Lesevergnügen und Bücherlust

Die Theaterkritiken von Theodor Fontane in einer neuen wissenschaftlichen Standard-Ausgabe

Von Klaus-Peter MöllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus-Peter Möller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr hat die Editionswissenschaft ihr Geburtstagsgeschenk auf dem Gabentisch erscheinen lassen: Theodor Fontane Theaterkritik 1870-1894, 3000 Seiten, ein Kubus von vier Bänden, drei davon die Texte enthaltend, der vierte Kommentar und Apparat: Lesevergnügen, Bücherlust und neue wissenschaftliche Standard-Ausgabe in einem.

Mit der vierbändigen Ausgabe der Theaterkritiken eröffnet die im Aufbau-Verlag erscheinende Große Brandenburger Ausgabe (GBA) ihre Abteilung Das kritische Werk. Die GBA, 1994 von Gotthard Erler als Relaunch der bis dahin in diesem Verlag erschienenen Fontane-Ausgaben begonnen, wird seit 2014 durch Gabriele Radecke und Heinrich Detering an der Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen fortgeführt. Die Ausgabe umfasst inzwischen folgende Abteilungen:

I. Das erzählerische Werk (20 Bände); die Fragmente sind als Band 21 in Vorbereitung angekündigt
II. Gedichte (3 Bände)
III. Das autobiographische Werk (davon erschienen Band 3 Von Zwanzig bis Dreißig)
IV. Das reiseliterarische Werk (davon erschienen Band 2 Jenseit des Tweed)
V. Wanderungen durch die Mark Brandenburg (8 Bände)
VIII. Das kritische Werk (davon erschienen die Bände 2-5 mit den hier zu besprechenden Theaterkritiken)
XI. Tage- und Reisetagebücher (3 Bände)
XII. Briefe (darin erschienen: Der Ehebriefwechsel, 3 Bände).

Das sind 43 Bände, aneinandergereiht bereits jetzt fast 2 Regalmeter füllend. Über 75 Bände sollen es einmal werden. Die GBA ist ein weiterer anspruchsvoller Versuch, eine zuverlässige Grundlage für die Erforschung und Rezeption des Werkes Fontanes zu erarbeiten, das aufgrund seiner Quantität, seiner Vielfalt und der komplizierten Überlieferungslage editorisch noch nie vollständig erschlossen wurde. Alle bisherigen Gesamtausgaben sind unvollständig geblieben. Als lebendiges Laboratorium und wissenschaftliches Großprojekt verdient die GBA die Aufmerksamkeit und die Unterstützung der Wissenschaftler, der bestandshaltenden und wissenschaftlichen Institutionen und der forschungsfördernden Stiftungen und Institutionen. Es gibt kein vergleichbares Editionsprojekt zu Fontane mit ähnlich hohen Ansprüchen und editorischen Standards, die sich im Laufe der Edition entwickelten. Die GBA gehört zu den Glanzstücken des Aufbau-Verlags, der sich eine Zeit lang stolz Fontane-Verlag nannte. Sie hat in sämtlichen bisher erschienenen Teilen alle anderen Editionen als Standard-Ausgabe abgelöst. Die Ausgabe ist verhältnismäßig preiswert und bedient zugleich die wissenschaftliche wie die anspruchsvolle populäre Rezeption. Die einzelnen Bände, Abteilungen bzw. Teile davon wie die Theaterkritiken sind jeweils auch separat zu beziehen und verwendbar. Die Bände 1 bis 4 der Theaterkritiken sind zugleich die Bände 2 bis 5 des kritischen Werkes, was eine gewisse Verwechselungsgefahr mit sich bringt.

Fontanes Theaterkritiken wurden erstmals 1905 von Paul Schlenther in der Auswahlausgabe Causerien über Theater (XX, 451 S.) gesammelt herausgegeben. Der Band erschien im Verlag von  Fontanes Sohn Friedrich als eine der von den Erben veranlassten und von der Nachlass-Kommission verantworteten Nachlass-Editionen. 1925 brachten Fontanes Söhne Theodor und Friedrich Fontane unter Mitarbeit von Paul Dobert eine wesentlich erweiterte Ausgabe dieser Auswahl heraus, der sie den ihrer Meinung nach besser verständlichen Titel Plaudereien über Theater gaben. Von dieser auf zwei Bände konzipierten Edition ist nur der erste Band erschienen (XXIV, 625 S., mit 10 Bildtafeln), die Materialsammlung für den nicht erschienenen zweiten Band findet sich noch im Theodor-Fontane-Archiv (Signatur Pa 3). Auch dieser umfangreichere Band erschien bei F. Fontane & Co. Er knüpft durch die Auflagenbezeichnung 4. u. 5. Tausend unmittelbar an die Ausgabe von 1905 an, von der unter dem Titeljahr 1905 noch eine 2. und eine 3. Auflage erschienen war. Während die Darbietung der Texte wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen kann, sind die Anmerkungen dieser Ausgaben eine Material-Fundgrube. Paul Schlenther und Fontanes Söhne verfügten über Wissen aus erster Hand, und sie konnten Material aus Fontanes Nachlass benutzen, das heute nicht mehr zur Verfügung steht. Die Kommentare dieser beiden Ausgaben und die Material-Dokumentation machen sie bis heute wertvoll und für die Forschung unverzichtbar.

Die erste kritische Ausgabe der Theaterkritiken erschien 1967 im Rahmen der Nymphenburger Ausgabe (Bd. 22, 1-3). Sie wurde von dem Theaterwissenschaftler und -Praktiker Edgar Groß (1886-1970) unter Mitarbeit von Rainer Bachmann herausgegeben, die in der Texterschließung und Kommentierung Maßgebliches geleistet haben. Das wird auch von der GBA anerkannt (Bd. 4, S. 722), obwohl die eine Seite zuvor gegebene Einschätzung dazu im Widerspruch steht. Sämtliche ermittelten Texte wurden vollständig nach den Erstdrucken in chronologischer Reihenfolge ihrer Entstehung ediert und ausführlich kommentiert. Edgar Groß kehrte zu dem von Paul Schlenther verwendeten Titel Causerien über Theater zurück, weil dieser „das Wesen Fontanescher Kritik so treffend kennzeichnet“ (Bd. 3, S. 264). Die im Kommentar der Plaudereien von 1925 abgedruckten Korrespondenzstücke wurden in einem eigenen Anhang „Briefe“ zusammengefasst. Überhaupt ist diese Ausgabe klar und übersichtlich strukturiert.

Der 1969 erschienene umfangreiche Band 2 der Abteilung III der Hanser-Ausgabe bietet dagegen nur eine Auswahl der Theaterkritiken Fontanes und beschränkt sich auf Rezensionen, die „von der Art der Darstellung oder dem Gegenstand her bedeutsam erschienen“ und die „als literarische Leistung Eigenwert“ besitzen (S. 863). Die aufgenommenen Texte sind ungekürzt, die Anordnung erfolgte chronologisch nach den Aufführungsdaten. Siegmar Gerndt zeichnete für diese Ausgabe verantwortlich, von der im Ullstein-Verlag auch eine Lizenz-Ausgabe erschienen ist (4 Bände 1979). Die Textauswahl dieser Ausgabe ist willkürlich, die Kommentare sind durch ausführliche Zitate aus Briefen und Nachtkritiken (Vornotizen) aufgebläht.

Die GBA hat die Editionsgeschichte der Theaterkritiken nochmals von den Grundlagen her vollständig aufgearbeitet. Sie bietet eine zuverlässige Text-Edition nach den Erstdrucken und einen umfassenden Apparat. Überall profitiert diese Ausgabe vom Fleiß und der Umsicht, mit denen Debora Helmer und ihre Helfer dieses Text- und Datengebirge zusammengetragen und ediert haben, von der editionswissenschaftlichen Kompetenz und Erfahrung von Gabriele Radecke, die die Göttinger Arbeitsstelle gemeinsam mit Heinrich Detering am Seminar für Deutsche Philologie aufgebaut hat, sowie von der Kooperation mit den verschiedenen theaterwissenschaftlichen Institutionen und bestandshaltenden Museen und Archiven. Das edierte Textkorpus entspricht im Wesentlichen den Theaterrezensionen, die Theodor Fontane in seinem Amt als Theaterkritiker der Vossischen Zeitung von August 1870 bis Ende 1889 geschrieben hat; danach hat er noch bis zum Ende der Saison über die Aufführungen des Vereins Freie Bühne berichtet; die Kritik der Weber von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1894 ist ein Nachzügler. Der Zuwachs der GBA gegenüber der Nymphenburger Ausgabe beträgt etwa 3,5 % der als Theaterkritiken klassifizierten Texte und ist der vorangegangenen Verzeichnisarbeit der Fontane-Bibliographie von Wolfgang Rasch (2006, für die Online-Version 2019 aktualisiert) zu verdanken.

Am Ende des dritten Bandes der Ausgabe der Theaterkritiken werden in einer eigenen Abteilung weitere Texte präsentiert, die zum „Theaterkram“ gehören, wie Fontane sich ausdrückte, und die zeigen, wie die Gattung über die eigenen, klar umrissenen Grenzen hinausgreift. Es handelt sich um Dokumente, die im Vor- und Umfeld der Tätigkeit Fontanes als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung entstanden sind und die in dieser Ausgabe nicht fehlen durften. Einige der in der NFA enthaltenen Texte wurden in diese Abteilung eingeordnet, weil sie aus formalen oder inhaltlichen Gründen nicht als Theaterkritiken angesehen wurden. Ein Text wurde völlig ausgeschieden, weil die Verfasserschaft Fontanes anzuzweifeln ist.

Der Gewinn der neuen Ausgabe gegenüber der 50 Jahre zuvor erschienenen NFA besteht nicht nur in der Ergänzung der inzwischen neu ermittelten Texte und der Textkonstitution nach modernen editionswissenschaftlichen Kriterien, sondern auch in der Kommentierung, die alle notwendigen Informationen verfügbar macht und die Kritiken mit großem Aufwand kontextualisiert.

Die Textkonstitution für die GBA erfolgte in der Regel nach den Erstdrucken. Auf die berühmte Stellungnahme Fontanes zu Gerhart Hauptmanns Die Weber (Nr. 649) trifft dies aber offensichtlich nicht zu. Ein Exemplar des Erstdrucks im Salon-Feuilleton ist nirgends nachweisbar. Der Kommentar der GBA blieb den Nachweis ebenfalls schuldig. Man muss sich also fragen, nach welcher Vorlage dieser Text eigentlich ediert wurde.

Der Apparat der Ausgabe ist klar und übersichtlich strukturiert, lässt sich problemlos benutzen, organisiert die nötigen Informationen evident und erschließt und kommentiert die Kritiken auf sinnvolle Weise. Durch die Ordnungsnummern und die Kopfzeilen wird das Material klar geordnet, allerdings scheint eine Angabe der Übersetzer an dieser Stelle entbehrlich. Ausgesprochen nützlich sind die zu jeder Kritik zusammengestellten Angaben zur Editions- und Aufführungsgeschichte der rezensierten Theaterstücke, zur Inszenierung (Direktion, Schauspieler), zur Überlieferung und Editionsgeschichte der edierten Texte und zu ihrer Verzeichnung in der Bibliographie sowie die Hinweise auf weiteres Material wie Theaterzettel. Sämtliche ermittelten handschriftlichen Notizen und Entwürfe sind verzeichnet, in Fällen, wo die Urteile der publizierten Kritik signifikant von den Notizen und Entwürfen abweichen, wurden Auszüge aus den Handschriften im Kommentar abgedruckt. Das ist keine Selbstverständlichkeit; dieser Teil der Überlieferung ist besonders schwer zu erschließen. Im globalen Kommentar wird das Besondere von Fontanes Rezensionen im Vergleich mit den Konkurrenz-Kritiken von Karl Frenzel (National-Zeitung), Friedrich Adami (Kreuz-Zeitung) und Paul Lindau (Gegenwart)herausgearbeitet. Eine ausführliche Übersicht der Materialien ist im Internet einsehbar (http://www.uni-goettingen.de/de/dokumente/535788.html).

Die Einleitung, die Debora Helmer geschrieben hat, ist eine exzellente Einführung in das Thema, und ihre Stellen-Kommentare sind überall hilfreich und nützlich, wenn sie auch nicht in allen Fällen das gesamte Spezialwissen aufzuarbeiten vermögen. Im Kommentar zur Kritik der festlichen Schiller-Aufführung vom 10. November 1871 (Nr. 28) wird der Berliner Zweigverein der Deutschen Schiller-Stiftung überhaupt nicht erwähnt, die mit einem solennen Festakt gefeierte Enthüllung des Schiller-Denkmals lediglich durch einen Querverweis auf einen Kommentar zu Nr. 20, dem aber auch nichts über den Festakt der Enthüllung zu entnehmen ist. Und wenn schon das Lemma „fiel endlich“ kommentiert wird, wäre es sinnvoll gewesen, an die lange Verhüllungszeit zu erinnern. Das Denkmal stand bereits seit fast einem Jahr fertig und von einem Bauzaun verhüllt auf dem Platz vor dem Schauspielhaus, worüber nicht nur der Kladderadatsch spottete.

Keine Information findet sich in der Edition über die Quelle für die statistischen Jahresrückblicke, die im Kommentarband jeweils in den Jahresfugen abgedruckt sind und die Gastspiele und Änderungen im Ensemble des Königlichen Schauspielhauses zusammenfassen. Auf Nachfrage teilte Debora Helmer mit, dass diese Texte der Zeitschrift Statistischer Rückblick auf die Königlichen Theater zu Berlin, Hannover, Kassel und Wiesbaden (ZDB-ID 749342-3 https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=014052350) entnommen sind.

Sicher lassen sich weitere Kritikpunkte an einzelnen Bänden und an der gesamten Ausgabe finden. Sie erscheinen klein angesichts der insgesamt überzeugenden Editionsleistung und sie verweisen in der Regel auf Defizite, die von der Forschung noch nicht hinreichend aufgearbeitet sind.

Hinweis der Redaktion: Eine ausführlichere Fassung dieser Rezension erscheint im nächsten Heft (108) der „Fontane Blätter“.

 

Titelbild

Theodor Fontane: Theaterkritik 1870-1894. Große Brandenburger Ausgabe: Band 1. Kritiken 1870-1877 / Band 2. Kritiken 1878-1882 / Band 3. Kritiken 1883-1894 und weitere Texte / Band 4. Kommentar.
Herausgegeben von Debora Helmer und Gabriele Radecke in Zusammenarbeit mit der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen.
Aufbau Verlag, Berlin 2018.
3104 Seiten, 180 EUR.
ISBN-13: 9783351037376

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