Was im Jahre 1302 im Bargello geschah

„Florenz – Stadt der Dichter. Eine literarische Spurensuche“ von Karl Philipp Ellerbrock schickt vor allem Fachleute auf eine spannende Zeitreise

Von Irina BrüningRSS-Newsfeed neuer Artikel von Irina Brüning

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über vier Millionen Tourist:innen im Jahr besuchen Florenz – Tendenz steigend. Zwischen Rollkoffern, Souvenirläden und Eiscafés kann es schwerfallen, sich vorzustellen, wie die Stadt vor vielen Jahrhunderten ausgesehen hat und welche Szenen sich dort abgespielt haben. Florenz – Stadt der Dichter. Eine literarische Spurensuche von Karl Philipp Ellerbrock, Professor für Französische und Italienische Literaturwissenschaft und Vorsitzender der Deutschen Dante-Gesellschaft, öffnet Fenster in die Zeit zwischen dem frühen 13. und dem späten 14. Jahrhundert. Jedes der zehn Kapitel stellt ein bestimmtes Gebäude der Altstadt in den Vordergrund. Auf der Karte im vorderen Buchdeckel sind sie alle schnell zu finden. 

Neben der Karte bietet das Buch im Anhang Reproduktionen von erwähnten Gemälden. Im Text finden sich Verweise auf diese Tafeln in Klammern, Hinweise auf frühere und spätere Kapitel durch Pfeile, die durch Fettung hervorgehobenen Namen der zitierten literarischen Werke und natürlich Fußnoten. Ähnlich wie auf einer Website erfahren die Leser:innen, wo sie weitere Informationen finden, können aber nicht klicken, sondern müssen blättern. Hinzu kommen zahlreiche kursiv geschriebene italienische Begriffe und die Namen der genannten Gebäude in Kapitälchen. Dies alles zusammen erschwert ein wenig die Lesbarkeit. 

Wer sich von den typografischen Hürden nicht abschrecken lässt, wird mit interessanten Einblicken belohnt. Ellerbrock legt den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Latein und Volkssprache sowie zwischen der geistlichen und der weltlichen Sphäre (in welcher schreibende Kaufleute eine wichtige Rolle spielten). Neben Dante Alighieri und Giovanni Boccaccio finden noch weitere Schriftsteller Erwähnung: unter anderem Franco Sacchetti als Verfasser von Novellen mit Dante als Protagonist, Antonio Pucci als Lyriker sowie Chronisten wie Dino Compagni und Giovanni Villani. Dabei wird Boccaccio nicht nur als Verfasser des Decameron, sondern auch als Vermittler von Dantes Commedia und als dessen Biograph gewürdigt. Nur eine Nebenrolle spielt als dritte der tre corone Francesco Petrarca, der zwar florentinische Eltern hatte, aber selbst nie in Florenz gelebt hat. 

Betrachtet man Neuerungen in der Form, zeichnet sich Dantes Werk durch die von ihm erfundene terza rima, Boccaccios durch die von ihm etablierte Novelle aus. Ellerbrock vertritt die Ansicht, dass das von Dante verwendete Reimschema sich besonders gut für kurze Zitate eignete sowie zur Nachahmung anregte, was die Dante-Rezeption schon vor dem Tod des Dichters im Exil beförderte. Boccaccios Art der Erzählung bezeichnet er als „zentrale Gattung merkantiler Schriftlichkeit“, die ebenso wie Handelsnachrichten etwas Neues berichtet und in ihrer Kürze ökonomischen Vorgaben genügt.

Gebäude können für die Literaturgeschichte von Bedeutung sein, weil sie mit einem Ereignis im Leben eines Autors verbunden sind oder weil sie in einer fiktiven Geschichte vorkommen. Wer in Ellerbrocks Auswahl unter den bekannten Sehenswürdigkeiten von Florenz den Dom Santa Maria del Fiore vermisst, sei daran erinnert, dass die Bauarbeiten erst im Jahre 1296 begannen und die berühmte Kuppel seit 1436 auf dem Gebäude thront. Erwähnung finden das direkt neben dem Dom gelegene Baptisterium sowie diverse Kirchen, die im behandelten Zeitraum wichtig waren. Zum Beispiel hat Boccaccio Santa Maria Novella als Ausgangspunkt für das Decameron gewählt: Hier begegnen sich die zehn jungen Menschen, die beschließen, die von der Pest heimgesuchte Stadt vorübergehend gemeinsam zu verlassen. Einen Besuch lohnt die Kirche auch deshalb, weil in der Cappella Strozzi ein Fresko von Nardo di Cione die Hölle so zeigt, wie Dante sie sich vorstellte. Dem heute als Museum bekannten Bargello ist ein Kapitel gewidmet, da dort im Jahre 1302 das Urteil gefällt wurde, das Dante unter Androhung der Todesstrafe die Rückkehr nach Florenz verbot.

Dass die Unterscheidung zwischen historischen Tatsachen und Legenden manchmal gar nicht so einfach ist, zeigt das Kapitel „Wie Beatrice begegnen?“. Alles „Bemühen um eine räumliche Verankerung des Geschehens“ geht davon aus, dass es sich bei der von Dante geliebten Frau um eine reale Person namens Beatrice Portinari handelt. Selbst wenn man dies als sicher annimmt, bleibt noch ausreichend Raum für Spekulation, da über ihr Leben (und ihren Tod) wenig bekannt ist. Ellerbrock erläutert, dass bestimmte Orte heute deswegen als Schauplätze von Episoden aus der Vita Nuova gelten, weil Maler des 19. und 20. Jahrhunderts selbst entschieden, wie sie Leerstellen im Text ausfüllen wollten. Interessant ist sein Hinweis auf eine Vermutung von Marco Santagata bezüglich der heiligen Lucia, die die Figur der Beatrice in der Commedia auf Dantes Notlage aufmerksam macht: Der Grund dafür soll sein, dass Beatrice Portinari nach ihrer Verheiratung mit Simone de‘ Bardi in der Nähe der Kirche Santa Lucia dei Màgnoli lebte. Die Informationen über den Wohnort der Familie Bardi entnimmt Santagata der Chronik Villanis.

Nicht nur auf Gebäude, sondern auch auf kleinere Denkmäler geht Ellerbrock ein, da diese ebenfalls Geschichten erzählen können. So weist die Colonna dell‘Abbondanza (eine Säule, auf der eine Figur mit Füllhorn steht) auf der Piazza della Repubblica darauf hin, dass sich an dieser Stelle einst ein Marktplatz befand. Den Überfluss der dort gehandelten Waren pries Antonio Pucci schon vor der Errichtung der Säule in Versen. Erwähnung findet auch eine Statue des einst in Florenz verehrten Kriegsgottes Mars auf dem Ponte Vecchio. Diese existiert zwar seit dem 14. Jahrhundert nicht mehr, war aber in der zeitgenössischen Vorstellung für viel Unglück verantwortlich, darunter ein Mord auf der berühmten Brücke. Der gewaltsame Tod eines jungen Grafen wurde als ein Auslöser für den jahrzehntelangen blutigen Konflikt zwischen Guelfen und Ghibellinen betrachtet.

Immer wieder wird deutlich, wie wichtig im Florenz des 13. und 14. Jahrhunderts die Gemeinschaft ist. Ein nicht mehr erhaltenes, aber in einem Gedicht von Antonio Pucci beschriebenes Fresko von Giotto im Bargello soll die „gerupfte Kommune“ gezeigt haben, die in Bedrängnis gerät, weil Menschen Einzelinteressen über das Gemeinwohl stellen. Durch die Taufe im Baptisterium San Giovanni direkt neben dem Dom wurden Kinder nicht nur in die Gemeinschaft der Christ:innen aufgenommen, sondern auch zu Florentiner Bürger:innen. Karl Philipp Ellerbrock schlägt von hier aus den Bogen zu Dantes Vorstellung vom Limbus, der Vorhölle, in der neben den ungetauften Kindern und den Patriarchen des Alten Testaments auch die großen Dichter der Antike anzutreffen sind. Diese nehmen Dante in ihre Gemeinschaft auf (und einer von ihnen, Vergil, ist bekanntlich für einen großen Teil seiner Reise sein Begleiter). Mit dem Thema der Gemeinschaft verbunden ist das Thema der Barmherzigkeit: Ellerbrock zufolge schildert Boccaccio im Decameron das Verhalten der Menschen während der Pestepidemie von 1348 entgegen der historischen Wahrheit als egoistisch, weil er das gegenseitige Erzählen von Novellen als Akt der Nächstenliebe und Freigiebigkeit darstellen möchte. 

Italienischkenntnisse sind für die Lektüre von Florenz – Stadt der Dichter nicht erforderlich, da alle Zitate in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden. Dennoch richtet sich das Buch nicht an durchschnittliche Florenz-Besucher:innen, sondern eher an Personen mit einer gewissen Vorbildung. Um sich vor dem Besuch einer Sehenswürdigkeit schnell ein paar Fakten anzulesen, ist der Text zu komplex und enthält zu viele Informationen. Wer sich mit der im behandelten Zeitraum in Florenz entstandenen Literatur bereits gut auskennt, erfährt mehr über die Gemälde; umgekehrt erhalten kunsthistorisch Gebildete einen Einblick in die Texte, die mit den Darstellungen verbunden sind. Für sie lohnt es sich, Ellerbrocks Buch in den Koffer zu packen.

Titelbild

Karl Philipp Ellerbrock: Florenz – Stadt der Dichter. Eine literarische Spurensuche.
Schwabe Verlag, Basel 2026.
266 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783757401702

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