Ein tollkühner Erpresser

Jens Eisel macht in „Cooper“ aus einer wahren Geschichte aus dem Jahr 1971 ein literarisches Lehrstück über Wagemut und Verzweiflung

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man schrieb den 24. November 1971, als ein Mann unter dem Pseudonym Dan Cooper eine Boeing 727 der Northwest Orient Airlines auf dem Flug von Portland/Oregon nach Seattle entführte. Nachdem er es mit der Androhung, eine selbst gebaute Bombe zu zünden, geschafft hatte, dass ihn bei der Landung auf dem Flugplatz Seattle/Tacoma ein Lösegeld von 200.000 Dollar und vier Fallschirme im Austausch gegen die sich an Bord befindenden Passagiere übergeben wurden, ließ er das wiederaufgetankte Flugzeug südöstlichen Kurs auf Mexiko-Stadt nehmen. Nach einem weiteren Tank-Zwischenstopp in Reno/Nevada sprang der Mann schließlich mit seiner Beute über dem gebirgigen Südwesten des Bundesstaates Washington mit dem Fallschirm ab.

Bis heute konnten weder die Identität des Entführers noch der Verbleib des Lösegeldes geklärt werden – bis auf drei Bündel mit 20-Dollar-Noten, die ein achtjähriger Junge knapp neun Jahre nach der Tat am sandigen Ufer des Columbia River ausgrub. Das FBI nahm den Fall Cooper mehrmals wieder auf, stellte die Ermittlungen aber schließlich nach 45 Jahren ohne Resultate im Juni 2016 ein. Als einzig ungelöster Fall einer Flugzeugentführung in den USA ging der Coup von Dan Cooper damit nicht nur in die Historie ein, sondern bot sich auch wegen seines offenen Endes sowie der vielen Unklarheiten, die er enthielt, als Stoff für künstlerische Auseinandersetzungen an. Nach Bearbeitungen in mehreren US-Fernsehserien und in einem Roman (Bloodless, 2021) des US-amerikanischen Autorenduos Douglas Preston und Lincoln Child innerhalb von deren Aloysius-Pendergast-Romanserie hat sich nun Jens Eisel der Geschichte angenommen.

Im zweiten Roman des 1980 in Neunkirchen geborenen und heute in Hamburg lebenden Autors ist der Mann, der sich nach einer bekannten Comicfigur Dan Cooper nennt, ein frustrierter Vietnamkriegsheimkehrer. Aufgebrochen, um seinem Land zu dienen, muss er, unehrenhaft aus der Armee entlassen, einsehen, dass er sich an einem Punkt in seinem Leben befindet, an dem ihm die Kontrolle über sämtliche Dinge längst entglitten ist und er sich in einer aussichtslosen Lage befindet: „Der frühe Tod seines Vaters, die harte Arbeit auf der Farm, die Verzweiflung seiner Mutter […]. Er hatte sich mit aller Kraft dagegengestemmt, und die Erschöpfung war von Jahr zu Jahr größer geworden.“

Einsamkeit – „Seit seine Mutter gestorben war, gab es keinen Menschen mehr, mit dem er regelmäßig sprach“ – Hoffnungslosigkeit und eine stets größer werdende und ihn von Stadt zu Stadt und von Job zu Job treibende Unrast haben ihn schließlich jenen genialen, wenn auch im Grunde komplett verrückten Plan fassen lassen, der ihn am 23. November 1971 in ein kleines Motel im nordöstlichen Stadtzentrum von Portland führt. Hier hat er noch eine Nacht zum Überdenken seines Coups. Aber auch, wenn alles schief gehen sollte und das kalte Herbstwetter einen Fallschirmsprung selbst aus geringer Höhe zum Vabanque-Spiel machen wird – ein anderer Weg aus der Misere seines Lebens fällt ihm nicht mehr ein: „Er hatte sein Geld fast ausgegeben und mit dem, was er noch besaß, würde er maximal zwei Wochen auskommen.“

Geschickt stellt Jens Eisel die Gedanken seiner Hauptfigur – sie trägt im Roman den Namen Richard, anspielend wahrscheinlich auf Richard McCoy, der eine ähnliche Flugzeugentführung ein Jahr später, 1972, durchführte und vielen danach als der geheimnisvolle Mister Cooper galt – denen des Piloten der entführten Boeing, George Adams, und der nervenstarken Flugbegleiterin Kate Anderson gegenüber. 

Mit Letzterer, einer Endzwanzigerin, die eine mehr als sechsjährige Berufserfahrung als Stewardess aufzuweisen hat und immer wieder aufkommende Zweifel an ihrem Beruf bislang erfolgreich zu unterdrücken wusste, geht der Entführer die engste Beziehung ein. Kate teilt er seine Forderungen mit. Über sie kommuniziert er mit dem Cockpit. Und von ihr verlangt er, dass sie sowohl die Mitglieder der Crew als auch die Passagiere, bei denen zunehmend Nervosität aufkommt, als sich die Landung in Seattle verzögert, zu beruhigen hat. Dass sie genau das – eher mehr als weniger, denn zwischenzeitlich driftet das Gespräch zwischen den beiden sogar ins Private ab – trotz aller nervlichen Anspannung zu tun in der Lage ist, trägt viel dazu bei, dass Flug 305 in keiner Katastrophe endet.

In insgesamt 37, selten mehr als sechs Seiten umfassenden Erzählabschnitten wechselt der Roman zwischen seinen drei Erzählperspektiven hin und her. Ergänzt hat Jens Eisel die Kapitel mit vier über das Buch verteilten fiktiven Interviewpassagen, in denen ein FBI-Mann namens Wes Meyers sich aus großem historischem Abstand noch einmal über den Hergang der Tat äußert sowie Vermutungen bezüglich der Identität des Entführers und des Verbleibs der erpressten Summe anstellt. Dass ein kurzer, anderthalbseitiger Epilog die Aufmerksamkeit des Lesers am Ende des Buchs noch einmal auf dessen heil davongekommene zentrale Figur lenkt, dürfte nicht zuletzt ein Zeichen dafür sein, auf wessen Seite man die Sympathie des Autors vermuten darf.   

Titelbild

Jens Eisel: Cooper.
Piper Verlag, München 2022.
224 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783492059107

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