Über das praktizierte Recht nicht zu funktionieren
Franquins “Gaston” wird nun doch fortgesetzt
Von Walter Delabar
Fast 30 Jahre war Pause, nun aber kehren sie zurück: der Chaot Gaston und sein Erfinder und Zeichner André Franquin. Gewissermaßen. Denn sicher, Franquin, der einer der einflussreichsten Zeichner der Nachkriegsgeschichte des Comics ist, ist 1997 gestorben. Aber sein Werk bleibt, eben auch jener Gaston Lagaffe, der immerhin eine Geschichte von 40 Jahren hat. Und immer noch aktuell ist: Denn Gaston Lagaffe lässt sich ohne weiteres in jene Debatten um querulatorische, unaufmerksame und dysfunktionale Zeitgenossen (vor allem jüngerer Jahre) einordnen, die sich allerorten finden lassen und Betriebe, Schulen, Eltern und teils auch Mediziner in Atem halten. ADHS oder wie auch immer, unsere Welt lebt davon, von Leuten aller Art vor allem zu erwarten, wenn nicht zu verlangen, dass sie funktionieren, mitmachen und erfüllen, was an Aufgaben an sie gestellt wird. Die Tagespost beispielsweise – wo man doch viel Wichtigeres zu tun hat.
Der 22. Gaston-Sammelband, den sein deutscher Verlag Carlsen im Jahr 2024 publiziert hat (die französischsprachige Ausgabe gab’s im Jahr zuvor), nimmt den Faden der vorherigen 21 Bände wieder auf. Denn Gaston ist heute und vor allem in Deutschland ein Phänomen der Sammelbände und nicht der Einzelstrips, die in Zeitschriften oder Tageszeitungen erscheinen (so wie Flix in der FAZ oder TOM in der TAZ). Keine Ahnung, obs „Fix und Foxi“ heute noch gibt, oder irgendeine der Comiczeitschriften, die zu meiner Zeit noch begehrlich erwartet wurden, etwa auch die frankophone Schwester „Spirou“. Sie wären freilich auch kein geeignetes Objekt erwachsener Lesebegierde. Dann doch lieber der Sammelband, der mit angemessener Würde zur Hand genommen, mit Vergnügen gelesen und in die Sammlung eingereiht werden kann. Und da bietet Carlsen im Falle Gaston immerhin eine gute, nunmehr 22 Bände umfassende Sammlung.
Dabei sollte eigentlich mit dem 21. Band Schluss sein. Im Jahr 1996 zeichnete Franquin das 913. Blatt seiner Gastons, so zumindest die knappe Notiz am Ende des 21. Bandes. 1000 hätte er demnach gern hinbekommen, einigermaßen kurz vor dem Ziel aber war Schluss. Endgültig, denn wie zu lesen ist, verfügte Franquin wie in anderen Fällen auch, dass Gaston nach seinem Tod 1997 nicht weitergeschrieben und gezeichnet werden sollte. So ist dann der 21. Band, treffend Letzte Katastrophen überschrieben, so etwas wie ein Nachlass, ein letztes Gaston-Beben, das jedes Büro zum Erschüttern gebracht hätte. Eine letzte Durchsicht Gastonscher Katastrophen also, die man sehenden Auges auf sich (oder ihn) zukommen sieht. Die letzte, noch nicht kolorierte Zeichnung zeigt den ewigen Flic, der hinter der qualmenden Schrottkarre Gastons (ein schwarzgelber Fiat 509, sagt Wikipedia) mit dem Rad herhechelt, um sie hinterher im Krankenwagen zu überholen. Das ist schon nett.
© Franquin, Gaston / Carlsen Verlag, 2019.
Dabei ist es nicht geblieben, wie Reihen wie Spirou und Fantasio oder das Marsupilami demonstrieren. Im Fall Gastons erhält das aber eine besondere Note, denn nicht nur Gaston kommt aus einem langen Urlaub in die Redaktion, sondern auch sein Schöpfer kehrt aus dem Grab zurück. Denn Franquins Nachfolger Delaf, bürgerlich Marc Delafontaine, der den dynamischen Strich seines Vorbilds ziemlich gut trifft und zugleich weiterentwickelt, zeichnet nicht nur die üblichen seitenweisen Katastrophen, in die Gaston sein Büro führt. Er baut zugleich eine stripübergreifende Geschichte ein, wie in jenen Krimiserien, die in jeder Folge nicht nur einen Fall lösen, sondern auch noch eine Rahmengeschichte weiterspinnen müssen.
In diesem Fall ist es die Geschichte um die sensationelle Rückkehr des Starautors Franquin zum Magazin „Spirou“, die eben nicht nur als Sensation herausposaunt wird, sondern auch noch ganz kräftig in die Hosen geht. Denn statt der neuen Zeichnungen Franquins geraten die Werke eines – wenn man den Redaktionsleiter Demel glaubt – unerhört talentlosen und unwitzigen Freunds Gastons in den Druck. Der hatte zuvor immer wieder und immer wieder vergeblich versucht, seine Zeichnungen beim Magazin unterzubringen, was Demel zu nachhaltigen Wutausbrüchen motiviert.
Aber wie es der chaotische Zufall und dessen höchst talentierter Mitarbeiter Gaston so wollen, gehen Franquins Zeichnungen auf dem abenteuerlichen Transport zur Druckerei verloren – ja, sie werden noch aus der Redaktion in die Druckerei gebracht, dafür brauchts ja den Büroboten –, stattdessen geraten die falschen Zeichnungen in die Mappe. Und der vermeintlich untalentierte Freund Gaston – hinter dem sich Franquins Nachfolger, Zeichner Delaf selbst ein Denkmal gesetzt hat – kann jubeln. Das sei ihm gegönnt. Und Delaf auch.
© Delaf, Gaston / Carlsen Verlag, 2024.
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