Im Wald, da stehn die Bäume

Mit „Arborealität“ hat Rebecca Campbell eine originelle Variante der Speculative Fiktion ersonnen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In ihrem ebenso schmalen wie ansprechend aufgemachten Bändchen Arborealität versammelt Rebecca Campbell sechs chronologisch angeordnete Episoden-Erzählungen, deren Handlungszeit von der Mitte des 21. Jahrhunderts bis zu dessen Ende reicht. Einmal wird sogar ein kurzer Blick zurück in die Vergangenheit der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts geworfen. Sie war, was viele überraschen dürfte, menschengemacht – jedenfalls steht das so in einer der Geschichten – und besaß „den Klang einer Geige“.

Die Handlungsorte wiederum liegen – wie der Titel bereits erahnen lassen mag – in bewaldeten Gebieten, deren Ökologie für die dort lebenden Menschen von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Denn der Neologismus auf dem Buchcover fußt aus guten Gründen auf dem Begriff Arboreal.

Wälder und Pflanzen überhaupt spielen eine zentrale Rolle für das Leben der Figuren und das Überleben der Menschheit insgesamt, nicht zuletzt als CO2-Speicher. Und tatsächlich gelingt es im „Zusammenwirken von Bäumen und Menschen“, der Atmosphäre „messbar und dauerhaft“ immer mehr CO2 zu entziehen. Dazu trägt bei, dass sich große Teile der Pflanzenwelt geändert haben und sich weiterhin ändern. Teils aufgrund des Klimawandels, teils aufgrund von natürlichen und biotechnisch bewerkstelligten Mutationen. So gibt es etliche Pflanzen, die widerstandsfähiger sind als diejenigen zu Beginn des 21. Jahrhundert. Sie sind es, deren Grün nach den ständigen Großbränden wieder als erstes aus der „veränderte[n], aschgraue[n] Welt“ hervorlugt. Das immer wieder neu sprießende Grün steht sinnbildlich auch für die Zivilisation der Menschen und deren Regenerationskraft. Denn „egal, was die Geschichte uns [den Menschen] zugemutet hat, irgendjemand hat es immer überstanden“. Die Gesellschaft dieser zukünftigen Menschen aber muss und wird eine vollkommen andere sein als die unsrige.

Erzählt wird das anhand von Geschichten und Schicksalen sogenannter ‚kleiner Leute’, die in Zeiten des fortgeschrittenen Klimawandels im östlichen Grenzgebiet zwischen Kanada und den USA ein nicht eben leichtes Leben führen. Dann und wann klingt in den Erzählungen allerdings auch einmal die große Weltlage an, über die sich die ProtagonistInnen in ihren abgelegenen Dörfern per „wacklige[n] Satellitenverbindungen“ informieren können. So erfahren sie etwa auch von den jüngsten Marsmissionen, die für ihren Alltag allerdings belanglos sind. Und in einem der kursiv gesetzten Einschübe erhaschen die Lesenden einen kurzen Blick auf die „Milliardäre, die sich in Klima-Oasen wie Detroit, Cincinnati und Toledo niedergelassen haben“.

Nicht nur der Erzählband insgesamt, sondern auch seine längste Geschichte hat ein ausgesprochen großes Ensemble handelnder Figuren. Allerdings konzentriert sich die besagte Geschichte ganz auf eine Paarbeziehung: die einer Geige, die den Namen eines kummervertreibenden Arzneimittels der griechischen Mythologie trägt, und ihres Erbauers. Zu den ProtagonistInnen des Bandes zählen neben dem Geigenbauer, der über Jahrzehnte hinweg ein ganz besonderes Instrument für eine Virtuosin herstellt und dabei allerlei Straftaten begeht, um an das beste Holz zu gelangen, zwei ganz unterschiedliche Nachbarn fortgeschrittenen Alters, von denen einer einfach so weiter lebt wie bisher. Außerdem gehört zu dem Figurenkabinett eine Frau, die versucht, aus dem Wenigen, das ihr zur Verfügung steht, ein Festessen zu zaubern und ein Wissenschaftler, der Bücher aus einer Universitätsbibliothek vor dem rapide steigenden Meeresspiegel in Sicherheit bringt. Immer wieder sieht er sich vor die schwierige Frage gestellt, welche Bücher er angesichts des bedrohten kulturellen Wissens retten soll. Die Gesamtausgabe von Pope, „Sir Thomas Brownes Abhandlungen über Bestattungsriten, Morsen, das Lymphsystem. Körper von Gewicht“ oder doch lieber „alles über Tierhaltung, Geographie. Geologie. Wie man Zähne zieht“? Zu allem Übel wird er wegen seines Rettungsversuchs auch noch mit einer Anzeige bedroht.

Für die Menschen der in den Wäldern oder an deren Rändern gelegenen Siedlungen ist die Welt trotz ihrer Satellitenschüsseln recht klein geworden – „und um vieles wilder“. Doch ein ums andere Mal erarbeiten sie sich kleine, aber bedeutende Verbesserungen nicht nur für sich, sondern für alle. Auch die Natur erholt sich langsam aber stetig, was sich etwa darin zeigt, dass sich wieder mehr Lachse stromaufwärts kämpfen. So zeigen die zwischen Hope Punk, Dystopie, Science Fiction und Climate Fiction angesiedelten Erzählungen, wie sich im Laufe des halben Jahrhunderts der gesamten Handlungszeit vieles zum Besseren wendet. Wenngleich längst nicht alles gut wird. Aber das war es ja auch nie.

Rebecca Campbell hat alles andere als Endzeit-Erzählungen geschrieben, sondern ein Buch voller melancholischer Hoffnung.

Titelbild

Rebecca Campbell: Arborealität.
Aus dem Englischen von Barbara Slawig.
Carcosa Verlag, Berlin 2025.
197 Seiten , 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783910914308

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