Mini-Instrument mit Maxi-Wirkung
In „Das Echo des späten Lichts“ erzählt Lea Blum mit progressiver Spannungsintensität Geschichten rund um eine Mundharmonika
Von Anne Amend-Söchting
Die eigentliche Protagonistin ihres Romans sei eine Mundharmonika, ein Exemplar der „Marine Band 1896 der Marke Hohner“ – so schreibt die Autorin in ihrem Nachwort. Im Verlauf seiner Geschichte wechselt dieses kleine Instrument mehrfach seine Besitzer:innen und reist dabei von Deutschland nach Frankreich und von dort in die USA.
Im März 1945 nimmt der junge Instrumentenbauer Paul seine neu konstruierte Mundharmonika vom baden-württembergischen Trossingen aus mit nach Brandenburg an die Front. Mit von der Partie ist sein Freund Erich. Paul wird erschossen, Erich schwer verletzt. Halbwegs regeneriert schafft er es, mit der Mundharmonika aus dem russischen Lazarett zu fliehen.
Das Ende des Krieges erlebt Erich auf einem Bauernhof in der Nähe von Berlin – gemeinsam mit der Melkerin Ursula und der französischen Zwangsarbeiterin Gabrielle. Ursula beschließt, mit Gabrielle in die Bretagne zu ziehen. Erich hingegen, der (so wie Gabrielle) in Ursula verliebt ist, kehrt in seinen Heimatort Trossingen zurück. Kurz nach der Abfahrt des Zuges nach Frankreich bemerkt Ursula, dass sie aus Versehen Erichs Mundharmonika eingesteckt hat.
In der Bretagne erlebt Ursula vielerlei Anfeindungen. Als sie eines Tages mit dem Dorfbewohner Iven, der ihr wohlgesinnt ist, auf dessen alter Zündapp unterwegs ist, verliert sie die Mundharmonika. In Paris, wo das Instrument bei einem Gemüsehändler gelandet ist, kauft es Olivier, ein Marionettenspieler, für Thierry, einen etwa elfjährigen Jungen, der regelmäßig seine Aufführungen besucht und sehr am Marionettenspiel interessiert ist. Thierry stottert. Mit Hilfe der Mundharmonika trainiert er, sich singend auszudrücken und auf diese Weise in seinem Lycée ein hervorragendes Referat zu halten. Dann verliert Thierry die Mundharmonika in der Métro. Über Umwege gelangt sie in die USA. Nach einer Zwischenstation bei einem Pfandleiher kauft ein Pastor sie als Geschenk für seinen ältesten Sohn Dave. Über Timothy, einen schwarzen Musiker, sowie die Band, in der dieser gemeinsam mit seiner Schwester Millie aktiv ist, entdeckt Dave den Jazz, Jamsessions und eine ihm bis dahin unbekannte musikalische Welt. Während er zuvor pflichtbewusst das Harmonium in der Kirche seines Vaters gespielt hat, fühlt er sich zunehmend zum Musizieren mit der Mundharmonika, zur Freiheit des Jazz und zu Millie hingezogen.
Schauplatz ist nun das Tennessee der 1960er Jahre, in dem Segregation und Rassismus den Alltag der schwarzen Bevölkerung bedrohen. Entgegen allen Anfeindungen, denen Dave als Freund einer schwarzen Frau ausgesetzt ist, steht er zu Millie. Seine Familie unterstützt ihn dabei.
Am Ende schließt sich der Kreis. Mit Daves und Millies Tochter Grace, die als Musikerin in die Fußstapfen ihrer Eltern tritt, geht das Instrument auf Deutschlandtournee.
Im Sinne von Steven Paul Scher, der zwischen verschiedenen Formen des Auftretens von Musik in Literatur differenziert, zählt die Bearbeitung des Themas Musik zur „verbal music“. Blum spezifiziert das Thema mit der Mundharmonika und der Darstellung unterschiedlicher Musikstile, die das Leben der Akteur:innen prägen und bei denen die Mundharmonika meistens eine zentrale Rolle einnimmt. Wenn Blum selbst diese als „viele Protagonisten und Protagonistinnen“ tituliert, stellt sie gleichzeitig die Problematik des Texts heraus: Trotz des thematischen roten Fadens (Mundharmonika und Musik(richtungen)) leidet die Ausarbeitung an ihrer Heterogenität, vor allem daran, dass die einzelnen Abschnitte des Romans nur sehr bedingt auserzählt werden. Die Intention, zu zeigen, wie vielfältig das kleine Instrument sein kann und welchen Strauß an musikalischer Diversität es bietet, bleibt ersichtlich. Hätte es andere Möglichkeiten der Vertiefung gegeben? Wäre es vielleicht günstiger gewesen, die Vielfalt des Instruments mit einer oder zwei fiktionalen Figuren und ihren Geschichten aufzuzeigen? Schwer zu sagen.
Unbefriedigend sind in erster Linie die Sequenzen, die in der Bretagne und in Paris spielen. Der Text gewährt Einblick in das Leben der beteiligten Charaktere, gerät aber zu einer Art Parforceritt durch das Arsenal weitestgehend flacher Figuren – Liebesgeschichten, so etwa die sich anbahnende Beziehung zwischen dem Bretonen Iven und Ursula, werden anmoderiert und mit einem sehr abrupten Sprung weg davon wieder fallengelassen. So wirken die auftretenden Personen als instrumentalisiert für das Instrument, das in den Bretagne- und Paris-Kapiteln aber gegenüber den locker in den Text eingestreuten Bemerkungen zur jeweils am Ort vorherrschenden Musikrichtung in den Hintergrund tritt. Sind es in der Bretagne die Wechselgesänge bei einem traditionellen „Fest-Noz“ und Menhire, die angeblich singen, wenn man ihnen nur lausche, so geht es in Paris um das Cabaret L’Écluse und die Aufführung von Chansons. Dass Georges Brassens bereits 1953 im Écluse auftrat, stimmt, nicht jedoch, dass im September 1952 eine „Chansonnette Lieder von Jacques Brel“ sang. Dieser veröffentlichte seine ersten Chansons nämlich erst ein Jahr später. Mehr als fragwürdig ist ohnehin der Begriff „Chansonnette“ für eine Chansonsängerin beziehungsweise „Chansonnière“. Es ist so, als würde man eine „Friseurin“ als „Friseuse“ etikettieren.
Monique, durchweg als „Chansonnette“ bezeichnet, ist leidenschaftliche Musikerin und mit Olivier befreundet. Ungeachtet ihrer mangelnden Elaboration sind beide sehr sympathisch und kümmern sich rührend um Thierry, dem sie mit Hilfe der Mundharmonika zeigen, wie er Töne und Klänge erzeugen und in einem nächsten Schritt einen Flow mündlicher Artikulation hervorrufen kann. Mit der Mundharmonika „hatte er das Gefühl, überhaupt eine Stimme zu haben“. Einen nicht zu unterschätzenden Impact nehmen in diesem Stimmentwicklungsprozess die Uhren im Musée des Arts et des Métiers an, das Thierry mit Olivier besucht. Dass Thierrys Geschichte in der Luft hängen bleibt, ist mehr als bedauernswert. Immerhin: Sein Ziel, ohne Salven zu sprechen, hat er erreicht. Nach der Logik des Romans also Zeit für den Zufall, dass die Mundharmonika abhandenkommt.
Mehr als die anderen Episoden erwecken die in Tennessee situierten den Eindruck, in stärkerem Maße abgerundet zu sein, nicht nur, weil sie das Ende des Romans vorbereiten. Die Wogen der Spannung schlagen höher als zuvor, weil sich gut verfolgen lässt, wie massiv die Segregationspolitik mit all ihren Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten den Alltag der Protagonist:innen beeinträchtigt. In diesem Kontext vollziehen Daves Eltern eine nachgerade ideale Volte. Haben sich der Pastor und seine Frau lange Zeit als eher unpolitisch definiert, positionieren sie sich nun gegen den Rassismus und nehmen in Kauf, dass sich viele Gemeindemitglieder von ihnen abwenden.
Auch in den Tennessee-Kapiteln lässt Blum die aktuelle Musik Revue passieren: Im Blues und Jazz ist die Mundharmonika eine noch bedeutendere Akteurin als zuvor, avanciert sie doch zur Hauptfigur in mancherlei Solopassagen, so etwa in den für Improvisationen konstitutiven Licks. Bei diesem faszinierenden, ganzheitlich-immersiven Musikerleben vernachlässigt Dave seine Ausbildung als Buchhalter und gibt sie schließlich auf.
Die Wege der Mundharmonika in den USA und ihre Geschicke in Daves Familie konstruiert Blum mit besonders vielen Zufällen, nachdem sie den Übergang des Instruments von der Bretagne nach Paris und von dort aus in die USA im Eiltempo abgehandelt hat. An den jeweiligen Nahtstellen tauchen verschiedene aleatorische Figuren auf: in der Bretagne der Gaukler Jacques, der aus der Kasse eines Gemüsehändlers Geld stiehlt, dafür die Mundharmonika im Laden hinterlässt, wo sie Olivier entdeckt und erwirbt. In Paris findet der junge Taschendieb Henri die Mundharmonika in der Métro, versteckt einen 100-Dollar-Schein in ihr und wirft sie auf der Flucht vor der Polizei wieder weg. Mit Giuseppe, der sie auffindet, wandert sie aus und landet bei einem Pfandleiher.
In all diesen Stationen bahnt sich das Instrument seinen Weg und eskortiert Transitionen bei den dafür Prädestinierten. Die Mundharmonika „überlebt“ außerdem, nur knapp und nicht unbeschadet, zwei Kriege, zwei Szenarien der Destruktion und unmenschlichen Brutalität, in Brandenburg mit Erich und in Vietnam mit Dave. In diesen Kontexten konkretisiert sich mit der Mundharmonika und ihrer Klangwelt das rekurrente und stereotype Motiv der Musik als Hoffnungsträgerin, als Energie, die Konflikte zu transzendieren vermag. Und leider auch nicht mehr. Kein Wort davon, dass Mundharmonikas in der Zeit des Nationalsozialismus sehr populär waren und nicht zuletzt die Soldaten an der Front bei Laune halten sollten. Eine Reflexionsperspektive zur Absurdität kriegerischer Handlungen fehlt. Hier schlummert einiges an kritischem Potenzial.
Ein anderes Thema, das der Dimensionierung harrt, ist der Konnex von Mundharmonika und menschlicher Stimme. Das Instrument schmiege sich an die Stimme, sei „ihr im Ausdruck und Intensität“ ähnlich. Als Millie und Dave gemeinsam musizieren, führen sie mit der Stimme und der Mundharmonika „Gespräche“ auf. Im Dialog ergänzen und perfektionieren sie sich gegenseitig. Dem Instrument kommt die zweifache Funktion der Imitation der menschlichen Stimme einerseits und ihres Supports andererseits zu.
Mehr Dynamik und Varietät hätte man sich in den Dialogen gewünscht. Ab und an wirken sie hölzern und ungelenk, damit passend zu einem einfachen sprachlichen Duktus, in dem auch schon mal störende, sentenzhafte Klischees als auktorialer Kommentar, zum Beispiel zum Chanson, aufploppen: es sei die „Königin der Lieder“, eine „demokratische Königin“, die für alle da sei, zudem „anarchisch, revolutionär, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“. Zu Paris heißt es: „Sie waren in Paris, wo keine Minute des Tages oder der Nacht ohne Musik verging“. Dem ist nichts hinzuzufügen…
Obgleich der Roman mitunter schwächelt, ist es sein Verdienst, der eher unscheinbaren Mundharmonika eine Bühne zu geben und den Leser:innen ins Bewusstsein zu rücken, dass ein kleines Instrument eine große Klangwirkung entfalten kann.
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