Vom großen Nein und der ungebändigten Lust auf Freiheit
Der „Hugo Ball Almanach“ vom Redakteur Eckhard Faul erkundet Dada jenseits vertrauter Schubladen – über Künstlerpaare, vergessene Biografien, Revolutionsbälle und die Lust am Widerspruch
Von Silvio Barta
Dada hat mich schon als jungen Kunstinteressierten fasziniert. Da war etwas Rebellisches, Respektloses, wunderbar Ungebändigtes: die Lust, Konventionen nicht nur infrage zu stellen, sondern sie mit Witz, Absurdität und gelegentlichem Krawall einfach beiseitezufegen. Dada strahlt bis heute die Verheißung ungehemmter Freiheit aus – die Vorstellung, dass Kunst alles darf, vielleicht sogar alles sein kann.
Gerade deshalb lässt sich Dada so schwer festhalten. Es gibt kein morphologisches oder stilistisches Regelwerk, keine verbindliche Formensprache, anhand derer sich ein Werk zweifelsfrei als dadaistisch identifizieren ließe. Die Grenzen zu Expressionismus, Surrealismus oder Kubismus bleiben durchlässig; Formen und Verfahren werden übernommen, zerlegt, zweckentfremdet und neu zusammengesetzt. Vielleicht führt es deshalb ohnehin in die falsche Richtung, Dada als Kunstrichtung im klassischen Sinne verstehen zu wollen. Dada ist weniger Stil als Haltung.
Und diese Haltung ist, bei aller Provokation, Zerstörungslust und demonstrativen Verweigerung, erstaunlich optimistisch, denn im Brechen der Regeln steckt immer auch die Vorstellung, dass etwas anderes möglich sein könnte. Hinter dem berühmten Nein von Dada verbirgt sich deshalb ein ziemlich großes Ja: zur Freiheit, zum Experiment, zum Zufall, zum Unsinn – und zur Möglichkeit, die Welt noch einmal anders zu denken.
Dada lässt sich nicht bändigen
Der Hugo Ball Almanach versucht seit fast fünf Jahrzehnten, ausgerechnet diesem schwer zu bändigenden Phänomen auf die Spur zu kommen. Entstanden ist die Reihe in Pirmasens, Balls Geburtsstadt, wo seit den 1970er-Jahren eine Sammlung zu Leben und Werk des Dada-Mitbegründers aufgebaut wurde. Doch schon der Titel führt ein wenig in die Irre: Ball bildet zwar das Gravitationszentrum der Almanach-Reihe, um ihn herum entfaltet sich jedoch das ganze widersprüchliche Universum der historischen Avantgarde – von Emmy Hennings, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bis zu Tristan Tzara und Richard Huelsenbeck. Essays treffen auf Briefe und Nachlassfunde, kunsthistorische Forschung auf jene Dokumente, in denen die Epoche noch selbst zu sprechen scheint.
Seit 2010 erscheint der Almanach als Neue Folge bei edition text + kritik, herausgegeben von der Stadt Pirmasens und der Hugo-Ball-Gesellschaft. Was als regional verwurzeltes Forschungsprojekt begann, hat sich längst zu einer festen Größe der Dada-Forschung entwickelt. Die 2026 erschienene Neue Folge 17 ist die jüngste Station dieser Spurensuche.
Herausgeberbände haben ihre Tücken – für Leser:innen ebenso wie für Rezensent:innen. Zu unterschiedlich sind Themen, Perspektiven und Tonlagen, als dass sich alles sinnvoll auf einen gemeinsamen Nenner bringen ließen. Statt also Vollständigkeit zu simulieren, schauen wir lieber dorthin, wo es besonders spannend wird – und gelegentlich auch dorthin, wo es weniger funkt.
Menschen, Paare, Revolutionen
Zu den Höhepunkten gehört zweifellos Walburga Krupps Studie Paarkonstellationen. Sie widmet sich den miteinander befreundeten Künstlerpaaren Emmy Hennings und Hugo Ball sowie Sophie Taeuber und Hans Arp – und nähert sich damit der Avantgarde einmal nicht über Manifeste, Werke oder die üblichen kunsthistorischen Entwicklungslinien, sondern über Beziehungen. Freundschaften, Ehen, Nähe und Distanz, gegenseitige Bewunderung und Abhängigkeit werden zu einem Koordinatensystem, in dem plötzlich auch die Kunst anders lesbar wird.
Gerade dadurch wird Kunstgeschichte plötzlich erstaunlich menschlich. Krupp interessiert sich weniger für die vier großen Namen als für das Dazwischen: dafür, was Menschen aneinander auslösen, wie sie sich gegenseitig tragen, herausfordern und prägen. Paradoxerweise führt das stellenweise tiefer als manche klassische Biografie, die zwangsläufig ein einzelnes Leben ins Zentrum rückt und die anderen zu Nebenfiguren macht. Kunst entsteht hier nicht im Vakuum des einsamen Genies, sondern in einem Geflecht aus Liebe, Freundschaft, Konkurrenz und gemeinsamer Erfahrung. Gerade bei Dada, dessen Geschichte so sehr von Begegnungen und Konstellationen lebt, ist das eine ausgesprochen erhellende Perspektive.
Bernhard Rusch widmet sich mit Jefim Golyscheff dagegen einem Künstler, dessen Name mir bislang kaum begegnet war – und schon darin liegt ein Verdienst des Beitrags. Anhand von Gemälden, Gedichten und biografischen Stationen holt Rusch eine jener Figuren aus dem Schatten, die in den großen Erzählungen der Avantgarde meist nur als Randnotiz auftauchen.
Rusch recherchiert gründlich, vermag seine Erkenntnisse aber weniger fesselnd zu vermitteln. Golyscheffs Beitrag zu Dada bleibt letztlich überschaubar. Interessanter wird die Geschichte dort, wo das individuelle Künstlerleben von der Geschichte eingeholt wird: Als Jude erlebt Golyscheff Verfolgung, Flucht und Exil, sein Lebensweg führt weit über die kurze Berliner Dada-Episode hinaus. So ist der Beitrag vor allem als Wiederentdeckung lesenswert – weniger funkelnd als Krupps Paarkonstellationen, aber eine jener notwendigen Ausgrabungen, ohne die die Kunstgeschichte immer nur von denselben großen Namen handeln würde.
Deutlich mehr Sog entwickelt Wilfried Ihrigs Beitrag Revolutionsbälle in Berlin. Im Zentrum steht zunächst ein Ereignis, das streng genommen noch gar nichts mit Dada zu tun hat: der Revolutionsball der Berliner Secession von 1908. Doch gerade dieser scheinbare Umweg erweist sich als ausgesprochen aufschlussreich. Ihrig rekonstruiert den Ball nicht nur als gesellschaftliches Ereignis, sondern als frühe Form jener lustvollen Verbindung von Kunst, Provokation und Spektakel, die wenig später für Dada so charakteristisch werden sollte.
Bevor Dada Dada
Die Berliner Secession war natürlich nicht Dada. Und doch ist die Geistesverwandtschaft kaum zu übersehen: die Opposition gegen etablierte Autoritäten, die Distanz zur wilhelminischen Gesellschaftsordnung und vor allem die Lust, diese Ordnung mit ihren eigenen Mitteln zu verspotten. Fest, Kostüm und Inszenierung werden zur Provokation – ausgerechnet der Ball, Inbegriff bürgerlicher Repräsentation, zum Schauplatz des Aufbegehrens.
Damit erscheint der Revolutionsball der Secession bei Ihrig als eine Art Vorläufer jener Dada-Bälle, die später aus der Provokation selbst ein künstlerisches Ereignis machten. Diese Bälle waren zugleich Fest, Performance und Ausstellung, Orte der Begegnung zwischen Kunstschaffenden und Publikum – und nicht zuletzt Bühnen für gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Besonders reizvoll ist diese Perspektive, weil sie Dada aus seiner gelegentlich behaupteten Stunde null herauslöst. Die berühmte Explosion der Avantgarde kam eben nicht aus dem Nichts. Schon vorher hatte es geknistert – und manchmal wurde dazu getanzt.
Fast nebenbei eröffnet Ihrigs Beitrag überraschende Einblicke in die Biografien verschiedener Berliner Künstler:innen und in die Beweglichkeit der damaligen Kunstszene. Namen wie Max Beckmann oder Max Liebermann begegnen hier nicht als sauber einsortierte Vertreter kunsthistorischer Schubladen. Vielmehr wird sichtbar, wie selbstverständlich sich Künstler:innen in einem Feld bewegten, das wir heute säuberlich in Secession, Expressionismus, Kubismus oder Dada aufteilen. Die klaren Grenzen entstehen, so scheint es, erst im Rückblick.
Auch die Anhänge des Almanachs lohnen mehr als einen flüchtigen Blick. Berichte und Dokumentationen zu Veranstaltungen, Konzerten und Aktionen führen die Geschichte Dadas bis in seine gegenwärtige Rezeption weiter; Rezensionen neuer Publikationen öffnen wiederum Türen für die nächste Lektüre. Was leicht als wissenschaftlicher Apparat am Ende eines Jahrbuchs überblättert werden könnte, gehört damit durchaus zum Vergnügen dieses Bandes – und liefert Dada- und Kunstinteressierten reichlich Material für weitere Entdeckungen.
Wider die Schubladen
Vielleicht passt die heterogene Form des Almanachs am Ende sogar besonders gut zu seinem Gegenstand. Dada erscheint hier nicht als geradlinige Kunstgeschichte, sondern als Geflecht aus Menschen und Werken, Freundschaften und Zufällen, Brüchen, Abzweigungen und überraschenden Querverbindungen. Dabei ist der Band wissenschaftlich präzise, ohne sich ausschließlich an Spezialist:innen zu richten: Wer sich für Kunst und Kultur der Avantgarde interessiert, kann ebenso darin versinken wie der Dada-Kenner. Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Lektüre: Dada lässt sich zwar archivieren, erforschen und historisch einordnen – bändigen lässt es sich bis heute nicht.
|
||














