Der transdisziplinäre Blick

Ottmar Ette und Kolleg*innen berichten im „Humboldt-Handbuch“ von Leben und Wirken Alexander von Humboldts und vor allem über die „Humboldtian Science“

Von Tobias WeilandtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tobias Weilandt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit einigen Jahren ist ein zunehmender Hype um das Werk, viel mehr aber noch um die Person Alexander von Humboldts zu beobachten. Befeuert wird dieser durch zahlreiche populärwissenschaftliche Publikationen, wie zuletzt der charmant konzipierte Band Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Andrea Wulf. Mit Alexander von Humboldt-Handbuch. Leben Werk Wirkung legt Ottmar Ette, einer der renommiertesten Humboldtforscher, nun ein Buch vor, das es in sich hat. Auf 331 Seiten erhält die Leserin und der Leser einen Überblick über die aktuelle Humboldt-Forschung. Dabei hat sich Ette Unterstützung von Vertreter*innen zahlreicher Disziplinen geholt, die einen Blick auf Humboldts Werk und Wirken werfen. Versammelt sind hier u.a. Sprachwissenschaftler*innen, Kunstwissenschaftler*innen, Literaturwissenschaftler*innen, Botaniker*innen und Wissenschaftshistoriker*innen.

Das Humboldt-Handbuch richtet sich an ein „weit gefächertes Lesepublikum“, wie dem Vorwort zu entnehmen ist. Um aber tatsächlich die versammelten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse auch einem interessierten Laienpublikum zugänglich zu machen, ist der Preis des Buches mit 99,99 Euro wohl etwas hoch angesetzt. Als rein wissenschaftliches Kompendium mit insgesamt 38 Kapiteln ist der Preis aber durchaus angemessen  und es bietet eine erkenntnisreiche Reise durch Humboldts Œuvre.

Der Band ist in insgesamt sechs Oberkapitel plus Einführung unterteilt, die Licht auf das Leben und Werk von Humboldt werfen, wissenschaftliche Hintergründe beleuchten, seine Weise der Wissensvermittlung untersuchen, seine Weggefährten (Beiträge u.a. über die Französischen Wissenschaftler von Marie-N. Bourguet) vorstellen und seine Wirkungen (u.a. über Humboldt-Ausstellungen von Sandra Rebok) herausarbeiten.

Zentral für die vorliegende Wissenschaftsanthologie ist der Aufsatz Die Humboldtsche Wissenschaft Ottmar Ettes. Hierin umfasst er die theoretischen Hintergründe und die Wissenschaftspraxis Humboldts, wie sie von Susan Cannon einst als Humboldtian Science subsummiert wurden. Alexander von Humboldt war ein wissenschaftlicher Tausendsassa, der sich auf einer Vielzahl von Fachgebieten auskannte, in diversen Disziplinen parierte und sogar einige Fächer überhaupt erst begründete. Die Artikel zu den einzelnen Gebieten, wie Ästhetik (Hartmut Böhme), Sprachwissenschaft (Jürgen Trabant) und Popularisierung des Wissens (Andreas W. Daum) rekurrieren in ihren Ausführungen immer wieder auf die Humboldtian Science.

Im gleichnamigen Beitrag Ottmar Ettes zählt er nicht weniger als 34(!) Disziplinen auf, zu denen Humboldt Entscheidendes beitrug. Darunter zählen Wissenschaften wie Altamerikanistik, Philosophie, Archäologie, Biologie und kleinere Fächer, wie Geognosie, Seefahrtskunde, Bergbaukunde und Kameralistik. Laut Eberhard Knobloch, der über das naturwissenschaftliche Schaffen Humboldts berichtet, gilt der Berliner Forschungsreisende als der Begründer der Klimatologie. Mithin schreibt H. Walter Lack in seinem Aufsatz Botanik Humboldt Gründerfunktion für das Fach der Pflanzengeographie zu.

War Alexander von Humboldt in seiner ersten Schaffensphase noch fokussiert auf einige wenige Wissenschaften, wie die Bergbaukunde, entwickelte er im Laufe seiner Amerikareise (1799-1804) eine eigene Wissenschaftspraxis auf der Grundlage einer eigenständigen Epistemologie. Mehr und mehr stellte sich ein „programmatisches Zusammendenken“ verschiedenster Wissenschaftslogiken heraus, die heute unter dem Label Humboldtian Science rangieren. Die Humboldtsche Wissenschaft darf jedoch nicht als eigenständige Wissenschaft verstanden werden, vielmehr bezeichnet sie ein Wissenschaftskonglomerat. Sie ist eine Wissenschaftskonstellation, die empirisch verfährt und mit enormen Datenmengen arbeitet, so Ette. Ihre Komplexität erfährt sie aber nicht nur aus den Datenmengen, sondern auch aufgrund ihrer immanenten Offenheit der Perspektive. Unter ständig wechselnden Gesichtspunkten versucht sie Natur und Kultur zusammen zu denken. Ihr haftet nichts Statisches an, sondern sie ist eine „Wissenschaft aus der Bewegung“ (Ette), die ihre Forschungsgegenstände und ihre Methoden mit der „Mobilität  eines reisenden Forschungssubjekts verbindet, das die sich ebenfalls in Bewegung befindlichen Objekte somit in einer sich überlagernden Bewegungsdynamik erfasst.“ (Ette) Alles, und das ist der Kern der Humboldtian Science, ist in Bewegung und steht in einem korrelativen Wirkungsverhältnis zueinander: Gegenstand, Methode und Subjekt.

Ette arbeitet insgesamt zehn Charakteristika für die Humboldtsche Wissenschaft heraus: Sie ist eine transdisziplinäre (1) Lebenswissenschaft (2) mit transarealen Zügen (3), kosmopolitisch (4) und interkulturell (5) ausgerichtet. Eine Vernetzungswissenschaft (6), die mit unterschiedlichen Medien und Medienkombinationen arbeitet, weshalb sie als fraktal (7) und inter- und transmedial (8) bezeichnet wird. Sie birgt eine eigene wissenschaftspolitische (9) Dimension und hat zum Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen und so einen Beitrag zur Demokratisierung des Wissens (10) zu leisten.

Demnach umfasst die Humboldtian Science keine Addition des Wissens, sondern eine eigentümliche Verquickung von Disziplinen und deren Ergebnissen. Kein Nebeneinander der Forschungsgegenstände aus dem Blick einer einzelnen Wissenschaft, sondern die tatsächliche Verbindung der zahllosen Epistemologien und Methoden – ein Zusammendenken also.

Dennoch war sich laut Ette Humboldt stets bewusst, wessen Geistes Kind er war. Sein kultureller Hintergrund, seine Denkweisen, seine angeeigneten Wissenstraditionen waren durchweg vom Abendland geprägt. Und dennoch versuchte er, seine abendländischen Denkmuster zu überwinden. Neben der Selbstreflexion über das eigene kulturelle Gepräge, sollte ihm dies vor allem durch den regen Austausch mit nicht-europäischen Forscherkollegen gelingen. 30.000 Briefe, aus zum Großteil wissenschaftlichen Korrespondenzen bestehend, geben Zeugnis über sein Vorhaben ein kosmopolitisches und kulturrelativistisches Denken zu entwickeln. Hierfür, so stellt es Jürgen Trabant in seinem Beitrag Sprachwissenschaft heraus, war die hohe Sprachkompetenz Humboldts ein Grundbaustein. Nicht nur, dass er in den gängigen westeuropäischen Sprachen las und zitierte, er lernte zudem im Rahmen von Reisevorbereitungen u.a. Persisch und Russisch. Nachweislich parlierte er ebenfalls in einigen indigenen Idiomen.

Die fraktalen und transmedialen Eigenschaften der Humboldtian Science umfassen u.a. den Einsatz von Visualisierungen und Visibilisierungen sowie die gekonnte Kombination von Schrift und Bild. Alexander von Humboldt gilt als Pionier der Wissenschaftsvisualisierungen und der „ästhetischen Inszenierung wissenschaftlicher Erkenntnisse“, so Oliver Lubrich in seinem 2019 erschienen Band Alexander von Humboldt. Das graphische Gesamtwerk. Vor allem ist es das Medium der Infographik, dessen „Erfindung“ Bildungsexpert*innen motiviert, den Namen Humboldt in modernen eLearning-Kontexten zu nennen. Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme stellt in seinem Artikel im vorliegenden Humboldt-Handbuch gar das Naturgemälde als die „finale Synthesis der ‚Humboldtian Science‘“ dar. Der Begriff Naturgemälde wird hier als Verbindung wissenschaftlicher Einsichten und deren visueller Darstellung aufgefasst, der letztlich im Naturgenuss ausläuft. Es sind laut Böhme nicht die rein mimetischen Darstellungen, die Humboldt zeigen will, sondern die Gefühle des Schönen und Erhabenen sollen transportiert und beim Betrachter motiviert werden: „Durchaus geht es um eine Ausdruckslehre von Landschaft.“

Bereits im Alltag gelten Ausdrücke wie Bildlichkeit oder Anschaulichkeit als Synonyme für Verständlichkeit. So sind Bilder bereits seit langer Zeit ein beliebtes Medium der Popularisierung von wissenschaftlichen Inhalten mit all ihren didaktischen Vorteilen gegenüber dem Skripturalen. Daneben ist es gleichfalls Humboldts eigentümlicher Schreibstil, der sein Übriges zu einer Demokratisierung des Wissens beiträgt. Hier ist es wiederum der Literaturwissenschaftler Ottmar Ette, der in Das Humboldtsche Schreiben zeigt, wie die Anforderungen an wissenschaftliches Schreiben mit einem literarischen Stil kombiniert wurden, um ein breites Publikum für seine Erkenntnisse zu begeistern. Dies gelingt Humboldt u.a. durch die Bildung einer erzählerischen Perspektive.

Ist zudem, so Ette, die Humboldtian Science eine „Wissenschaft aus der Bewegung“, so ist das Humboldtian Writing ein Schreiben strukturiert durch die Reisen Humboldts. Ette notiert hierzu:

In der oft von ihm evozierten Figur des Reisenden und Wanderers, der die verschiedenartigsten Landschaften durchquert, finden sich Grundelemente eines Schreibens aus der Bewegung […]. Die ästhetische Behandlung unterschiedlichster Gegenstände greift damit auf Formen reiseliterarischer Texte zurück, welche dem Humboldtschen Ideal eines „Schreibens im Angesicht der Dinge“ folgen.

Bereits zu Lebzeiten kam Humboldts Werk eine „zentrale Rolle“ für die Popularisierung von Wissen zu. Andreas W. Daum betont, dass er geradezu als Trendsetter galt, Wissen breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, was sicherlich auch einer der Gründe für die Beliebtheit seiner Werke war und bis heute ist.

Ein Manko des vorliegenden Sammelbandes ist allerdings, dass trotz seiner umfangreichen Bearbeitung der Werke und Beiträge zu vielen Wissenschaften Humboldts der schwarze Fleck auf seiner Amerika-Reise gänzlich unberührt bleibt: Humboldt besuchte im heutigen Venezuela eine Grabstätte des Volkes der Atura und konnte es nicht lassen, eine heilige Grabstätte, trotz Widerstand durch die ihn begleitenden Guides, zu entweihen und „mehrere Schädel und das vollständige Skelett eines bejahrten Mannes“ (A. v. Humboldt) mitzunehmen. Auch wenn ihn diese Tat nachträglich reute, ist die Humboldtforschung m.E. in der Pflicht, sich zu diesem Vergehen zu verhalten.

Sieht man hiervon ab, ist das Humboldt-Handbuch exzellent und sei jedem Humboldt-Aficionado ans Herz gelegt. Durch die Mitarbeit renommierter Forscher*innen und vereinzelten Nachwuchswissenschaftler*innen aus den verschiedensten Disziplinen ist ein beeindruckendes Kompendium entstanden, das einen Überblick über die aktuelle Humboldt-Forschung gibt.

Titelbild

Ottmar Ette (Hg.): Alexander von Humboldt-Handbuch . Leben – Werk – Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2018.
339 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-13: 9783476045218

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