Erinnerung an eine Schullektüre
Anlässlich des 350. Todestages von Grimmelshausen veröffentlicht der Anaconda Verlag seinen bekannten Schelmenroman
Von Manfred Orlick
Sein Name ruft verschwommene Erinnerungen an den Literaturunterricht in der Schule wach. Da war doch etwas… ein dicker Wälzer… ein vergilbter Reclam-Band mit mehreren Hundert Seiten… und das Ganze in einem schwer verständlichen Deutsch. Viel mehr blieb im Gedächtnis meist nicht hängen, denn schon bei seinem Vornamen geraten wir ins Stocken. Dabei war der Schriftsteller einer der bedeutendsten Autoren eines Jahrhunderts, vielleicht sogar einer ganzen Epoche, obwohl heute eigentlich nur ein einziger bekannter Roman seinen Nachruhm begründet, den Literaturwissenschaftler zu den zentralen Werken deutscher Dichtkunst zählen.
Die Rede ist natürlich von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und seinem Roman Der abenteuerliche Simplicissimus, der als wichtigstes literarisches Zeugnis des Dreißigjährigen Krieges gilt.
Über das Leben von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen ist wenig bekannt, seine Biografie weist erhebliche Lücken auf. Erst vor knapp zweihundert Jahren wurde seine Identität als Autor des Simplicissimus-Romans, den er einst unter einem Pseudonym veröffentlichte, entschlüsselt. So existiert ein gesichertes Geburtsjahr für Grimmelshausen nicht. Geboren wurde er wahrscheinlich 1622 im hessischen Gelnhausen, einer zu jener Zeit bedeutenden protestantischen Reichsstadt östlich von Frankfurt am Main. Aber auch das Jahr 1621 kommt als mögliches Geburtsjahr infrage. Überhaupt gibt es nur wenige verlässliche Dokumente zu seiner Kindheit und Jugend; daher werden häufig vermeintlich autobiografische Textstellen aus seinem Roman als Grundlage für seine Biografie herangezogen. Danach wäre Grimmelshausen am 17. März 1622 geboren. Erst ab 1639 ist sein Lebensweg dokumentarisch nahezu lückenlos nachweisbar.
Grimmelshausen entstammte einer verarmten thüringischen Adelsfamilie; sein Großvater Melchior Christoffel von Grimmelshausen, der ein angesehener Bürger war und das Bäckerhandwerk ausübte, hatte den Adelstitel jedoch abgelegt. Später nahm der Dichter den Titel wieder an, möglicherweise um seine Herkunft zu betonen. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde der Junge in die Obhut des Großvaters gegeben. In seiner Vaterstadt besuchte er wohl die lutherische Lateinschule. 1634 geriet Gelnhausen in die Unruhen des Dreißigjährigen Krieges und wurde von kaiserlichen Truppen geplündert und niedergebrannt. Mit dem Großvater gelang dem Zwölfjährigen die Flucht in die von schwedisch-hessischen Truppen gehaltene Festung Hanau. Doch der Junge geriet in die Hände marodierender kroatischer Truppen und wurde schließlich als Troß- und Pferdejunge in die kaiserlichen Truppen gepresst.
Die nächsten Jahre von Grimmelshausen waren fortan vom rastlosen Herumziehen mit der Armee in verschiedenen Regionen Deutschlands geprägt. Vermutlich zog er zunächst mit den kaiserlichen Truppen in die Gegend von Magdeburg (Schlacht bei Wittstock) und danach auf den westfälischen Kriegsschauplatz. Später wurde er von hessischen Truppen als Soldat rekrutiert, ehe er 1639 im badischen Offenburg von dem Regiment des kaiserlichen Obristen und Kommandanten Hans Reinhard von Schauenburg übernommen wurde, wo er als Schreiber in der Regimentskanzlei diente. Kurz vor Kriegsende, im Jahr 1648, begleitete er als Kanzleisekretär im Regiment von Obristleutnant Johann Burkhard von Elter die Feldzüge nach Bayern und in die Oberpfalz. Danach endete seine unruhige Militärzeit.
Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst kehrte Grimmelshausen, der inzwischen zum Katholizismus konvertiert war, nach Offenburg zurück. Ende August 1649 heiratete er die um sieben Jahre jüngere Catharina Henninger, die Tochter eines aus dem Elsaß stammenden, recht wohlhabenden Wachtmeisterleutnants. In Oberkirch-Gaisbach, nahe Offenburg, übernahm Grimmelshausen die Position eines Schaffners, also eines Verwalters, bei seinem ehemaligen Kriegsherrn Hans Reinhard von Schauenburg und dessen Vetter. Nach über zehn Jahren Dienste für das Haus Schauenburg war Grimmelshausen dann für zwei Jahre Verwalter und Vogt bei dem Straßburger Arzt Johann Küffer, ehe er 1667 nach Renchen am Nordrand des Schwarzwaldes ging, wo er vom Bischof von Straßburg zum Schultheiß ernannt wurde. Außerdem betrieb er in Gaisbach die Gaststätte „Zum Silbernen Stern“.
Bereits in Oberkirch-Gaisbach hatte Grimmelshausen mit ersten literarischen Arbeiten begonnen, Da jedoch seine Frau und die heranwachsenden Töchter die Gastwirtschaft führten, fand er in Renchen wesentlich mehr Zeit für seine schriftstellerischen Ambitionen. Ein Großteil seiner Werke entstand in dem relativ kurzen Zeitraum von ca. 1666 bis 1674. Zum Teil erschienen mehrere Schriften in einem Jahr. Nach den beiden Teilen des Frühwerks Satyrische Pilgram (1666 und 1667) veröffentlichte er 1668 (nach üblicher Verlagspraxis auf 1669 vordatiert) unter dem Anagramm-Pseudonym „German Schleifheim von Sulsfort“ sein Hauptwerk Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Der barocke Originaltitel auf dem Titelblatt der Erstausgabe ist jedoch bedeutend länger und gibt bereits einen Hinweis auf den Inhalt. Der Roman galt zu Grimmelshausens Lebzeiten als wahrer Bestseller und erlebte mehrere, teils erweiterte Auflagen, führte aber auch zu zahlreichen Raubdrucken.
Vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges erzählt Grimmelshausen im Stil eines Schelmenromans und in einer volkstümlichen Sprache die Geschichte des jungen und einfältigen Simplicius Simplicissimus (lat. der „Einfältigste der Einfältigen“), der in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges gerät. Der völlig ungebildete Viehhirt trifft auf einen Einsiedler, mit dem er zwei Jahre zusammenlebte und der aus ihm einen gebildeten „Christenmenschen“ machte. Nach dem Tod des Eremiten beginnt die Odyssee durch die verschiedenen Schauplätze des Krieges. Simplicissimus wird zum Spielball seiner grausamen Epoche. Oft wechselt er die Rollen und seinen Namen. So schlägt er sich als Soldat, Page, Hofnarr, Gauner, Liebhaber oder Reisender durch.
Ich wurde durchs Feuer wie Phoenix geborn. / Ich flog durch die Lüfte! wurd doch nit verlorn, / Ich wandert durchs Wasser, Ich reist über Land, / In solchem Umschwärmen macht ich mich bekannt, / Was mich oft betrübt und selten ergetzt, / Was war das? Ich habs in dies Buche gesetzt, / Damit sich der Leser gleich wie itzt tue, / Entferne der Torheit und lebe in Ruhe.
(So das Titelgedicht der Erstausgabe)
Nach den schrecklichen Kriegserlebnissen und vielen Reiseabenteuern entscheidet sich Simplicissimus, erneut ein Eremit zu werden. Doch im 1669 erschienenen Fortsetzungsband Continuatio des abenteuerlichen Simplicissimi, oder Der Schluß desselben verlässt er erneut das Einsiedlerleben und begibt sich auf eine Pilgerreise nach Ägypten. Nach einem Schiffbruch verbringt er schließlich mehrere Jahre auf einer abgelegenen Insel, bis ihn ein holländischer Schiffskapitän findet.
In kurzen Kapiteln und aus der Ich-Perspektive des naiven Antihelden schildert Grimmelshausen eindrucksvoll und detailliert das unermessliche Leid der Bevölkerung und der Soldaten während und kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Ähnlich wie Cervantes in seinem Werk über den selbsternannten „Ritter von der traurigen Gestalt“, Don Quijote, nutzt Grimmelshausen die Figur des Narren, um mit Mitteln der Satire zu zeigen, wie gesetzlose Landsknechte das Land verwüsten und die Bevölkerung durch Krieg, Mord, Hunger und Feuer regelrecht dezimiert wird. Die grausamen Schilderungen wirken noch heute wie die Berichte eines Kriegsreporters. Zudem entlarvt die kindliche Sichtweise des Simplicissimus den moralischen Zerfall der Gesellschaft. Nach dem Erfolg des Schelmenromans veröffentlichte Grimmelshausen in rascher Folge bis 1673 weitere Bände, da ihm weder Figuren noch Themen ausgingen. Die Simplicianischen Schriften drehten sich in der Regel um dessen Hauptfigur. Daneben brachte er Bauernkalender heraus, die durch ihre anschauliche Darstellung, Frische und Lebendigkeit beeindruckten.
Als der französische König Ludwig XIV., unterstützt von Grimmelshausens Dienstherrn, 1673 Feldzüge gegen die Niederlande unternahm, wurde der damals 54-jährige Grimmelshausen erneut in den Kriegsdienst gerufen. Am 17. August 1676 verstarb Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in Renchen, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand. Seine Ehefrau Catharina, mit der er zehn Kinder hatte, verstarb am 23. März 1683.
Zum 350. Todestag von Grimmelshausen hat der Anaconda Verlag eine vollständige Ausgabe des Simplicissimus herausgegeben. Die Jubiläumsausgabe basiert auf der renommierten Reihe der Neudrucke deutscher Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts, ursprünglich 1934 in Tübingen bei Niemeyer erschienen, mit einer weiteren Ausgabe 1939 in Halle/Saale. Die Schriftenreihe wurde 1876 in Halle/Saale gegründet und war bekannt für ihre Editionen in originalgetreuer Orthographie, die wichtige Beiträge zur Sprach- und Literaturgeschichte leisteten. Für die jetzige Anaconda-Ausgabe wurden Orthografie und Interpunktion vorsichtig an heutige Standards angepasst. Dies bietet eine wunderbare Gelegenheit, sich erneut mit diesem Schlüsselwerk des deutschen Barocks zu befassen – oder einfach nostalgisch an die eigene Schulzeit zu denken.
Schon Thomas Mann nannte Grimmelshausens Werk „ein Erzählwerk von unwillkürlicher Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend vor Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du, zerknirscht am Ende und gründlich müde einer Blut, Raub, Wollust sich vergeudenden Welt, aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden“.
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