Ein freier Schriftsteller

Zum 125. Geburtstag Ludwig Marcuses am 8. Februar 2019

Von Dieter LampingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Lamping

1.

Auf einem Foto von Stefan Moses ist Ludwig Marcuse in seiner letzten Wohnung in Bad Wiessee am Tegernsee zu sehen[1]. Hinter ihm sind Teile des einfach möblierten Zimmers zu erkennen: rechts ein Bett mit geblümtem Überwurf, darüber an der Wand ein Landschaftsgemälde, links ein Kleiderschrank, auf ihm, übereinander gestapelt, zwei Koffer. Man kann kaum sagen, das Foto zeige Marcuse ,zu Hause‘. Im Mantel, die Hände in den Taschen, dem Raum den Rücken zugekehrt, den Blick am Fotografen vorbei in die Ferne gerichtet, scheint er gerade im Aufbruch zu sein, reisefertig und in Gedanken schon woanders. Das Foto ist das Porträt eines Menschen, der damit rechnet, dort, wo er gerade ist, nicht mehr lange zu bleiben. Anschaulicher hätte man Ludwig Marcuse nicht abbilden können.

In seinem vorletzten Buch Argumente und Rezepte, 1967 erschienen, findet sich der „Steckbrief L. M.“. Es ist ein denkbar knappes Selbstbildnis, kaum zweieinhalb Zeilen lang, im Telegramm-Stil gehalten: „Ein äußerer Emigrant a. D., z. Zt. in der inneren Emigration; in spe jenseits von Heimat und Heimatlosigkeit“[2] (AuR, 129). Mit diesem einen lakonischen Satz hat Marcuse das zentrale Motiv seiner Biographie umrissen: das Leben in der Fremde.

29 Jahre lang, von 1933 bis 1962, hat der gebürtige Berliner Marcuse außerhalb Deutschlands gelebt. Nachdem er nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 erst nach Frankreich, dann im Frühjahr 1939 in die USA geflohen war, entschloss er sich spät, 1962, mit 68 Jahren, zurückzukehren. Doch er fand nicht, was er sich erhofft hatte. In der Bundesrepublik der 60er Jahre fühlte er sich nicht zu Hause, vom Literaturbetrieb sogar ausgeschlossen. Was ihm einmal Heimat gewesen war, wurde ihm nun fremd. Das Exil des Ludwig Marcuse war nur äußerlich beendet.

Es ist kein Zufall, dass in Argumente und Rezepte ein Stichwort wie „Vaterland“ nicht vorkommt. Marcuse verstand sich in den letzten Jahren als ein Mensch, der die Heimat verloren hatte und nicht wiederfinden konnte. Gleichwohl hat er sich dagegen gewehrt, ,entwurzelt‘ genannt zu werden: „Schrecklich sind die Phrasen von Entwurzeltsein, als ob der Mensch eine Esche wäre. Vielmehr ist er das Wesen, das in unendlich vielen Böden Wurzeln schlagen kann“ (MzJ, 370), heißt es in seiner Autobiographie Mein zwanzigstes Jahrhundert. Das gilt auch für ihn: Er hat in ‚vielen Böden Wurzeln‘ geschlagen – im letzten aber nicht mehr.

2.

Wie in jedem Leben bedeutete auch in dem Marcuses das Exil einen tiefen Einschnitt. Die Flucht aus Deutschland rettete ihm die Freiheit und letztlich wohl auch das Leben. Ansonsten verband sich mit ihr zunächst vor allem eine Reihe von Verlusten. Marcuse musste nicht nur zunächst seine Frau zurücklassen, sondern auch seine Mutter und seine beiden Schwestern. Die Mutter starb 1942, ohne dass er sie wiedergesehen hätte. Die jüngere Schwester Edith wurde deportiert und kam am Tag der deutschen Kapitulation ums Leben. Nur der älteren Schwester Henni gelang die Auswanderung nach Palästina. Als Marcuse Deutschland verließ, wurde er auch von Freunden getrennt. Der bekannteste von ihnen ist Carl von Ossietzky, der gleich nach dem Reichstagsbrand verhaftet und interniert wurde.

Durch die Flucht nach Frankreich verlor Marcuse seinen Hauptberuf: den des Theaterkritikers. Fortan arbeitete er vor allem als Journalist, zumal als Literaturkritiker für verschiedene Exilzeitschriften. Seine Karriere als Schriftsteller konnte er kaum fortsetzen. Von den drei Büchern, die er in Frankreich schrieb, fand er für zwei vorerst keinen Verlag. Den größten Teil seines Publikums erreichte Marcuse nicht mehr. Es blieben ihm nur die Leser, die in der gleichen Lage wie er waren: Deutsche, die Deutschland verlassen hatten.

Doch auch die verlor er zu einem großen Teil, als er, wenige Monate vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, das zweite Mal floh: in die USA. Für die Sicherheit, die er dadurch gewann, zahlte er abermals einen Preis. Er wechselte nicht mehr nur in ein anderes Land, sondern auf einen anderen Kontinent, der ihm unbekannt, dessen Kultur ihm fremd war. Französisch musste er im Exil nicht lernen, Englisch schon. Doch das neue Asylland hatte für Flüchtlinge wie ihn erst einmal keine Verwendung. In den USA geriet er bald in Armut; Jahre lang blieb er auf Unterstützung angewiesen.

Dass das amerikanische Exil nicht in einer Katastrophe endete, hatte nicht nur mit glücklichen Umständen zu tun. Marcuse konnte sich soweit anpassen, dass ihm ein neues Leben im neuen Land möglich wurde. Es gab genug, was er, zumindest nach einiger Zeit, an ihm schätzen konnte. Er „assimilierte“ (MzJ, 267) sich, wie er selbst schrieb. Allerdings fühlte er sich in den USA „extraterritorial“ (MzJ, 253) – als einer derer, „die zwar im fremden Land – mehr aber doch in der Heimat leben“ (ebd., 262). Gleichwohl nannte er Kalifornien seine „zweite Heimat“ (ebd., 295). Los Angeles wurde, auf Zeit, sein neues Zuhause, allerdings auch deshalb, weil er dort viele andere deutsche Künstler wieder traf.

Als die USA nach Kriegsende Studienplätze für heimgekehrte Soldaten schufen, erhielt Marcuse eine Stelle erst als Dozent, dann als Professor für deutsche Literatur und Philosophie an der University of Southern California in Los Angeles, die er bis 1960 innehatte. Nach und nach gelang es ihm auch, sich als Schriftsteller wieder einen Namen zu machen. Der promovierte Philosoph brachte nun philosophische Bücher heraus, die ihn in Deutschland abermals bekannt machten. Zwischen 1922 und 1932 hatte er fünf Bücher veröffentlicht, von 1933 bis 1945 nur eines, von 1950 bis 1962 acht. Das Exil wurde für ihn vollends produktiv, als er nicht nur etwa über Amerikanisches Philosophieren, sondern auch über sein Leben in der Fremde schrieb.

3.

„An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten,/ da wir Zions gedachten“. Die Klage über das Exil ist seit Psalm 137 ein literarischer Topos. In der deutschen Exilliteratur haben ihn etwa Heinrich Heine in seinem Romanzero-Gedicht „Jehuda ben Halevy“ und Robert Neumann in seinem Roman An den Wassern von Babylon aufgegriffen. Marcuse gehört nicht in diese Tradition. Er hat, sofort nach seiner Flucht, das nationalsozialistische Regime mit Eifer publizistisch bekämpft und sich zugleich in den Ländern eingerichtet, in die er geflohen war. Das Exil hat er noch als eine Zeit begriffen, die gelebt und gemeistert werden muss.

Auch den anderen großen, schon von Hugo von St. Victor bemühten Topos von der Verbannung hat der Emigrant Marcuse nicht bemüht: dass das ganze Leben ein Exil sei. Charles Baudelaire hat in seinem Gedicht „L’Albatros“ den Dichter („Le Poëte“) als „Exilé sur le sol au milieu des huées“ bezeichnet – eine Beschreibung, die viele Schriftsteller sich zueigen machen konnten, auch wenn sie nicht in der Verbannung leben mussten. Die Vorstellung vom Leben als Exil entstammt der jüdisch-christlichen Tradition. Sie meint die menschliche Existenz nach der Vertreibung aus dem Paradies. Marcuse konnte sich auf diese Vorstellung nicht berufen, schon weil er nicht gläubig war, erst recht aber, weil er zum Leben ein anderes Verhältnis pflegte.

Es ist bezeichnend, dass er nicht nur ein Buch über den Pessimismus geschrieben hat, dem er den provokanten Titel Pessimismus – ein Stadium der Reife gab, bevor es posthum Philosophie des Un-Glücks genannt wurde, sondern auch ein anderes über die Philosophie des Glücks. In ihm sollten, allem Unglücks-Bewusstsein zum Trotz, „die Glücks-Empfänglichkeit, der Wille zum Glück, das Talent zum Glück, der Mut zum Glück durch Vergegenwärtigung seiner unvergesslichen Glorifizierung: von Epikur bis Nietzsche“ (PdG, 319) ausdrücklich „gestärkt“ werden. Marcuse hat selbst aus solchem Willen zum Glück heraus gelebt. Er half ihm, nicht nur ein Leidtragender zu bleiben und sich in der Fremde oder genauer: in immer neuen Fremden zurechtzufinden.

Dabei war er kein Vagabund, den es ständig an andere Orte gezogen hätte. Er wusste nicht nur genau, woher er kam, sondern auch, wo er gern geblieben wäre. Sein Leben lang fühlte er sich „nur als Märker“ (MzJ, 18), aber dieser regionalen Identität entsprachen schon vor dem Exil seine Wohnsitze nicht mehr. In Berlin hat er von seinen 77 Jahren nur ungefähr 35 verbracht. Doch es gelang ihm, immer wieder ein neues Zuhause zu finden, wenn auch nur auf Zeit:

Zu Haus: das ist mehr ein Problem als eine Adresse. Einmal war ich es in der Bachstraße und dann im kleinen Tannenwald und dann in Eichkamp und dann in der La Cȏte am Mittelmeer und dann im Benedict Canyon in Beverly Hills – und als ein Feuer den Berg hinter dem Haus kahl brannte und eine Flut ihn in Bewegung setzte, und er durchbrach die Wand und stellte sich innen auf, zwei Meter hoch, und Sascha wurde photographiert, und wir mußten fliehen… da fühlte ich mich wieder wie aus dem einzigen Boden gerissen. Jedesmal wollte ich nicht weiter. (MzJ, 378)

Der Verlust erst der Heimat und dann des einen Zuhauses nach dem anderen war für Marcuse eine lebenswichtige Erfahrung. Sie lehrte ihn, dass es keine festen Zuge­hörigkeiten und keine Sicherheiten gibt – und nicht zuletzt auch, dass er nirgendwo ganz dazugehörte. Die Erfahrung des Nicht-Dazu-Gehörens oder Nicht-Mehr-Dazu-Gehörens ist prägend für sein Leben geworden.

4.

Über die Jahrzehnte hinweg hat Marcuse gleich in mehrerer Hinsicht nicht ,dazugehört‘. Er war Kind schon weitgehend assimilierter jüdischer Eltern und hatte den Glauben seiner Väter nicht mehr. Anders als in seiner Familie üblich heiratete er auch eine Frau, „die keinen Tropfen jüdischen Bluts hat“ (MzJ, 37), und lobte ‚Mischehen‘. Er bekannte von sich, dass er „nie Patriot irgendeines Landes gewesen“ sei (NaLM, 54). Als entschiedener politischer Gegner des Nationalsozialismus war er ein Emigrant der ersten Stunde, der 1937 seine deutsche Staatsbürgerschaft verlor und erst 1945 die amerikanische erlangte.

Im Unterschied zu vielen anderen schloss er sich auch im Exil nicht einer Gruppierung an. Der Versuch, ihn in die Frankfurter Schule zu integrieren, scheiterte – an seiner geistigen Unabhängigkeit. Auch in der kommunistischen Linken wurde er nicht heimisch. Selbst wenn er in den 30er Jahren nicht ohne Sympathie über „Vater Marx“ schrieb, konnte er sich doch, auf seiner Reise in die UdSSR, die kommunistische Ideologie nicht zueigen machen.

Marcuse wollte einer Schule ebensowenig angehören wie einer Gruppe. Er folgte, fast unbeirrbar, seinen Vorstellungen. Im französischen wie im amerikanischen Exil zerstritt er sich aus Überzeugung noch mit manchem alten Freund – zeitweise etwa mit Alfred Döblin, unwiderruflich mit Franz Werfel kurz vor dessen Tod. In der Bundesrepublik der 60er Jahre musste er dann feststellen, dass es für einen Remigranten wie ihn bloß äußerlich ein Zurück geben konnte – auch weil ihm weiterhin nichts so wichtig war wie seine „arme Freiheit“.

In seiner Autobiographie hat Marcuse dazu ebenso pointiert wie selbstbewusst ge­schrieben:

Ich war mein Leben lang (mit zwei unbedeutenden Ausnahmen) ,freier᾽ (das heißt: auch schlecht bezahlter) Schriftsteller, ,freier᾽ (das heißt: parteiloser) Bürger, ,freier᾽ Denker (das heißt auch: nie Freidenker): ein Mensch also, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und deshalb tausend Anfälligkeiten ausgesetzt zu sein (MzJ, 10).

‚Freier Schriftsteller‘ war Marcuse nicht nur in einem äußerlichen Sinn, sofern er lange Zeit ohne Anstellung war. Dass er frei bleiben wollte, im Unterschied zu seinem Freund Carl von Ossietzky, der ins KZ mußte, war auch der Grund für seine Flucht aus Deutschland. Schließlich achtete er gerade als Autor und zumal als philosophischer Schriftsteller auf seine Freiheit, die ihm nicht nur Gedanken- oder Denk-Freiheit war. Er war auch so frei, ein Autor eigener Art und eigenen Rechts zu sein.

Hinter der schlichten Berufsbezeichnung des ‚freien Schriftstellers‘ verbirgt sich in seinem Fall eine komplexe literarische Existenz. Er war Journalist und Philosoph, Literatur- und Theaterkritiker, Philosophie- und Kulturhistoriker, Biograph und Autobiograph und nicht zuletzt Aphoristiker. Er hat, in fast fünf Jahrzehnten, 20 Bücher geschrieben, weitere wurden aus seinem Nachlass herausgegeben. Zu seinem Œuvre zählen philosophische Werke wie Aus den Papieren eines bejahrten Philosophie-Studenten (1964), später Meine Geschichte der Philosophie genannt, Schriften zum Theater wie Die Welt der Tragödie (1923), Biographien wie Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes (1929; seit 1968 unter dem Titel Ludwig Börne. Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie) und Heinrich Heine. Ein Leben zwischen gestern und morgen (1932), kulturgeschichtliche Arbeiten wie obszön. Geschichte einer Ent­rüstung (1962), die beiden autobiographischen Bände Mein zwanzigstes Jahrhundert (1960) und Nachruf auf Ludwig Marcuse (1969), schließlich die Aphorismen-Sammlung Argumente und Rezepte (1967). Hinzu kommt eine Fülle von Essays, Kritiken und Polemiken zu den unterschiedlichsten Themen – philosophischen, zeitgeschichtlichen, literarischen.

Wer sein Werk mustert, mag sich fragen, was Marcuse denn ,eigentlich‘ gewesen sei: ein Philosoph oder ein Publizist, ein Schriftsteller oder ein Kritiker. Die Frage ist leicht erkennbar falsch gestellt. ‚Eigentlich‘ war er das alles zusammen – und manchmal auch zugleich. Im Sinn des von ihm verehrten Friedrich Nietzsche wollte er ein „Unikum“ (NaLM, 34) sein: nicht einfach einzuordnen in seinem Denken, kaum festzulegen in seinem Schreiben und unbequem in seinen Ansichten.

In dem Bemühen, frei zu bleiben, politisch, philosophisch, in seinem Denken und Handeln, auch in seiner Art zu schreiben, die teils erzählend, teils reflektierend ist, dabei sowohl essayistisch wie aphoristisch, gehört Marcuse zu den Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, deren Autorität sich auf Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit gründet. Ihre Bedeutung lässt sich nicht an ihrem Erfolg in ihrer Zeit messen, sondern an ihrer unverwechselbaren Eigenart. Der Preis für die Unabhängigkeit ist allerdings in seinem Fall die Rolle des Außenseiters gewesen, die Marcuse als erklärter Individualist jedoch akzeptierte.

5.

Dass er am Ende gleich in zwei Büchern das Individuum „L.M.“ zum Gegenstand machte, geschah nicht aus Eitelkeit, son­dern aus Aufrichtigkeit. Der „Steckbrief“ aus Argumente und Rezepte lässt dieses Thema anklingen, das im Nachruf auf Ludwig Marcuse dann seine Entfaltung gefunden hat. Liest man den Auto-Nekrolog und die Autobiographie zusammen mit den Biographien, die Marcuse geschrieben hat, dann erkennt man ein zentrales, wenn nicht das zentrale Motiv seines Werks: die gedankliche, auch philosophische Würdigung der geistigen Individualität und des individuellen Lebens, und zwar sowohl eigenen wie fremden Lebens in seiner nicht reduzierbaren Komplexität.

Diese Bemühung schloss auch den Umgang mit dem Tod ein, den Marcuse, ganz empirisch, als „Ab-Leben“ (PdU, 86) beschrieben hat. So wie er, genau und unfeierlich, hat vor ihm kaum einer vom Ende seines Lebens gesprochen. Die letzten Sätze des Nachrufs auf Ludwig Marcuse machen diese Haltung deutlich:

Über den Gräbern blüht es herbstlich. Auf dem einen Stein steht nur ein Wort, das sie mehr liebte als irgendein anderes: together. Es fehlt nur noch sein Name; denn Ordnung muß sein. Von ihr ein Weilchen geschützt, wird das Unordentliche darunter zerfallen, das, neben Milliarden, neben unverwechselbaren Milliarden, seine unike Unordnung gewesen ist, wie sie (im schwachen Abglanz der Worte) hier noch einmal aufflackerte. (NaLM, 202)

Mit diesen lakonischen Sätzen zwischen Schmerz und Klarsicht, Wehmut und Nüchternheit hat sich Marcuse zwar nicht vom Leben, doch von seinen Lesern und der Literatur verabschiedet.

Wer Jahrzehnte später vor seinem Grab auf dem Friedhof von Bad Wiessee über dem Tegernsee steht, mag sich wundern über den unbehauenen, grauen Stein, auf dem nur zwei Namen und ein Wort stehen:

Ludwig
Sascha
Marcuse
Together

Nichts weiter: kein Datum, kein Ortsname, kein frommer Spruch – kein Hinweis darauf, dass dies das Grab eines deutschen Schriftstellers und seiner Frau ist.

Mit der schlichten Gestaltung des Grabsteins hat Marcuse sich allerdings in eine Tradition gestellt. In seiner Heine-Biographie, deren sechstes Kapitel über „Henri und Mathilde“ die Widmung trägt: „Für Sascha. Der Heimat in der Verbannung“ (HH, 267), heißt es am Ende: Der „schmucklose Stein auf dem Grabe Heines war ein echtes Denkmal der Liebe“ (HH, 349). Das war er auch in Marcuses Fall.

Amerkungen

[1]     Das Foto findet sich auf der vierten Umschlagseite von: Ludwig Marcuse: Essays, Porträts, Polemiken. Ausgewählt aus vier Jahrzehnten von Harold von Hofe, Zürich 1979.

[2]     Die Bücher Marcuses werden im Folgenden mit einer Sigle und der Seitenzahl zitiert. Die Siglen sind im Literaturverzeichnis aufgeführt und erklärt.

Literaturhinweise

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte. Ein Wörter-Buch für Zeitgenossen. München 1967 (AuR)

Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie. Zürich 1975 (MzJ).

Ludwig Marcuse, Ludwig (1975b), Nachruf auf Ludwig Marcuse, Zürich 1975 (NaLM).

Ludwig Marcuse: Philosophie des Glücks. Von Hiob bis Freud. Zürich 1972 (PdG).

Dieter Lamping (Hg.): Ludwig Marcuse – Werk und Wirkung. Bonn 1988.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz