Identitätssuche vor dunklem Hintergrund

Der Autor Tomer Dotan-Dreyfus beleuchtet in „Keinheimisch“ Aspekte des Jüdischseins in Israel und Deutschland

Von Martin SchönemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Schönemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Keinheimisch nennt Tomer Dotan-Dreyfus seinen jüngst als Buch erschienenen Essay über die Unmöglichkeit, sich zu Hause zu fühlen. Der schlagkräftige Titel leuchtet spontan ein: Heimatgefühle, Gefühle der Verbundenheit mit einer Gemeinschaft, einer Region, einer Kultur – sie werden schwierig in einer Gegenwart, die zunehmend durch globale Zusammenhänge bestimmt wird. Schwierig sind sie aber auch, weil sie in den letzten 200 Jahren stark durch nationale Konstrukte überformt und auch politisiert wurden. Umso mehr muss das für den Autor als Juden gelten, dessen Volk einen ganz besonderen und besonders schmerzvollen Weg gegangen ist. Wie also ein Zuhause finden in der Welt? 

Mit dieser Frage im Kopf begibt sich der 1987 in Haifa geborene Dotan-Dreyfus auf eine persönliche und bewusst unsortierte und wertfrei fragende Suche, die seinen Text sprunghaft und wie ein Puzzle wirken lässt. Er selbst findet dafür das Bild von einem Wald, in dem er zunächst wahllos einzelne Bäume erkennt, in der Hoffnung, irgendwann den ganzen Wald zu begreifen. 

Dotan-Dreyfus beginnt bei seiner Familie: Seine Großeltern verloren als Überlebende des Holocaust nicht nur ihre Heimat, sie konnten auch ihr individuelles Leben nur mit knapper Not retten. Einen Halt bot ihnen die zionistische Tradition, die Idee einer neuen Heimat in der ganz alten, in Israel. Doch auch dort waren sie nicht uneingeschränkt willkommen. Die zionistischen Pioniere hatten oft Verachtung für die elenden Flüchtlinge, die ihnen folgten, so berichteten die Großeltern. Erst mit dem Eichmannprozess begann sich die öffentliche Stimmung in Israel zu ändern, die Erinnerung an den Holocaust rückte ins Zentrum der nationalen Identität und verdrängte allmählich den zionistischen Siedlerstolz. 

Eine ganz andere Irritation der nationalen Identität erlebte der Autor selbst, der mit der Zuspitzung des israelisch-palästinensischen Konflikts um 2000 aufwuchs. Die Sicherheitslage verschlechterte sich, es kam zu einer massiven Militarisierung der Gesellschaft und Israel als Staat lud große Schuld auf sich. Dotan-Dreyfus zog die Konsequenz daraus, indem er nach seiner Armeezeit nach Deutschland auswanderte. 

Vor diesem Erfahrungshintergrund zu einer Idee kollektiver Identität zu kommen, ist nahezu unmöglich. Dotan-Dreyfus versucht es dennoch. In einer detaillierten, äußerst lehrreichen Analyse befasst er sich mit der zionistischen Ideologie seiner Eltern und Großeltern und deren historischer Veränderung, um sich vorsichtig daraus zu lösen. Gleichzeitig sucht er nach einer Möglichkeit, zu fassen, was Jüdischsein eigentlich sein könnte. Dabei verirrt er sich mitunter in identitätspolitische Gefilde, in denen die verquere nationalistische Idee von der Besonderheit eines Volkes in antinationalistischem Gewand wieder auftaucht. So etwa, wenn er die Prägung jüdischer Kultur durch das jahrhundertelange Leid für den unveräußerlichen und schützenswerten Kern des Jüdischseins hält – und entsprechend jegliche Integration ablehnt, ja sogar polemisch mit Gentrifizierung gleichsetzt. 

Überzeugend ist Dotan-Dreyfus überall da, wo er unvoreingenommen erzählt, wie es war und wie es ist: Wenn er zum Beispiel die Versehrtheit seiner Identität ehrlich und wertfrei konstatiert, detailgenau erzählt, wie es wirklich gewesen ist, als deutsche Soldaten die Wohnung seiner Großeltern stürmten, und welche Bürde das Land Israel und ganz konkret seine Großeltern zu tragen hatten, als es darum ging, eine neue Normalität zu finden. Und es ist erfrischend, wie unverblümt er seinen Abscheu gegenüber jeglichem Nationalismus, jeglichem Militarismus artikuliert. Wie er lachen kann über die Israelbesessenheit seiner deutschen Mitmenschen, deren dunklen Hintergrund er genau kennt. 

Tomer Dotan-Dreyfus wird von manchen für einen Israelhasser gehalten. Nichts wäre falscher als das. Er ist ein Autor von bewundernswerter Aufrichtigkeit, ein Mensch, der genau hinsieht, ohne Vorurteile und ohne falsche Rücksichten. Manchmal hat er keine oder nicht die richtigen Antworten. Seine Fragen aber sind treffend, seine Berichte wahr. Wir sollten sie uns gefallen lassen.

Titelbild

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch. Kindheit in Israel, Leben in Deutschland.
Ullstein Verlag, Berlin 2025.
239 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783549110126

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch