Ende einer Ära von literaturkritik.de und Anfang einer neuen

Vorbemerkungen zur Januar-Ausgabe 2020

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

In den ersten Tagen des letzten Monats im alten Jahrzehnt wurde ich als Herausgeber von literaturkritik.de an der Universität Marburg und als Leiter des TransMIT-Zentrums für Literaturvermittlung in den Medien, in dem die Zeitschrift und ihr Verlag LiteraturWissenschaft.de seit zwei Jahrzehnten betrieben werden, mit einer höchst unerfreulichen Überraschung konfrontiert. Die Andeutungen dazu in meinen Vorbemerkungen zur Dezember-Ausgabe kündigten an: „Genaueres dazu in der Januar-Ausgabe!“

Am 2. Dezember rief ich mehrfach die Zeitschriftenredaktion an, erreichte niemanden und vermutete, dass die dort sonst präsente Person krank ist. Erst zwei Tage später erfuhr ich bei etlichen Nachfragen, dass den RedaktionsmitarbeiterInnen am Institut für Neuere deutsche Literatur seit Monatsbeginn von der Universität untersagt worden ist, ihre bisherigen, von der Universität vergüteten Tätigkeiten fortzuführen, und das Institut der Zeitschrift den Redaktionsraum längerfristig nicht mehr zur Verfügung stelle.

Zur Vorgeschichte dieses Eklats gehören zunächst konstruktive Gespräche über die Zukunft der Zeitschrift an der Universität Marburg, bei denen der Herausgeber den Wunsch äußerte, seine bisherige Tätigkeit jüngeren KollegInnen zu überlassen und im Laufe des Jahres 2020 ganz zu beenden. Gegenüber den späteren Forderungen des Kanzlers der Universität, die Zeitschrift aus der TransMIT GmbH, zu deren Gesellschaftern die Universität Marburg gehört, herauszulösen, sie ohne den Verlag in den Besitz der Universität zu überführen und bis Ende November mein Einverständnis damit zu erklären, habe ich allerdings vor der gesetzten Frist etliche Bedenken geäußert und Gegenvorschläge gemacht, die dann ignoriert wurden. Zeitschrift und Verlag sind in vielfältiger Weise verflochten und aufeinander angewiesen. Und die TransMIT GmbH hat beide mit unersetzlichen Hilfeleistungen unterstützt.

Im Januar wird die Redaktionszentrale der Zeitschrift nun an die Universität Mainz verlegt. Mitherausgeber wird Sascha Seiler sein, der dort am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft seit etlichen Jahren zusammen mit Dieter Lamping fachlich verantwortlich für die Komparatistik-Redaktion von literaturkritik.de ist. Die Redaktionsleitung übernimmt Jonas Heß, der ebenfalls schon länger für die Komparatistik-Redaktion arbeitet.

Da das Profil der Zeitschrift und des Verlags an der Universität Marburg in engem Zusammenhang mit der dort 2010 eröffneten „Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland“ steht, wird diese zusammen mit dem dort archivierten Nachlassbestand Reich-Ranickis ebenfalls verlegt. Wohin, ist noch offen, wird aber sicher vor dem 100. Geburtstag des Kritikers im Juni 2020 entschieden.

Offen bleibt manches Andere. Alexandra Pontzen, Professorin und fachliche Leiterin der Redaktion Gegenwartskulturen am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen, sondiert zur Zeit die Möglichkeiten, das Engagement ihrer Universität für die Zeitschrift auszuweiten. Und auch an der Universität Marburg hat die dort weiter betriebene Redaktion Mittelalter und Frühe Neuzeit mit ihrem fachlichen Leiter Prof. Dr. Jürgen Wolf und Mitarbeiter Robin Kuhn verstärkte Hilfe versprochen.

Zu danken ist allen, die die Zeitschrift und den Verlag weiter unterstützen und sich bisher für sie eingesetzt haben. Zu danken habe ich dabei nicht zuletzt der Präsidentin der Universität, die dem Projekt über Jahre hinweg wohlgesonnen und hilfreich entgegengekommen ist. Mein Versuch im Dezember, mit ihr über die desaströse Situation zu sprechen, ist allerdings aus mir bislang unbekannten Gründen leider gescheitert. Zu danken habe ich vor allem auch unserem bisherigen Redaktionsleiter Stefan Jäger, dessen bewährte Hilfe mir bei der Arbeit an der Dezember- und Januar-Ausgabe sehr gefehlt hat und die mir weiter fehlen wird. Dass unsere frühere Redaktionsmitarbeiterin Michelle Hegmann, nun nicht mehr als studentische Hilfskraft der Universität, sondern als freie Mitarbeiterin des TransMIT-Zentrums für Literaturvermittlung in den Medien, die Redaktionsarbeit fortgesetzt hat, war eine Art Rettung in der Not, zu der auch Marion Malinowski von Calgary aus mit ihrer Hilfe beim Redigieren vieler Rezensionen beigetragen hat und Bianca Schimansky mit ihrer kontinuierlichen Arbeit im Homeoffice.

Lückenhaft ist die neue Januar-Ausgabe trotzdem noch, vor allem in ihrem Themenschwerpunkt über die expressionistische „Menschheitsdämmerung“ vor 100 Jahren, deren apokalyptische Aspekte am Ende des ersten und Beginn des zweiten Jahrzehnts gegenwärtig neuen Auftrieb erfahren. Doch können diese Lücken im Laufe des Monats hoffentlich weitgehend geschlossen werden. Und die Bereitschaft der Komparatistik an der Universität Mainz, die Redaktionszentrale ohne Trennung vom Verlag und vom TransMIT-Zentrum zu übernehmen, lässt auf ein gutes neues Jahr(zehnt) hoffen. Das wünschen wir auch allen MitarbeiterInnen und unseren LeserInnen!