Wir müssen etwas tun

Jonathan Safran Foers „We are the Weather!“ ist ein Aufruf, alte Gewohnheiten zu überdenken

Von Laura HarffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Laura Harff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt einen Satz – vier Worte –, mit denen sich der aktuelle Zeitgeist nahezu perfekt beschreiben lässt. Angesichts von Wetterextremen, Überschwemmungen, sterbenden Korallenriffen und der Zerstörung des Amazonas greifen wir alle danach, sprechen die Worte und fühlen uns, wenn auch nicht unbedingt besser, so doch bestärkt in unserem gemeinschaftlichen guten Willen: Wir müssen etwas tun.

Doch was ist dieses ‚etwas‘, das wir tun müssen? Wir, wir sind doch klein und unbedeutend. Was können wir schon ausrichten? Etwas tun, das müssen die Erdöl- und Kohleunternehmen, die Autoindustrie und die Politik. Es ist dieser innere Kampf, den Jonathan Safran Foer in We are the Weather! Saving the Planet Begins at Breakfast, das im Deutschen den etwas optimistischeren Titel Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können trägt, auf dem Papier ausficht – und zwar, um das Urteil vorwegzunehmen, ziemlich erfolgreich.

In seinem Aufbau erinnert Foers zweites autobiographisch motiviertes Sachbuch stark an das erste, das 2009 unter dem Titel Eating Animals (dt. Tiere essen) erschien und seinen persönlichen Weg zum Vegetarismus, bzw. – wie sich nun herausstellt – zum Flexitarismus darstellt. Kurze Essays mit Kapiteltiteln und persönlichen Anekdoten, die auf den ersten Blick wenig und auf den zweiten alles mit der Thematik zu tun haben (Beispiele folgen!), werden dieses Mal jedoch von einem 27-seitigen rein informativen Abschnitt mit dem mobilisierenden Titel How to prevent the greatest dying unterbrochen:

Since the advent of agriculture, approximately twelve thousand years ago, humans have destroyed 83 percent of all wild mammals and half of all plants. […] Sixty percent of all mammals on Earth are animals raised for food. […] Trees are ‚carbon sinks,‘ which means they absorb CO2. […] By most accounts, deforestation in tropical rainforests adds more carbon dioxide to the atmosphere than the sum total of cars and trucks on the world’s roads. […] Animal agriculture is responsible for 91 percent of Amazonian deforestation. […] Livestock are the leading source of methane emissions. […] Changing how we eat will not be enough, on its own, to save the planet, but we cannot save the planet without changing how we eat.

Diese Zitatebilden nur einen Bruchteil der hier präsentierten Fakten zur Klimakrise, die Foer für We are the Weather! zusammengetragen hat und die allein uns zu einem Umdenken bewegen sollten. Trotzdem ist gerade dieser zweite von insgesamt fünf Teilvon Foers ausgezeichnetem Buch dazu verdammt, selbst aufmerksamen Leser*innen am Ende am wenigsten präsent geblieben zu sein.

Man erinnert sich an Foers Beispiele, in denen (zum Teil außergewöhnliches) menschliches Verhalten die Geschichte veränderte. Man erinnert sich an Jan Karskis gescheiterten Versuch 1943 in Washington, den Beistand des jüdischen Verfassungsrichters Felix Frankfurter im Kampf gegen das deutsche Naziregime und die Verbrechen des Holocausts zu gewinnen. Man erinnert sich an das Elvis-Konzert, bei dem der „King of Rock and Roll“ sich öffentlich gegen Polio impfen ließ und damit einen (weiteren) bedeutenden Grundstein in der Bekämpfung einer Krankheit legte, die in der allgemeinen Auffassung nur Kinder befiel. Und man erinnert sich an Thomas Boyle, Jr., dem es unter dem Einfluss von Adrenalin gelang, das Auto anzuheben, unter dem der 18-jährige Kyle Holtraust eingeklemmt war – ein Umstand, der dem Jungen das Leben rettete. 

Warum also, warum tendieren wir dazu, gerade den vielleicht bedeutendsten Abschnitt des Buches wieder zu vergessen? Auch hierauf kennt Foer die Antwort: „[T]he planetary crisis hasn’t proved to be a good story. […] It seems fundamentally impossible to pull the catastrophe from over there in our contemplations to right here in our hearts.” Der Mensch reagiere vielmehr auf akute Gefahr, lasse sich von Emotionen bewegen. Einzelschicksale berühren uns mehr als die Bedrohung unseres Planeten durch eine Krise, deren Ausmaß wir uns nicht vorstellen können und die außerdem weit entfernt zu sein scheint.

Aus diesem Grund erforscht Foer eben nicht nur die Folgen der Klimakrise, sondern auch die menschliche Natur mit ihren Höhen und Tiefen, und scheut dabei auch nicht vor den eigenen seelischen Abgründen zurück. Hierin liegt letztendlich auch die eigentliche Macht des Buches, denn obwohl es sich bei We are the Weather! um ein Sachbuch über die Auswirkung von industrieller Tierhaltung auf die Umwelt handelt (wie der Autor erst auf Seite 64 verrät) und Foer für eine rein pflanzliche Ernährung plädiert (was mittlerweile keine Neuigkeit mehr sein dürfte), erinnert das Buch weniger an einen erhobenen Zeigefinger als an eine ausgestreckte Hand und die freundschaftliche Aussage: We are in this together.

Da Foer weiß, dass das Gegenteil von jemandem, der viele tierische Produkte konsumiert, nicht etwa ein*e Veganer*in ist, sondern jemand, der tierische Produkte bewusst konsumiert, beschränkt sich sein Vorschlag einer rein pflanzlichen Ernährung auf zwei von drei Mahlzeiten: Frühstück und Mittagessen – ein begrüßenswerter Kompromiss, der leicht umzusetzen sein dürfte.

Eine der hilfreichsten Ideen, um dieses Ziel zu erreichen, findet sich hierbei im vierten Teil, Dispute with the Soul. „Instead of imagining all the meals ahead of you, focus on the meal in front of you. Don’t give up burgers for the rest of your life. Just order something different this one time. It’s hard to change lifelong habits, but it’s not hard to change one meal.”

We are the Weather! endet, wenn auch nicht mit einem Hoffnungsschimmer, doch auf einer positiven Note. Denn anstelle von Hoffnung hat Foer uns etwas viel Wichtigeres mit auf den Weg gegeben: den Mut weiterzumachen, den Wunsch das Richtige zu tun, obwohl die Welt – unsere Blue Marble – wie wir sie kennen, bereits verloren ist. Und darin ist er Autoren wie Roy Scranton, die dem Ende unserer Zivilisation mit Resignation begegnen, um ein Vielfaches voraus. Dessen pessimistischem Ausblick, „The biggest problem we face is a philosophical one: understanding that this civilization is already dead“, setzt er folgende Worte entgegen: „The biggest challenge is to save as much as we can: as many trees, as many species, as many lives – soon, speedily, and without delay.”

Fest steht: Wir müssen etwas tun. Und zwar jetzt!

Titelbild

Jonathan Safran Foer: We Are the Weather. Saving the Planet Begins at Breakfast.
Englisch.
Hamish Hamilton, London 2019.
288 Seiten, 9,49 EUR.
ISBN-13: 9780241363331

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Titelbild

Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können.
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019.
327 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783462053210

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