Marianne Weber nicht im Schatten Max Webers

Eine Neuedition ausgewählter Reden und Schriften aus den Jahren 1901 bis 1949

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Das Bild der jungen kämpferischen Marianne Weber auf dem Buchcover spiegelt unser Anliegen. Die hier vorgelegte Auswahl der Reden und Schriften verstehen wir als Anliegen, Marianne Weber als engagierte Frauenvertreterin und Politikerin besser kennen zu lernen und ihr ein eigenes Profil in der Geschichte des vorigen Jahrhunderts zurück zu geben [!]“: So begrüßen die beiden Herausgeberinnen die Leserschaft ihres Sammelbandes Frauenfragen „am Weltfrauentag 2025“. Dieser Rezensent sieht keine „junge kämpferische“ Frau auf dem Umschlag, sondern eine Frau in einem langärmeligen Kleid mit einem erstaunlich großen, weißen Spitzenkragen, die den Betrachter mit einem ernsten und ein wenig melancholischen Gesichtsausdruck streng ansieht. Die gefalteten Hände zeugen nicht gerade von Kämpferinnentum, sondern eher von demütiger Erwartung.

Es sind oft die Stimmen aus der Vergangenheit, die die Gegenwart am präzisesten befragen. Der Band Frauenfragen, der einige zentrale Texte (wenn auch teilweise drastisch gekürzt) von Marianne Weber versammelt und von Gunilla Budde und Edith Hanke herausgegeben wurde, ist eine solche Begegnung: keine nostalgische Rückschau, sondern ein intellektuelles Gespräch über mehr als ein Jahrhundert hinweg. Verbunden aber auch mit der Erkenntnis, dass sich manche Positionen wirklich „überholt“ haben.

Gunilla Budde ist eine deutsche Historikerin, die vor allem zur deutschen und europäischen Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts forscht, mit einem besonderen Schwerpunkt auf Geschlechtergeschichte, Bürgertum und Bildung. Sie ist Professorin für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und hat zahlreiche Arbeiten zur Geschichte von Frauen, Familie, Bürgertum und gesellschaftlichen Rollenbildern veröffentlicht. Ein wichtiges Anliegen ihrer Forschung ist es, historische Lebenswelten von Frauen sichtbar zu machen und Geschlechterverhältnisse im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung zu analysieren. Edith Hanke ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin, die vor allem zur Sozial- und Ideengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie zur Geschichte der Soziologie arbeitet. Sie war langjährig tätig bei der Herausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe, der historisch-kritischen Edition der Schriften von Max Weber, in den Jahren 2005-2020 als deren „Generalredaktorin“ und gilt als ausgewiesene Expertin für das intellektuelle Umfeld der Lebenswelten um Max Weber. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich u. a. mit bürgerlicher Gesellschaft, Wissenschaftsgeschichte und Geschlechterverhältnissen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Wer war Marianne Weber?

Marianne Weber (1870–1954) war eine der zentralen bürgerlichen Intellektuellen der frühen deutschen Frauenbewegung – nicht als Straßenaktivistin im engeren Sinn, sondern als Theoretikerin, Publizistin und Organisatorin. Sie verband feministisches Engagement ihrer Zeit mit soziologischer und rechtspolitischer Argumentation und prägte damit vor allem den liberal-bürgerlichen Flügel der Bewegung. Sie war aktives Mitglied und Funktionärin beim „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF), dem wichtigsten Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Dort setzte sie sich ein für bessere Bildungschancen von Frauen, die rechtliche Gleichstellung (z. B. im Ehe- und Familienrecht) und für deren stärkere gesellschaftliche und politische Teilhabe.

Ungeachtet ihrer Übernahme des Amtes als dessen Vorsitzende – in Nachfolge von Gertrud Bäumer, die ab 1919 Mitglied des Reichstags geworden war – bestand ihre Rolle im BDF weniger im organisatorischen Aufbau als in der programmatischen Reflexion: Sie formulierte Begründungen für Frauenrechte, die sich auf Recht, Moral und Gesellschaftsanalyse stützten. Als Ehefrau und Witwe von Max Weber (gestorben 1920) bewegte sie sich souverän im akademischen Milieu, entwickelte aber ein eigenständiges Profil. Ihre Texte analysieren die rechtliche Stellung von Frauen in Ehe und Gesellschaft, das Spannungsverhältnis zwischen Familie, Beruf und Individualität und die gesellschaftlichen Strukturen, die weibliche Abhängigkeit erzeugen.

Damit brachte sie bereits früh eine soziologisch fundierte Perspektive in die Frauenbewegung ein – ungewöhnlich für eine Zeit, in der viele Debatten moralisch oder politisch, aber weniger analytisch geführt wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Marianne Weber parteipolitisch: Sie war zeitweise Mitglied der „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP) und gehörte zu den Frauen, die die neue politische Öffentlichkeit der Weimarer Republik nutzten, um Gleichberechtigungsthemen zu vertreten. Sie stand für den bürgerlich-liberalen Feminismus, nicht für den sozialistischen Flügel der Frauenbewegung. Sie betonte Reformen innerhalb der bestehenden Gesellschaft, sie argumentierte oft aus dem Ideal von Bildung, Verantwortung und moralischer Selbstständigkeit heraus. Das führte teilweise zu Spannungen mit radikaleren oder proletarischen Feministinnen, machte sie aber zugleich zu einer wichtigen Brückenfigur zwischen Wissenschaft, Politik und Frauenbewegung. Der BDF war kein einheitlicher Verband, sondern ein Zusammenschluss sehr unterschiedlicher Strömungen (liberal-bürgerlich, sozialreformerisch, christlich, jüdisch). Konflikte um Führungsrollen entstanden meist aus inhaltlichen und strategischen Differenzen, weniger aus persönlichen oder religiösen Gegensätzen.

Marianne Weber schreibt aus einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Ihre Texte kreisen um Bildung, rechtliche Stellung, gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverständnis von Frauen, stets getragen von dem Anspruch, nicht nur Missstände zu benennen, sondern Argumente zu liefern. Was dabei entsteht, ist keine agitatorische Programmatik, sondern ein reflektiertes Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation in einer modernen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Besonders eindrucksvoll ist Marianne Webers Fähigkeit, das Individuelle und das Strukturelle zusammenzudenken. Sie schreibt nicht nur über „die Frau“ als gesellschaftliche Kategorie, sondern über Lebenslagen, Erwartungen und Konflikte. Ihre Argumentation bewegt sich zwischen soziologischer Analyse und moralischer Dringlichkeit, zwischen nüchterner Diagnose und politischem Impuls. Dass manche Passagen heute sperrig wirken, gehört zu dieser Lektüre dazu – und macht ihren historischen Ernst sichtbar.

In einer Gegenwart, in der Gleichstellungsdebatten erneut an Intensität gewinnen und Fragen nach Rollenbildern, Arbeit, Familie und politischer Repräsentation neu verhandelt werden, liest sich Frauenfragen überraschend anregend. Nicht, weil die Texte einfache Antworten liefern würden, sondern weil sie zeigen, wie lange diese Diskussionen bereits geführt werden – und wie hartnäckig ihre Widersprüche geblieben sind.

So wird der Band zu mehr als einer editorischen Wiederveröffentlichung. Er ist eine Einladung, sich mit einer Denkerin auseinanderzusetzen, deren Stimme weder museal noch erledigt klingt. Marianne Weber erscheint hier nicht als historische Figur auf Abstand, sondern als Gesprächspartnerin, deren Fragen weiterreichen als ihre Zeit.

Frauenfragen ist keine leichte, aber eine lohnende Lektüre. Wer sich auf sie einlässt, begegnet einer klugen, argumentierenden, gelegentlich unbequemen Stimme – und einem Stück intellektueller Geschichte Deutschlands, das in die Gegenwart hineinragt.

Vom Tragen einer „bürgerlichen Brille“ und der „bürgerlichen Haut“

So sehr auch die kritische Lektüre der versammelten Schriften Marianne Webers empfohlen sei, so sei wenigstens in knappster Weise auf die „Einführung“ der einen Herausgeberin dieses Sammelbandes eingegangen. Gunilla Budde postuliert in Anlehnung an den „Matilda-Effekt“ – die systematische Verdrängung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft (Margaret W. Rossiter 1993) – einen „Mariannen-Effekt“. Damit meint sie die in der wissenschaftlichen Max Weber-Forschung vielfach nachgezeichnete Tatsache, dass ohne das editorische Wirken Marianne Webers, in Kombination mit ihrer Biografie ihres verstorbenen Mannes aus dem Jahr 1926, wir vermutlich heute den sozialwissenschaftlichen Klassiker Max Weber nicht kennen würden. Unter ausschließlicher Nutzung der indiskret-voyeuristischen Max-Weber-Biografie von Joachim Radkau und der hagiographischen Marianne-Weber-Biografie von Bärbel Meurer entwirft Budde jedoch ein Bild Marianne Webers, das in vielerlei Hinsicht als problematisch beurteilt werden muss.

Zum einen irritiert der streckenweise jargonhafte Schreibstil, so etwa, wenn sie schreibt, dass Marianne Weber sich zunächst „aus dem Rampenlicht stahl“, Max Weber sich als Duellanhänger „outete“, dass Marianne Weber als „frisch gebackene Politikerin“ ab 1919 am Rednerpult der Badischen Verfassunggebenden Nationalversammlung stand, dass sie nicht ahnen konnte, dass ihr Plädoyer für Teilzeitarbeit erwerbstätiger Mütter sich als „Karrierekiller“ entpuppen sollte, dass sie „etwas betuchte ,Lebenserinnerungen´“ schrieb, dass „Künstlerinnen, politische Anarchisten und Anhängerinnen der Sexualreform“ sich in Ascona „tummelten“ oder dass sie für ihre Verdienste um Webers Nachlass einen „Ehrendoktorhut“ bekam. Was sehr viel problematischer ist, sind zudem zahlreiche sachliche Fehler, so etwa, wenn sie – wie so viele andere – Max Weber zum „Vetter zweiten Grades“ macht, wo er doch ein Onkel zweiten Grades gewesen war. Sie erklärt diese Konstellation als aus einem „bürgerlichen Common“ stammend, womit sie vermutlich den vermeintlich bürgerlichen „Comment“ meint.

Erstaunlich ist zudem der überaus „vertraute“ Ton, in dem an vielen Stellen nur von „Max“ und „Marianne“ die Rede ist, weswegen manche Leserinnen bei einem Satz wie diesem vermutlich stocken dürften: „Zwar bat Marianne Gertrud wohl, sich das noch einmal zu überlegen.“ Nur mit dem Heidelberger Milieu Vertraute werden wissen, dass es sich um Marianne Weber und Gertrud Jaspers, geborene Mayer, handelt. Befremdlich ist jedenfalls die unverkennbare Aversion dieser einen Herausgeberin gegen das bürgerliche Herkunfts- und Lebensmilieu Marianne Webers, so etwa, wenn sie schreibt, dass die von ihr Porträtierte bei ihrer Charakterisierung der Stellung von Frauen in der US-amerikanischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts „unverkennbar ihre bürgerliche Brille“ trug; an anderer Stelle betont sie die „bürgerlichen Wurzeln“ Marianne Webers. Allein eine einzige Passage möge diese Wahrnehmung des Rezensenten illustrieren: „In der großelterlichen Villa mit Balkon und großem Saal ließ sich ,an der Heidelberger Riviera´ ein großzügiges Gesellschaftsleben entfalten, zumal auch die immer präsenten Dienstboten – zumeist – willig dabei halfen, Kaffee und Kuchen zu servieren.“ Ja, Marianne Weber „konnte aber auch nicht aus ihrer bürgerlichen Haut, wollte es vielleicht auch nicht, pflegte weiterhin bei aller Offenheit Vorurteile und manchmal auch einen gewissen Dünkel gegenüber den unteren Klassen.“ Es entsteht der Eindruck, dass zumindest eine der beiden Herausgeberinnen die von beiden Frauen zusammengestellten Texte mit eher spitzen Fingern anfasste.

Ein Fazit

Marianne Weber war eine zentrale Theoretikerin der frühen deutschen Frauenbewegung, sie wirkte als Vermittlerin zwischen akademischer Soziologie und feministischer Praxis und gilt zu Recht als wichtige Stimme für rechtliche und gesellschaftliche Reformen nach 1900. Sie verdient einen Platz als eine der prägenden Intellektuellen des deutschen Feminismus vor 1933 – weniger durch spektakuläre Aktionen als durch nachhaltige Ideen, Analysen und publizistische Wirkung. Die hier vorgestellte sorgfältig edierte Zusammenstellung einiger ihrer Schriften zeigt, wie gegenwärtig historische Texte sein können – nachdenklich, herausfordernd und überraschend lebendig. Und zugleich zum heftigen Widerspruch herausfordernd.

Titelbild

Marianne Weber: Frauenfragen. Ausgewählte Reden und Schriften.
Herausgegeben von Gunilla Budde und Edith Hanke. Mit einem Einleitungsessay von Gunilla Budde.
Mohr Siebeck, Tübingen 2025.
241 Seiten , 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783161647109

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