Gralsgemeinschaft, Erlösungspathos und wie Bayreuth nebenbei auch die deutsche Nation baute

Wer Bayreuth als Musikfest liest, liest die falsche Partitur – Bernd Buchner zeigt in „Wagners Welttheater“, dass hier stets auch ein anderes Stück lief

Von Silvio BartaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Silvio Barta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jubiläumsjahr, 150 Jahre Bayreuther Festspiele, drängt sich die altmodische, beinahe unhöfliche Frage wieder auf: Was ist Bayreuth eigentlich? Ein deutsches Kulturphänomen, gewiss. Vielleicht sogar das einzige, das den Bogen von Thomas Mann bis Thomas Gottschalk ohne Bruch zu spannen vermag. Eher Hitlers Fiebertraum von tugendhaften Rittern und Erlösungspathos? Und doch ist es stets beides: Gesamtkunstwerk und Projektionsfläche, Ausnahmeerlebnis und Erbfolge-Drama. Bayreuth oszilliert zwischen völkischem Prototyp und berauschender Sinnesmaschine, zwischen Hochkultur-Ikone und einer braunen Vergangenheit, die sich nicht abstreifen lässt. Oder nicht abgestreift werden soll. Man könnte es auch weniger freundlich sagen: zwischen einer über Generationen hinweg kultivierten historischen Verklärung und dem geradezu unfehlbaren Talent der Wagner-Nachkommen, in Fragen von Gesellschaft und Geschichte zuverlässig danebenzugreifen, während sie machtpolitisch instinktiv, bemerkenswert eigennützig und erstaunlich erfolgreich die eigene Linie durchdrücken. War Bayreuth über ein Jahrhundert lang eine Farce? Oder ist es gerade deshalb ein Kulturphänomen, weil es sich an allem vorbei in die Gegenwart gerettet hat? Die eigene Meinung wird Bernd Buchners Buch Wagners Welttheater vermutlich nicht umstülpen. Aber es setzt einen Maßstab fürs Verstehen. Bayreuth wird nach dieser Lektüre klarer, auch in seiner Unklarheit. 

Und genau an diesem Punkt setzt Buchner an. Sein Buch nimmt Bayreuth nicht als Opernort, sondern als Bühne der Selbstdeutung – mit allem, was dort gespielt wird: Kunst, Kult, Kalkül. Nach über vierhundert Seiten akribisch zusammengetragener, oft unerquicklich verdichteter Geschichte bleiben wir Lesende vor allem eines: ambivalent. 

Die Geburt der Spaltung

Wo es zu Beginn noch darum ging, die gesellschaftlichen Pole zwischen Wagner und Bismarck aufzuspannen – Bayern gegen Reich, Ludwig gegen Friedrich, Luitpold gegen Wilhelm –, geht es im Kern um jene größenwahnsinnige Idee, die Nietzsche so hellhörig notierte: einen Staat auf Musik zu gründen. Ausgerechnet dieses Kaff Bayreuth geriet dabei zum Mikrokosmos Preußens und zum Labor einer Nationalästhetik, die sich für Politik hielt. 

Und Friedrich Nietzsche? Erst Fanboy, dann Hater, dann Kronzeuge wider Willen. Buchner seziert mit sichtbarer Lust an der Genauigkeit die Interaktionen zwischen Wagner und seinem Dunstkreis mit den großen Figuren des späten 19. Jahrhunderts. So wird erschreckend plausibel, wie aus der Suche nach „nationaler Identität“ des letzten Universalgenies eine toxische Mischung aus Überheblichkeit und Selbstüberschätzung wächst, bis sie in blanken Antisemitismus, in Fremdenhass und in jene Pose der moralischen Erhabenheit kippt, die am Ende vor allem eines produziert: Spaltung. Bayreuth steht dann nicht nur für Kunst, sondern für ein gesellschaftliches Klima, in dem das Pathos schneller anschwillt als die Einsicht. 

Den Lesenden wird allmählich klar, wie sehr es hier weniger um bloße persönliche Verflechtungen geht als um ein gesamtgesellschaftliches Klima, das sich durch Personen nur besonders sichtbar verdichtet. Houston Stewart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn, rückt dabei als ideologisches Scharnier in den Fokus: eine Verbindungslinie, die bis zu Hitler reicht. Und die zeigt, wie mühelos sich völkische Ästhetik mit faschistischer Politik verschränkt, wenn man sie nur lange genug als „Kultur“ tarnt. 

Und dann, immer wieder, fast wie eine routinierte Selbstentlastung: „Hier gilt’s der Kunst“ – das „Meistersinger“-Zitat als Schutzschild, nach dem Motto, wenn ihr hier etwas Politisches wahrnehmt, dann ist das gewiss ein Missverständnis. Bayreuths Lieblingsgeste ist eben nicht die Reflexion, sondern die Unschuldsbehauptung. 

Persilschein im Festspielhaus

Die Entnazifizierung verlief in Bayreuth (wie so vieles dort) weitgehend unspektakulär: nicht als Bruch, sondern als Umbau im laufenden Betrieb.

Das deutsche Doppelgesicht zeigte sich erst recht, als die Verbrechen des NS-Regimes in ihrem ganzen Ausmaß der Weltöffentlichkeit bekannt wurden – ebenso rasch begannen die Anhänger und Nutznießer des ‚Dritten Reichs‘ die Legende zu formen, das millionenfache Morden sei ohne ihre Kenntnis und Billigung erfolgt,

schreibt Buchner. Der Reflex ist bekannt – erst Schweigen, dann Mythologisierung, als hätte man das Ganze bloß falsch erinnert. 

Man hat es mit Wegsehen probiert: Konrad Adenauer, Theodor Heuss, das ganze frühe Nachkriegsdeutschland als geübte Disziplin der Selbstentlastung. Und doch, lange nach Kriegsende blieben Antisemiten und NSDAP-Nostalgiker nicht nur vorhanden, sondern teils erstaunlich selbstverständlich tätig und sichtbar – als gehörten sie zum Inventar der Bayreuther Bühne, das man eben nicht ausräumt, sondern höchstens umdekoriert. 

Dann kommen die Neunziger, diese „bleierne“ Zwischenzeit, in der gefühlt alles gleichzeitig in Bewegung und doch erstaunlich unentschieden blieb. Schröder löst Kohl ab, die Republik sortiert sich neu, und Bayreuth sortiert (wie immer) vor allem sich selbst. „Der Ring“ pendelt zwischen politisch und apolitisch, zwischen Haltung und Ausflucht. Die Nibelungen werden plötzlich öko, post-DDR, post-Tschernobyl, und überhaupt nachgerade anschlussfähig an jedes neue Unbehagen der Gegenwart. Gurnemanz und Alberich lassen sich für allerlei Katastrophen einspannen – mal als Menetekel, mal als Alibi, mal als bedeutungsschwere Requisite im Kampf um Aktualität. 

Wenn es da nicht diese ziemlich unverschämt göttliche Musik gäbe, würde man vermutlich längst schmunzelnd abwinken und sich mit etwas beschäftigen, das weniger Pathos produziert und mehr Klarheit zulässt. Aber ist es nicht genau das, dass Bayreuth sich partout nicht festnageln lässt – diese elastische Unverbindlichkeit, die jede eindeutige Lesart abschüttelt wie Regen vom Frack? Vielleicht ist das sogar die Signatur unserer Gegenwart: nicht die Lüge, sondern die professionelle Vieldeutigkeit, in der alles immer auch das Gegenteil sein kann. 

Es ist vielleicht genau das, was dieses Buch so wertvoll macht. Bernd Buchner breitet die Entwicklung von dem „Meister“ bis in die Gegenwart aus, nicht als Tribunal, sondern als Angebot. Die Komplexität entzieht sich dem schnellen Verstehen; gerade deshalb zwingt sie zur Arbeit am Denken. Nicht, um sich geschniegelt zu positionieren, sondern um genauer hinzusehen: wie Legenden entstehen, wie Verantwortung verdampft, wie Kunst zum Schutzraum wird, und wie Bayreuth, bei aller Abgründigkeit, stets auch ein Seismograph bleibt. 

Buchner hat sein ursprünglich 2013 erschienenes Werk überarbeitet, nicht kosmetisch, sondern substanziell, mit inzwischen zugänglich gewordenem Material, das die „Denver-und-Dallas“-Geschichte zwischen Wagner-Clan und Politik bis in die Merkel-Jahre fortführt und damit näher an die Gegenwart rückt. Vor allem aber spiegelt die Neufassung eine Entwicklung, die Bayreuth lange gemieden hat wie ein falsches Tempo im Vorspiel: eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, nicht als PR-Geste, sondern zumindest stellenweise als Erkenntnisarbeit. 

Für Gläubige, Zweifler und Abtrünnige

Als Leser:in bekommt man dabei fast den Eindruck, die Faszination könnte sich verschieben: weg von Wagners „Religion“, diesem kultischen Überhang aus Erlösungspathos und Ausnahmeanspruch, hin zu etwas Nüchternerem, vielleicht sogar Gesünderem. Weniger Anbetung, mehr Analyse; weniger Weihe, mehr Verantwortung. Ob Bayreuth das durchhält, ist eine andere Frage, aber Buchners Buch macht erstmals plausibel, warum genau diese Verschiebung überhaupt möglich erscheint.

Buchners Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen: für Wagnerianer:innen, die sich noch tiefer in den Maschinenraum dieses Mythos vorarbeiten wollen; für Musikliebende, die verstehen möchten, wie eng Klang und Macht, Kult und Kulturpolitik ineinandergreifen; und für Geschichtsinteressierte, die in Bayreuth ein einzigartig deutsches Spiegelkabinett erkennen – mit all seinen Verzerrungen, Ausflüchten und Selbstvergewisserungen. Und weil die Wagners ihre Eskapaden zuverlässig wie ein Nebenprogramm liefern, bleibt bei aller Schwere der Materie ein Trost: langweilig wird es hier nie.

Titelbild

Bernd Buchner: Wagners Welttheater. Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion.
Wagner in der Diskussion Band 25.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
504 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783826079108

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