Selbsttäuschung statt Selbstermächtigung

Über Juliane Baldys „Frau Fünf“

Von Mae HaydamRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mae Haydam

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Martin verlässt Mirjam, nach fast zehn Jahren Beziehung ist es aus. Für Mirjam kommt dieser Schlag ohne Vorwarnung. Der Roman setzt in dem Moment des Schocks ein und der Klappentext verspricht, dass die Geschichte von Mirjams Selbstermächtigung folgen wird. Im Roman sollen Themen wie Selbstfindung, Grenzen-Testen, Sex und Freundschaft behandelt werden. Doch tatsächlich offenbart sich keine Befreiung, sondern eine obsessive Kreisbewegung, und Mirjam löst sich nicht, sie fixiert sich.

Mit Frau Fünf (2025) veröffentlicht Juliane Baldy ihren zweiten Roman. Ihr Romandebüt Paul erschien 2020 und wurde von der Internationalen Jugendbibliothek mit dem White Raven ausgezeichnet. Außerdem schreibt Baldy Texte für das Theater, die vom Karl-Mahnke-Theaterverlag vertreten werden.

Frau Fünf begleitet die Protagonistin Mirjam. Das erste Mal seit zehn Jahren ist sie frei von Martin, ihrem langjährigen Partner, wenn auch nur räumlich. Früh im Roman wird deutlich, wie stark Mirjam sich in der Beziehung angepasst hat und wie wenig sie von Martin zurückbekommen hat. „Außerdem wollten wir heiraten. Martin und ich“ […] „Das war noch nicht mal ein richtiger Antrag! Kein Kniefall. Keine Blumen. Kein RING“. […] „Irgendwann sollten wir auch mal heiraten. Wegen der Steuer. Und so.“ […] „Trotzdem hatte Mirjam JA geschrien. Und wie es sich gehört, geweint.“ Für Mirjam steht Martin auf einem Podest, sie braucht ihn, er hat recht, sie muss ihm gefallen. Ihre Selbstverleugnung durchdringt ihren Alltag und zeigt sich in allem, in ihrem Geschmack ebenso wie in der Gestaltung ihres Wohnraums. Telenovelas, ihr liebstes Unterhaltungsprogramm, konsumierte sie heimlich: „Als Martin noch jeden Moment zur Tür hätte reinkommen können, traute sie sich selten. Und wenn, dann nur mit einem Kopfhörer im Ohr […] bereit, das fatale Fenster auf dem Bildschirm zu schließen.“ Martins verurteilende Worte haben sie geprägt, schwingen immer unterbewusst mit: „Eine Beleidigung für jedes intakt funktionierende Gehirn.“ Das erste Mal seit zehn Jahren bekommt sie die Chance, aus dieser mentalen Gefangenschaft auszubrechen. „Ab jetzt wird es nur noch um sie gehen“, denkt Mirjam immer wieder. So schürt sie bei den Leser*innen die Hoffnung, dass sie Martins Stimme aus ihrem Hinterkopf verbannen wird.

Immer wieder gibt es im Verlauf des Romans Anzeichen für Besserung. Sie erfindet die alternative Identität „Frau Fünf“. „Frau Fünf“ treibt sich auf gigolo.com rum, trägt Lederkleidung, schneidet sich die Haare kurz und will Sex haben. Auf den ersten Blick scheint tatsächlich ein Riss in Mirjams früherer Identität zu entstehen. Doch dieser Riss bleibt oberflächlich. Der neue Haarschnitt wird in Frage gestellt: „Was, wenn es Martin nicht mag?“ Selbst die körperliche Selbstermächtigung, der Sex mit Finn, dem Callboy, wird funktionalisiert: „Erfahrungen für Miri und Martin Zwei Punkt Null sammeln.“ Jede Entscheidung von Mirjam wirkt, als würde sie diese mit und für Martin als stillem Begleiter treffen. Den Roman zu lesen heißt, einem einzigen Rückschlag zuzusehen: Mirjam scheitert wieder und wieder daran, sich aus ihrer Abhängigkeit von Martin zu lösen. Das ist ermüdend.

All die Gefühle, Gedanken und Handlungen Mirjams nach der Trennung werden durch die sprachliche Umsetzung im Text greifbar. Der Roman bleibt konsequent in einer personalen, intern fokalisierten Perspektive. Eine distanzierende Erzählinstanz als Ausgleich für Mirjams ungefiltertes emotionales Geschehen fehlt. Satzfragmente wie „Auf. Den Roller. Hinter. Die Fahrerin“ spiegeln ihre innere Hektik und Zerrüttung. Die Großschreibung „KANN“, „ALLES“, „MAAARRRTIIINNN“ verstärkt ihre sowieso schon starken Emotionen visuell wie auch akustisch. Klammer-Einschübe „(igitt)“ oder gedankliche Nachträge durch Fußnoten unterbrechen den Lesefluss und machen sichtbar, wie sich ihre Gedanken ständig selbst korrigieren, kommentieren oder erweitern. Diese fragmentarische Darstellung von Mirjams Gedanken erinnert stellenweise an alltägliche Chatverläufe. Die Gedanken erscheinen nicht vollständig ausgeführt, sondern sprunghaft und inkonsistent wie ihr emotionaler Zustand selbst.

Gerade in der frühen Phase der Trennung scheint die emotionale Sprunghaftigkeit der Protagonistin nachvollziehbar. Fragwürdig wird es, wenn ihre ungesunde Besessenheit einsetzt und rechtliche Grenzen überschritten werden. Ihr Wohnzimmer wird zu einer Kommandozentrale, die Wand zur Ermittlungsfläche, jeder von Martins Schritten wird protokolliert und seine neue Partnerin ausfindig gemacht. „Ganz links markiert ein Strich das Wochenende, an dem Martin und Franja sich kennengelernt haben müssen.“ Termine und To-dos sollen Mirjam helfen, zu verstehen, wieso Martin sie nicht mehr will, was schiefgelaufen ist und es ihr ermöglichen, so nah wie möglich an ihm dranzubleiben. Mirjam besorgt sich Tracker und Kameras und stalkt Martin zu jeder Tageszeit. Sie verwanzt sein Auto und verfolgt seinen Standort. „Ab jetzt wird sie das Geschehen in den Händen halten.“ Mirjams Verhalten wirkt keineswegs mehr wie Verletztheit nach einer Trennung oder emanzipatorisch, wie sie es zu empfinden scheint, sondern alarmierend. Mirjam wird nicht zur reflektierten Ermittlerin ihres eigenen Lebens, sondern zur fragwürdigen Stalkerin und enttäuscht so die Hoffnungen, die der Klappentext bei den Leser*innen hervorgerufen hat, stetig aufs Neue.

Besonders unerträglich wird das Leseerlebnis, wenn andere Menschen Opfer von Mirjams Projektionen werden. Da „Miri und Martin Zwei Punkt Null“ in ihren Augen auf jeden Fall zustande kommen wird, kann nur jemand anderes schuld an dem Zwischenzustand der Trennung sein. Schnell wird die vermeintliche Rivalin zur „BLONDINE“, zum „Feind in Martins Bett“. Der eigentlich sehr toxische Martin hingegen bleibt verhältnismäßig verschont und fester Teil ihrer Zukunftsplanung. Auch weitere Unschuldige werden zu Ventilen von Mirjams Frust. So beschimpft sie spielende Kinder als „Missgeburten“, und ihre beste Freundin Lena, die versucht, ihr aus ihrer Trauer zu helfen, wird als störend abgetan. Versuche, Mirjam zu erreichen und ihr zu helfen, wie eine Mail, löscht Mirjam ungelesen. Sie sucht Feinde an den falschen Stellen, bestraft Leute, die nichts für ihre Situation können, und verspielt seitens der Leser*innen jede Form der Sympathie gegenüber ihrer Person.

Frau Fünf ist damit weniger eine Geschichte über Selbstfindung, Spaß und Sex als das Protokoll einer Dynamik aus toxischer Männlichkeit und einer weiblichen Abhängigkeit, die sich nicht auflöst, sondern verfestigt. Leser*innen, die sich einen leichten, humorvollen Roman über weibliche Selbstermächtigung erhofft haben, werden enttäuscht. Mirjams dauerhafte Rückschläge sowie ihre grenzüberschreitende Obsession machen aus Frau Fünf nicht mehr als ein repetitives Protokoll einer ungesunden Fixierung.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Juliane Baldy: Frau Fünf. Roman.
Verbrecher Verlag, Berlin 2025.
224 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783957326263

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