Gegen schlechte Sprache hilft Natron leider nicht
Max Goldt widmet sich in „Aber?“ größtenteils seinen Paradethemen
Von Irina Brüning
Das lange Warten hatte im Sommer 2025 ein Ende: Max Goldt, der laut eigener Aussage seit Jahren unter einer Schreibblockade leidet, veröffentlichte unter dem Titel Aber? eine Sammlung neuer Texte. Dabei handelt es sich wie gewohnt sowohl um Minidramen als auch um „Aufsätze“ (wie der Autor sie selbst früher einmal bezeichnet hat). Auch was die behandelten Themen betrifft, finden Kenner von Goldts Werk viel Vertrautes wieder. Mit Geschlechterrollen hat sich der Autor bereits früher beschäftigt, ebenso mit Kleinbürgertum und Popkultur.
Frauen kommen gleich auf der zweiten Seite schlecht weg, auf der Max Goldt ihnen unterstellt, sie würden nur wegen der „Fotos und Videos“ und wegen der „erste[n] und manchmal auch schon letzte[n] Gelegenheit zu einem Friseurbesuch in ihrem ganzen Leben“ heiraten. Die „derzeit am meisten wahrgenommene Variante […] des Feminismus“, so heißt es an anderer Stelle, gehe vor allem von selbstgefälligen Frauen aus, die sich gern aufregen. Im Minidrama Überraschung wird „Frau“ zum Unwort des Jahres erklärt. Neben Sexismus erwähnt Goldt in Aber? auch andere Formen von Diskriminierung und stellt die Menschen, die sich dagegen einsetzen, eher lächerlich dar („Meine Mutter sagt, man muß aus Solidarität Fotze sagen, weil man sonst die Leute, die Fotze sagen, gesellschaftlich marginalisiert“). Dabei stellt sich die Frage, ob der Autor tatsächlich kritisieren möchte, dass bestimmte Missstände angesprochen werden, oder vielmehr, wie sie angesprochen werden.
„Ich schau mir schon lange die Menschen an“, sagt Max Goldt in Aber? über sich selbst. Ein Menschenschlag, den er schon lange auf dem Kieker hat, ist der Kleinbürger. In Die Chefin verzichtet von 2012 hat er ihnen den Text Tätowiert, motorisiert, desinteressiert gewidmet. Die darin enthaltenen Gedanken entwickelt er nun weiter. Die beschriebene Gruppe („Menschen, die Hannah Arendt noch angenehm unvorsichtig ‚den Pöbel‘ nannte“) zeichnet sich durch ihre Begeisterung für Fußballspiele und Popkonzerte aus, die bei ihnen starke Emotionen auslösen, obwohl sie vorhersehbar sind. „Popkultur“ ist laut Goldt die treffendste Bezeichnung für unser Zeitalter und dient dazu, „Menschen abzulenken und durch konstante Bedröhnung bei Laune zu halten“. Neben Fußball und Popmusik nennt er als Bestandteile von Popkultur eine ungesunde Ernährung und nicht genauer beschriebene „flaue[n] Spiele[n] in endloser Schleife“, jedoch nicht die in den letzten Jahren so häufig kritisierten sozialen Netzwerke. Smartphones erwähnt er ebenso wenig wie Streamingdienste, dafür mehrmals das Fernsehen, insbesondere die öffentlich-rechtlichen Programme. Ist sein Porträt wirklich auf der Höhe der Zeit?
In dem Minidrama, das dem Band seinen Titel gibt, treffen ein „einfacher Kerl“ und ein „Neo-Bourgeois“ aufeinander. Dabei äußert der Vertreter der niedrigeren gesellschaftlichen Schicht den Wunsch, seinen kulturellen Horizont zu erweitern, und zeigt sich somit offener als der gut gekleidete Herr mit Laptop, der einen engeren Kontakt ablehnt. Auffällig ist auch, dass sich der „einfache Kerl“ bereits recht gewählt ausdrückt – eine Fähigkeit, die dem Autor wichtig ist. Sprachliche Nachlässigkeiten prangert er auch in Aber? wieder vielfach an. So stört es ihn zum Beispiel, dass die Begriffe Witz, Komik und Humor „ständig leichtfertig durcheinandergebracht“ werden. „Umgangssprache reicht nicht immer aus, wenn man mehr als ein Sprechgeräusch erzeugen möchte“, mahnt er an anderer Stelle. Die Wendung „nicht wirklich“ setzt er missbilligend in Anführungszeichen, was etwas rückwärtsgewandt wirkt, da es sich hier um kein neues Phänomen handelt.
Eng verbunden mit Goldts Sprachkritik ist die Kritik an der Arbeit von Journalistinnen (als konkrete Beispiele genannt werden zwei Frauen), die „unter dem Druck ihrer Eile“ zu „versehentliche[r] Banalität“ neigen, häufig Floskeln verwenden und schlecht recherchieren. Sein im ersten Text gefälltes hartes Urteil über ARD und ZDF, die „Propaganda“ für den Fußball betreiben, während „Gewalt und untertäniges Kuschen in Zusammenhang mit Fußball“ in den Medien „grundsätzlich verharmlost“ werden, relativiert Max Goldt 100 Seiten später: „Zum Betreiben wirkungsvoller Propaganda mangelt es ihnen […] an Kaltsinnigkeit und am sogenannten Rafftückischen.“ Unzulänglichkeiten seien „keine Gründe, die Öffentlich-Rechtlichen abzuschalten oder die AfD zu wählen“ – eine Distanzierung von der politischen Rechten, bei der einige Aussagen in Aber? durchaus auf Zustimmung stoßen dürften.
Der Autor selbst geht virtuos wie eh und je mit der deutschen Sprache um. Er setzt sich mit Neologismen wie „Mittelfrist“ und „unbetadelt“ über die Grenzen der Wortarten hinweg und nutzt die Möglichkeiten der Komposition, um die Leserschaft mit dem neuen Substantiv „Autobekrümelungs-Unrat“ zu beschenken. Zusätzlich bedient er sich aus dem Vorrat der lexikalischen Regionalismen des gesamten deutschen Sprachraums und bringt „Adabei“ im gleichen Text unter wie „Döntjes“. Goldts Redensarten-Mixe wie „Ich freue mich wie am Spieß“ sind ebenso amüsant wie seine Verwendung von „point of no return“ und „Kipppunkt“ für den Moment, in dem man sich vor einem Besuch nicht mehr drücken kann, da man bereits geklingelt hat. Wer die „Kunst des Abschweifens“ zu schätzen weiß, wird in Aber? wieder auf seine Kosten kommen (wo ist nur der schöne Stift der Mutter der Lesungsbesucherin geblieben?). Freude machen auch originelle Beispiele wie das vom Goldschmied, der mit seinem Tag zufrieden ist, weil er ihn damit verbracht hat, „an einer kostbaren Uniformschließe für eine von ihm verehrte Industriespionin“ zu arbeiten.
Da Max Goldt viel Zeit auf Lesereisen verbringt, liefern ihm diese immer wieder Stoff für neue Texte. In Wie er den Stift hält! richtet er lobende Worte an sein Stammpublikum und denkt an kuriose Zwischenfälle zurück. Erinnerungen an einen Raufbold und angeblichen Feind erzählt von einer gemeinsamen Tournee im Jahre 1991 mit dem inzwischen verstorbenen Wiglaf Droste, der „keine Gelegenheit zum Aufbrausen verstreichen lassen konnte“ und der einzige Mensch war, der Goldt jemals vorgeworfen hat, er trinke zu wenig Alkohol.
An mehreren Stellen finden sich Erinnerungen an das Westberlin der 80er-Jahre sowie Schilderungen des Lebens in der DDR, die Goldt sowohl negativ (keine Meinungsfreiheit) als auch positiv (Bau von Kulturhäusern) darstellt. Mit diesen Themen werden vor allem Menschen, die etwa im Alter des Autors sind, etwas anfangen können. Phänomene der letzten Jahre werden eher negativ bewertet oder gar nicht behandelt. Dabei ist der Autor sprachlich in Hochform, was allein schon Grund genug ist, um das Buch zu lesen. Nebenbei lernt man sämtliche Anwendungsgebiete von Natron kennen.
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