Krimispannung und Gefühlswirrwarr an der Förde
Mit „Fahrensodde Tod“ setzt Frank-Peter Hansen seine Krimireihe um zwei Flensburger Ermittler fort
Von Günter Rinke
Regionalkrimis erfreuen sich derzeit sowohl im Fernsehen als auch in der Literatur großer Beliebtheit. Das kann mehrere Gründe haben. Die Geschichten spielen in der Regel in attraktiven, weil besonders pittoresken Regionen. Wer die Gegend kennt, hat das Vergnügen des Wiedererkennens. Wer sie nicht kennt, stellt sich die Orte vor und hegt vielleicht den Wunsch, einmal dorthin zu reisen. Die Figuren erhalten neben ihrem persönlichen Charakter eine überindividuelle, landsmannschaftliche Note, die sich in der Sprache oder in regionalspezifischen Denkmustern ausdrückt. Die Schauplätze sind nicht beliebig, sondern haben Einfluss auf die Atmosphäre und den Handlungsverlauf des Romans – das bestätigte einmal Donna Leon in Bezug auf ihre Venedig-Krimis.
Welche Bedeutung hat in dieser Hinsicht die Flensburger Förde, die auch im krimiaffinen deutschen Fernsehen schon mehrfach zu Ehren gekommen ist? Ein Faktor ist die Nähe der dänischen Grenze, die beispielweise Einfluss auf Bewegungsprofile von Tätern haben kann. Im Fall des vorliegenden Kriminalromans von Frank-Peter Hansen spielt das allerdings keine Rolle. Umso wichtiger ist dagegen die Lage der Schauplätze am Wasser, durch die einerseits für schöne (innere oder äußere) Bilder gesorgt ist und die zum anderen das Verhalten der Figuren beeinflusst. So wird angenommen, dass bei schönem Sommerwetter Waldspaziergänger eher selten sind, weil die Leute sich am Strand zum Baden versammeln. Dass es angesichts dieser Sachlage zwischen Flensburg und Glücksburg eine einsame Badestelle geben soll, wo jemand unbekleidet und unbeobachtet ins Wasser gehen kann, mag überraschen, ist aber nicht völlig unrealistisch.
Hansens Kriminalroman spielt zum überwiegenden Teil in Glücksburg und Umgebung, wo es außer der Förde noch andere Gewässer gibt: vor allem den Schlossteich, in dem das bei Touristen beliebte Wasserschloss liegt, und ein kleiner, im Wald verborgener See, der nicht gerade als touristische Attraktion gilt. Dessen Umgebung ist daher als Versteck geeignet und wird von einer der Heldinnen des Romans, der taubstummen Elsa, auch so genutzt. Durch sie kommt die Handlung in Gang, die dem Leser am Anfang, genretypisch und der Spannung zuträglich, einige Rätsel aufgibt. Als Elsa in einem Restaurant an der Förde auftaucht, ist die Idylle eines warmen Frühsommertages jäh gestört. Eine junge Frau namens Lisa, die dort auf ihre Freundin und Geliebte Rosa wartet, wird wegen ihrer Hilfsbereitschaft in eine verhängnisvolle Ereigniskette hineingezogen.
Die etwas später auftauchende Rosa kann von der Kellnerin des Lokals nur erfahren, dass die beiden jungen Frauen, offensichtlich aufgeregt, weggelaufen sind. Seitdem ist Lisa verschwunden, sodass Rosa keinen anderen Rat weiß, als ihren Onkel, den Hauptkommissar Horst Blaschke von der Flensburger Kripo, einzuschalten. Der macht sich nach einigem Zögern – liegt hier überhaupt ein Fall vor? – mit seinem Kollegen Günter Schmuhl und der Kriminalanwärterin Paula Romahn an die Arbeit. Paula hat zwei wichtige Eigenschaften: Sie ist ungewöhnlich schön, und sie hat einen überdurchschnittlich scharfen Verstand, mit dem sie ihre männlichen Kollegen immer wieder verblüfft. Man kann sagen: Sie hat die Fähigkeiten einer klassischen Detektivin, die aus kleinsten Anhaltspunkten richtige Schlüsse zieht.
Bald finden die drei Kriminalisten heraus, dass tatsächlich ein Fall vorliegt: Ein Rentner ist in seiner Villa in Fördenähe, in der er als Witwer allein lebte, auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Ist er aufgrund eines Schwächeanfalls die Treppe hinuntergestürzt, oder hat ihn jemand gestoßen? Gegen die erste Version spricht, dass er bisher nicht durch besondere Gebrechlichkeit aufgefallen ist. Im Garten findet die Polizei Blut, das sie Lisa zuordnen kann. Nach dieser Entdeckung ist auch der eher träge Chef der Flensburger Kriminalpolizei, Doktor Striegel, bereit, die Ermittlungen durch größeren Personaleinsatz zu intensivieren. Striegel ist erfreulicherweise als gemischter Charakter gezeichnet, nicht als Tölpel wie so manche Vorgesetzte in diversen Fernsehkrimis. Einerseits wirkt er begriffsstutzig und bürokratisch im Denken, andererseits kann er empathisch sein und, wenn es darauf ankommt, schnell umschalten, also präzise Anweisungen geben und das Nötige veranlassen.
Hansens Kunst der Figurengestaltung ist bemerkenswert und für Kriminalromane durchaus untypisch. Der Autor ist Philosoph und hat neben zahlreichen Romanen auch viele wissenschaftliche Publikationen, vor allem zum deutschen Idealismus, vorzuweisen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sich auch mit Lessings Dramaturgie beschäftigt hat, in der die Besserung des Menschen durch das Drama als Ziel formuliert ist. Dieses Ziel sei am besten zu erreichen durch die Erregung von Furcht und Mitleid, denn: „Der mitleidige Mensch ist der beste Mensch.“
Um mitleidige Menschen handelt es sich nach Hansens Erzählung beim Personal der Flensburger Kripo. Besonders der Hauptkommissar Blaschke ist mehrfach nicht nur den Tränen nahe, sie laufen ihm sogar zuweilen ungehemmt übers Gesicht, wobei ihn wiederum sein Kollege Schmuhl und die Anwärterin Paula mitleidig beobachten, ihn trösten und in den Arm nehmen. Einmal wird er sogar das „Sensibelchen von der Polizei“ genannt. Bei Paula kommt hinzu, dass sie ein leicht entflammbares Gemüt hat und sich schon beim ersten Zusammentreffen Hals über Kopf in Blaschkes Nichte Rosa verliebt – und auf Gegenliebe stößt. Da Paula verheiratet ist, entsteht bald ein schwer entwirrbares Gefühlsdrama, von dem dann ausführlich erzählt wird.
Diese und eine andere Liebesgeschichte zwischen Elsa und Hartmut, einem jungen Dönerverkäufer in Glücksburg, beschäftigen den Autor so sehr, dass er streckenweise von seiner Hauptgeschichte abdriftet. Soll man ihm das vorwerfen? Der häufige Wechsel der Schauplätze und Figurenperspektiven ist auch ein Mittel, die Spannung zu steigern, die überhaupt im ganzen Roman gut aufrechterhalten wird. Hansen liefert ein Gegenmodell zu jenen Kriminalgenres – häufig sind es Thriller –, in denen Polizisten oder Detektive weder ein Privatleben noch natürliche Bedürfnisse wie Essen und Trinken haben. Bei ihm machen die Ermittler auch einmal eine Pause beim Italiener um die Ecke, um sich zu stärken. Und Horst Blaschke ist Familienvater mit zwei Kindern und einer Ehefrau, die viel Verständnis für sein berufliches Engagement aufbringt und die ihn sogar mit Hölderlin-Zitaten ausstattet: „Ein Rätsel ist Reinentsprungenes“. Weshalb der Autor allerdings Elsa, die bis zum Zeitpunkt der Handlung noch Insassin eines Kinderheims sein soll, mit einer Vorliebe für Thomas Bernhards Roman Alte Meister ausstattet, das bleibt sein Geheimnis.
Sprachlich gibt es manches, was nicht ganz überzeugt. Weshalb werden die jungen Frauen ständig „das junge Ding“ oder das „arme, verängstigte Kind“ genannt? Erstens sind sie zwar noch jung, aber keine Kinder mehr und durchaus klug und selbstbewusst. Zweitens klingen die Bezeichnungen schlicht altväterlich. Gestelzt wirkende Wendungen wie „der Hilfe aufs Äußerste bedürftig“ statt einfach: ‚Sie brauchte dringend Hilfe‘ oder „das in den denkerischen Raum gestellte“ (sic), statt: ‚die von ihm ausgesprochene Überlegung‘ stören den Lesefluss. Andererseits wechseln solch gewählt-gehobene Ausdrücke mit teils angestaubter Umgangssprache, die nicht nötig wäre, auch wenn sie zur erlebten Rede gehört. Das häufig gebrauchte Wort „Fressalien“ hätte problemlos durch ‚Lebensmittel‘ ersetzt werden können. Auch ein Wort wie „Bullerei“ passt allenfalls in die direkte Rede eines Ganoven, muss aber nicht im Erzählertext oder in der erlebten Rede stehen, die ja den Erzähler mit der Gedankenwelt der Figur verbindet. Sagt man heute noch: „Sie schob unglaublichen Kohldampf“? Figurenrede auf Plattdeutsch, wie sie hin und wieder vorkommt, ist dagegen ein probates Mittel im Regionalkrimi. Wenn die Mädchen dann „Deerns“ genannt werden, passt das gleich viel besser als die anderen Bezeichnungen. Im Übrigen setzt der Autor die Gedankenwiedergabe der Figuren, also innere Monologe, durch Kursivschrift vom Haupttext ab, eine etwas ungewöhnliche, aber nicht störende Lesehilfe.
Dieser Krimi ist bereits Blaschkes und Schmuhls fünfter Fall. Wenn das wichtigste Qualitätskriterium eines Kriminalromans darin besteht, bis zur überraschenden Auflösung spannende Unterhaltung zu bieten, dann kann man sagen: Aufgabe erfüllt. Wer nicht an Hardboiled-Thriller mit knallharten, rationalen, zuweilen auch gewalttätigen Ermittlern gewöhnt ist, sondern lieber Kriminalgeschichten mit viel Lokalkolorit liest, in denen auch Gefühle ausgelebt werden, der ist mit Fahrensodde Tod gut bedient.
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