Der große Unbehauste des französischen Autorenfilms
Ein Großteil des Werks von Jean Eustache ist in einer DVD-Box neu zu entdecken
Von Behrang Samsami
Warum macht man Filme? Wozu ist das gut? Von Anfang an hat mich diese Frage nicht losgelassen. Eine Zeitlang habe ich behauptet, „um sich eine Freude zu bereiten“. Das ist falsch, das war pure Ironie. Ich weiß die Antwort immer noch nicht, vielleicht macht man einfach Filme (oder etwas anderes), weil man dazu gezwungen ist. [Jean] Cocteau hat gesagt: „Kino ist überflüssig und lebensnotwendig zugleich.“ Wie oft hat man ihm das nachgeplappert! Ich auch. Der Gebrauch von Ironie ist ziemlich praktisch und trifft letztlich eher. Was sonst hätte [Marcel] Proust dazu gezwungen, sich einzuschließen, um die „Suche nach der verlorenen Zeit“ zu schreiben, wenn nicht „der Zwang“?
Diese Worte Jean Eustaches stehen am Anfang eines 1975 erschienenen Interviews mit dem Titel L’expérience des extérieurs (Die Erfahrung des Außen). Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Langfilme La Maman et la Putain (Die Mama und die Hure, 1973) und Mes petites amoureuses (Meine kleinen Geliebten, 1974) bereits abgedreht. Das Interview gewährt einen plastischen Einblick in die Denk- und Arbeitsweise des französischen Autorenfilmers. Eustache spricht darin auch über Ängste und geringe ökonomische Mittel, die bei der Umsetzung seiner Projekte meist eine tragende Rolle spielen. Die oben zitierte Aussage stellt zudem klar, dass Filmemachen für ihn eine Lebensnotwendigkeit ist. Wie bei seinem iranischen Kollegen Sohrab Shahid Saless (1944-1998) stehen auch bei Jean Eustache Bio- und Filmografie in enger Wechselbeziehung.
Das Jahr 2026 bietet dem hiesigen Publikum gleich auf zweifache Weise die Möglichkeit, die bisher kaum zugänglichen Filme des Franzosen wiederzusehen beziehungsweise erstmals zu erkunden. Bis September 2026 finden in Frankfurt/Main, Berlin, Hamburg und München Retrospektiven ausgewählter, restaurierter Filme statt. Ferner ist Ende Juli 2026 bei Absolut Medien, das zu Grandfilm gehört, eine Box mit vier DVDs erschienen, die Eustaches Schaffen – beinahe vollständig – im französischen Original mit deutschen Untertiteln präsentiert.Die Box enthält die mittellangen Spielfilme Du côté de Robinson (1964) und Le père Noël a les yeux bleus (1966), die Dokumentationen La Rosière de Pessac (1968) und La Rosière de Pessac 79 (1979), darüber hinaus Numéro zéro (2002), ein mit Eustaches Großmutter Odette Robert geführtes Gespräch, die erwähnten, langen Spielfilme La Maman et la Putain (1973) und Mes petites amoureuses (1974), den ,Doppelfilm‘ Une sale histoire (1977) sowie das 1982 posthum mit einem César für den besten Kurzfilm prämierte Les Photos d’Alix (1980).
Jean Eustache, 1938 in Pessac bei Bordeaux in eine Arbeiterfamilie hineingeboren, war zeitlebens ein Außenseiter in der französischen Filmszene. Er wuchs bei der Großmutter auf, bis er zur Mutter nach Narbonne zog. Hier arbeitete er als Elektriker, zog Ende der 1950er-Jahre in die Nähe von Paris und lernte in der Hauptstadt seine spätere Frau kennen. Durch sie, die Sekretärin bei den Cahiers du cinéma war, lernte er die Regisseure der Nouvelle Vague kennen, die mit Les Quatre Cents Coups (Sie küssten und sie schlugen ihn, 1959) von François Truffaut und À bout de souffle (Außer Atem, 1960) von Jean-Luc Godard damals großen Erfolg hatten. Eustache kündigte daraufhin seine Stelle und wollte sein Geld künftig durch die Arbeit beim Film verdienen. Er assistierte 1962 den Regisseuren Jean Douchet, Éric Rohmer und Paul Vecchiali bei Kurzfilmen und wirkte bei letzterem auch als Darsteller mit. Ende 1962 wurde er Assistent beim Fernsehen, konnte aber keine eigenen Projekte umsetzen.
Paris und die Provinz oder: Menschen ihrer Klasse
Eustaches erster, 1963 gedrehter Kurzfilm La Soirée bleibt Fragment. Im Herbst des gleichen Jahres kündigt er beim Fernsehen und produziert seinen ersten Spielfilm in Schwarz-Weiß. Du côté de Robinson (In der Gegend von Robinson) ist von der Nouvelle Vague geprägt, trägt aber bereits die Handschrift des Regisseurs: Paris. Geschäftiges Treiben. Die Freunde Daniel und Jackson wollen Frauen aufreißen. Die Kamera, mal statisch, mal händisch-wackelig, ,imitiert‘ ihren virilen Blick. Zur urbanen Topografie und der Suche nach Frauen spielt bereits hier das Thema Film eine Rolle. So hängt an einem Kino ein Plakat von Harakiri (1962) von Masaki Kobayashi. Daniel und Jackson sprechen eine junge Frau an und gehen mit ihr in ein Lokal, in dem man tanzen kann. Da die beiden nicht vorankommen, äußert sich ihre Wut in verächtlichen Worten über die Frau. Sie stehlen ihre Brieftasche, als sie mit einem älteren Herrn tanzt, und eilen davon. Jackson erklärt später, dem Opfer die Geldbörse zurückzuschicken. Dann ziehen beide wieder los.
In Eustaches weiterem Schaffen treten immer wieder ähnliche Figuren auf – genauso wie er selbst. So sehen wir ihn in Du côté de Robinson als Bekannten von Jackson. Das Leben dieser kleinbürgerlichen ,Helden‘ ist gekennzeichnet von fehlendem Geld. Sie sind ,Abenteurer‘, die im Alltag scheitern. Aber auch die Frau, die sie beklauen, ist in einer diffizilen Lage. Sie hat ihren Ehemann verlassen, da er sie schlug. Sie wohnt mit ihren Söhnen im Hotel und sucht nach Arbeit. Das erfährt Daniel im Gespräch mit ihr im Café. Diese Art des (Aus-)Fragens und Entdeckens setzt Eustache zehn Jahre später in extenso in La Maman et la Putain ein.
Wie eine Variation von Du côté de Robinson wirkt Eustaches zweiter Spielfilm Le père Noël a les yeux bleus (Der Weihnachtsmann hat blaue Augen, 1966). Beide werden 1967 unter dem Titel Les mauvaises fréquentations (In schlechter Gesellschaft) gemeinsam aufgeführt. Die Handlung von Le père Noël, ebenfalls in Schwarz-Weiß gedreht, spielt in Narbonne: Es ist Dezember. Der junge, arbeitslose Daniel träumt von Geld, um sich einen Dufflecoat zu kaufen und darunter seine ärmlichen Sachen zu verbergen. Eine Chance ergibt sich, als ein Fotograf ihn engagiert, sich als Weihnachtsmann mit Passanten ablichten zu lassen. Im Kostüm hat Daniel plötzlich auch Erfolg bei Frauen. Eine verabredet sich sogar mit ihm. Ihre Enttäuschung ist indes groß, als sie auftaucht und wohl jemand anderen erwartet hat.
Es ist übrigens kein Geringerer als Jean-Pierre Léaud, der die Rolle von Daniel spielt. Seit 1959 mit Regisseuren der Nouvelle Vague arbeitend, verkörpert Léaud in den 1960er-Jahren diese neue filmische Strömung in Frankreich. In Le père Noël sieht sich Daniel Filmplakate an. Darunter ist das von Les Quatre Cents Coups, in dem Léaud Truffauts Alter Ego Antoine Doinel darstellt. Die Ähnlichkeit von „Doinel“ und „Daniel“ ist wohl kein Zufall. Auch in Mes petites amoureuses trägt die Hauptfigur den Namen Daniel, dessen Entwicklung zum Jugendlichen Eustache in stillen, zurückgenommenen, ausdrucksstarken Bildern schildert.
Topografien der Kindheit oder: Ein Seismograf der Veränderungen
Eustaches Schaffen ist auch in Hinblick auf seine nicht-fiktionalen Arbeiten vom eigenen (Er-)Leben inspiriert: In La Rosière de Pessac (1968) zeichnet er in Schwarz-Weiß die jährliche Wahl der Rosenkönigin durch den Stadtrat und eine Bürgerjury in seiner Geburtsstadt nach. Die Rosière muss tugendhaft sein und nicht unbedingt aus einer begüterten, dafür aber moralisch vorzeigbaren Familie stammen. Dieser Film, der seine Premiere 1968 im Fernsehen hatte und 1969 in Cannes aufgeführt wurde, kommt ohne Kommentierung aus. Wie ein Augenzeuge, ein stiller Gast, fängt die Kamera das Geschehen ein: die Wahl und den Besuch bei der künftigen Botschafterin der Stadt in ihrem Elternhaus, den Festzug durch Pessac, den Gottesdienst mit einer Predigt, die Verständnis zeigt für die Ereignisse im Mai 1968, die Kranzniederlegung am Denkmal für die Gefallenen der Kriege sowie die Feier am Ende mit zahlreichen Gästen. Der Dokumentarfilm wirkt wie eine soziologische Studie. Das Zurücktreten des Regisseurs hinter die Bilder, die er freilich ausgewählt und montiert hat, gewährt einen Freiraum, sich auf die im Film zu sehenden Figuren und die sich jährlich wiederholenden Abläufe einzulassen.
In La Rosière de Pessac 79 dokumentiert Eustache ein Jahrzehnt später in Farbe erneut das Ereignis. Die Fortsetzung ist indes keine Kopie. Sehenswert ist sie im Gegenteil aufgrund der Unterschiede und Veränderungen. Man merkt dem zweiten Film stärker als dem ersten an, wie sehr die Wahl inzwischen aus der Zeit gefallen wirkt. Das Feierliche ist der Routine gewichen. Das wird auch daran sichtbar, dass der Bürgermeister von seiner Zigarette sogar dann nicht ablässt, als er und seine Entourage die neue Königin vor ihrem modernen Wohnhaus erwarten. Im Film von 1979 gewährt Eustache zudem Einblicke hinter die Kulissen. Die Kamera fängt zu Beginn etwa Mitglieder der Filmcrew ein. Gegen Ende erleben wir dann eine Art ,Film im Film‘. Für einige Momente ist der Kameramann im Bild zu sehen, der dabei ist, das zu filmen, was wir gerade sahen und dann wieder sehen. Der Film endet im Garten eines Schlosses, wo ungewollt komische Bilder entstehen: Der Bürgermeister, mit der Rosenkönigin am Arm, versucht seine würdevolle Haltung gegenüber den angeheiterten Gästen zu wahren. Als diese zur Darbietung lokaler Musiker auch noch zu tanzen beginnen, zieht sich die Kamera zurück.
Die Kunst des Erzählens
Das Spielen mit differierenden Darstellungen, den Genres ,Fiktion‘ und ,Dokumentation‘ sowie mit den Erwartungen der Zuschauer gilt ähnlich auch für Eustaches aus zwei Teilen bestehenden und in Farbe gedrehten Film Une sale histoire (Eine schmutzige Geschichte, 1977): Ein Mann wird gebeten, einem Kreis von Zuhörern eine selbsterlebte Geschichte zu erzählen. Dieser ging einst in ein Café, in dem ältere Herren zu bestimmten Zeiten hintereinander in den Keller stiegen, um die Frauen durch einen Spalt auf der Toilette zu beobachten. Der Erzähler folgt diesen Kunden, „die man nur als Verlierer bezeichnen kann“, und verbringt immer mehr Zeit im Café. Erzählt wird die Geschichte von Jean-Noël Picq, von dem sie ursprünglich stammt, und von einem professionellen Schauspieler, Michael Lonsdale. Die beiden Versionen unterscheiden sich dabei vor allem stilistisch. Bei Picqs Vortrag gewinnt man den Eindruck, als würden die meisten seiner Zuhörer die von ihm vorgetragene Geschichte zum ersten Mal hören. Sie reagieren unmittelbar und ,authentisch‘. Die Kamera wirkt ebenfalls ,lockerer‘ und setzt auch auf schnelles Zoomen. Hier wird übrigens 16mm-Filmmaterial verwendet. Bei Lonsdale dagegen wirkt das Bild statischer und aufgeräumter. Er nimmt sich mehr Zeit für seinen Vortrag, arbeitet stärker mit Betonungen und setzt auch auf längere Pausen. Hier ist 35mm-Filmmaterial im Einsatz. Im Film ist die Reihenfolge übrigens andersherum: Die ,dokumentarische‘ Fassung mit Picq folgt auf die ,fiktionale‘ mit Lonsdale.
Die Ausgangslage, dass einer den anderen zum Erzählen auffordert, findet sich bei Eustache bereits in Numéro zéro (Nullnummer, 2002). 1971 interviewt er seine Großmutter Odette Robert in Paris. 1980 wird eine gekürzte Fassung im Fernsehen gezeigt, aber erst 2002 hat der vollständige, knapp zweistündige Schwarz-Weiß-Film Premiere. Die bald 71-jährige Frau sitzt ihrem Enkel an einem Tisch gegenüber, trinkt Whiskey mit Wasser, raucht und liefert einen Lebenslauf, der das ganze 20. Jahrhundert abdeckt und wie ein Roman ist: Sie erzählt vom Tod ihrer Mutter und dem Ende der Kindheit, ihrer bösartigen Stiefmutter und dem Nein des Vaters dazu, die Tochter weiter auf die Schule zu schicken, von ihrer Ehe mit einem Kriegsveteranen aus Pessac, der vielen Hausarbeit, ihrem Kranksein und ihren vier Kindern, von denen zwei früh krank sterben. Eustache kommt nur selten dazu, etwas einzuwerfen. Das Bedürfnis seiner Großmutter, zu erzählen, ist groß – ebenso ihr Talent, einen in ihren Bann zu ziehen. Sie führt letztlich ein Selbstgespräch, bei dem es aus ihr geradezu herausströmt.
Von der ‚Recherche‘ und anderen Regisseuren
Doppelt so lang wie Numéro zéro ist Eustaches berühmtestes Werk, das in Schwarz-Weiß gedrehte La Maman et la Putain, das 1973 in Cannes den Großen Preis der Jury erhält: Im Mittelpunkt steht mit Alexandre (Jean-Pierre Léaud) wieder mal ein junger, mittelloser Mann, der in Paris bei seiner Partnerin Marie (Bernadette Lafont) wohnt und keiner geregelten Beschäftigung nachgeht als der, in Cafés zu sitzen, mit Freunden zu diskutieren, Frauen zu betrachten und Prousts Recherche, die Suche nach der verlorenen Zeit, zu lesen. Alexandre versucht, seine Exfreundin Gilberte zu einer Ehe zu bewegen. Da sich die Studentin entzieht, spricht er eine andere junge, blonde Frau an. Veronika (Françoise Lebrun), eine Anästhesie-Schwester, gefällt der Bohemien. Beide essen und trinken, rauchen und diskutieren. Marie, die eine Boutique leitet, wird eifersüchtig. Als Veronika Alexandre mitteilt, dass sie eventuell schwanger sei, hält er um ihre Hand an – wie am Anfang des Films, als er Gilberte fragte.
In La Maman et la Putain arbeitet Eustache seine eigenen Beziehungen auf. Die Gespräche und Monologe, in langen, ruhigen Einstellungen aufgenommen, geben zudem einen präzisen, ernüchternden Einblick in das Leben und Denken jüngerer Menschen in Paris – wenige Jahre nach Mai 1968. Ihr Dasein wirkt mechanisch, gedämpft und repetitiv. In einer Epoche, die von hektischer Betriebsamkeit und lähmender Ungewissheit und Unbehaustheit zugleich gekennzeichnet ist, setzt Alexandre auf ,passiven Widerstand‘. Er blickt verächtlich auf das bürgerliche Leben, doch kann er seine Caféhaus-Existenz nur führen, weil arbeitende Frauen ihn aushalten. Letztlich ist seine Angst vor der Einsamkeit und dem Sterben stärker und drückt sich in seinen Heiratsabsichten aus. Veronika, selbst wenig begütert, ist bereit, sich auf den mittellosen ,Philosophen‘ einzulassen. Auch im Fall dieses Films kann dies als ein Hinweis von Eustache verstanden werden, dass die Menschen stets in ihrer Klasse verhaftet bleiben.
Was La Maman et la Putain von Eustaches anderen Arbeiten unterscheidet, ist nicht nur seine Länge. Der Film ragt heraus, weil der Autorenfilmer darin die Verarbeitung persönlicher Erfahrungen gekonnt in Beziehung setzt mit einer kühlen, zurückgenommenen, andererseits aber auch intensiven und aufgrund des Umfangs singulären Darstellung eines leeren, ziellosen, junge Menschen innerlich unbefriedigenden Lebens in Paris Anfang der 1970er-Jahre. Man könnte La Maman et la Putain aufgrund seiner Anlage und seines Anspruches auch als eine Art Proustscher Recherche in filmischer Form bezeichnen, in der neben Liebesaffären, sozialer Verhältnisse und der jüngeren Vergangenheit auch Fragen der Literatur und des Films behandelt werden.
Der Erfolg von La Maman et la Putain erlaubt Eustache, erstmals einen Film unter finanziell liquiden Bedingungen zu realisieren: Mes petites amoureuses (1974) zeigt in Sequenzen, die wie in La Maman et la Putain mit Abblenden schließen, die dörfliche Welt aus der Sicht des Schülers Daniel, der bei der Großmutter lebt, mit Nachbarskindern spielt und das andere Geschlecht entdeckt. Als Daniel die Grundschule beendet, erscheint seine Mutter, die ihn mit nach Narbonne nehmen will. Dort lebt sie mit dem spanischen Arbeiter José, der wortkarg und distanziert ist. Statt auf das Collège zu gehen, muss Daniel in der Werkstatt von Josés Bruder aushelfen. Dort sieht er, wie der Chef Kunden betrügt, und wird kleingemacht. „Du machst auf schlau, aber du wirst enden wie wir – ein armer Tropf.“ Das sagt ein Mann, den der Regisseur Maurice Pialat (1925-2003) darstellt – wie Eustache ein Einzelgänger im französischen Kino.
Auch Mes petites amoureuses zeigt die Welt aus männlicher Perspektive. Fremdelt er anfangs in Narbonne, geht Daniel allmählich in Cafés und Kinos, raucht Zigaretten und sammelt erste Erfahrungen mit gleichaltrigen Mädchen, bis die Ferien beginnen und er seine Großmutter als nun veränderter Jugendlicher besucht. Mes petites amoureuses steht dabei in der ,Tradition‘ solcher französischen Spielfilme, die schwierige Kindheiten beziehungsweise Erfahrungen der Adoleszenz schildern wie Truffauts Les Quatre Cents Coups (1959), Robert Bressons Mouchette (1967) und Pialats L’Enfance Nue (Nackte Kindheit, 1968). Eustache orientiert sich an Mouchette und zeigt einen sensiblen Jungen, der den Härten des Lebens still und geduldig begegnet.
Fazit oder: Es ist ein filmischer Kosmos zu entdecken
Die Retrospektiven im Jahr 2026 sowie die in der DVD-Box versammelten, restaurierten Spiel- und Dokumentarfilme von Jean Eustache erlauben es dem Publikum auch hierzulande, ein im wahrsten Sinn des Wortes ,abseitiges‘, aber bedeutendes, singuläres Œuvre wieder beziehungsweise erstmals zu entdecken. Jean Eustache, der Autodidakt, der Außenseiter, der große Unbehauste des französischen Autorenkinos, der sich Ende 1981 das Leben nimmt, widmet sich in seinen Filmen ähnlichen Charakteren – die, meist mittel- und perspektivlos, dennoch Hoffnungen hegend, auf Gelegenheiten warten, um sie zu ergreifen und ihr Glück zu machen. Eustaches Bio- und Filmografie ist, so gesehen, selbst Ausdruck eines solchen Lebens und Strebens und zeigt zugleich die Möglichkeitsräume und Grenzen der Filmindustrie und des Fernsehens der 1960er- bis Anfang der 1980er-Jahre in Frankreich auf.
Der DVD-Box beigelegt ist ein Begleitheft mit einem Essay, der von Esther Buss stammt. Er ist informativ, stellt mitunter kontroverse Thesen auf und betrachtet Eustaches Filme in Bezug auf autobiografisch geprägte Literatur etwa von Annie Ernaux und Didier Eribon. Im Booklet wird aber nicht erklärt, weshalb die restlichen Filme von Jean Eustache in der Box fehlen: So das Fragment La Soirée (1963), die Sendungen für das Schulfernsehen Le Dernier des hommes (Der letzte Mann von Friedrich Wilhelm Murnau, 1968) und La Petite Marchande d’allumettes (Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Jean Renoir, 1969), die Dokumentation Le Cochon (Das Schwein, Co-Regie Jean-Michel Barjol, 1971) sowie der 1981 im Fernsehen gezeigte Film Le Jardin des Délices de Jérôme Bosch (Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch, 1979) als auch der 1982 dort ausgestrahlte Kurzfilm Offre d’emploi (Stellenangebot, 1980).
Wer sich intensiver mit dem Autorenfilmer befassen will, dem sei zum Schluss der Band Jean Eustache. Texte und Dokumente (Berlin 2005) empfohlen. Die darin zusammengestellten Beiträge deutscher und französischer Filmexperten, ferner Interviews und Texte von Eustache selbst, eine umfangreiche, kommentierte Filmografie sowie weitere Informationen geben einen tieferen Einblick ins Arbeiten und Denken dieses großen Unbehausten. So stammen auch das an den Anfang dieser Besprechung gesetzte Zitat aus L’expérience des extérieurs sowie die meisten, hier präsentierten biografischen Angaben aus dem genannten Band.
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