Zwischen Ebbe und Farbe
Marlies Blauths „das Rot eines kühlen Montags“ erscheint als leise Widerrede gegen das Grau der Gegenwart
Von Florian Birnmeyer
Es ist das Schwarz und Rot, das zunächst ins Auge fällt, wenn man den neuen Lyrikband von Marlies Blauth in die Hand nimmt. das Rot eines kühlen Montags erscheint in der edition offenes feld (eof), jenem Dortmunder Verlag, in dem bereits mehrere Bände der 1957 geborenen Künstlerin publiziert wurden. Farbe ist bei Blauth nie bloße Oberfläche – sie ist Motiv, Strukturprinzip und Bekenntnis.
Schwarz und Rot: Das ruft unweigerlich auch Stendhal in Erinnerung, dessen Roman Le Rouge et le Noir vom gesellschaftlichen Aufsteiger Julien Sorel erzählt, der an seinen Ambitionen scheitert. Auch bei Blauth kehren diese Farben wieder – nicht als literarisches Zitat, sondern als atmosphärische Grundierung einer Welt, in der Illusionen abgelegt sind. Hoffnung erscheint hier nicht grell, sondern gedämpft.
Blauth, die Kommunikationsdesign, Kunst und Biologie studierte und unter anderem zwanzig Jahre als Lehrbeauftragte an der Universität Wuppertal tätig war, verbindet in ihrem Werk konsequent Bild und Wort. Zahlreiche Einzelausstellungen – „Rot+Gelb+Blau“, „Paradiesgärten“, „blau[th]“ oder „voll.farbe.leben“ – belegen die zentrale Rolle der Farbe in ihrem Schaffen. Seit 2011 tritt sie verstärkt als Lyrikerin hervor, gewann 2013 den Drostener Lyrikpreis und veröffentlichte mehrere Gedichtbände, von zarte takte tröpfelt die zeit (2015) über Dornröschenhaus (2017) und Bilder aus Kohlenstaub (2021) bis hin zu morgens ein Atemzug Winter (2024). Im vergangenen Jahr erschien das Rot eines kühlen Montags.
Kunst und Lyrik erscheinen bei Blauth als zwei Seiten einer Medaille. Auch im neuen Band wechseln sich Bilder, Illustrationen und Gedichte in einem sorgfältig komponierten Reigen ab. Die ästhetische Dimension des Sehens ist allgegenwärtig – ohne dass Blauth sich in synästhetischen Effekten verliert. Ihre Sprache bleibt klar, tastend, konzentriert:
die Blütendolden in den Gärten
sind wie Milch und Glas
ich spüre wie das frühe Grün
sich an mich schmiegt
Was hier zunächst heiter und farbgesättigt wirkt, erweist sich rasch als Rettungsanker. Die Natur ist Schutzraum gegen „glatte Oberflächen“, gegen Industriezonen und austauschbare Hochhäuser in Grauweiß. Das lyrische Ich setzt dem die Langsamkeit der Jahreszeiten entgegen, die stille Zeit, die Einkehr. Der Gang ins Innere hebt die Leere des Äußeren nicht auf, aber er mildert sie.
der Blick aufs Wasser:
die Weite Landschaft trägt mich
in die Nähe verwunschener Orte
mein tiefblaues Herz wird leicht
wie damals
Diese Verse beschwören eine verlorene Leichtigkeit, eine kindliche Offenheit gegenüber Kunst, Natur und Hoffnung. Doch die Rückeroberung bleibt brüchig. Dem steht die Ernüchterung des Erwachsenseins gegenüber, mit seinen Enttäuschungen und Verlusten:
ich habe das Singen verlernt
als du gingst -
meine Stimme wehte dir hinterher
zurück blieb kraftloser Nebel
Die Titel der Gedichte sind dabei keine bloßen Überschriften, sondern integrale Bestandteile der Texte. Ohne sie verschieben sich Bedeutungen, verlieren Verse ihre zweite Ebene. Blauth komponiert ihre Gedichte als Gefüge aus Bild, Titel und Weißraum.
Im zweiten Teil des Bandes gewinnt das Meer an Gewicht. Es ist Projektionsfläche, Bedrohung und spiritueller Resonanzraum zugleich:
auf unserer Wäsche klebt Plastikhaut
salzloser Sturm rast durch Straßenschluchten
der Himmel spuckt Splitt
tiefseefische Mülltüten
schwimmen zusammen
Hier kippt die Natur ins Anthropozäne. „seekrank“, „Grasland“, Gezeiten und Glaube verschränken sich. Das Meer wird zum Bild für eine erschütterte Spiritualität:
das Stundenbuch ist angefüllt
bis zum letzten Wort …
Bauwerke aufgetürmt
die mich seekrank machten
sie haben Wellenfenster warum – ?
und meine Kirche?
zu Staub vermahlen
die Gottesbilder weggeschwemmt
(man hätte sie retten können)
Das lyrische Ich trauert einem verlorenen Glauben nach. An seine Stelle tritt kein Dogma, sondern eine private Naturspiritualität – verankert in Farben, Landschaften, Liebe, Kunst. Und doch bleibt eine Leerstelle. Gott spiegelt sich in der Natur, aber er wird nicht mehr benannt. Zwischen Ebbe und Flut, zwischen Aufbruch und Rückzug oszilliert diese Lyrik.
Ein wenig Trauer liegt über allem. Doch sie ist nicht resignativ. Blauth setzt der farblosen Welt ihre Farben entgegen – als Ausrufezeichen, als stillen Aufschrei, der lange nachhallt. In das Rot eines kühlen Montags wird Farbe zur Widerrede gegen das Grau der Gegenwart. Hoffnung gibt es hier nicht im Übermaß, aber in Nuancen. Und manchmal genügt das.
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