Von Hühnern und Menschen

Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi verknüpft in „Und Federn überall“ gleich sechs Schicksale sehr unterschiedlicher Menschen zu einer dramatisch-sensiblen Gesellschaftsstudie über den Verlust von Menschlichkeit und der Suche nach Wärme

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lasseren im Emsland. Nasskalt und neblig beginnt ein neuer Montagmorgen eines schier endlos scheinenden Winters. Doch was die sechs ProtagonistInnen des jüngsten Romans der Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi nicht wissen: Dieser Tag wird für sie alle zum Wendepunkt in ihrem Leben werden. Am Anfang scheint alles seinen gewohnten Gang in der kleinen Provinzstadt zu gehen, deren Alltag in hohem Maß vom Geflügelschlachthof Möllring geprägt ist. Der Familienbetrieb hat sich längst zum Global Player in der Fleischindustrie gemausert und ist unter dem Regiment des alten Möllring, einem erzkatholischen Patriarchen, der größte Arbeitgeber der gesamten Region. Viele PolInnen und RumänInnen arbeiten dort in der Produktion, wo die Arbeit nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch mit extremen Arbeitsbedingungen verbunden ist. 

Das erlebt auch Sonia jeden Tag, eine der wenigen deutschen Mitarbeitenden am Band. Ihre prekäre Lage als alleinerziehende Mutter zweier Kinder hat sie nach der Trennung von deren Vater dorthin gebracht, wo sie täglich in Kälte und Feuchtigkeit Hühnerbrüste abtastet. Sie und ihre KollegInnen sind verantwortlich dafür, die Tiere mit „Wooden Breast“ auszusortieren, also diejenigen, bei denen die auf die Spitze getriebene Mast zu einer Verhärtung des Fleisches führte, die es ungenießbar macht. Doch nun hofft sie auf Verbesserung ihrer Lage; endlich hat sie ein Vorstellungsgespräch für den ersehnten Bürojob, ohne zu ahnen, dass ihr ungeliebter Job ohnehin in Gefahr ist. 

Möllring gibt sich zwar christlich und sozial, doch letztlich zählt auch hier nur der Profit, sodass aktuell geprüft wird, wie man die Kontrollen automatisieren kann. Dazu ist Anna, eine junge Ingenieurin, vor Ort, die die Software „Golden Eye“ perfektionieren soll. Allerdings lief der Testlauf nach anfänglichen Erfolgen an diesem Morgen nicht gut. Deswegen steht auch Produktoptimierer Peter Merkhausen unter enormem Druck, schließlich droht ihm beim Scheitern des Projekts der Rauswurf. Seine Beschwerden kommen jedoch nicht wirklich bei Anna an, da sie mit sehr viel persönlicheren Problemen zu kämpfen hat, die ihre Karriere ebenso gefährden könnten wie ein Scheitern der Software. Aber auch Merkhausen hat akut noch ganz andere Sorgen, denn er hofft am Abend auf ein erfolgreiches Date mit Justyna, die er auf der Plattform Deutsch-Polnische Liebe kontaktiert hat. 

Justyna wiederum arbeitet nach einer Phase bei Möllring nun schwarz als Putzfrau, um Eltern und Tochter in Polen zu unterstützen. Einziger Lichtblick in ihrem Leben ist ihr stark sehbehinderter Nachbar Nassim. Doch die Beziehung hat in ihren Augen keine Zukunft, denn er ist afghanischer Flüchtling und etliche Jahre jünger als sie. Also überlegt sie, ob sie doch zumindest finanzielle Sicherheit bei einem deutschen Mann suchen sollte.

Nassim findet Trost und Halt bei ihr, glaubt aber ebenso wenig an eine gemeinsame Zukunft. Obwohl er einer von den Taliban bekämpften schiitischen Bevölkerungsgruppe angehört, fürchtet er, von den Beamten des BAMF weder Asyl noch einen anderen Aufenthaltsstatus zu bekommen. In seiner Verzweiflung ergreift er den einzig sichtbaren Strohhalm, indem er seine politische Lyrik ins Deutsche übersetzen will. Zu diesem Zweck hat er über Umwege Roshi, eine deutsch-iranische Schriftstellerin, kontaktiert und um Hilfe gebeten. Nur so, glaubt er, hebt er sich als Individuum aus der gesichtslosen Masse der Asylbewerber heraus und kann sich als Mensch präsentieren.
 
Roshi ist eigens aus Köln angereist, um mit ihm an diesem Montag an den Gedichten zu arbeiten, trifft ihn jedoch in einer außergewöhnlichen Lage an: Ein Fahrradfahrer hat tags zuvor seinen Blindenstock kaputtgefahren, ohne auch nur anzuhalten. Nun ist Nassim dank einer empörten Zeugin in den Medien gelandet und soll bei Möllring einen Scheck für einen neuen Stock in Empfang nehmen. Doch bei der Übergabe eskalieren an diesem Montag die Ereignisse…

Angesichts dieses doch recht großen Aufgebots an unterschiedlichen Figuren und Handlungssträngen im Roman Und Federn überall könnten Bedenken aufkommen, sich in deren Geschichten zu verlieren. Zumal auch noch ein weiterer historischer Aspekt aufkommt, der die fiktive Stadt Lasseren als den realen Ort Haren aufweist, der nach dem 2. Weltkrieg für mehrere Jahre eine polnische Enklave in Westdeutschland war.

Dank Ebrahimis enormem erzählerischem Geschick fügen sich die einzelnen Perspektiven und Erzählfragmente des verschachtelten Romans jedoch so kunstvoll ineinander, dass sie sich nach und nach zu einem großen Gesamtbild entwickeln. Die raffiniert-elegante Dramaturgie lässt die Lesenden die steten Perspektivenwechsel problemlos mitvollziehen und durch die kapitelweise wechselnde Erzählperspektive immer tiefer in den Erzählkosmos eintauchen.

Mit Bedacht lässt Ebrahimi in den wechselnden Sichtweisen der Figuren schrittweise die Hintergründe ihres Handelns und ihrer Emotionen hervortreten. Auf diese Weise wird immer offensichtlicher, dass sie miteinander mehr verbindet als nur die alles dominierende Fleischfabrik. So sind die Lesenden den Figuren immer einen Schritt voraus und erkennen die emotionalen Gemeinsamkeiten sowie die versteckten Kreuzungen ihrer Lebenswege, von denen die Figuren selbst noch nichts ahnen. Dazu trägt auch der Kniff bei, dass Ebrahimi oft die gleiche Szene aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt.

Die Lesenden erfahren auf diese Weise nicht nur die Zusammenhänge zwischen den Figuren, sondern auch die zwischen Flucht, Vertreibung, Entfremdung, Erschöpfung und den ökonomischen Zwängen, unter denen bei näherer Sicht letztendlich alle von ihnen leiden. Kunstvoll verknüpft die Autorin sehr unterschiedliche Lebenswirklichkeiten entlang des perfekt eingesetzten Leitmotivs der Wooden Breast. Denn nicht nur die Hühner sind von Verhärtung betroffen, sondern auch die Menschen in ihren Arbeits- und Lebensverhältnissen. Mit viel Witz und Sinn für Dramatik zeichnet Ebrahimi lebensnahe und differenzierte Charaktere, sodass selbst für den Unsympathischsten unter ihnen ein wenig punktuelles Verständnis aufkommt.

Großartig ist die Verbindung der psychologischen Ebene mit Gesellschaftskritik, die aktuelle Themen wie Massentierhaltung, prekäre Jobs und unterschiedliche Formen von Diskriminierung (Behindertenfeindlichkeit, Rassismus, Klassismus, Misogynie…) mühelos in perfekter Dosierung mit einbezieht. Sogar der Bezug auf den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit fügt sich in das Werk ein, ohne dass dieses damit überfrachtet wirkt. Damit ist Ebrahimi ein kluger, mitreißender Gesellschaftsroman gelungen, der lange nachhallt.

Titelbild

Nava Ebrahimi: Und Federn überall. Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2025.
352 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783630877457

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