Es ist nicht vorbei
Transgenerationale Traumata schreiben Familiengeschichte in Lina Schwenks ergreifendem Debütroman „Blinde Geister“
Von Miriam Seidler
Die Figur Olivia wird in Lina Schwenks Roman mit einer bezeichnenden Szene eingeführt. Die Familie – Vater Karl, Mutter Rita, die älteste Tochter Martha und die drei Jahre jüngere Olivia – ist auf dem Weg zum nahegelegenen Fluss. Olivia geht ungestüm los und fällt in ein Beet aus Brennnesseln. Als die Mutter ihr aufhilft, rennt sie in Richtung Fluss und ruft: „Tod, ich komme!“ Während der Vater die Szene hilflos beobachtet und seine Frau auffordert, etwas zu tun, stürzt diese mit den Worten „Nur über meine Leiche“ der Tochter hinterher.
Damit ist die Familienkonstellation in diesem Roman sehr gut beschrieben. Olivia ist von einer unerklärlichen Todessehnsucht getrieben, der Rita – Olivia nennt ihre Eltern nur beim Vornamen – entgegenzuwirken versucht, während Karl als stiller Beobachter am Rande steht. Martha entfernt sich schnell aus diesem familiären Beziehungsgefüge. Im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester lehnt sie sich sowohl gegen ihre Eltern als auch gegen das von den Traumata der Kriegsgeneration geprägte Familienleben auf.
Der Roman Blinde Geister von Lina Schwenk beginnt aber nicht mit dieser Familienszene, die Züge einer Familienaufstellung trägt. Der Prolog wird aus der Innenperspektive von Karl erzählt. Er ist inzwischen sehr alt und in der Wohnung gestürzt. Anstatt Hilfe zu holen, legt sich Rita neben ihn – wobei unklar bleibt, ob sie über seine Beine gefallen ist oder ob sie sich ganz bewusst dafür entschieden hat, gemeinsam mit Karl zu sterben. Die letzten sieben Tage werden in wenigen Szenen erzählt, die mit Rückblenden auf das Kennenlernen des Paars durchsetzt sind. Dabei wird schnell die enge Verbundenheit dieser beiden Protagonisten erkennbar. Der Hauptteil des Romans ist dem Leben Olivias gewidmet, während der Epilog die Perspektive Ritas ergänzt.
Martha und Olivia wachsen in den 1960er- und 1970er-Jahren auf. Die Gesellschaft ist noch immer vom Krieg geprägt. Im Sportunterricht müssen sich die Mädchen in imaginären Gräben an der Front verstecken und russische Flüsse aufzählen. Sie kommen mit aufgeschlagenen Ellenbogen und blauen Flecken am ganzen Körper nach Hause, ohne dass die Eltern in der Lage sind, sich gegen diese Erziehungsmethoden zur Wehr zu setzen. Doch auch in der Familie ist der Krieg noch allgegenwärtig, wenn Karl die Abende von Angst getrieben am Radio verbringt, um neueste Nachrichten zu empfangen, regelmäßig die Vorräte überprüft und bei einem unbestimmten Gefühl der Bedrohung mit der Familie in den Keller zieht. Rita – deren eigene, gemeinsam mit ihrer Mutter gemachten traumatischen Erlebnisse während des Einmarsches der russischen Armee nur angedeutet werden – versucht, ihre Töchter vor dem emotional belastenden Verhalten Karls zu schützen, doch Olivia fühlt sich sehr zu ihrem Vater hingezogen und unternimmt alles, um dessen Anerkennung zu bekommen. Die Zeit im Keller nimmt sie als Kind als exklusive Familienzeit wahr und wehrt sich nicht gegen das Eingesperrtsein wie ihre ältere Schwester, die so bald wie möglich aus dem elterlichen Haus auszieht.
Doch mit der Volljährigkeit ist auch für Olivia jäh das Familienleben zu Ende. Karl und Rita kaufen ihr eine Wohnung, in der sie nun ohne die Eltern lebt. Doch Olivia fühlt sich nicht von der Familie befreit, sondern von den Eltern verstoßen. Sie empfindet sich als störendes Element in der Symbiose der Eltern, igelt sich in ihrem Verlassensein ein und vergleicht sich doch immer mit ihrer Mutter. Gemeinsam ist Eltern wie Kindern, dass sie nicht in der Lage sind, über ihre Gefühle zu sprechen.
Ob sich Olivia nur in die Psychiatrie einweisen lässt, um die Aufmerksamkeit von Rita und Karl zurückzuerlangen, oder ob die generationell übertragenen Traumata tatsächlich dazu führen, dass sie nicht in der Lage ist, ihren Alltag zu bewältigen, hält Lina Schwenk bewusst in der Schwebe:
Die nächsten Wochen werde ich mir nicht die Beine rasieren. Waschen auch nur bedingt. Vor allem nicht das Gesicht und die Haare. Sie müssen klebrig sein, knotig, so wie meine Seele. Dabei ist mein Haar so schön, wenn ich es bürste. Weich und glänzend braun. […]
Der Wahn ist Trainingssache, man muss dranbleiben. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, für jede Sitzung schöner und seidiger zu werden, leicht zu duften. Dr. Dor sagte nichts dazu, aber ich bin sicher, er schrieb es in seine kalte Akte.
Diese Überlegungen, die Olivia nach ihrer Selbsteinweisung in die Psychiatrie anstellt, deuten eher darauf hin, dass sie sich ihrer Handlungen sehr bewusst ist. Und doch ist sie keine Schauspielerin. Ihre seelischen Wunden sind tief. Mit komischen Szenen und irritierenden Handlungen bleibt die Figur Olivia lange ein Rätsel. Ihre Entwicklung wird von Schwenk, die selbst Medizin studiert hat und als Ärztin arbeitet, auf einfühlsame Weise beschrieben. Aufgrund der konsequenten Innenperspektive, die lediglich im Gespräch mit anderen Figuren durchbrochen wird, entstehen Leerstellen, die zum Spannungsaufbau beitragen. Da die Autorin das innerfamiliäre Schweigen gleichsam zur leitenden Maxime ihres Erzählens gemacht hat, gibt es in diesem Roman kaum ein überflüssiges Wort. Die Autorin setzt Sprache sparsam ein, und doch erzählt sie mit ihren präzisen Formulierungen so viel über eine Generation, die sich von der Familie lösen muss, um zu dieser Familie zu finden. Ob es gelingt, die transgenerationalen Traumata zu heilen und für Olivia einen Ort in ihrer eigenen, aber auch der Herkunftsfamilie zu finden, ist die zentrale Frage, die der Roman zu beantworten sucht.
Lina Schwenks Blinde Geister liest sich wie ein später Verwandter der Familienromane der frühen 2000er Jahre, wie Tanja Dückers Roman Himmelskörper (2003) oder Ulla Hahns Unscharfe Bilder (2003). Damals wurde in Folge der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialgeschichte und rund um das Erscheinen der Novelle Im Krebsgang (2002) von Günter Grass nicht nur die Frage gestellt, ob in Deutschland aus der Perspektive der Opfer erzählt werden darf, sondern es wurde in fiktionalen Darstellungen versucht, das Verhältnis zur Eltern- und Großelterngeneration auszuloten. Dabei wurde nun weniger die Täterperspektive behandelt, wie sie die 68er-Generation in den Fokus rückte, sondern es wurde versucht, das komplexe Verhältnis von Opfern und Tätern auszuloten und mit den eigenen familiären Erfahrungen in Einklang zu bringen.
Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zu den genannten Romanen: Nach fast 80 Jahren mehr oder weniger friedlicher Koexistenz in Europa herrscht wieder Krieg. Für Lina Schwenks Protagonistin Olivia stellt der Ukraine-Krieg noch einmal alles in Frage. Dass die Wunden des Zweiten Weltkriegs noch lange nicht verheilt sind, führt diese einfühlsame Frauenbiographie eindrucksvoll vor Augen.
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