Aus der Zeit gefallen

Urs Hafner begibt sich mit „Dönnis Erdscheibe“ auf die Pfade einer überholten, neu durchdachten Idee

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer zumindest in der ‚informierten Welt‘ Zweifel daran haben sollte, dass die Erde von kugelförmiger Gestalt ist (eigentlich ist sie leicht birnenförmig), kann diese Bedenken objektiv überprüfen, indem Fotografien von Satelliten oder bemannten Raumschiffen herangezogen werden, etwa des berühmten Earthrise, der während der Apollo 8 Mission bildlich eingefangen wurde und auch nach mehr als einem halben Jahrhundert immer noch zu den beeindruckendsten Dokumenten aus diesem Bereich zählt. Mit dem nötigen Finanzpolster ließe sich zudem via Space-X ein manifester und erfahrungsintensiver Beweis liefern, doch es geht auch anders und vielleicht nicht minder unmittelbar: Da wäre zum einen die Möglichkeit eines Besuchs der Meeresküste, um die Krümmung der Oberfläche wahrzunehmen. Vielleicht noch eindrucksvoller mag ein Besuch des Bodensees sein, der den Beinamen ‚Schwäbisches Meer‘ nicht von ungefähr trägt; auch hier, und vielleicht sogar noch deutlicher als an der Küste, wird eine Abweichung von der erwarteten planen Oberfläche erkennbar. Zudem hat diese Option den Vorteil, dass der größte Binnensee Mitteleuropas dem Schauplatz und dem Protagonisten, um den es in Dönnis Erdscheibe geht, recht nahe ist.

Dass sich das Geschehen in der Schweiz abgespielt hat, nimmt nicht wunder, ist das Land doch nicht erst seit dem Kabarettisten Emil Steinberger in der deutschsprachigen Nachbarschaft auch als Heimat verschrobener Eigenbrötler bekannt, deren Habitus oft genug lediglich als grotesk wahrgenommen wird, ohne dabei auf das Wesentliche dahinter zu schauen. Nun war der Protagonist Melchior Dönni, dessen Vorstellung von der Beschaffenheit der Welt hier durch Urs Hafner untersucht wird, kein Kabarettist, sondern ein Käser aus Luzern, verschroben im umfassenden Sinne wird er jedoch allemal gewesen sein. Der Vorstellung einer flachen Erde dürfte die Alltagserfahrung zugrunde liegen, dass die Fortbewegung zu Fuß, per Rad oder auch motorisiert gefühlt in der flachen Ebene erfolgt, einfach deshalb, weil die Erde so groß ist, dass die Krümmung gering ist und überdies durch topographische Aspekte wie etwa An- und Abstiege überlagert wird.

Was immer auch der erste Anstoß zur Wiedererweckung der Idee einer Scheibenerde war, der erfolgreiche Geschäftsmann Dönni ließ sich um 1900 sein Relief der flachen Erde in Bern patentieren – was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, da um diese Zeit jemand im Patentamt Bern angestellt war, der nicht nur die Erdkrümmung als selbstverständlich voraussetzte, sondern mit seinem theoretischen Weltentwurf in ganz andere Dimensionen vorstoßen sollte und die Zeit in Bern später als sein ‚weltliches Kloster‘ bezeichnete. Dass dieser Jemand, Albert Einstein, tatsächlich auch Dönnis Patentgesuch bearbeitete, wie der Autor in den Raum wirft, ist jedoch nicht überliefert. Melchior Dönni war von seiner Idee felsenfest überzeugt und rechnete offenbar damit, dass seine Erdscheibe in den Schulen bald die Globen ablösen würde. Ob er im deutschsprachigen Raum tatsächlich „einer der ersten ‚Flacherdler‘“ war, mag dahingestellt bleiben. Belegbar – und somit Thema von Hafners Buch – ist, dass er sein Weltbild auch in mehreren Broschüren zu verbreiten suchte.

Eine sonderbare Welt, die womöglich auch Züge der nordischen Mythologie in sich trägt, ist es, die die Erdscheibe darstellt: Der Nordpol im Zentrum, darum gruppiert die bekannten Kontinente, die zum Rande hin von einem Ozean umgeben sind – und als äußerste Begrenzung ein riesiger Eiswall. Das zweite Erdrelief, das als patentwürdig angesehen wurde, zeigt auch die Bahnen von Planeten und Sonne – selbstverständlich kann das Ganze nur geozentrisch sein. Und im Zentrum steckt ein Nagel mit der Schweizer Flagge; vielleicht das entscheidende Detail für die Patenterteilung?

Es ist ungewiss, ob Melchior Dönni in Kontakt mit bekannten Vertretern oder auch Vertreterinnen der reanimierten Idee einer flachen Erdscheibe stand, ebenso die Antwort darauf, ob es womöglich äußere Anstöße gab, die den Käser zu seinem Ausflug in die Welt der spekulativen Wissenschaft veranlassten. Zu denken wäre hier insbesondere an englische exzentrische Zirkel – etwa mit der prominenten Exponentin Lady Blount –, die wohl in einer Mischung aus Provokationswillen und Freude am (gegen-)argumentativen Spiel der Idee einer Flacherde nachhingen. Möglich wäre es, lag doch die Schweiz als wichtige Station auf dem Weg der ‚großen Tour‘, die die junge Generation von den Inseln quer durch Europa führte.

Allerdings enthält uns der Autor nicht nur hier Näheres vor. Obwohl gerade die Informationen im Kern des Buches zwar im Detail konkret sind (so etwa die Beschreibung der im Berner Archiv entdeckten Erdscheibe), bewegen sich die dazugehörigen Ausführungen insofern im Vagen, als stringente Belege nicht erfolgen. Das ist in der Tat ein Defizit des Werks, denn es weist, zumindest was die Frage nach der Erdscheibe betrifft, selten über die Deskription eines eigenwilligen Freigeistes hinaus. Das bürgerliche Leben Melchior Dönnis hingegen wird genau beschrieben: Seine Erfolge als Geschäftsmann und Spezialist für Käseherstellung, seine Ehe(n), der Verweis auf die ‚große‘ Hochzeitsreise nach Neapel sind gut greif- und nachvollziehbar. Sogar eine Beschreibung seiner Kleidung anlässlich einer ‚kleinen‘ Silberhochzeitsreise ins schweizerische Baden – belegt durch ein in das Bändchen aufgenommenes Bild – wird detailliert ausgeführt. Geheimnisvoller zeigt sich seine Teilnahme an der Mailänder Weltausstellung, wo er für eine Erfindung zur Vereinfachung von Wassertransportfragen mit einer Medaille ausgezeichnet wurde. Genaueres kann jedoch nicht berichtet werden, weil sich anscheinend keine entsprechenden Berichte in Zeitungen finden ließen.

Des Weiteren erfolgt ein ausführlicher Blick auf die düstere Coda: Melchior Dönni junior soll das Geschäft übernehmen, der Vater jedoch kann nicht loslassen, der sich ergebende Streit führt zum Zerwürfnis. Schließlich erkrankt der Sohn an multipler Sklerose, die 1925 zu seinem Tod führt. Dieser trat aber erst neun Jahre nach dem seines Vaters ein – Melchior Dönni erhängte sich bereits 1916, als Ursache wurde eine Geistesstörung angegeben.

Diese tragischen Aspekte überschatten die Lektüre, und sie lenken auch davon ab, dass wirklich Essenzielles über das Dönni’sche Weltbild und vor allem seine Rezeption eher angedeutet beziehungsweise geschlussfolgert als konkret belegt wird. Es handelt sich also eher um eine biographische Großskizze, was der Verfasser auch indirekt einräumt. Er berichtet von seiner Begegnung mit Dönnis Enkel, der ihm zunächst zu große Ablehnung und in der Folge dann das Gegenteil, zu ausgeprägte Kritiklosigkeit dem Vorfahren gegenüber, vorgehalten habe. Dies schwingt beides mit, und in gewisser Hinsicht lässt sich die Veränderung der Position Urs Hafners im Buch nachverfolgen.

Aber das Werk ist eben doch auch mehr. Da sind neben den bereits erwähnten Abbildungen auch die Anhänge, die die Gedanken Dönnis in seinen Broschüren wiedergeben, deren erste die implizite Leitidee der vorliegenden Publikation im Titel trägt: Wie sich ein Ungelehrter das Weltall denkt, überschreibt Dönni seine Gedanken um das Jahr 1899. Urs Hafner geht ebenfalls in die Gegenwart, wenn er nicht nur auf die bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts popularisierten Flachwelt-Bewegungen verweist, sondern explizit auch die ‚Verschwörungswelten‘ des World Wide Web in den Blick nimmt. Und er betreibt auch Wissenschaftsphilosophie, wenn er ausführt: „Dönni erinnert daran, was der Siegeszug der Naturwissenschaft verdeckt. Dass die Wissenschaften schon immer beides gewesen sind, wissenschaftlich und unwissenschaftlich, rational und irrational, objektiv und subjektiv.“ Ob es wirklich so einfach ist?

Die Frage, ob es dieses Buch braucht, ist nicht leicht zu beantworten. Hierzu passt am besten die Gegenfrage: Welches Buch braucht es überhaupt? Womöglich sollte Melchior Dönni selbst zu Wort kommen, der seinerzeit schrieb: „Der Mensch, das schönste und edelste Geschöpf der Natur, kann füglich Kind Gottes genannt werden, denn er ist und bleibt ein Kind sein Leben lang.“ Und vermutlich ist es das Unvernüftig-Vernünftigste, sich ein Leben lang die kindliche Offenheit und Neugier zu bewahren, in der es jenseits des Rationalen und Zielorientierten etwas gibt, das mindestens so bedeutungsvoll ist. Und weil das Buch gewissermaßen ein Fenster in diese Sphäre öffnet, ist es – bei allem, was daran kritisiert werden kann – in der Tat des Lesens wert.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Urs Hafner: Dönnis Erdscheibe. Ein Käser und seine Welt.
Chronos Verlag, Zürich 2025.
152 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783034017930

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