Wie Literatur zum Blickwechsel führen kann

In den „Medical Humanities“ finden die Geisteswissenschaften und die Medizin zusammen

Von Sandy SchefflerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sandy Scheffler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der von Pascal Fischer und Mariacarla Gadebusch Bondio herausgegebene Sammelband „Literatur und Medizin – interdisziplinäre Beiträge zu den Medical Humanities“ geht zurück auf die Tagung „Der Wert der Literatur in den Medical Humanities“, die am 7. und 8. Oktober 2013 in München stattfand. Der Band schlägt eine Brücke zwischen den komplementären Forschungsfeldern Literatur(-wissenschaft) und Medizin. Während die Literaturwissenschaft gemeinhin die Kontexte der Narrative untersucht, so auch wenn es um Krankheit, Schmerz und Tod geht, besteht die Aufgabe der Medizin bekanntlich darin, Krankheiten zu heilen, Schmerz zu lindern bzw. auszuschalten und, wenn es um den letzten Weg geht, den Menschen palliativ zu begleiten. Wenn nun der Mensch in seiner Gesamtorganisation im Mittelpunkt steht, so kommt man nicht umhin, in literarischen Texten auch eine Art „Lebenswissenschaft“ zu identifizieren. Der Erzähler begibt sich oftmals mit dem Krankheitsnarrativ auch auf eine Sinnsuche, die sowohl existentielle und lebensweltlich subjektive Betrachtungen anstellt als auch Fragen der medizinischen Ethik berührt. Nicht zuletzt grenzen überdies Darstellungen von Medizinern, gerade wenn sie Fragen des menschlichen Todes in seiner biologischen als auch ethischen Relevanz antasten, an den Bereich der Erzählung. Zudem gibt es für bestimmte Grenzbereiche in der lebensweltlichen Erfahrung keine objektive Richtschnur, auch nicht in der Sprache, so dass sich beide Felder, sowohl die Literatur als auch die Medizin, mancher Vergleiche und Metaphern bedienen, um die subjektive Erfahrungsrealität in eine für andere ebenfalls nachvollziehbare Wirklichkeit zu übersetzen.

Überdies kommt den Krankheitsnarrativen der Patienten in der Medizin eine zentrale Rolle zu. Sie dienen nicht nur zur Diagnosestellung, sondern auch dazu, einen Zugang zur Krankheitsrealität des Patienten zu bekommen. Die medizinische Anthropologie hat auf die Bedeutung dieser Erzählungen stets hingewiesen. Ein eigener Studiengang namens „Narrative Medicine“ existiert an der Columbia University in New York und belegt dessen zentralen Stellenwert. Nicht zuletzt ist an das junge Forschungsfeld der Medical Humanities die Hoffnung geknüpft, dass der interdisziplinäre Austausch beider Forschungsfelder zu einer Stärkung der conditio humana führt, gerade in der hochtechnisierten Gerätemedizin des 21. Jahrhunderts.

Der Band versammelt sieben Aufsätze, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Forschungsfeld „Literatur und Medizin“ nähern. Der Fokus liegt dabei auf den Dynamiken von (Krankheits-)Narrativen und Medizin. Das Bindeglied zwischen beiden Feldern bildet die Empathie, insofern die Medical Humanities davon ausgehen, dass Literatur und auch die Künste einerseits zur Schwächung einer rein biologistischen Krankenperspektive und andererseits zur Stärkung des Aspektes vom individuellen Mensch- und Kranksein beitragen. So schreibt Henriette Herwig in ihrem Beitrag zu Demenznarrativen, dass der Literatur, entgegen einer zu „generalisierenden Konzepten“ neigenden öffentlichen Debatte die Chance zur „Individualisierung“, „Subjektivierung“ und „Biographisierung“ innewohnt. Innen- und Außenperspektiven und der Blickwechsel zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung können in der Literatur problemlos nebeneinander existieren. Dasselbe gilt für traurige und humorvolle Darstellungen, selbst wenn der Erzählgegenstand Humor eigentlich verbietet.

Der Beitrag von Pascal Fischer betont die notwendige Interdisziplinarität der Forschungsansätze, wenn es um die Förderung des Patientenverständnisses durch Empathie geht, die durch literarische Lektüren für in Heilberufen Tätige erlangt werden kann. Der Empathiebegriff erweist sich dabei als zentral für die Medical Humanities. Fischer spezifiziert seine definitorische Klarheit und kristallisiert drei seiner wesentlichen Merkmale heraus: „affektive Angleichung“, „auf den anderen bezogener Perspektivwechsel“ und die „Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen“. Als gewiss erweist sich entlang der von Fischer rekapitulierten Forschungsergebnisse, dass es zu einer „Steigerung des Einfühlungsvermögens“ sowie zu wertvollen „Erfahrungen mit der Patientenperspektive“ kommt, wenn angehende Mediziner mit literarischen Texten konfrontiert werden, die sich mit Themenfeldern wie Tod, Behinderung, Sucht sowie mit dem Arzt-Patienten-Verhältnis auseinandersetzen. Er macht jedoch darauf aufmerksam, dass noch systematischer untersucht werden müsse, wie es zur „Formung“ der Empathie bei Ärzten und Pflegekräften kommt.

Unbestritten ist in den Medical Humanities die Bedeutung des Erzählens für die Medizin, für die Diagnostik und nicht zuletzt für die Gesundung. Den Narrativen des Patienten entnimmt der Mediziner wichtige Details, die ihn neben der körperlichen Untersuchung und etwaiger weiterer physischer und psychischer Tests zur Diagnose hinleiten. An der narrativen Schnittstelle kreuzen sich denn Lebenswissenschaften und Geisteswissenschaften. Carmen Birkle nennt in ihrem Aufsatz sechs Formen der diagnostischen Methode, die hiermit korrelieren: Sprechakttheorie, Reader-Response-Theorie, Theorie des kommunikativen Handelns, Autobiographie und Fallbericht, Literaturwissenschaft sowie der Blick im medizinischen Gespräch. Mit Bezug auf den amerikanischen Mediziner und Literaten Oliver Wendell Holmes (1809-1894) widmet sich Birkle der diagnostischen Interpretation seines Romans „Elsie Venner. A Romance of Destiny“ (1861). Sie legt dar, wie sich literarische und medizinische Traditionen des 19. Jahrhunderts überschneiden und von religiösen und mythologischen Konzepten tangiert werden. Für die Konstellation der Hauptfigur als Außenseiterin der Gesellschaft sorgen ihr „böser Blick“, dem selbst die Ärzte im Roman nicht standhalten, und ihre „Stimmlosigkeit“. Elsie Venner ist unfähig, ihre Gefühle zu artikulieren und Blickkontakt herzustellen. Gesellschaftskritik trifft auf Medizinkritik und mündet für Birkle im „Appell, Diagnosen nicht über die Kranken zu fällen, sondern mit ihnen“. Hierzu ist die Methode des Zuhörens und Hinschauens unerlässlich. Ohne das Patientennarrativ können Heilung oder Besserung nicht erzielt werden. 

Einen ganz anderen Fokus setzt Ottmar Ette in seinem Aufsatz, der sich David Wagners Fraktaltext „Leben“ zuwendet. Die tatsächliche Krankheit des Autors, der an einer Autoimmunhepatitis leidet und schließlich eine Lebertransplantation erhält, führt dem Leser die lebenswissenschaftliche Durchdringung der Literatur vor Augen. Mehr noch, Literatur selbst wird ein Teil der Lebenswissenschaft, auch wenn sie den literarischen Besonderheiten treu bleibt; frei nach dem vom Autor vorangestellten Satz: „Alles war genau so / und auch ganz anders.“ Ette stellt dar, wie die Organtransplantation nicht nur auf der biologischen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Identität und der Bezugswelt die Frage nach dem Zusammenleben und Eigenleben neu stellt und neu verhandelt. Die Leber als Teil eines funktionierenden Körperkosmos stirbt ohne ihre organische Beziehungshaftigkeit. Der einzelne Mensch wiederum kann nicht auf dieses lebenswichtige Organ verzichten. Wie Ette deutlich macht, wird „Leben“ somit unumgänglich zum „Zusammenleben“. Fragen der Abgrenzung zwischen Eigenem und Fremdem werden aufgeworfen: „Das Leben mit der Leber einer (oder eines) Anderen ist nicht ein bloßes Weiter-Leben, sondern ein Leben, das sich der Tatsache bewusst geworden ist, dass es nur als Zusammenleben Leben gibt.“ Zugleich repräsentiert auch die textuelle und literarische Ebene die Frage nach der Abgrenzung von Partikularem und Ganzem: Nummerierte Kurztexte, 277 Stück an der Zahl, machen Wagners 2013 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten Text aus. Im Zusammenspiel der Kurztexte ertönt der Klang des Gesamtwerkes. Einzeln und dennoch vernetzt, verknüpft, verschachtelt funktionieren die Fraktale miteinander durch ihre Beziehungshaftigkeit. Das Buch wird äquivalent zum lebensspendenden Organ „Leber“ zum lebensrettenden personifizierten Erzähler. Wer spricht, lebt. Das Ringen um Ausdruck auf der Körperebene wird zu einem Ringen auf mentaler Ebene. Auch diese beiden, so wird suggeriert, verhalten sich dialektisch.

Eine wichtige Rolle spielt im Roman das Krankenhaus als Ort, der per se mit einem „Ausnahmezustand“ verknüpft ist. Es ist der Ort, an dem der Ausnahmezustand zum Normalzustand geworden ist, der Notfall zur Normalität. An der Rampe vor Haus 4 begegnen sich Rettungs- und Bestattungswagen, Leben und Tod. Alles was sich im und um das Kranksein und um das Krankenhaus herum abspielt, kennzeichnet den „Bewegungs-Raum“. Das Krankenhaus wird zum Vexierbild, das statt Ausruhen und Stille Bewegung bringt. Die rollenden Krankenbetten, die zu den vielen einzelnen Stationen Zutritt verschaffen, welche durch schier endlose Flure miteinander verbunden sind, sind eher Reiseutensil denn Ruhebett. Bewegung – konkret oder als Metapher von Schreiben und Lesen – steht per definitionem für Leben, oder besser für Überleben. Solange mithilfe des Körpers die innere Erfahrung durch Sprache und Schrift nach außen findet, ist man lebendig. Schritt für Schritt und Satz um Satz kämpft sich das Ich im Leben und in der Literatur voran. Dabei „ist der Tod stets allgegenwärtig – als Bedrohung, als Antrieb, als unverzichtbarer Bestandteil des Lebens“.

Erzählen als Lebensstrategie, so könnte die Quintessenz lauten. Diese ist umso wichtiger, je klarer erkannt wird, dass die Institutionen, die sich um die Krankheit kümmern, sich des Kranken bemächtigen. In den Augen des Erzählers kommt es zu einer „Enteignung des Körpers“: „Der Körper aber, der hier im Krankenhaus behandelt wird, ist nicht mehr meiner. Ich habe ihn abgegeben, ich habe unterschrieben, ich lasse andere machen.“ So ist das In-Beziehung-treten, das komplexe Dialogführen – das sich schließlich ausdifferenziert zu vielschichtigen „Polylogen“ – „Lebensprinzip“ des Wagner’schen Romans. Durch die Überschneidungen der Diskurse und Aspekte, die die Ästhetik der Literatur ermöglicht, kann womöglich ein umfassenderes Erfahrungswissen über das Lebensganze evoziert werden als durch die Spektralfarbigkeit der einzelnen Wissenschaften. Wie Ette vermutet, „kommen die Literaturen der Welt diesem Sehnsuchtsort eines umfassenden Wissens vom Leben im Leben doch am nächsten“. Die Literatur als die Grand Dame der Erzählung spricht und schweigt zugleich. Sie kann ein Wissen, das sich in Worten mitteilt, ebenso umfassen wie eines, das sich nur zwischen den Zeilen offenbart. Dieses der Ästhetik zugeschriebene Besonderheitsmerkmal macht sie vermutlich zum „Sehnsuchtsort“, während die sich kreuzenden und über die Literatur hinaus wirkenden Diskurse sie anschlussfähig auch für andere Disziplinen machen.

Der Beitrag „Kranksein in Worte gefasst“ von Mariacarla Gadebusch Bondio und Ingo F. Herrmann legt dar, wie im Erzählen des Schmerzes und der Krankheit ein Sinn gefunden werden kann, der hilft, mit dem eigenen Erleben umzugehen. Zugleich entfaltet sich im Erzählprozess ein Kontakt zur Außenwelt, in dem es durch Empathie und Mitgefühl möglich wird, der Not des Betroffenen nachzuspüren. Insofern sind „Narrationen von Kranken […] in Worte gefasste ,Grenzerfahrungen‘“. Das Zuhören ist dabei ausgelegt auf ein Verstehen, welches wiederum ein Lernen nach sich zieht, insbesondere für den Mediziner. Anhand der Krankengeschichte von Maria Cristina Montani schildern die Autoren, wie die Aufklärung über die Diagnose und Behandlung an mehreren Stellen scheitert. Der Patientin wird nichts oder nicht alles mitgeteilt, ihrer Familie hingegen schon. Die autobiografische Erzählung bemängelt dieses auf ein Erklärungsminimum beschränkte Vorgehen. Es wird deutlich, dass die vermeintliche Schonung tatsächlich keine ist, sondern dass Verschweigen oder gar falsche Aussagen erst recht zu starker Erschütterung führen. Denn die Wahrheit der Krankheit bahnt sich ungeachtet dessen ihren Weg. Der Leidensweg der Patientin führt durch mehrere Operationen, die zunächst den völligen Stimmverlust, dann eine sehr verfremdete, männliche Stimme und schließlich durch Eigentransplantationen eine als „wunderschön“ beschriebene, neue Stimme hervorbringt. Das lange körperliche und psychische Leiden löst sich in ein neues und wieder positiv erlebtes Körperbewusstsein auf. Das Be/Schreiben ihres Schmerzes wurde zu einem Sich-Losschreiben vom Schmerz: „Indem ich den Schmerz auf weiße Blätter übertrug, habe ich ihn aus mir entfernt.“ Der Prozess des Erzählens bzw. Schreibens fällt in eins mit dem Wandlungsprozess von der Krankheit zur Gesundheit. Der Schmerz wird dabei als eine Art Geburtshelfer erfahren. Am Ende erlebt die schreibende Patientin die Wiederherstellung als „die Freude der Geburt“.

Der Band zeichnet ein fruchtbares Bild von der Kooperation der Lebenswissenschaften mit den Geisteswissenschaften. Gerade das ästhetische Element der Literatur bietet über die spezifische Natur ihrer Form der erzählerischen Darstellung die Möglichkeit, Kranken- und Patientennarrative jenseits objektiver Parameter empathischer zu verstehen. Wie anhand der exemplarischen Beispiele deutlich wird, bieten die Medical Humanities ein weitreichendes Forschungsfeld, auf dem ästhetische Narrative einen gewinnbringenden Eingang in die Forschungen der Lebenswissenschaften finden können.

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Pascal Fischer / Mariacarla Gadebusch Bondio (Hg.): Literatur und Medizin. Interdisziplinäre Beiträge zu den ‚Medical Humanities‘.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016.
192 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783825363086

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