicht als bloßes Nachschlagewerk. Immer wieder ordnen sie Begriffe ein, diskutieren ihre Bedeutung und beziehen zuweilen sogar Stellung gegenüber früheren Interpretationen. Das macht viele Einträge angenehm lesbar und verleiht dem Buch stellenweise den Charakter eines kunsthistorischen Essays. Gerade diese interpretierende Freiheit geht jedoch mitunter zulasten der systematischen Erschließung. Statt Themen möglichst umfassend abzubilden, setzen die Autorin und der Autor eigene Schwerpunkte und lassen andere Aspekte vergleichsweise knapp ausfallen.
Tiefe und Ausrichtung der einzelnen Beiträge unterscheiden sich erheblich. So überzeugt etwa der Artikel Mermaid, der Hybridwesen in einen größeren ikonografischen Zusammenhang einordnet und Motivgeschichte, Symbolik sowie ihre unterschiedlichen Ausprägungen gelungen miteinander verbindet. Andere Bereiche bleiben dagegen erstaunlich schmal. Die Kategorie Intangible Jewish Artifacts umfasst beispielsweise lediglich acht Einträge und wirkt angesichts der Vielfalt religiöser Praxis, mündlicher Traditionen und kultureller Erinnerungsformen erstaunlich knapp bemessen.
Noch deutlicher wird das Problem dort, wo der Bezug zur visuellen Kultur hinter den allgemeinen Erläuterungen zurücktritt. Der Eintrag Hand Washing erzählt etwa die bekannte Überlieferung, nach der Rabbi Akiva im Gefängnis seine knappe Trinkwasserration lieber zum rituellen Händewaschen als zum Trinken verwendete. Das ist eine interessante religiöse Anekdote. Doch was bedeutet dieses Motiv für die jüdische Kunst? Wie wurde das Ritual in Handschriften, Synagogen oder späteren Kunstwerken dargestellt? Welche ikonografischen Konstanten oder historischen Veränderungen lassen sich beobachten? Abgesehen vom Hinweis, dass Wassergefäße unterschiedliche Formen besitzen können, bleibt diese eigentliche Fragestellung weitgehend unbeantwortet.
Gerade darin liegt die größte Schwäche des Buches. Es erklärt zahlreiche Begriffe der jüdischen Religion und Kultur kompetent, untersucht jedoch deutlich seltener ihre konkrete bildliche Umsetzung. Für kunstinteressierte Leserinnen und Leser bleibt das Werk deshalb häufig hinter den Erwartungen zurück.
Besonders deutlich wird dies beim Tree of Life: Von mittelalterlichen Handschriften wie der Sarajevo Haggadah bis zu Marc Chagalls Fenstern in St. Stephan in Mainz wurde das Motiv über Jahrhunderte immer wieder aufgegriffen, verändert und neu interpretiert. Diese visuelle Entwicklung findet im Dictionary jedoch kaum Niederschlag, obwohl Tree of Life und Tree of Knowledge zu den ausführlicheren Einträgen des Buches zählen. Damit bestätigt sich, was sich bereits beim ersten Aufschlagen andeutet: Das Dictionary vermittelt fundiertes Wissen über Symbole, ihre Bildgeschichte jedoch bleibt erstaunlich blass.
Gute Einführung unter falschem Etikett
Dasselbe Problem zeigt sich im Eintrag zu den Zehn Plagen. Dort heißt es lapidar: „Illustrations show a shower of hailstones while people and animals run for shelter.“ Das ist zweifellos richtig – aber zugleich beinahe eine Binsenweisheit. Interessant wäre nicht, was auf den Bildern zu sehen ist, sondern welche Bilder gemeint sind. Handelt es sich etwa um illustrierte Pessach-Haggadot, also jene traditionellen Erzähl- und Gebetbücher für den Sederabend, um frühneuzeitliche Druckgrafiken oder um moderne künstlerische Interpretationen? Welche ikonografischen Konventionen haben sich herausgebildet, wie unterscheiden sich Darstellungen verschiedener Epochen oder Regionen, und warum werden bestimmte Plagen immer wieder auf ähnliche Weise visualisiert? Gerade solche Fragen bleiben häufig unbeantwortet.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob das Buch ein überzeugendes Dictionary ist, sondern welchen Leserinnen und Lesern es tatsächlich etwas bieten kann. Wer ein umfassendes Nachschlagewerk oder eine kunsthistorisch fundierte Ikonografie erwartet, dürfte enttäuscht sein. Liest man die einzelnen Kapitel dagegen als lose Folge kurzer Essays, eröffnet das Buch einen zugänglichen Einstieg in zentrale Themen der jüdischen Kultur, Religion und Symbolwelt. Es erzählt Geschichten, erläutert Traditionen und vermittelt Zusammenhänge, ohne umfangreiche Vorkenntnisse vorauszusetzen.
Auch zur ersten Orientierung kann es hilfreich sein, etwa wenn man in einem Gemälde, einer Synagoge oder bei einem Museumsbesuch einem jüdischen Symbol begegnet und dessen religiösen oder kulturellen Hintergrund verstehen möchte. Für die Frage, wie sich ein Motiv historisch entwickelt, regional verändert oder in konkreten Kunstwerken transformiert hat, bleibt jedoch zusätzliche Literatur notwendig. Der eigentliche Fehler des Buches liegt damit vielleicht weniger in seinem Inhalt als in seinem Etikett: Als Dictionary bleibt es unbefriedigend, als essayistische Einführung in die Symbolwelten des Judentums ist es durchaus lesenswert.
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