Fliegender Holländer meets „Fantasyporno“

Simone Buchholz erzählt in „Unsterblich sind nur die anderen“ von einem Schiff, auf dem die Zeit ihren eigenen Regeln folgt

Von Laura-Marie SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Laura-Marie Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu diesem Buch ist in literaturkritik.de bereits eine Rezension von Dietmar Jacobsen erschienen.
Ausnahmsweise publizieren wir hier eine zweite, studentische Rezension.

„Also bin ich viel spazieren gegangen.“ Simone Buchholz wirft ihre Leser einfach mitten ins Geschehen: Warum genau die Ich-Erzählerin nun spazieren geht, wird nicht weiter geklärt und ist genau genommen auch nicht relevant. Wichtig ist nämlich nicht der Grund des Spazierens, sondern der Ort, wohin einen bei solchen ziellosen Erkundungen die Füße tragen. Im Fall der Ich-Erzählerin ist das ein kleiner Laden voller Buddelschiffe „für den täglichen Bedarf“. Dort wird mit einem Blick in eine der Flaschen deutlich, dass es sich bei dieser kurzen Episode lediglich um die Rahmenhandlung für die Geschichte handelt, die sich auf dem Schiff in der Flasche, jenem „zeitgenössische[n] Kreuzfahrtdings“, zugetragen haben muss.

Auf der Suche nach drei spurlos verschwundenen Männern steigen die Freundinnen Iva und Malin auf die Nordatlantikfähre MS Rjúkandi, um nach Island überzusetzen. Ist Ivas größtes Problem zunächst noch eine aufkommende Seekrankheit, so stellen sie und ihre Freundin bald fest, dass auf dieser Fähre nichts mit rechten Dingen zuzugehen scheint. Alles wirkt wie aus der Zeit gefallen, die Besatzung ist außerdem maximal dreißig Jahre alt und sieht zudem übernatürlich gut aus:

In der ganzen Aktion war irre viel Bewegung, diese Crew wirkte so viel geschmeidiger als alle Menschen, die Iva jemals gesehen hatte, und die Haare der Frauen schienen ein Eigenleben zu haben, sie wippten bei jeder Bewegung zweimal nach. Iva hätte schwören können, dass sie alle den gleichen Conditioner benutzten. […] Was hatten die bitte für eine Haut, meine Güte, als wären da Leuchtstrahler eingebaut.

Zunächst schiebt Iva dies auf das Essen und die Pflegeprodukte des Bordshops. Bald wird ihr jedoch klar, dass die Zeit auf der MS Rjúkandi anderen Regeln folgt und niemand, der einmal zur festen Besatzung gehört, das Schiff je wieder verlassen kann.

Eine, wenn nicht sogar die zentrale Figur ist in diesem Hokuspokus Kapitän Richard, seines Zeichens knapp 138 Jahre alt. Nicht nur ist dieser gleich einem modernen (und extrem attraktiven) Fliegenden Holländer dazu verdammt, das Schiff für alle Zeiten durch den Nordatlantik zu steuern, er ist auch einem ganzen Haufen Meeresgöttinnen verpflichtet („Was zur Hölle IST das? Fantasyporno…?!?“) und darf von anderen, menschlichen Frauen gerade einmal vorsichtig an die Hand genommen werden – auch, wenn Iva nur allzu gern übers Händchenhalten hinausgehen würde. Dass die restlichen Besatzungsmitglieder von derartigen Einschränkungen nicht betroffen und darüber hinaus überaus kontaktfreudig sind, beweisen sie sich alle Tage wieder unter Deck, wo sie zum gemeinschaftlichen „Segeln zusammenfinden.

Dieses „Segeln ist dabei nicht, was es vorgibt zu sein, und doch fügt es sich nahtlos in die maritime bzw. Schifffahrts-Symbolik, die perfekt zum Setting des Romans passt. Nicht selten ist von „Schlagseite“ die Rede, vom nur seichten „Eintauchen“ in einen leichten Schlaf, und auch innerhalb der Haupthandlung wird häufig von Buddelschiffen gesprochen, die als Fenster zu allem, was auf dem Schiff je geschehen ist, funktionieren. Die durchdachten und konsequent durchgezogenen Motive sind allerdings nicht das stilistisch Interessanteste an Unsterblich sind nur die anderen; hervorzuheben sind vielmehr die verschiedenen Erzählstränge, die Buchholz gekonnt miteinander verwebt. Scheint sich die Haupthandlung innerhalb eines Buddelschiffs in der Welt der Ich-Erzählerin abzuspielen, beherbergt auch dieses Schiff noch kleine Rückblicke beziehungsweise Kommentare in Form von aktuellen und weiter zurückreichenden Tagebucheinträgen des Kapitäns; wenn man so will aber auch eine kleine Welt „in“ der Welt, in der die Meeresgöttinnen agieren. Der zunächst verworren anmutende Stilmix aus gewohnter personaler Perspektive, Tagebucheinträgen, kontextloser wörtlicher Rede und Dramenausschnitten ist durchaus komplex. Auch wenn er sich in seiner Gänze wohl erst mit dem Fortschreiten der Geschichte erschließt, zeigt er doch, dass Buchholz den Leser zielsicher durch die Handlung navigiert und nie den Kurs verliert.

Unsterblich sind nur die anderen ist ein ungewöhnlicher Roman, der seinesgleichen sucht. Herausragend sind dabei ohne Zweifel der Stilmix sowie die gelungene Einbettung aller Erzählstränge. Aber auch die Neubearbeitung des Geisterschiff- bzw. Fliegender-Holländer-Topos ist gelungen und bietet trotz zahlreicher berühmter Zitate und Variationen des Motivs (wie beispielsweise in den Fluch der Karibik-Filmen) eine völlig neue Geschichte. Selbst die obligatorische Liebesgeschichte ist alles andere als Standard, folgt sie doch den Regeln ihrer etwas verschobenen Welt. Dass sich Simone Buchholz, hauptsächlich Krimiautorin und ausgezeichnet für ihre Chastity-Riley-Reihe, mit Unsterblich sind nur die anderen mal wieder in fremde Gewässer hinausgetraut hat, hat sich somit wirklich gelohnt. Ihre Geschichte von Schiffen (ob auf See oder in Flaschen), Meeresgöttinnen und unsterblichen Kapitänen ist fantastisch – und das auf vielfache Art und Weise.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Simone Buchholz: Unsterblich sind nur die anderen. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022.
265 Seiten, 18 EUR.
ISBN-13: 9783518472767

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