Milieustudie im Krimi

In seinem zweiten Kriminalroman „Saubermann“ schickt Christof Burkard seinen Ermittler Blum in die Fleischindustrie

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer den Debütkrimi Starkstrom (2024) des Schweizer Schriftstellers Christof Burkard kennt, dem ist auch der etwas eigenwillige, zur Philosophie neigende Kommissar Blum ein Begriff. In Burkards neuem Kriminalroman Saubermann möchte der Ermittler zunächst das gesellige Treiben und die musikalischen Darbietungen des „Country Festival Forrest Rand“ genießen – wäre da nicht der Bereitschaftsdienst. Prompt wird er zum Einsatz gerufen. Auf dem Weg zum Tatort springt ein Mann auf die Fahrbahn, was Blum dazu zwingt, scharf zu bremsen. Offenbar ist der Mann verletzt; er hält sich ein blutiges Taschentuch vor den Mund. Er zeigt Blum jedoch lediglich, in welche Richtung er weiterfahren soll und verschwindet. Schließlich kommt Blum am Tatort an, der zunächst eher einem Unfallort ähnelt: Drei Männer aus Osteuropa sind in einem Auto tödlich verunglückt.

Blum nimmt die Ermittlungen auf: Die drei verstorbenen Männer stammen ursprünglich aus Ungarn und haben als Leiharbeiter in der Fleischfabrik Carna+ gearbeitet; ein vierter Mitarbeiter wird mittlerweile vermisst. Dass es sich nicht um einen selbst verschuldeten Autounfall handelt, wird Blum im Rahmen seiner Recherchen bewusst, da die Radschrauben am Wagen manipuliert waren. Ob militanter Tierschutz oder private Motive eine Rolle spielten, ist für den Kommissar zunächst nicht ersichtlich; er ermittelt in alle Richtungen. Die Spuren führen ihn unter anderem nach Ungarn und auch hinter die Kulissen der Schweizer Fleischgewinnungsanlagen. Auch auf dem Feld der Kryptowährungen betritt Blum zusammen mit seiner Kollegin Sabine Neuland. Einzig versiert in dieser Angelegenheit ist Hakan, „der sich vom Helpdesk hochgearbeitet hatte“ und mittlerweile „der allseits respektierte MacGyver des Kommandos“ ist.

Der Kreis der Tatverdächtigen erweitert sich und je weiter Blum mit seiner Ermittlungsarbeit vorankommt, desto mehr Absurditäten tun sich vor ihm auf: reiche Metzger, die Kryptogeschäfte tätigen, oder Metzgermeisterschaften, in denen es darum geht, so schnell wie möglich Schweineschultern zu zerlegen. Dass solche öffentlichkeitswirksamen Wettbewerbe und die industrielle Fleischproduktion auch den Tierschutz auf den Plan rufen, liegt auf der Hand. 

So offensichtlich feindselig sich der militante Tierschutz gegenüber Carna+ auch verhält und mit Protesten vor der Fabrik Aufmerksamkeit erregt, ist dies nur eine von mehreren möglichen Spuren. Als Blum in Budapest recherchiert, verstricken sich seine dienstlichen Ermittlungen unerwartet mit seiner persönlichen Vergangenheit. Seine Privatangelegenheiten hindern ihn jedoch nicht, weiter zu ermitteln, bis er schließlich doch hinter die Kulissen der Fleischindustrie dringt. Sein Vordringen, sein recherchiertes Wissen und seine vielen Fragen sind keineswegs ein harmloses Unterfangen.

Christof Burkard legt einen zeitgemäßen Kriminalroman vor, der mitunter das System der industriellen Fleischverarbeitung, des Personalverleihs und der dahinterstehenden Mechanismen thematisiert. Ermittler Blum wird beim Lesen zunehmend sympathisch. Besonders hervorzuheben sind auf sprachlicher Ebene die unvergleichlichen Beschreibungen der jeweiligen Settings, sei es zu Beginn das Country-Festival oder später die Fleischhallen. Burkard versteht es ausgezeichnet, eine Milieustudie in einem Kriminalroman geschickt unterzubringen. Spannende, intelligente Unterhaltung.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Christof Burkard: Saubermann. Kriminalroman.
Edition Maulhelden - Bloomlight Productions GmbH, Zürich 2025.
160 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783907248171

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